Infestus
Interview mit Andras zu "Ex|Ist"

Interview

Infestus

Nach dem Ausstieg von Sänger Dagon nach dem 2008er-Album „Chroniken des Ablebens“, besteht die deutsche Black-Metal-Band INFESTUS nur noch aus Andras. Das hat aber der Qualität des neuesten Outputs „Ex|Ist“ keinerlei Abbruch getan, vielmehr scheint es, als würde Andras der Schaffensprozess im Alleingang zu noch größeren Taten anspornen. Was sich alles im Hause INFESTUS getan hat und ob es noch mal zu Live-Aktivitäten kommen wird, könnt ihr hier nachlesen.

Grüß dich Andras, lass uns doch direkt einsteigen. INFESTUS begann einst als Trio, nach dem Ausstieg von Harbarth ist jetzt auch Dagon gegangen, und du bist nunmehr allein unterwegs. Da gibt es gleich mehrere Frage zu: Warum verließen die Jungs die Band? Und warum hast du keinen Ersatz gesucht/gefunden?

Der Ausstieg Harbarths hatte seinen Grund in der fehlenden Zeit bzw. Motivation, die sich 2005 bemerkbar machte. Anfang 2006 gingen wir daher getrennte Wege, was aber in keinster Weise zu Problemen führte, da ich kurzerhand die gesamte Instrumentation übernahm. In der Zeit vor Harbarths Ausstieg hat sich die Banddynamik sowieso dahingehend verändert, dass ein immer größerer Anteil der Kompositionen von mir stammte. Anfangs haben Dagon und ich zwar noch nach einem Gitarristen gesucht, um wenigstens proben zu können; diese Bemühungen haben wir jedoch dann bald eingestellt.

Nach der Veröffentlichung von „Chroniken des Ablebens“ widmete ich mich der Erschaffung eines noch intensiveren Albums, indem ich von sehr extremen, persönlichen Erfahrungen zehrte und damit ein Konzept erschuf, das vor verzehrender Dunkelheit nur so strotzt. Beides, die fehlende Möglichkeit zu proben und auch das sehr persönliche Konstrukt von „Ex|Ist“ führten dazu, dass sich Dagon in dem Jahr der Albumentstehung langsam distanzierte. So entschieden wir 2010, dass es besser wäre, wenn ich „es“ alleine zu Ende bringe. Besonders in Hinblick auf das spezielle Konzept gab es für mich nur eine logische Konsequenz. Ich übernahm den Gesang selbst.

Hast du jemals ans Aufgeben gedacht?

Aufgeben? Ich denke, an dieser Stelle sollte ich darlegen, was der eigentliche Grund für mein Schaffen ist. Weder Erfolg oder Geld noch Ruhm oder möglichst viele Fans sind das, was mich antreiben, sondern eine sehr egozentrische Intention, die ihren Ursprung im notwendigen psychischen Ausgleich hat, in diesem Fall durch das Kanalisieren der teilweise sehr unangenehmen Anteile meiner Persönlichkeit bzw. Erinnerung. Dadurch entsteht Musik, die mich im Innersten berührt und die Macht besitzt, mich immer wieder in diese Abgründe zu werfen und meine „Seele“ zu zerreißen. Und das ist, was ich auch von anderer Musik erwarte. Diese Möglichkeit habe ich zum Glück für mich gefunden.

„Ex|Ist“ ist erneut eine richtig starke Platte geworden. Ich habe nicht den Eindruck bekommen, als sei der Ausstieg Dagons wirklich groß ins Gewicht gefallen. Hat es vielleicht sogar seine Vorteile gebracht, das Album alleine zu erschaffen?

Danke. Nun ja, das, was Dagons Ausstieg mit sich brachte, war lediglich die Notwendigkeit, den Gesang selbst zu übernehmen. Für die Komposition und das Einspielen aller Instrumente des letzten, wie auch des jetzigen Albums war/bin ich zuständig. „Lediglich“ ist leicht gesagt. Immerhin habe ich davor noch nie auf diese Art gesungen. Des Weiteren zwang mich mein Konzept, die Stimme möglichst authentisch und in hoher Kohärenz zur Musik zu entwickeln/aufzunehmen, um beide Anteile miteinander optimal verschmelzen zu lassen. Für die Komposition und die Thematik von „Ex|Ist“ ging ich sowieso schon durch die sprichwörtlich persönliche Hölle. Also musste es für den Gesang genauso sein. Die Aufnahmezeit verlegte ich in die späten Nachtstunden, weil es gerade in dieser Zeit am ehesten möglich ist, sich in bestimmte Zustände/Erinnerungen hinein zu versetzen. Am Ende steht hiermit ein Werk, das authentischer, persönlicher bzw. in sich schlüssiger nicht sein kann. Und das ist vielleicht der Vorteil, den diese kontinuierliche „Schrumpfung“ bis hin zur Einsamkeit bzw. „Einmannkeit“ mit sich bringt. 

Bislang habt ihr alles in Eigenenergie aufgenommen, gemischt und gemastert. Hat sich an dieser Vorgehensweise bei „Ex|Ist“ etwas geändert?

Nein. Dieses Mal habe ich es wieder gleich gemacht. Das Mastering für „Ex|Ist“, sowie auch für das Vorgängeralbum, gab ich jedoch in die Hände von Tore/Necromorbus Studio.
Mit dieser Vorgehensweise ist es mir möglich, genau den Sound zu bekommen, den ich mir im Rahmen des Konzeptes vorstelle. Aber das bringt natürlich einiges an Aufwand mit sich. Für das nächste Album werde ich das Mischen vielleicht sogar abgeben. Man muss ja nicht alles alleine machen.

Ich empfinde das Album, wie auch schon den Vorgänger, als sehr intensiv, ja beklemmend und trotzdem weit ab von irgendwelcher Depressive Black Metal-Langweile. Welche Stimmung soll „Ex|Ist“ dem Hörer vermitteln?

Du beschreibst es sehr passend. Die Tatsache, dass dieses Album Resultat von jahrelangem Balancieren an der Grenze zum chronisch manifesten Wahnsinn ist, lässt vielleicht erahnen, wie viel Leid, Aggression und Dunkelheit in diesem musikalischen Mahnmal steckt. Dieses Album ist eine dramaturgische Komposition, auf jedes einzelne Lied sowie auch auf das Album als Ganzes bezogen, welche mit ihren vielfältigen Stimmungswechseln, Tiefen und Höhen, den emotionalen Zustand des vom Wahnsinn zerfressenen Individuums interpretiert, bis hin zur totalen Auslöschung der Persönlichkeit. Es ist ein nackter Kampf ums Überleben des Ichs. Und das Schlachtfeld liegt tief im Inneren der eigenen Existenz, im Geiste selbst. Dieses Album atmet bzw. ist die Atmung dieses Opfers, die je nach Situation an- oder abschwillt.

Du scheinst den Lyrics auch einen gewissen Raum zu gewähren. Da ist die Frage nach einem textlichem Konzept nicht weit. Gibt es ein solches?

Ja. Das Konzept begrenzt sich aber nicht nur auf die Lyrics. Schon beim Beginn der Komposition für „Ex|Ist“ war mir klar, in welche Richtung sich das Thema bewegen sollte. So wurde es möglich, wirklich alles miteinander unzertrennbar zu verzahnen; jeden Riff, jedes Instrument mit der Stimmung und dem Konzept zu einer Einheit zu verschmelzen. Dabei beschreitet „E x | I s t“ den Weg des Wahnsinns und erzählt von der folgenschweren Eskalation einer schizophrenen, identitätsgestörten Psychose und dem hoffnungslosen Kampf gegen sie, welcher folgenschwer zu einer irreversiblen Zerstörung der Persönlichkeit führt und nichts anderes übrig lässt, als eine leere, ausgebrannte, dahinvegetierende Hülle.

Gab es schon auf „Chroniken Des Ablebens“ ein solches Konzept?

Ja, auch bei „Chroniken des Ablebens“ gibt es ein Konzept, das im Allgemeinen ein Streben nach dem Tod darstellt und den Akt des Sterbens mit seinen emotionalen Facetten auf die Länge einer CD ausweitet, was dem Grundthema von „Ex|Ist“, diesem existentiellen Überlebenskampf, wiederum diametral gegenübersteht, im Endresultat jedoch ein ähnliches Finale aufzeigt: Auf Seiten der Chroniken der physische Tod, der Tod des Körpers und der Tod des Geistes; auf Seiten von „Ex|Ist“ der Tod der Persönlichkeit im lebendigen Leib.

 

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Mit Debemur Morti hast du ein Label, das für qualitativ hochwertigen Black Metal steht. Wie kam es seinerzeit zu der Zusammenarbeit bzw. wie ist Debemur Morti auf INFESTUS aufmerksam geworden?

Ich habe 2007 Kontakt mit Void von DMP aufgenommen. Dagon und ich suchten für die Veröffentlichung von „Chroniken des Ablebens“ das passende Label mit der Voraussetzung, dass es in seinen Idealen den Unsrigen entsprach. Nach mehrmaligem Hin- und Herschreiben mit Void war mir klar, dass es genau dieses Label sein musste. So wurden dann die Chroniken veröffentlicht und jetzt auch das neue Album.
Die Zusammenarbeit mit Void ist einmalig. Er lässt einem alle Freiräume, es gibt keinen Zwang, keinen Druck, kein gar nichts. Er führt dieses Label aus reiner Überzeugung und Hingabe für diese Musik und tut dementsprechend auch all das, was in seiner Macht steht. Er ist ein wahrer Idealist. Und das schätze ich sehr an ihm.

Es gab ja mal die Split mit LOST LIFE, hältst du dir für INFESTUS ähnliche Kooperationen offen oder war das eine einmalige Sache?

Mit dieser Split-Veröffentlichung verbinde ich sehr zwiespältige Eindrücke, im wahrsten Sinne des Wortes. Lost Life hat sich damals unter Wert verkauft. Es gab einmal ein Angebot von DMP, einen Split mit Lorn und ich glaube Blut aus Nord zu machen. Ich hatte damals jedoch einfach kein Material parat. Grundsätzlich schließe ich diese Option also nicht aus.

Bislang hast du mit INFESTUS lediglich ein paar wenige Auftritte bestritten. Da du jetzt allein unterwegs bist, wird INFESTUS noch mal auf die Bühne zurückkehren oder lediglich als Studioband Bestand haben? Zumal du eh nicht wie ein großer Fan von Live-Auftritten wirkst.

So ist es. Ich denke jedoch hin und wieder darüber nach, Session Musiker zu rekrutieren, um ein paar wenige, ausgesuchte Auftritte zum Besten zu geben. Vielleicht wird das noch geschehen, wenn ich mal wieder etwas Zeit habe. Grundsätzlich bn ich aber der Meinung, dass diese Musik in Abgeschiedenheit und mit voller Aufmerksamkeit konsumiert werden sollte. Denn nur dann ist es möglich, sie in all ihren emotionalen Facetten zu begreifen, sich wahrhaftig in die Untiefen dieses Albums bzw. seiner eigenen Existenz stoßen zu lassen.

Das war es erst einmal. Ich danke dir an dieser Stelle vielmals für die Gelegenheit eines Interviews. Die letzten Worte gehören natürlich dir!

Danke auch an dich.

Life transmuted into shallow non-existence
E x | I s t … desist

08.06.2011

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