Voivod - Nothingface

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Galerie mit 14 Bildern: Voivod - Leafmeal Festival 2016

Für die kanadischen Metal-Visionäre VOIVOD war „Dimension Hatröss“ ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung weg vom Thrash und hin zu ihrer Vorreiterposition, die sie seitdem regelmäßig verteidigen. Es war das erste Album, auf dem die Kanadier ihren modernen, intellektuellen Sound so richtig ausgefeilt und durch Experimente immer noch einen Schritt weiter voran getrieben haben. Es war aber auch das letzte Album unter Noise Records, von denen sich VOIVOD schließlich trennten. Doch schon im nächsten Jahr hatten die Kanadier einen neuen Braten in der Röhre, einen noch dazu, der seinem Vorgänger in Sachen Qualität in nichts nachstehen sollte. Unter ihrem neuen Label MCA Records veröffentlichten sie 1989 „Nothingface“, ihr bis dahin erfolgreichstes Album.

VOIVOD nutzen den kreativen Aufwind – nun mit neuer Labelheimat

Falls sich jetzt irgendwer wundert, was für einen Stuss ich da schreibe: Ja, Noise haben „Nothingface“ im deutschen Raum weiterhin vertrieben. Offiziell haben die Kanadier jedoch das Label gewechselt und mit MCA Records ihre neue Heimat gefunden, von der das Album international vertrieben worden ist. Nicht nur das, sie haben die Platte auch mit einem deutlich höheren Budget aufnehmen können, was man dem Ding auch direkt anhört. Außerdem nahmen sie mit „Astronomy Domine“ ein Cover des gleichnamigen PINK FLOYD-Songs auf, das als Single veröffentlicht und dem sogar ein Musikvideo spendiert worden ist, komplett mit MTV-Airplay. Mit „Nothingface“ haben sie sich aber auch vorerst vom Thrash verabschiedet und ein rein experimentelles, progressives Album voller zum Teil irrwitziger Harmonie- und Tempowechsel veröffentlicht.

„Nothingface“ zeichnet sich zuallererst durch einen deutlich cleaneren Sound aus. Wenn man das Album erstmalig hört, nachdem man sich durch die Frühwerke der Kanadier gewurschtelt hat, kann einem das mitunter schon schockieren. Plötzlich ist der abrasive, futuristische Sound der Post-Apokalypse einer deutlich zugänglicheren Produktion gewichen. Andererseits merkt man durch diese sauberere Produktion, wie sehr die Kanadier als Musiker seit ihren noch vergleichsweise bescheidenen Anfängen gereift sind. Die Platte klingt dahingehend sogar so sauber, dass man praktisch jeden einzelnen Saitenschlag, jeden einzelnen von Michael „Away“ Langevins Trommelschlägen jederzeit ausmachen kann. Selbst Jean-Yves „Blacky“ Thériaults Bass knurrt jederzeit hörbar und geht in Ermangelung von Soundmatsch nicht in selbigen unter.

Trotz cleanem Sound gibt sich „Nothingface“ als Album der kanadischen Visionäre zu erkennen

Dennoch lässt sich „Nothingface“ relativ zügig als VOIVOD-Album eindeutig identifizieren, da die Trademarks der Kanadier von den klanglichen Aufräumarbeiten unberührt geblieben sind. Da ist zunächst einmal Denis „Piggy“ D’Amour, dessen relativ trockenes Riffing, mitunter inspiriert von Stravinsky, in harmonische und disharmonische Sphären vorstoßen, in die sich zeitgenössische Gitarristen vergleichsweise selten hinein trauen. Und doch sind sie mit einem Sinn für Melodie gespielt, sodass die Songs nicht unnahbar abstrakt geraten. Ein schönes Beispiel dafür ist gleich der Opener „The Unknown Knows“, ein flott rockender Einstieg in dieses Werk mit einer ziemlich eingängigen Melodieführung in der Hook. Möglicherweise ein kleiner Rest Punkigkeit, der da mitschwingt.

Es bedarf zugegeben einiger Eingewöhnung hinsichtlich „Nothingface“, nicht nur wegen der oben bereits erwähnten Produktion. Ein wesentlicher Faktor hierbei ist auch Denis „Snake“ Bélanger, der hierauf noch mehr auf Klargesang setzt als auf dem Vorgänger. Das Ergebnis ist nicht immer gerade das, was man als charismatisch bezeichnen würde. In der Hook des Titeltracks zum Beispiel hätte man sich entweder mehr Volumen oder eben rauere Vocals von Seiten Bélangers gut vorstellen können, vielleicht auch seine etwas exzentrischeren Vocals, die später in der Trackliste in „X-Ray Mirror“ zum Einsatz kommen. Aber man akklimatisiert sich mit seinem Gesang eventuell, wenn man die Geduld für ein solches VOIVOD-Album mitbringt. Und spätestens dann ist „Nothingface“ nicht mehr zu bremsen.

Der klassische VOIVOD-Sound erneut in Stein gemeißelt

Wie „Missing Sequences“ von diesen fast jubilierenden Melodien, die relativ zu Beginn erklingen, in einen ansonsten relativ düsteren, geschäftigen Track praktisch nahtlos überleitet, zeugt von dem Fortschritt, den die Kanadier bis hierhin zurückgelegt haben. Wie „Piggy“ in „Pre-Ignition“ mit dissonanten Riffs um sich schmeißt und sein Riffing doch mit klassischen Harmonien auskleidet, ist schlicht meisterhaft. „Into My Hypercube“ beginnt uncharakteristisch poppig. Es dauert hier tatsächlich ein bisschen, bis der Track deutlich komplexer und technischer wird, so also quasi wieder auf den Rest der Trackliste aufschließt, bevor der Song zu einer dezent derangierten Variation des poppigen Eröffnungsthemas zurückkehrt.

Und wie es VOIVOD scheinbar mühelos gelungen ist, das PINK FLOYD-Cover sich derart zueigen zu machen, dass man seine Beschaffenheit als Cover nie bemerken würde, wenn man es nicht besser wüsste – „Nothingface“ wird nicht umsonst als eines der besten Alben der Kanadier geführt. Mit ihrem fünften Album ist die Evolution, die mit „Killing Technology“ begonnen und mit „Dimension Hatröss“ schon ziemlich weit fortgetrieben worden ist, praktisch vollendet. Der Sound der Kanadier hat sich in etwas komplett Andersweltliches verwandelt, das irgendwie mechanisch und lebendig zugleich klingt, das den Hörer tiefer in diesen von ihnen errichteten Kaninchenbau hineinführt. Das hier ist zusammen mit „Dimension Hatröss“ schlicht das essentielle VOIVOD-Album der klassischen Besetzung.

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10.03.2021

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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3 Kommentare zu Voivod - Nothingface

  1. Interkom sagt:

    Rotiert gerade in meiner Playlist. Ein Meilenstein, der ähnlich wie Gojira ab 2005 für den Death Metal und Ulver mit ihrem Debüt für den Black Metal, Thrash Metal für nicht Thrash Metaller darstellt. Liebe dieses Album. Eine Einstiegsdroge für Voivod und ein Zeichen dafür, was im Metal alles möglich sein kann, wenn Musiker über den Tellerrand zu blicken bereit ist.

    10/10
  2. LaermTot sagt:

    Wenns ne 99/10 geben würde wäre es immer noch zu wenig. .. un ich Depp hab damals das Vinyl in (damals für 10.-) gekauft weil ich das Album schon auf CD hatte…

    10/10
  3. LaermTot sagt:

    100% Zustimmung, Voivod haben einerseits dem Weg für soviel Neues geöffnet ohne nicht trotzdem Voivod zu sein bzw. zu bleiben.