Jordsjø - Jord

Review

Ha, Ami-Prog, denkste: Der klassische, europäische Prog ist eben doch nicht tot, wie die Norweger JORDSJØ  um TUSMØRKE-Alleskönner Håkon Oftung eindrucksvoll auf ihrem zweiten Album „Jord“ beweisen. Das Teil gibt es eigentlich schon länger, doch Karisma Records haut die Platte nun im – für Prog-Verhältnisse – großen Stil heraus, heißt: Es gibt das Teil nun endlich auf CD und LP zu erwerben. Und die Streaming-Dienste eures Vertrauens werden um ein großartiges Album reicher. Denn bei alledem, was uns heute so als Prog verkauft wird, darf man sich eben aber auch mal über eine gute Portion Prog nach altem, geradezu antiquiertem Vorbild freuen; die Sorte, die im Sinne der alten Meister daher kommt. Und damit sind vor allem die Briten und Schweden gemeint. Denn „Jord“ hat nun wirklich nichts im Stadion verloren, wohin der „proggy stuff“ seit den Achtzigern fälschlicherweise so gerne hinverortet wird. Nein, das ist die Art Prog – pardon: Prøg, die man als verschrobener Connaisseur in einer schummrig-muffigen Kammer hören und genießen muss. „Abstraksjoner Fra Et Dunkelt Kammer“ – das ist Prøgramm.

Es gibt Prøg, Baby!

Dabei bringen JORDSJØ gerade im Anbetracht ihres schwedischen Einschlages, der natürlich vor allem nach ÄNGLAGÅRD riecht, doch eine gute Portion norwegischer Natur mit. Wir haben es hier nämlich mit einem recht folkig angehauchten Album zu tun, dem man allerdings je nach Geschmack auch gerne mal einen gewissen JETHRO TULL-Einfluss attestieren darf – ja, es ist wegen der Querflöte, dass dieser Name hier gefallen ist. Natürlich ist etwa in „Finske Skoger“, in der das Instrument besonders prominent in Erscheinung tritt, der Gedanke an Ian Anderson nicht ganz fern. Doch spielt sich die Querflöte hier nicht so sehr in den Vordergrund. JORDSØ wirken ohnehin mehr wie wortkarge Druiden, die in der vom Nebel durchzogenen Naturlandschaft Norwegens ein seltsames Süppchen kochen. JORDSJØ begeben sich wahrhaftig auf die Suche nach ungewöhnlichen Geschmacksträgern – und finden diese auch. Gesungen wird zwar, jedoch vergleichsweise wenig. Man lässt lieber die Instrumente sprechen – der Geruch, der dem Gebräu entsteigt erledigt dann den Rest, um den Hörer in ganz andere Sphären zu entführen.

Diese Sphären sind natürlich von den Klassikern bevölkert. Es dauert nicht lange und man erspäht die legendären KING CRIMSON. Deren Referenzen sind natürlich ein alter Hut und springen dem Hörer sofort ins Gesicht. Gedanken kreisen vor allem natürlich um die ersten vier Platten der Band. Interessanter wird es, wenn die atmosphärische Brillanz eines „I Talk To The Wind“ – wahlweise auch eines „Epitaph“, vereinzelt auch „Cirkus“ – im zweiteiligen Titeltrack von „Jord“ dann förmlich mit skandinavischen Messern seziert wird. Der blutrote König schreitet durch die raue Männerlandschaft des Nordens und wird durch deren Fauna ganz schön ins Schwitzen gebracht. Ein WOBBLER pirscht sich an, ein PIXIE NINJA liegt auf der Lauer, auch ANEKDOTEN spuken hier und da durchs Geäst. Doch dann im zweiten Teil erkämpft er sich langsam wieder die Oberhand und spielt vergleichsweise rabiat auf. Zu Hilfe kommt ihm unter anderem ein jazziger Wind, der aus Canterbury herüber weht. Herrliches Kopfkino, das einem die Norweger da kredenzen.

JORDSJØ, „Jord“ und die Lautmalerei

Generell geben sich die Norweger sehr lautmalerisch. JORDSJØ bringen dadurch eine sehr intuitive Note in ihre Musik hinein. Dominiert wird der Sound natürlich von kratzigen, wahlweise auch akustischen Gitarren, die sich die Bühne mit den anderen Instrumenten aber stets brüderlich teilen. So treten auch mal flächige, mal eher filigrane Orgelklänge und die besagte Querflöte immer wieder ins Rampenlicht. Es herrscht reichlich Bewegung auf der sich vor dem geistigen Auge befindlichen Bühne, was sich gleich bei „Abstraksjoner Fra Et Dunkelt Kammer“ äußert. Neben pulsierenden Melodien beschreibt hier auch die Rhythmik immer wieder wankende, ja taumelnde Bewegungen, die einen faszinierenden Sog kreieren. Und ehe man es sich versieht, ist man hypnotisiert und schaukelt vergnügt mit der beschwingten Rhythmik mit. Das folgende „Finske Skoger“ steigert die Intensität dieser Kinetik dann noch um ein gutes Stück und verleiht ihr durch den enormen Folk-Einschlag umso mehr Farbe und Charme. An anderer Stelle, namentlich „La Meg Forsvinne!“, schraubt die Band stattdessen den Grad an Polyphonie hoch – und stopft das Ergebnis dann in einen vergleichsweise poppigen Song hinein. Etwas YES schwingt hier mit, ehe der Rock-Anteil anzieht und den Song prompt in düstere Sphären zieht.

Letztgenannter Song fühlt sich gegen Ende durch seine traditionelle Strophe-Refrain-Struktur zugegeben an wie ein kleiner Kompromiss. Es ist der letzte Refrain, der sich sich nicht so recht wohl fühlen möchte, gerade nach dem großartigem, düsteren Rock-Einschub, an dessen Ende auch der Song hätte zum Schluss kommen sollen. Oder die Band hätte die Stimmung hiernach noch weiter intensivieren können. Das tut der Klasse des Albums aber keinen Abbruch. Mehr als eine müde Braue hievt dieses kleine Malheur im Grunde nicht empor, dafür ist „Jord“ zu gut geworden. Und dafür überzeugt auch das abschließende „Postludium“ zu sehr mit seinem dicht waberndem Synthie-Nebel und macht dann den Deckel über dem bereits vollkommen zugedröhnten Hörer zu. „Jord“ ist Prøg, der mit einem erfrischenden Hauch Folk, Herzblut und einer Menge lautmalerischen Ideen daherkommt, die den Verstand des Hörers auf eine Reise schicken. Völlig frei von Cheese und Klischees ist JORDSJØ wahrhaftig ein schmackhaftes Süppchen gelungen, das seine klassischen Vorbilder nicht einfach nur abbildet, sondern mit ihnen spielt und sie auch mal verdreht. Nicht nur für norwegische Waldschrate ein Genuss.

03.03.2018

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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1 Kommentar zu Jordsjø - Jord

  1. Phil sagt:

    Prøg? Wunderbar. Danke für den Tipp! Werde dringend reinhören.