Sólstafir - Berdreyminn

Review

Galerie mit 5 Bildern: Sólstafir - Prophecy Fest 2017

Wenn man nördlich des 60. Breitengrads wohnt, kann man die Kälte eigentlich nur aushalten, wenn man in einem von Geysiren gespeisten geothermalen Bad dümpelt, ordentlich Alkohol trinkt und nach und nach mit seiner Musik die Welt erobert. Das scheint SÓLSTAFIR Stück für Stück zu gelingen.

Polarisierung

SÓLSTAFIR sind sicherlich eine Band, die schon seit Jahren stark polarisiert. Die Musik der Isländer war schon immer, von den ganz frühen Werken einmal abgesehen, stets eigenwillig, auf ihre ureigene Weise kauzig, atmosphärisch, und dabei von Album zu Album eingängiger, sanfter. Diese Entwicklung sehen allzu konservative Zeitgenossen, aber auch einige alte Fans der Band, kritisch bis ablehnend, während SÓLSTAFIR mit jedem neuen Album auch neue Anhänger dazugewinnen. Bisheriger Höhenpunkt dieser Entwicklung war “Ótta” (2014), welches endgültig mit alten Überbleibseln des Pagan/Viking Metals brach. Und “Berdreyminn”?

“Berdreyminn”

“Berdreyminn” macht genau da weiter. Die inflationär gebrauchten Umschreibungen episch, erhaben und dramatisch passen weiterhin absolut zu den Klangwelten von SÓLSTAFIR, nun aber eben in der aktuellen Ausrichtung. Für wen also schon “Ótta” zu “seicht” war, der kann mit “Berdreyminn” sicherlich überhaupt nichts anfangen. Die schrofferen, wilderen Momente, die es bspw. noch bei “Svartir Sandar” gab, scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören. SÓLSTAFIR 2017, das ist irgendwas zwischen Progressive-, Post-, Independent- und Artrock mit gelegentlichen New-Wave-Einschüben. Was fehlt, ist der experimentelle Jam-Charakter, alles wirkt erwachsener, abgeklärter, konventioneller, kontrollierter, zurückhaltender. Die Musik der Isländer wird immer ausgeglichener und auch meditativer, wodurch im Gesamten betrachtet tatsächlich nunmehr ein wenig die Abwechslung leidet.

SÓLSTAFIR eröffnen “Berdreyminn” mit “Silfur -refur” – stark! Hat was von den Western-Soundtracks des guten alten Ennio Morricone. Wie mittlerweile bei den Isländern üblich, baut sich das Stück stetig auf, mit furztrockenen Fuzz-Gitarren. Es wird zum Ende hin stetig weiter komprimiert, bis nur noch Dröhnen übrigbleibt. Auch Aðalbjörn Tryggvason sind zum räudigen Ende hin immer inbrünstiger. Der Opener wurde geschickt gewählt, da dieser noch am ehesten die Brücke zu den beiden Vorgängeralben schlägt. Anders das unaufdringliche “Isafold”. Tolle Gitarrenmelodien, poppiger Synth, Rhythmen extrem reduziert groovend, THE FIELDS OF THE NEPHILIM-Gedächtnis-Bass, und die Gitarren klangen bei SÓLSTAFIR noch nie so sanft. Hat definitiv seinen Reiz, wenngleich man hier schon die stimmlichen Grenzen des schamanenhaft-markanten Gesangs von Addi merkt. “Hula” geht in eine ähnliche Richtung mit laut/leise Dynamik. Das Klavier nimmt viel Raum ein, dazu entfernt klingende Chöre. Klingt irgendwie wie eine Mischung aus älteren IN THE WOODS… und RADIOHEAD. Gegen Ende schreit Addi gegen eine Wand aus Streichern und Gitarren, schön!

“Berdreyminn” wird weitergeführt von “Nárós”, das wieder ein wenig mehr Kante zeigt und Sänger Aðalbjörn wieder etwas mehr die Sau raus lässt. Die epischen siebeneinhalb Minuten werden vom ausufernden Intro, dem stoisch geradeaus laufendem Rhythmus, den fuzzgeschwängerten Gitarren-Breitwänden und rockigen Strophen ausgefüllt. Auch dieses Stück dürfte SÓLSTAFIR Anhängern zusagen, welche die beiden Vorgängeralben mögen. “Hvit saeng” ist wieder ausgeglichen-rockiger und meditativer, zunächst balladesk, ehe das Stück straight rockt. Beim traurigen  “Dýrafjörður” kommt einem David Gilmour in den Sinn. Minimale aber eindringliche Melodien, bezaubernde Zwischentöne. “Ambátt” wird zunächst vom Piano dominiert, ehe sich die verzerrte Gitarre in den Vordergrund spielt und beide Instrumente um die Herrschaft im Stück spielen. Der eigentliche Höhepunkt kommt zum Schluss: “Bláfjall” beginnt zunächst getragen mit Kirchenorgel, doch es wird stürmischer, der Metal bahnt sich den Weg. Sehr facettenreich!

Fazit

Es gibt wieder genug Futter für beide Seiten. Nörgler von “Ótta” werden an “Berdreyminn” noch mehr auszusetzen finden. Wer das letzte Album von SÓLSTAFIR mochte, für denjenigen steht die Chance groß, dass “Berdreyminn” ebenfalls den Geschmack trifft. Wer sich darauf einlässt, kann vollends in die atmosphärischen, epischen, emotional fesselnden Klanglandschaften eintauchen. Dazu passt auch das Coverartwork, das doch etwas an AGALLOCH erinnert.

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21.05.2017

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9 Kommentare zu Sólstafir - Berdreyminn

  1. Hypnos sagt:

    Ein enttäuschendes Album. Schon Otta schwächelte im vergleich zu Meilensteinen wie Köld oder Svartir Sandar. Es geht auch überhaupt nicht darum dass die musik weniger aggressiv wurde. Die Musik der isländer wurde auf Otta und vor allem auf diesem Album zunehmend belangloser. Die lieder plätschern zum Großteil ereignislos, uninspiriert und höhepunktarm vor sich hin. Lediglich 3-4 Songs können uumindest teilweise überzeugen. Dazu ein Totalausfall wie Isafold…sxhade, sehr schade. Wobei, nach dem schäbigen verhalten der Band gegenüber ihrem langjährigen Drummer, da hatte ich schon ein schlechtes Gefühl. Wie gut das es mit Kontinuum und Katla mehr als ebenbürtigen Ersatz für die guten Sólstafir von früher gibt…

    6/10
    1. Doktor von Pain sagt:

      Auch ich als bekennender Sólstafir-Fan finde “Ótta” mit einigem zeitlichen Abstand nicht so stark wie die Vorgänger. Das neue Album habe ich (natürlich) trotzdem vorbestellt, aber da habe ich sicherheitshalber mal keine zu hohen Erwartungen.

    2. Heyna sagt:

      Was habt ihr von einem Konsens-Journalistchen wie Endres erwartet? Band mit großem Label im Rücken veröffentlicht neues Album -> 8+/10. Wer Beweise dafür benötigt, muss sich einfach mal seine bisherigen Erzeugnisse ansehen.

      6/10
      1. Maik sagt:

        Haben wir ja schon bei dem Fin – Arrows of Dying Age gesehen…
        da wird irgendwas vollkommen unberechtigt mit Höchstnoten überschüttet…kann keiner nachvollziehen..

        aber nein “gekaufte” Reviews gibt es natürlich nicht. Denke da hat man Angst, dass man keine Promos mehr bekommt….

      2. Doktor von Pain sagt:

        Oder der Reviewer findet das jeweilige Album tatsächlich gut. Gewagte These, ich weiß – aber nicht völlig unmöglich.

      3. Heyna sagt:

        Nur ging es vordergründig überhaupt nicht darum, ob der jeweilige Redakteur das Album gut findet, sondern darum, dass man es ihm schlicht irgendwann nicht mehr abnimmt, wenn größere Themen nahezu durchgehend mit Höchstnoten versehen werden, man den Eindruck bekommt, alles unter 8/10 würde nicht existieren und dann gelegentlich kleine Sachen – also das notwendige Übel – nicht nur mit niedrigeren Wertungen bedacht werden, sondern auch noch mit völlig gelangweilten Rezensionen aus dem Standardphrasen-Baukasten. Dienst nach Vorschrift. Es existieren genügend richtige Journalisten bzw. Magazine, denen ich eine 9/10 für “Berdreyminn” eher abnehmen würde als einem Endres und Metal.de. An dieser Glaubwürdigkeit hat man allerdings selbst gesägt.

        6/10
  2. CWiederwald sagt:

    Leider “more of the same”. Alleinstehend ein starkes Album, nur mit dem Oevre der Band im Rücken ist es beinahe etwas belanglos. Alles schon mehrmals da gewesen. Live werden sie uns wahrscheinlich wieder niedermähen mit großartigen Auftritten, aber “Berdreyminn” ist leider ein Stillstand

    5/10
  3. Schlutterer sagt:

    Kommt nicht mehr ganz an den Vorgänger “Otta” ran, hat aber dennoch einige starke Songs, die nach mehrmaligem Anhören enorm zünden

    8/10
  4. Berserkus sagt:

    Nach den überragenden Köld und Svartir Sandar war schon Otta etwas schwächer. Berdreyminn ist musikalische Stagnation, wenn auch auf weit mehr als ordentlichem Niveau. War irgendwie abzusehen. 7-8

    7/10