Jinjer - King Of Everything

Review

Galerie mit 18 Bildern: Jinjer – Full Force 2019

JINJER aus der Ukraine bringen mit „King Of Everything“ tatsächlich schon ihr drittes Studioalbum unter’s Volk. Für viele Hörer – Rezensentin inbegriffen – dürfte es sich hier jedoch um den ersten Lauschversuch mit dem Quartett um Frontfrau Tatiana Shmailyuk handeln; jedenfalls ist es das erste Album, das die Band im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit Napalm Records veröffentlicht und so einem breiteren Publikum präsentieren wird. Im Vorfeld lässt sich eine bewegte Bandgeschichte erzählen, die nicht nur von Problemen bei der Ausstellung von Visa oder Feinseligkeiten im eigenen Land nach Auftritten in Russland, sondern auch mehreren Unfällen handelt. Einer davon führte dazu, dass Schlagzeuger Eugene Mantulin nach einem Fenstersturz ersetzt werden musste, und im Sommer 2015 verabschiedete sich Bandgründer Dimitriy Oksen unerwartet aus der Formation.

Im Jahr 2016 halten wir nun „King Of Everything“ in unseren Händen und sollen die Lauscher weich machen für einen Mix aus Hardcore, Metalcore, Djent und Groove Metal.
Das könnte entweder eine klischeetriefende Verwurstung der letzten Heavytrends für Leute werden, die Markenkleidung heimlich ernster nehmen, als Musik. Oder wirklich interessant und erfrischend. Oder, wie so oft, ein bisschen von Allem.

Stimmgewalt und Härte

Nachdem im „Prologue“ langsam vorgegroovt wurde und Frontfrau Shmailyuk mit warmem Klargesang melodisch angetäuscht hat, wird die Keule ausgepackt:“Captain Clock“ zieht mit einem core-igen Riff das Tempo an und am Mikro wird mastig gegrowlt. Es lohnt ein Blick in eines der Videos der Band, um sich davon zu überzeugen, dass auch diese Stimmparts von Tatiana Shmailyuk übernommen werden – ebenso wie der Schreigesang, der spontan an schwache GUANO APES erinnert. Die Stimmgewalt und insbesondere die Wandlungsfähigkeit des Gesangs sind trotz Schwächen in den Höhen beeindruckend und JINJER nutzen das Talent ihrer Fronterin, um einen fast eigenen Sound zu kreieren.

Eigener Sound erstickt in Durchschnittskost

Fast. Denn nach einem unkonventionellen Start, der Bock auf ein leicht schräges Album gemacht hatte, fangen sich JINJER schnell in einem Reigen aus durchschnittlichen Riffs, mal mehr (irgendein) Core, mal mehr „Djent“ (hier ist weniger das Gitarrenspiel gemeint, als das Aufspringen auf den Hipsterzug), Growls, poppigem Klargesang, evtl. Bridge, Growls, Klargesang. Satzende. Das Ergebnis klingt nach Einheitsbrei – und gleichzeitig seltsam unverbunden, bei all dem Stilmix an den Gitarren und den Pop-Elementen am Mikro. Obschon alle vier Musiker sicher bemerkenswerte Fähigkeiten an den Tag legen, findet dieses Potenzial leider nur selten Nährboden in dem bestenfalls knapp unterdurchschnittlichen Songwriting, sodass trotz der markanten Stimmarbeit nicht wirklich der Eindruck eines eigenen Sounds entsteht. Angenehme Ausnahme ist hier die Single „I Speak Astronomy“, die mit mehr Wandel in der Struktur, ruhigen Parts, einer wirklich außergewöhnlichen, kraftgeladenen Sangesleistung und eingängiger Melodie punkten kann. Auch „Sit Stay Roll Over“ klingt irgendwie delightfully schräg und weist sowas wie Aushängeschildcharakter auf. „Pisces“ ist eine belanglose Pop-Rockballade mit Growls, die aber sicher manchem Hörer gut ins Ohr gehen wird. „Beggars‘ Dance“ deutet zum Abschluss noch einmal an, welchen Zug JINJER hier eigentlich eine knappe Dreiviertelstunde lang haben vorbei fahren lassen: Mit bassbetonten Latin-Rhythmen swingt die Reprise des Prologs uns vor, dass die vier Ukrainer doch so viel mehr Wandel und Verspieltheit auf dem Kasten haben, als uns der Core-Matsch, der den größten Teil von „King Of Everything“ ausmacht, glauben lässt.

Weckt Neugierde auf mehr

Allem Talent und Bemühen um eine frische Identität zum Trotz, bieten uns JINJER überwiegend Durchschnittskost. Dass hier eine Chance auf vielviel mehr um die Ecke linst, ist indes nicht zu überhören, sodass von „King Of Everything“ nicht abgeraten sei. Bis zum nächsten Album werden sich JINJER dann vermutlich entschieden haben, ob sie endgültig auf den Core-Mainstream-Zug aufspringen (und hier möglicherweise irgendwann sogar vorne mitfahren) oder wirklich etwas Außergewöhnliches vorlegen wollen.

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31.07.2016

"forty-two"

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