Windir - Likferd

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

„Likferd“ ist das vierte und letzte Album der norwegischen Folk-Black-Metal-Band WINDIR, und rückblickend geht damit eine ungeheure Tragik einher. Veröffentlicht wurde das Album Ende März 2003 und war der logische Nachfolger von „1184“: Gespickt mit harschen Riffs und Black-Metal-Raserei auf der einen Seite, aber eben auch mit tollen Harmonien und immer wieder diesen wunderschönen Folk-Melodien auf der anderen, hatten die sechs Musiker um Bandgründer Valfar ein weiteres Monument des von ihnen postulierten „Sognametal“ erschaffen. Dass sein Titel „Likferd“, zu Deutsch „Leichenfahrt“ (was es damit auf sich hat, davon zeugt die Coverabbildung) keine neun Monate später auf tragische Weise eine ganz konkrete Bedeutung bekommen würde, konnte da noch niemand ahnen.

„Likferd“ bekam auf tragische Weise eine ganz konkrete Bedeutung

„Am 14. Januar 2004 wanderte Terje „Valfar“ Bakken in Richtung der Hütte seiner Familie in Fagereggi, kam aber nie an. Drei Tage später fanden die Behörden seine Leiche in Reppastølen im Sogndal. Er war in einen Schneesturm gekommen und war an Unterkühlung gestorben.“ Das ist die knappe Schilderung der verbliebenen Bandmitglieder dessen, was letztlich zum Ende dieser legendären Band geführt hatte: Valfar, ihr begnadeter Bandkopf war durch ein Unglück gestorben, gerade einmal 25 Jahre alt.

Auch wenn man Gedanken an diese Umstände nicht beiseite legen kann, macht es immer noch Spaß, „Likferd“ aufzulegen: Valfar und WINDIR ist ein Album gelungen, das trotz aller Widrigkeiten zeitlos wirkt. Ein Album, das immer noch berührt. Im Grundstein der Musik Black Metal, sind es gerade die Melodien und Harmonien, welche die Ratio ausschalten und Gänsehaut erzeugen. „Fagning“ in der Mitte des Albums ist hierfür wahrscheinlich das beste Beispiel: Zwar beginnt das Stück mit eisiger Raserei und frostigem Gesang, aber sobald in den Strophen die Leadgitarre die Melodieführung übernehmen, wird es besonders. Der klare Harmoniegesang von Gastsänger Cosmocrator (u.a. MINDGRINDER, THE WRETCHED END) leitet schließlich in einen Mittelteil ein, bei dem sich unweigerlich Gänsehaut einstellt. Die gedoppelte Melodieführung ist eigentlich so schön, dass man schreien möchte, zumindest aber die Arme nach oben reißen, die Augen schließen und lauthals mitsingen.

Ein Album, das Bilder im Kopf erzeugt

„Likferd“ ist ein Album, das Bilder im Kopf erzeugt. Entstanden ist es in und geprägt von der monumentalen Landschaft Norwegens rund um den Sognefjord: Eine gleichzeitig majestätische, harsche und dann auch wieder liebliche Landschaft zwischen Wasser, Buchten und schneebedeckten Bergen. Norwegens höchstes Gebirge, Jotunheimen, schließt sich im Nordosten an einen Seitenarm des Sognefjords an, und der Gletscher Jostedalsbreen mit seinen Ausläufern ist nicht weit entfernt. In dieser Region haben Menschen seit Jahrhunderten der Natur die Grundlagen für ein teils auskömmliches, teils karges Leben abgerungen. Dort wurde ganz profan Landwirtschaft betrieben, dort wurden höhere Mächte um Beistand angerufen, dort wurde die Vormachtstellung in der Region in Schlachten ausgetragen, dort wurde gelebt und gestorben. Wie wahr.

Dies alles spiegelt sich im Werk WINDIRs und damit auch in „Likferd“ wider, teilweise organisch ineinander übergehend, teilweise schroff gegenüber stehend. Der Opener „Resurrection Of The Wild“ beispielsweise beginnt mit sanft dräuenden Keyboards, um dann in kurzer Folge im gemäßigten Rhythmus fortzuschreiten und schließlich im Nordwindtempo davonzupreschen. Schrammelnde Riffs wechseln sich mit den unnachahmlichen Leads von Gitarrist Strom ab oder verweben sich mit diesen. Als Hörer fühlt man sich niemals sicher, was jetzt an der nächsten Ecke wartet, ob ein Thema fortgeführt oder aufgelöst wird oder durch ein anderes abgelöst.

In einem gewissen Rahmen sind WINDIR in der Wahl der Mittel recht frei und schrecken weder vor Gitarren- und Schlagzeugeffekten noch vor Keyboards zurück, wie in „Blodssvik“ oder „Ætti Mørkna“. Allerdings auch nicht vor ganz traditionellen Metalriffs: In „Despot“ wird zwischenzeitlich ziemlich fett in die Saiten gedroschen, und „On The Mountain Of Goats“ fährt das vielleicht prägnanteste Riff in der Bandhistorie auf, das live ein absoluter Nackenbrecher ist. Die Band reizt diese Zutaten aber nicht bis ultimo aus. Es ist zu jeder Zeit zu erkennen, dass hier WINDIR am Werkeln sind. Und die hatten sich vor allem mit den beiden Vorgängeralben „Arntor“ (1999) und „1184“ (2001) und eben „Likferd“ einen ganz eigenen Soundkosmos erschaffen. Eine Klangwelt, die zusammen mit den Texten besagte Bilder im Kopf entstehen lassen, seien es Bilder von Fjordnorwegen oder von Schlachten vergangener Zeiten.

Gänsehaut und das vielleicht prägnanteste Riff in der Bandhistorie

Noch eine Sache: Bei Vergabe der Höchstpunktzahl erwarten manche Leute Perfektion, wie immer die auch aussehen mag. In der Kunst und der Musik kann es aber keine wissenschaftliche Perfektion geben beziehungsweise kann sie kein Maßstab sein. Und „Likferd“ ist auch nicht „perfekt“: Den Gesang könnte man sich in seiner eindimensionalen Aggressivität etwas variabler wünschen, und manche Übergänge hätten etwas geschmeidiger ausgearbeitet werden können. Aber das Album ist so, wie es ist. Mit allen schroffen Gegensätzen. Und es berührt. Es erzeugt Gänsehaut. Es spricht Fasern des Körpers an, denen rationales Aufrechnen irgendwelcher Pluspunkte egal ist.

Nach dem Tod Valfars gab es für und mit WINDIR noch einen finalen Schlussakkord, als am 03. September 2004 im Rockefeller Oslo ein Abschiedskonzert gespielte wurde – mit allen Bandmitgliedern sowie Terjes älterem Bruder Vegard am Mikro. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits drei der verbliebenen fünf Bandmitglieder VREID gegründet und das Debütalbum „Kraft“ in der Pipeline, das stilistisch nur in Ansätzen an WINDIR erinnerte. Das war sicherlich der richtige Weg, aber auch ein ganz natürlicher Weg, denn VREIDs Hauptsongwriter Hvàll hat eben einen anderen Stil (auch wenn er auf „1184“ und „Likferd“ sich nicht unerheblich eingebracht hat). Und auch wenn es immer noch „Sognametal“-Bands gibt, die immer mal wieder ganz hervorragende Alben veröffentlichen (z.B. MISTUR und COR SCORPII), bleibt WINDIR als eine besondere Band in Erinnerung.

Hier seht Ihr den Mitschnitt des VREID-Konzerts beim Wacken 2014 – mit einer Reihe WINDIR-Songs und Terjes Bruder Vegard:

23.01.2020

- Dreaming in Red -

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5 Kommentare zu Windir - Likferd

  1. nili68 sagt:

    Tja, ich habe die ja schon öfter als Positivbeispiel herangezogen, also gibt’s an dem Review nichts auszusetzen. Mein pesönlicher Fave ist ARNTOR aber das ist Erbsenzählerei, da alles superb ist. Leider konnte diese Genialität auch keine der Nachfolgebands, wenn auch nicht schlecht, je wieder erreichen. Diese Art Musik kann man nicht besser spielen..

    10/10
  2. doktor von pain sagt:

    „Arntor“ ist das einzige Windir-Album, das ich kenne und besitze – und das finde ich ziemlich gut. Keine Ahnung, warum ich mich nicht mehr mit der Band befasst habe.

  3. Steppenwolf sagt:

    Jetzt durch metal.de entdeckt. Eine echte Perle, danke dafür!

  4. Urugschwanz sagt:

    Ja, wirklich ein Klassiker, den ich aber leider erst die letzten Jahre zu schätzen gelernt habe. Besser spät als nie. Früher, zu seinen Lebzeiten gefiele mir die Musik gar nicht, da war ich noch zu trve. Fand es lahmes Gedudel. Tja, dabei ist es genial melodiös und episch. Wie alle Alben von Windir.

    9/10