Vyre
Invertierte Sonne und das Imperium der Bärtierchen

Interview

Band Foto Vyre 2018

Entdeckten nach „The Initial Frontier“ ihre neue künstlerische Freiheit: VYRE anno 2018.

Während „Tardigrade Empire“ ja noch ganz witzig klingt, geht es im Rest des Albums (zumindest scheinbar) etwas düsterer zu – zum Beispiel heißt da der Quasi-Opener „Shadow Biosphere“, darüber hinaus gibt es noch „We Are The Endless Black“ und „Away Team Alpha“ (das ich als „Star Trek“-Verneigung verstehe?). Erläutere doch bitte, worum es in den einzelnen Songs geht, und inwiefern ihr Musik und Inhalte verknüpft habt.

„Shadow Biosphere“ behandelt grob gesagt die Möglichkeit, dass es fernab dessen, was der Mensch unter „Leben“ versteht, noch etwas anderes gibt, das mit Flora und Fauna, so wie wir sie kennen und zu verstehen meinen, keinerlei grundlegende Berührungspunkte hat – so ist es ja durchaus vorstellbar, dass sich „Leben“ (was immer der Begriff wirklich bedeuten mag) auf Basis einer komplett anders strukturierten DNA entwickelt. Dabei kann der Titel „Shadow Biosphere“ in zwei Richtungen interpretiert werden – zum einen in Richtung einer Biosphäre, die wirklich im „Schatten“ des etablierten „Leben“s existiert, einen kleineren Lebensraum bevölkert, unentdeckt im Dunkeln liegt; andererseits kann der Titel aber auch darauf hindeuten, dass es möglicherweise eine Biosphäre gibt, die sich von Licht unabhängig entwickelt hat – also ohne Photosynthese, die ja erst den Übergang zu einer sauerstoffreichen Atmosphäre ermöglicht hat (was wiederum aber auch bedeuten könnte, dass diese hypothetische Biosphäre der toxisch wirkenden Sauerstoff-Atmosphäre zum Opfer gefallen ist). Wie auch immer man den Titel interpretieren mag – im Zentrum steht die Evolution …

… womit wir auch gleich bei „Life Decoded“ wären: Dieser Song beschäftigt sich mit den Grundbausteinen des (bekannten) Lebens – also mit den Nukleotiden, die in Form der DNA die Sequenz der Aminosäuren für die Proteine kodieren. Der Song geht aber einen Schritt weiter und stellt die Frage, wie aus diesen einfachen Buchstaben (wenn man mal in der biochemischen Darstellungsweise bleibt) so etwas wie Bewusstsein entsteht.

„The Hitch (We Are Not Small)“ ist wie schon „For Carl“ ein Instrumental, das einem weiteren brillanten (aber viel zu früh verstorbenen) Kopf gewidmet ist, nämlich Christopher Hitchens. Beiden gemeinsam ist, dass sie sich für die Naturwissenschaft stark gemacht und jegliche „Transzendenz“, wie sie (nicht nur) von den Religionen „gelehrt“ wird, strikt abgelehnt haben. Wir hoffen sehr, dass wir nicht so bald Songs wie „What’s up, Dawk?“ oder „Neil Before Us!“ schreiben müssen …

Der Untertitel in Klammern greift jedoch noch einmal thematisch etwas die ersten drei Songs auf – die Aussage „We Are Not Small“ thematisiert einerseits das anthropische Prinzip, andererseits beruht sie auf dem Gedanken, dass sich intelligentes Leben möglicherweise nur in der Größenordnung entwickeln kann, in der wir uns befinden: Alles, was deutlich kleiner ist, gibt nicht die Kapazitäten für neuronale Netzwerke her – alles, was deutlich größer ist, wäre zu langsam, um Intelligenz hervorzubringen.

„We Are The Endless Black“ beschäftigt sich mit dem Aufbruch ins Weltall, das nun einmal in erster Linie aus endloser Schwärze besteht. Der Song stellt die Frage, wie sich diese endlose Schwärze auf uns Menschen auswirken könnte – und inwieweit diese Schwärze den Menschen während der Reise durch das Weltall assimilieren würde; wann der Mensch subjektiv die Aussage „We Are The Endless Black“ tätigen würde. Auch hier möchte ich Cixin Liu empfehlen, der in seiner Trilogie „Remembrance Of Earth Past“ (bestehend aus „The Three Body Problem“, „The Dark Forest“ und „Death’s End“) unter anderem auch dieses Thema aufgreift.

„Away Team Alpha“ knüpft in gewisser Weise an „We Are The Endless Black“ an – nämlich dort, wo die Pioniere aus diesem Song einen Planeten finden, der scheinbar als Refugium der menschlichen Rasse geeignet ist. Scheinbar – denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein extraterrestrischer Planet exakt dieselben Bedingungen bieten wird, die wir von der Erde kennen. Ohne ein gewisses Maß an „terraforming“ wird es nicht möglich sein, andere Planeten zu besiedeln – und hier liegt die Gefahr für jegliche „Away Teams Alpha“! In gewisser Weise ist der Titel natürlich eine „Star Trek“-Referenz, auch wenn es hier um die eben angesprochenen Pioniere geht, die extraterrestrische Welten zur Besiedlung erschließen sollen …

Der Titel besitzt aber noch eine andere Konnotation – das erste T-Shirt, das es von VYRE (zu „The Initial Frontier“-Zeiten) gab, trug nämlich genau diesen Schriftzug, ohne dass es auch nur den Hauch einer Ahnung gab, dass wir irgendwann einen Song dazu schreiben würden. Der Schluss-Song von „Weltformel“ schließt so in gewisser Weise einen Kreis – und wir werden diese Referenz auch demnächst aufgreifen; Näheres wird es zu gegebener Zeit über unsere Facebook-Seite geben …

Cover Artwork Vyre Weltformel Album 2018

Invertierte Sonne und physikalische Formeln: das Cover-Artwork von „Weltformel“.

Im Gegenzug zu den beiden Artworks von „The Initial Frontier“ wirkt das von „Weltformel“ etwas zurückgezogener und lässt weniger an Science Fiction denken. Das steht sicherlich in Verbindung mit der thematischen Ausrichtung der Alben. Erkläre doch trotzdem einmal, was ihr in dem „Weltformel“-Cover seht und was die Geschichte dahinter ist.

Auch diese Veränderung ist ein Resultat der künstlerischen „Freiheit“, die wir nach der „The Initial Frontier“-Duologie zu erkunden begannen. Die Cover-Artworks der ersten beiden Alben (Hicham Haddaji / Strychneen Studio) waren – wenngleich wir bis heute höchst zufrieden damit sind! – sehr stark in die Nische Black Metal / Science Fiction gepresst; mit „Weltformel“ wollten wir auch diesen Rahmen aufbrechen und haben uns daher für einen einfacheren Ansatz entschieden, der durch seine „Zurückgezogenheit“ (wie du sie nennst) sehr viel Offenheit mitbringt; dem Hörer weniger „vorgibt“ – oder wärst du bei dem Cover (wenn du die Band und die Vorgänger-Alben nicht kennen würdest) mit einer präzisen Erwartungshaltung an das Album gegangen?

Wir haben uns recht schnell für das (invertierte) Bild der Sonne entschieden, weil diese in gewisser Art und Weise das verbindende Element der einzelnen Songs ist. Über die auf dem Cover abgebildeten Formeln haben wir etwas länger diskutiert – die eine Fraktion hat sich daran gestoßen, die vermeintlich ausgelutschte Relativitätstheorie (E = mc2) in den Mittelpunkt zu stellen, und wollte lieber einen Schritt weiter gehen und String-Theorie, M-Theorie oder vergleichbare Theorien und Formeln dazu aufnehmen; die andere Fraktion (die sich letztlich durchgesetzt hat) sah in der Formel allerdings (zu Recht) eine zentrale Errungenschaft der naturwissenschaftlichen Forschung und mehr noch einen Symbolgehalt, der mit vermeintlich komplizierteren und weniger geläufigen Formeln nicht erreicht werden konnte.

Mittlerweile sind VYRE ja, wenn alle dabei sind und die Metal Archives nicht lügen, ganze neun Bandmitglieder. Wie kam es dazu? Und ist es nicht wahnsinnig komplex, so viele Leute unter einen Hut zu bekommen, zum Beispiel, wenn es um Terminabsprachen für Proben, Live-Auftritte oder Studioaufnahmen geht?

Diese Informationen stimmen so leider nicht mehr zu hundert Prozent. Durch den Umzug unseres Geigers und die starke berufliche Auslastung von Nostarion (Cello) sind wir derzeit „nur“ zu siebt – und treten auch in dieser Formation auf, soweit es möglich ist. Denn du hast natürlich Recht: Es ist zeitweise extrem schwierig, alle Bandmitglieder unter einen Hut zu bekommen – das betrifft sowohl die Proben als auch die Live-Auftritte. Da wir die Aufnahmen komplett in Eigenregie durchgeführt und lediglich Mix und Mastering in die fähigen Hände von Jörg Uken (Soundlodge) gegeben haben, konnten wir hier die Arbeiten maximal flexibel gestalten – so konnte ich zum Beispiel meine Synthesizer-Spuren komplett am heimischen Rechner aufnehmen und musste diese „nur“ in geeigneter Form zum Mix und Mastering zur Verfügung stellen.

Was Proben und Auftritte angeht, ist die tatsächliche Organisation immer eine Frage der anstehenden Aktivitäten – so lange keine Auftritte anstehen, kommen wir äußerst selten vollständig zu Proben zusammen (tatsächlich haben die letzten Proben in vollständiger Besetzung kurz vor dem Release-Konzert in Bielefeld Anfang Mai stattgefunden). Wir haben allerdings das große Glück, dass wir sieben sehr fähige Musiker an Bord haben, bei denen der Fokus nur sehr wenig bis gar nicht auf den individuellen Beiträgen liegt – wir können uns daher bei den Proben wirklich ganz auf unsere Geschlossenheit als Band konzentrieren.

Last but not least:
Kannst ihr schon was darüber sagen, wie es mit VYRE weitergeht? Wie sieht die nähere, und wie (möglicherweise) die fernere Zukunft aus?

Momentan konzentrieren wir uns auf anstehende Konzerte, insbesondere auf die Live-Umsetzung der „Weltformel“-Songs. Da (Stand jetzt) das nächste Konzert aber erst im Oktober ansteht, passiert wie eben angedeutet aktuell nicht besonders viel. Dazu kommt, dass das Jahr 2018 für vier VYRE-Mitglieder durch (kommenden oder bereits geborenen) Nachwuchs geprägt ist bzw. sein wird – da setzen wir selbstverständlich andere Prioritäten, weshalb wir bei zwei Konzerten in der jüngeren Vergangenheit (unter anderem eben auch auf dem CULTHE FEST, wo wir uns gesehen hatten) schon auf die Dienste von Mätty (LOST WORLD ORDER) als Aushilfs-Gitarristen zurückgegriffen haben. (Ein herzliches Dankeschön noch einmal an dieser Stelle!) Wie sich die Situation für den Rest des Jahres gestaltet, wird sich noch zeigen müssen – wir sind aber vorbereitet und werden unserem Publikum das Bestmögliche bieten.

Es gibt tatsächlich auch einige neue Ideen für die Live-Zukunft VYREs, die wir momentan intensiv diskutieren – es ist aber noch zu früh, hier ins Detail zu gehen. Man darf gespannt sein!

Das war es soweit von mir – vielen Dank für das Interview und eure Zeit! Die berüchtigten letzten Worte gehören natürlich dir!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! Hört euch „Weltformel“ bei Bandcamp oder Youtube an – mehr als einmal, wenn möglich! Es wird sich lohnen … Cheers und: „Be the future!“

Galerie mit 6 Bildern: Vyre - Culthe Fest 2018 - Münster

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14.07.2018

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