Confessor - Condemned

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

In den guten alten Zeiten, als Earache Records ihrem Namen noch alle Ehre machten und vielen jungen Death- und Grind-Bands eine Plattform boten (jetzt mal ungeachtet dessen, was hinter den Kulissen abging), hatten sie um Anfang der Neunziger herum eine Band aus North Carolina unter Vertrag genommen, die nicht ganz in das damals typische Raster des britischen Kultlabels gepasst hat. Sie würde nicht mal in das heutige Raster hineinpassen, in dem sich das Label damit zufrieden gibt, mittelmäßigen Retro-Rock zu veröffentlichen. Bei dieser Band handelt es sich um CONFESSOR, eine Truppe, die aufgrund ihres eher gemächlichen Tempos nahe am Doom, aufgrund ihrer komplexen, rhythmischen Strukturen aber auch genauso nah am Prog gebaut ist.

Das etwas andere Pferd im damaligen Kult-Stall von Earache: CONFESSOR

Die Band ist offiziell bis heute aktiv, obwohl sie einen sehr unbeständigen Veröffentlichungsrhythmus an den Tag legt und gerade mal zwei Full-Length-Alben, dafür umso mehr EPs vorzuweisen hat. CONFESSOR hatten sich bisweilen Mitte der Neunziger aufgelöst, kehrten danach aber nach der Jahrtausendwende wieder zurück und legten 2004 ihr Comeback-Album „Unraveled“ vor. Doch vor alledem setzten die Herren aus North Carolina ein bedeutendes Ausrufezeichen in Form ihres Debütalbums „Condemned“. Nachdem sich die Band 1986 formiert hatte, musste das Besetzungskarussell erst einmal ein bisschen rotieren, bis mit Schlagzeuger Steve Shelton 1987 der Schlüsselcharakter verpflichtet werden konnte, der dem eigenartigen Sound der Band durch sein technisches Schlagzeugspiel letzten Endes das nötige Etwas verleihen sollte.

Bis zum Release des Debüts konnte die Band mit einigen Demotapes und Samplern auf sich aufmerksam machen, bevor sie diesen Deal mit Earache ergatterte. Unter deren Fittichen veröffentlichten sie schließlich ihr Full-Length-Debüt „Condemned“, das irgendwie heute noch seinesgleichen sucht. Man kann, wenn man sich vom progressiven Standpunkt aus an die Platte herannähert, Parallelen zu frühen FATES WARNING erkennen, als da wäre der Gesang von Scott Jeffreys, der in einer ähnlich hohen Stimmlage agiert wie John Arch, aber Doom-typisch deutlich mehr Verzweiflung und Agonie ausdrückt – dazu gleich mehr. Ebenfalls parallel läuft die verschachtelte, sich ständig wandelnde und windende Rhythmik, die einen auf den ersten Hör schon mal desorientieren kann.

Verwinkelte Songs und jede Menge Grooves – „Condemned“ vereint Tech mit Doom

Wo der Vergleich zu scheitern beginnt ist jedoch eben darin, dass CONFESSOR im Kern definitiv mehr eine Doom-Band sind. Die Stimmung ist eine ganz andere, sehr düster und verzweifelt. Die technische, rhythmische Natur des Sounds hilft sehr dabei, eine organische Kälte zu erzeugen. Dazu wirkt das Songwriting wie erwähnt sehr desorientierend. Es ergibt sich praktisch kein linearer Song, der ohne Umwege in die Gehörgänge krabbeln würde. Dennoch bleibt „Condemned“ hinreichend zugänglich dank seiner ziemlich dicken Grooves, ist also nicht auf unnahbare, abstrakte Weise desorientierend. Diese Grooves helfen auch, den Songs einen gewissen Zwang zu verleihen, sodass sie nicht wie bestellt und nicht abgeholt in der Luft hängen bleiben.

„Condemned“ ist also beileibe kein Frickel-Album, sodass Uneingeweihte, die einen Selbstbefriedigungsreigen der Saitenfraktion befürchten, durchatmen können. Die Riffs der Saitenfraktion Shoaf/Colon sind meist sehr heavy gespielt und pumpen, was das Zeug hält, um die Songs voranzutreiben. Teilweise kommen dabei sogar richtig markige Grooves heraus wie in „Prepare Yourself“, das bisweilen zur wenn auch kraft des Tempos eher gemächlichen Nackengymnastik auffordert. Um das Geschehen aufzulockern, werden aufjaulende Licks und Soli an den passenden Stellen eingestreut, schön zum Beispiel im Rausschmeißer „Suffer“ zu beobachten. Dieses abwechslungsreiche Dickicht aus Riffs und Grooves übt so eine gewaltige Faszination aus, dass man sich da jedes mal aufs Neue drin verlieren kann.

Doch leider konnten CONFESSOR ihren damaligen Aufwind nicht nutzen

Und dann ist da die Stimme von Scott Jeffreys, dessen hoher Gesang nicht wie der erwähnte Arch von melodischer Natur ist. Stattdessen versucht er eher, gequält, geradezu verzweifelt gegen die meist in den tieferen Tonregionen beheimateten Riffs an zu schreien, so als würden die Riffs ihn erdrücken. Man addiere dazu die klangliche Kälte sowie das labyrinthartige Songwriting und hat ein Album, das fast etwas Klaustrophobisches an sich hat. Dabei erreicht die Intensität bei „Uncontrolled“ ihren Höhepunkt, in dem Jeffreys förmlich ins hysterische Kreischen verfällt, unterstützt von Gangshouts, die sich gut in den Sound einfügen. Der Song ist auch ein Beispiel dafür, wie die Band die Härteschraube durch geschickte Tempo- und Rhythmusvariationen anziehen kann.

„Condemned“ konnte dafür, dass es auf den ersten Hör ein derart undurchdringlicher Klumpen ist, ganz schön Staub aufwirbeln. Das Album bescherte CONFESSOR ein erstaunlich breites Publikum im Underground und die Band konnte eine erfolgreiche Tour durch Europa in Form der Gods Of Grind Tour zusammen mit CARCASS, CATHEDRAL und ENTOMBED verbuchen. Die Zeichen standen also auf Sturm. Doch dann dämpften unglückliche Umstände, die sich aufsummierten, den Werdegang der Band. Es kam zu Komplikationen mit dem Label, aufgrund derer es im Bandgefüge rumorte – allmählich brach das Lineup auseinander. Schließlich löste sich die Band 1994 auf.

Anmerkung zum Youtube-Embed: Ja, das hier ist eine andere Version von „Prepare Yourself“ als die, die auf „Condemned“ zu hören ist. Die „Condemned“-Version ist Youtube-seitig in Deutschland leider nicht verfügbar, die hiesige Version stammt von der Compilation „Uncontrolled“, in der sämtliche Songs aus den Demo-Tagen der Band zusammengefasst sind. Entsprechend ist hier eine frühere Version des Songs zu hören, die tatsächlich etwas länger als der Album-Track ist. Hinzugekommen sind ein paar ruhigere Passagen, die den Sound der Band zugänglicher machen, ihm irgendwie aber auch wieder das Beklemmende daran nehmen. Der Klang ist auch etwas rauer und fülliger (was am Remaster liegen kann) und nicht so kalt wie die Album-Version.

Ursprünglich fand man 2002 übrigens zunächst zusammen, nachdem Gitarrist Ivan Colon im gleichen Jahr verstorben ist. Die Band spielte eine Show zu seinen Ehren und um die Familie und Hinterbliebenen Colons unterstützen zu können. Doch über dieses Ereignis hinaus wurde die Band weitergeführt, was zum weiter oben erwähnten, zweiten Full-Length-Album „Unraveled“ geführt hat, das die Band über Season Of Mist veröffentlichte.  Zwischenzeitlich – Stand: Mitte letzten Jahres, um genau zu sein – scheint die Band wieder aktiv an neuem Material gearbeitet zu haben. Ein neues CONFESSOR-Album? Wäre ja wieder mal Zeit, ne? Allerdings hat es seit dem letzten Update im Juni keine neuen Infos gegeben. Ob da noch was kommt?

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17.02.2021

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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2 Kommentare zu Confessor - Condemned

  1. blackthrash sagt:

    damals wars nicht so meine mucke, muss aber alleine wegen vielen erinnerungen, gleich mal drei extra punkte abwerfen.
    hach….“gods of grind“, das waren noch zeiten

    9/10
  2. Schraluk sagt:

    Auch mir fällt bei Confessor zuallererst ‚God Of Grind‘ und die dazugehörige Tour ein. Confessor, Entombed (als sie noch richtig geil waren), Cathedral und Carcass (als sie noch richtig geil waren). Unvergessen. Dank dieser ‚Erinnerungsrubrik‘ packte ich die Scheiben mal wieder auf den Teller. Und? Fast noch besser als früher.

    8/10