RAM
„Die Unvollkommenheiten sind der Ort, an dem die Seele lebt“

Interview

Fast sieben Jahre sind vergangen, seit RAM mit „The Throne Within“ ihr bislang letztes Studioalbum veröffentlichten – doch am 9. Oktober endet die Wartezeit endlich: Mit „Against“ melden sich die schwedischen Heavy-Metal-Traditionalisten zurück und richten ihren Blick diesmal stärker auf Widerstand, Konformität und die Rolle des Einzelnen. Auch musikalisch setzen RAM auf einen möglichst direkten Ansatz: starke Riffs, eine Band, die gemeinsam in einem Raum spielt und bewusst zugelassene Unvollkommenheiten statt maximaler digitaler Perfektion.

Wir haben mit Sänger Oscar Carlquist über die lange Pause zwischen den Alben gesprochen, den Widerstand gegen musikalische und gesellschaftliche Konformität, die Bedeutung großer Riffs, den Aufnahmeprozess von „Against“ und den bevorstehenden Abschied von Tobias Petterson.

Fast sieben Jahre sind seit „The Throne Within“ vergangen. Warum hat es so lange gedauert, ein weiteres RAM-Album zu veröffentlichen, und wie hat sich die Band in dieser Zeit verändert?

Oscar: Nach „The Throne Within“ waren wir auf Tour, dann machte die Welt dicht und für lange Zeit stand alles still. Als wir wieder angefangen haben zu schreiben, wollten wir nichts überstürzen. Wir hatten eine klare Vorstellung davon, was wir wollten: ein kompakteres und direkteres Album. Und das braucht Zeit, weil man gnadenlos mit seinem eigenen Material umgehen muss.

Wir schreiben viel mehr, als letztendlich auf einer Platte landet, und wir sind alles durchgegangen – Altes wie Neues –, bis nur noch das übrig war, was sich zeitlos angefühlt hat.

Was die Veränderung der Band betrifft, glaube ich, dass wir uns heute sicherer sind, wer wir sind. Wir müssen niemandem mehr etwas beweisen, außer uns selbst. Und das gibt einem eine Art von Freiheit, die man nicht vortäuschen kann.

Während sich „The Throne Within“ stark mit spirituellen und metaphysischen Themen beschäftigt hat, wird „Against“ als wesentlich bodenständiger beschrieben. Warum habt ihr den Fokus auf Widerstand, Druck und die Weigerung, sich anzupassen, verlagert?

Oscar: Ich würde nicht sagen, dass es ein Wechsel ist. Es ist eher dasselbe Feuer, das in eine andere Richtung zeigt. Bei „The Throne Within“ ging es um die Kraft im Inneren des Individuums. Bei „Against“ geht es darum, was passiert, wenn dieses Individuum auf die Welt trifft und die Welt von ihm verlangt, sich zu beugen.

Die Jahre zwischen den Alben haben uns mehr als genug Gründe gegeben, darüber zu schreiben. Ich persönlich befand mich in einer Situation, die die Haltung von RAM – das Individuum gegen das Kollektiv – widerspiegelte. Das in Songs zu kanalisieren, war sehr therapeutisch.

Wenn man von allen Seiten dazu gedrängt wird, gegen die eigenen Überzeugungen zu handeln, ist Heavy Metal für einen da. Das war schon immer so.

Der Titel „Against“ klingt schon für sich nach einer ziemlich eindeutigen Aussage. Wogegen stellen sich RAM im Jahr 2026 – musikalisch, gesellschaftlich oder persönlich?

Oscar: Gegen Konformität in all ihren Formen. Musikalisch stellen wir uns gegen Trends, gegen die endlose Aufspaltung von Metal in Subgenres und gegen Platten, die auf einem Raster von Leuten aufgenommen werden, die Angst vor Unvollkommenheit haben.

Gesellschaftlich stellen wir uns gegen die Herde, gegen das blinde Kollektiv, das aus Angst handelt, nicht dazuzugehören. Denn daraus entsteht der Wahnsinn dieser Welt.

Persönlich ist es dasselbe: die Weigerung, sich zu beugen. Das Kollektiv ist immer ein Kompromiss des Selbst. Wir werden allein geboren und wir sterben allein, und wirkliche Wahrheit kann nur individuell sein. Stärke in der Masse ist eine Lüge – die Macht liegt beim Einzelnen!

Du hast gesagt, dass dich „99 Prozent der Metal-Szene“ überhaupt nicht interessieren und ihr einfach Heavy Metal in seiner reinsten Form spielen wollt. Was stört dich an der heutigen Metal-Szene – und was bedeutet „reiner Heavy Metal“ für RAM heute?

Oscar: Was mich stört, ist, dass ein großer Teil davon die Rebellion verloren hat. Es ist zu einem Lifestyle-Produkt geworden, zu einem Kostüm, zu einem Kästchen, das man bei einer Genrebezeichnung ankreuzt.

Heavy Metal muss die elektrifizierte Rebellion des wahren Geistes sein. Wenn er das nicht ist, dann ist es kein Heavy Metal mehr – egal, wie viele verzerrte Gitarren man darüberlegt.

Reiner Heavy Metal bedeutet für uns das Riff, die Stimme, die Kraft einer Band, die gemeinsam in einem Raum spielt, und eine kompromisslose Haltung hinter all dem. Es geht nicht darum, retro zu sein oder die alten Meister zu kopieren. Es geht darum, denselben Geist am Brennen zu halten, der diese Platten überhaupt erst unsterblich gemacht hat.

Mit „Night Blade“ wolltet ihr bewusst den riffgetriebenen Ansatz des Metal der Siebziger und frühen Achtziger wieder stärker in den Vordergrund rücken. Hat moderner Metal deiner Meinung nach den Fokus auf einprägsame Riffs verloren?

Oscar: Ja, das glaube ich. Das Riff sollte das Rückgrat der meisten Metal-Songs sein. Ein hartes und schweres Riff auf verzerrten Gitarren ist das Fleisch und die Kartoffeln des Heavy Metal, und ein unsterbliches Riff kann größer werden als der Song, zu dem es gehört.

Das Problem ist, dass ein Riff nur so kraftvoll ist, wie es einfach ist. Viele Gitarristen haben aber Angst davor, wie schlechte Musiker auszusehen, und greifen deshalb lieber zu kompliziertem Zeug.

Aber denkt mal darüber nach: Wie cool ist es, das Riff geschrieben zu haben, das irgendein Kind als Erstes spielt, wenn es eine Gitarre in die Hand nimmt? „Smoke On The Water“, „Iron Man“ – das sind die wahren Monumente. „Night Blade“ ist unsere Hommage an diese elementare, körperliche Kraft.

„Ghost Emperor“ beschäftigt sich mit verborgenen Machtstrukturen und Menschen, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Ist der Song als konkreter Kommentar zur heutigen Welt gemeint oder eher als fiktionale und symbolische Idee?

Oscar: Er ist symbolisch, aber Symbole haben nur deshalb Macht, weil sie etwas Reales widerspiegeln. Der Ghost Emperor ist der Herrscher, den man niemals sieht – die Macht, die am besten funktioniert, wenn niemand sie bemerkt.

Und der Punkt ist, dass er nur existiert, weil die Menschen gehorchen. Jeder Thron ruht auf den Schultern derjenigen, die davor knien.

Der Song zeigt also nicht mit dem Finger auf einen bestimmten Bösewicht. Es geht darum, den Mechanismus zu erkennen. Und dieser Mechanismus ist im Laufe der Geschichte immer derselbe: Angst, Konformität und Menschen, die ihren eigenen Willen an jemand anderen abgeben.

An dem Tag, an dem das Individuum aufhört zu knien, wird der Kaiser wieder zum Geist.

Für „Against“ habt ihr erneut mit Johan Reiven zusammengearbeitet und nach dem Verkauf der Black Path Studios außerhalb eures eigenen Studios aufgenommen. Wie hat sich der Verzicht auf einen Teil dieser vertrauten Kontrolle auf den Sound und eure Arbeitsweise ausgewirkt?

Oscar: Es war befreiend. Black Path ist ein deutlich kleineres Studio und das schafft Grenzen. Grenzen können gut sein, aber bei Recordia konnten wir tun, was wir wollten.

Der Aufnahmeraum dort ist riesig, ungefähr 150 Quadratmeter groß und mit einer Deckenhöhe von etwa neun Metern. Dazu gibt es ein großes, kraftvolles API-Pult, großartiges Outboard-Equipment und eine riesige Sammlung alter Mikrofone.

Wir haben alles so aufgebaut, wie eine Band es früher gemacht hätte, und praktisch im Studio gelebt, bis der Großteil des Albums fertig war. Nicht für jedes technische Detail verantwortlich zu sein, bedeutete für mich, dass ich einfach wieder Sänger in einer Band sein konnte. Und das hört man auf der Platte.

Einige der besten Dinge sind spontan entstanden. Zum Beispiel haben wir die Gitarrensoli über separate Wet- und Dry-Amps aufgenommen und Raummikrofone genutzt, um diesen riesigen Raum einzufangen. Wir haben Bier getrunken, Mikrofone aufgestellt, ohne irgendetwas auf Phasenprobleme zu überprüfen, und all diese Unvollkommenheiten haben eine natürliche Modulation erzeugt, die ich liebe.

Ihr habt DIO, MSG und SWEET als Inspirationen für die Produktion genannt und wolltet einen ehrlichen, ungeschliffenen Sound. Wie wichtig sind Unvollkommenheiten für ein gutes Heavy-Metal-Album in einer Zeit, in der sich Aufnahmen nahezu endlos bearbeiten und perfektionieren lassen?

Oscar: Essenziell. Die Unvollkommenheiten sind der Ort, an dem die Seele lebt. Wir haben live aufgenommen und einige Dinge ganz bewusst drin gelassen, um die Band so zu zeigen, wie sie wirklich ist: What you hear is what you get.

Heute spielen alle zu einem Raster und quantisieren anschließend alles auf dieses Raster, bis der Clicktrack praktisch ein Mitglied der Band ist. Ich frage mich, warum Bands den Click nicht gleich hörbar auf dem Album lassen, wenn er schon eine so entscheidende Rolle bei der Aufnahme gespielt hat!

All dem fehlt der Rock ’n’ Roll. Eine Band braucht diese organische Kraft, dieses menschliche Element. Sonst kann man genauso gut die KI alles für einen machen lassen.

Diese alten Platten von DIO, MSG und SWEET atmen. Und genau das wollten wir.

Tobias Petterson verlässt RAM nach 17 Jahren. Die Release-Show in Göteborg wird sein letzter Auftritt sein, bevor Desekrator übernimmt. Wie emotional ist dieser Wechsel für die Band und was erwartet ihr von Desekrator im nächsten Kapitel von RAM?

Oscar: Natürlich ist das emotional. 17 Jahre sind in einer Band ein ganzes Leben. Tobias war Teil so vieler Platten, Tourneen und Nächte auf der Straße, dass man kaum messen kann, was er RAM gegeben hat. Und wir sind ihm für all das dankbar.

Die Release-Show zu seinem Abschied zu machen, fühlte sich richtig an. So beenden wir dieses Kapitel gemeinsam in Göteborg und zusammen mit den Menschen, die uns all diese Jahre begleitet haben.

Desekrator gehört schon lange zu einem Kreis, der der Band sehr nahesteht, und er ist ein eingefleischter RAM-Fan, der uns seit Jahren begleitet. Wir müssen ihm nicht erklären, worum es bei dieser Band geht. Er versteht es bereits vollkommen.

Das ist mehr wert als alles andere, denn eine Band wie RAM kann nur mit Leuten funktionieren, die dasselbe Feuer in sich tragen. Und er bringt dieses Feuer mit, dazu frisches Blut und einen echten Hunger darauf, da rauszugehen.

„Against“ wurde als Bekräftigung der Identität von RAM nach mehr als zwei Jahrzehnten Bandgeschichte beschrieben. Was sollen die Leute nach dem Ende des Albums darüber verstanden haben, wo RAM im Jahr 2026 stehen?

Oscar: Dass wir genau dort stehen, wo wir immer gestanden haben – nur härter und entschlossener denn je.

Wir haben dieses Album für das Vinylformat gemacht: ein 40-minütiger Vorschlaghammer, den man einfach umdreht, wenn er vorbei ist, und direkt noch einmal abspielt.

Ich hoffe, die Leute verstehen, dass RAM sich niemals beugen, niemals Trends folgen und niemals Kompromisse eingehen werden, wenn es darum geht, was Heavy Metal ist.

Wir stellen uns gegen die Welt, ihre lügenden Anführer und blinden Gefolgsleute. Heavy Metal ist unsere Waffe und damit werden wir den Funken der Rebellion in den Auserwählten entzünden.

Um „Defiant“ von unserem Album „Death“ zu zitieren: Wir werden diejenigen wecken, die schlafen, und aus Schafen Wölfe machen.

Ram Against – Cover Artwork

Galerie mit 26 Bildern: RAM - Metal Hammer Paradise 2021
03.10.2026

Heavy Metal Maniac! :)

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