
Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.



„Supershitty To The Max“ der HELLACOPTERS ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits befreit das Debüt der Schweden dein vom Alltag marginalisiertes Adrenalin per Donnerschlag und weckt dein wildes Herz. Alle wichtigen Körperteile huldigen notgedrungen und mit vollem Einsatz den Göttern Rock und Roll. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Andererseits musst du damit klarkommen, wie rabiat dir die Platte deine Unzulänglichkeiten vor Augen führt: Deine Kippen haben Filter, es gibt wiederholt Wachphasen vor 15 Uhr und nicht in jedem Traum spielt Lemmy die Hauptrolle. An deine letzte Rasur (an welcher Stelle auch immer) kannst du dich zu allem Überfluss auch noch erinnern. Und dir schwant, dass nicht jede Flüssigkeit, mit der deine Kutte so in Berührung kommt, aus einer Destille oder einem Körper stammt. Mit anderen Worten: Die HELLACOPTERS sind angetreten, um dir seriös in den Arsch zu treten.
„These are other kids. This is just an accident—just a couple of wild punks out raising hell.“
Hierzu verlässt Nicke Andersson ENTOMBED und wechselt vom Schlagzeug an die Gitarre und das Mikro. Und vom Metal endgültig zum Rock. Einer Form des Rock, die es 1996 nicht (mehr) gibt: Provozierend direkte Riffs, übersteuerter „Gesang“, ungezügelte Soli, Blinker meist links gesetzt, jedes Feedback bleibt drin. Im Proberaum hängen MC5 und die STOOGES, MOTÖRHEAD und die NEW BOMB TURKS imaginär rum und als Poster an der Wand. Wenn es einen Proberaum gibt.
„Supershitty To The Max“, in 26 Stunden aufgenommen, ist der Klang gewordene Mittelfinger – in Richtung Second Takes, nicht auf Zehn spielen und Langeweile. Zusammen mit den ehemaligen ENTOMBED-Roadies Dregen (Gitarre) und Robert Eriksson (Drums) sowie seinem Jugendfreund Kenny Hakansson (Bass) trifft der neu erschaffene Nicke HELLACOPTER damit einen Nerv und hängt seine ehemalige Band umgehend ab.
„Ugh!“ und „Yeah“!
Nach einem Zitat aus „Texas Chainsaw Massacre 2“ feuert „(Gotta Get Some Action) Now!“ mit seinem sprechenden (eher: schreienden) Titel zum Kickstart gleich aus allen Rohren. In gut drei Minuten wird der räudige Ton gesetzt: Ein straightes, dreckiges Grundriff jagt sich mit einem Schwarm tollwütiger Soli gegenseitig Richtung Ziellinie und reißt damit alle mit, während du dazu formvollendet angepöbelt wirst.
„24h Hell“ beginnt mit der klassischen Kilmister-Basslinie und buchstabiert dann in 90 Sekunden MOTÖRHEAD als Hardcore-Punk aus. Nicht in Schönschrift. „Fire Fire Fire“ folgt als unheiliger Zwilling. Und spätestens ab „Born Broke“ fällt die überdurchschnittlich hohe „Ugh“-Dichte positiv auf, ergänzt durch ein von Distortion veredeltes Rudel an „Yeeaahh“s. Hier passt jedes Detail – wie beim Hit „Bore Me“ inklusive Piano von Boba Fett, der auch an anderer Stelle hintergründig zum Zuge kommt. Geschmachssicherheit wird auf der Vinyl-Version zudem durch „It’s Too Late“ der NEW YORK DOLLS bewiesen.
„Hell’s exactly what they raised!“
„TAB“ nimmt in der Mitte der Platte zwar das Tempo raus, steht zu MONSTER MAGNET aber in etwa so wie Doppelkorn zur Sportzigarette. Und so geht es dann immer weiter, bis nach gut 40 Minuten, da kein Stein mehr auf dem anderen, feststeht: Der Rock ’n‘ Roll ist gerettet! Schlusswort der Platte: „Hell’s exactly what they raised!“
In etwa zeitgleich zu den HELLACOPTERS und „Supershitty To The Max“ tragen weitere Bands aus Skandinavien zum Erfolg der Mission bei. Prominent sind die BACKYARD BABIES aus Schweden, ebenfalls mit Dregen an der Gitarre, die in ihrem Sound MC5 durch MÖTLEY CRÜE ersetzen. Aus Norwegen sind am einflussreichsten GLUECIFER sowie TURBONEGRO. Erstere gehen reduzierter vor, Letztere entwickeln sich zur formvollendeten Zitatmaschine des Genres. Die Wirkung ist jeweils im positiven Sinne verheerend.
Die HELLACOPTERS retten dich und den Rock
Die HELLACOPTERS selbst nehmen in den folgenden Jahren immer stärker KISS bzw. generell Hard Rock ins Visier, werden sauberer, das Songwriting-Genie ihres Chefs offenbart sich immer mehr Begeisterten.
Nach zwischenzeitlicher Pause ist die Band seit einigen Jahren wieder aktiv, zum Glück. Egal aus welcher Phase du dich bei den Herren bedienst, ihre Musik rettet deine Prinzipien zuverlässig und ganz im McGree’schen Sinne. Denn wie die RAMONES den Musiklehrer der entsprechenden High School am Ende zum Bekenntnis bringen „I regret that I have only one life to give for rock and roll!“, so bringen dich die HELLACOPTERS am Ende dazu, den Arsch hochzukriegen. Und den Mofa-Auspuff aufzubohren. Die Ohropax zu entsorgen. Den AC/DC-Flipper aus der Eckkneipe „auszuleihen“. Das NEW-BOMB-TURKS-Tattoo mit dem Kuli zu erweitern. Kleine Schritte zu unternehmen auf dem Weg zur Selbstoptimierung. Und zur besseren Welt.

Hellacopters - Supershitty to the Max
Marek Protzak































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