Carcass - Symphonies Of Sickness

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

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„Symphonies Of Sickness“ von CARCASS ist, anders als Freundinnen und Freunde tatsächlicher Musik annehmen mögen, kein plumper und zielloser akustischer Ausbruch der Gewalt. Denn bekannterweise ist eine der Untiefen beim Zerstückeltwerden, dass der Genuss nicht unwesentlich davon abhängt, mit welchem Körperteil begonnen wird. Kommen zuerst Kopf, Hals, Brust dran, dann geht einem der Rest notgedrungen auch metaphorisch am Arsch vorbei. CARCASS ist das bewusst, sie gehen das Ganze reflektierter, kundenorientierter an: „Symphonies Of Sickness“ zersäbelt die vorgebildete Zielgruppe weder planlos noch komplett.

Das Zweitwerk von 1989 stärkt sogar die lebenswichtigen Organe Nacken und Reptiliengehirn und entfernt nur das Hinderliche wie Anstand, Moral, Empathie, kurz: die Auswüchse eines eventuellen Hangs zum Altruismus. Die Platte ist damit eine Großtat der subtilen Verrohung. Die Fesseln zivilisatorischer Prägung werden meisterhaft zersägt, was an dieser Stelle angemessen gewürdigt werden soll.

CARCASS gelingt ein Meisterwerk der subtilen Verrohung

Was macht die zweite Kreatur von CARCASS zu einer solchen Entfesselungskünstlerin? Die Briten, also „Sänger“ und Bassist Jeff Walker, Gitarrist Bill Steer (of NAPALM-DEATH-Fame) sowie Schlagzeuger Ken Owen, brechen die noch vergleichsweise kompakten Grind-Geschosse des Debüts „Reek Of Putrefaction“ auf und strecken die ohnedies eitrige Essenz mit aufregend gesundheitsgefährdendem Death Metal. Die Stücke werden länger, CARCASS meißeln sich an zentralen Stellen mitreißend langsam ihren Weg frei und erstmals hält der Groove formvollendet Einzug. Hinzu kommen immer wieder liebevoll abseitige Melodien, die sich neben den Riffs und bestimmten Lyrik-Fragmenten als nicht unwichtige Streben im Geländer der Treppe zur geistigen Versehrtheit erweisen. Das Bild hemdsärmeliger MORBID ANGEL der Leichenhalle resp. Wursttheke ist nicht ganz abwegig. Oder pragmatischerer PESTILENCE der Pathologie. Brüder im Geiste sind des Weiteren natürlich AUTOPSY und REPULSION.

„Symphonies Of Sickness“ sind eine wimmelnde, widerliche Masse infizierter Bösartigkeit

Der Highligts gibt es auf der Platte viele. Der Opener „Reek Of Putrefaction“ deutet ein Gruselintro kurz an, bevor Walker zu einem Midtempo-Riff unvermittelt drübergurgelt und so die Stimmung rigoros erdet. Alles packt sofort, da der Bass für einen entsprechenden Groove sorgt. So verliert man den halt auch nicht, während der Highspeed-Ausbruch später doch noch kommt und die Leadgitarre immer wieder aufheult oder sich gar zur Melodie aufschwingt. Und danach?

„Exhume To Consume“ gibt nicht nur per Titel eine direkte Handlungsanweisung, sondern zusammen mit „Ruptured In Purulence“ und „Swarming Vulgar Mass Of Infected Virulency“ auch die Richtung zur Hitparade vor. „Excoriating Abdominal Emanation“ präsentiert nach knapp zwei Minuten im Schlamassel eine besonders einprägsame Variante des CARCASS-Signature-Riffs und „Crepitating Bowel Erosion“ baut zum Abschluss einen Spannungsbogen, der zu einem euphorischen Missgeschick zwischen Dünn- und Dickdarm geradezu aufruft.

Stichwort „Crepitating“-Irgendwas: Lyrisch bewegt sich die Band auf „Symphonies Of Sickness“ durchgehend in der Fachliteratur von Medizin bzw. Pathologie. Anders als der „Vomited Anal Tract“ oder der „Genital Grinder“ des Debüts umweht die Poesie hier also durchaus ein Hauch des Intellektuellen. Ein sehr stechender Hauch, passend zum musikalischen Hauen und Stechen.

Die Mischung aus Grindcore und Death Metal ist immer noch erbarmungslos

Das Folgewerk „Necroticism – Descanting The Insalubrious“ wird vielerorts als noch schlagkräftiger eingeschätzt. Die ältere Schwester wird aber nicht dadurch ungefährlicher, dass sie weitere verhaltensauffällige Gesellschaft bekommt. Diesseits von Volksmusik oder Bestial War Black Metal mit eingesprungener Antikosmik ist die von CARCASS mit auf den Weg gebrachte Melange aus Grindcore und Death Metal immer noch eine verdammt erbarmungslose Angelegenheit.

Daher gilt heute wie 1989: Wird „Symphonies of Sickness“ gewissenhaft, also täglich, ohrenbetäubend und mit dem Herzen beim Werkzeugkoffer konsumiert, dann wirkt sie zuverlässig im eingangs skizzierten Sinne – und bringt das Beste im Hörer und der Hörerin zum Vorschein. Und damit mittelbar eben auch in anderen.

P.S.: Das vermeintlich entschärfte zweite Artwork ziert diese Rezension. Es geschieht nicht aus Rücksichtnahme auf Zartbesaitete. Der Verfasser hat nur keinen blassen Schimmer, was hier dargestellt ist. Verdammte Axt. Die weißgraue Undeutlichkeit beunruhigt ihn daher mehr als die originale Körperteil-Collage, die so ähnlich schon vom Debüt bekannt ist.

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18.02.2026

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