Avantasia
Interview mit Tobias Sammet zum neuen Album "The Mystery Of Time"

Interview

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Eigentlich wollte Tobi Sammet sein Metal-Oper-Projekt AVANTASIA nach dem umjubelten Auftritt auf dem 2011er „Wacken Open Air“ endgültig ad acta legen. Doch Gottseidank hat es sich der quirlige EDGUY-Frontmann noch einmal anders überlegt, so dass uns mit „The Mystery Of Time“ ein weiteres Bombast-Meisterwerk – ja womögich sogar der AVANTASIA-Geniestreich schlechthin – ins Haus steht. Wir ließen uns die Gelegenheit natürlich nicht nehmen, den Kreativkopf im Donzdorfer Nuclear-Blast-Hauptquartier zu treffen, um ihm weitere Informationen zu der Scheibe zu entlocken.

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Hallo Tobi. Lass mich dir zunächst einmal zu einem sehr schönen neuen Album gratulieren! Man hört, dass du gewissermaßen einen Schritt zurück gegangen bist und wieder stärker an die ersten beiden AVANTASIA-Alben erinnerst.

Das ist lustig, das habe ich heute tatsächlich schon öfters gehört.

Das muss dir doch aber schon beim Songwriting aufgefallen sein…

Jaa – ähm, hmm, nee. Also ich wusste, dass es wieder einen stärkeren Märchencharakter kriegt, das ganze Konzept war in sich wieder sehr geschlossen. Aber den bewussten Eindruck, dass es zurück zu den alten Sachen geht, hatte ich nicht. Michi Kiske hat mir gesagt, dass das Power-Metal-Songs sind, die er gesungen hat. Da hab ich gesagt: „Ok, gut, cool! Das wird die Leute freuen.“ Aber ich hatte das nicht geplant, überhaupt nicht.
Ich gucke auch nicht so… (unterbricht sich selbst) Das stimmt gar nicht, ich gucke natürlich schon zurück. Aber nicht, weil ich etwas machen will, was ich früher schon gemacht habe, sondern einfach weil ich das schön finde, wenn man seiner Vergangenheit auch die entsprechende Bedeutung beimisst. Das mache ich aber jetzt nicht insbesondere bei den ersten beiden Alben und bei den letzten nicht. Ich denke, das steckt alles in der AVANTASIA-DNA oder auch in meiner Handschrift drin, mal kommt es ein bisschen stärker zutage, mal nicht.
Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich einfach eine europäische Platte, eine bombastische, klassisch angehauchte Platte gemacht habe. Mit „bombastisch“ meine ich halt dieses epische daran. Ansonsten hatte ich gar nichts bestimmtes geplant. Ich habe es einfach so passieren lassen und mich nicht dagegen gewehrt.

Ich hoffe, du verzeihst es mir, wenn ich einen Hauch von Kritik anbringen muss. Ich gehöre ja zu der schrecklichen Sorte Musikhörer, der von einer Band immer überrascht werden und immer etwas zu hören bekommen möchte, was er so nicht erwartet hatte. Insofern fand ich die Platte im ersten Moment fast ein wenig vorhersehbar.

Na gut, auch bei den alten Platten war es ja nie mein größtes Ziel, die Leute zu überraschen. Ich wollte einfach etwas Spannendes für mich selbst machen und ich wollte das machen, woran ich glaube, einfach die Songs schreiben, die ich geil finde. Und ich denke, das ist mir auf der neuen Platte auch wieder gelungen. Es liegt halt im Auge des Betrachters, ob jetzt viel Neuland dabei ist oder nicht.
Ich denke mir, einen Song wie beispielsweise „Spectres“ und auch diese fließenden Tempo-Wechsel im letzten Song „The Great Mystery“ hatten wir in dieser Form überhaupt noch nicht. Es sind also schon Sachen dabei, mit denen ich die Sache auch für mich spannend zu halten versuche. Das mache ich aus Eigeninteresse, denn Stillstand finde ich persönlich auch langweilig. Aber es ist nicht meine oberste Zielsetzung, die Leute in dem Sinne zu überraschen, sondern ich will es einfach spannend und frisch für mich selbst halten. Und ich denke, das ist mir gelungen, ich finde, die Platte klingt sehr frisch.
Auch die Tatsache, dass da vier Sänger drauf zu hören sind, die noch nie bei AVANTASIA dabei waren, halte ich für ein Zeichen dafür, dass es eigentlich nicht so sehr vorhersehbar war. Ich meine, gut, wenn man schon aus dem Internet wusste, dass Eric Martin dabei ist und Ronnie Atkins oder Biff Byford – wenn man das im Vorfeld gar nicht gewusst hätte und hätte dann diese Platte gehört und ich hätte jetzt heute gesagt „achso, wir haben ein paar Neuerungen, es ist zum ersten Mal ein echtes Symphonie-Orchester dabei, es sind Biff und Ronnie dabei“ und ich hätte vielleicht auch noch aufgezählt, was es für andere Veränderungen gegeben hat, ich glaube, dann hätte man da schon anders aufgehorcht und gesagt: „Ja, ok, er hat doch wieder was ganz anderes gemacht.“

Wo du schon das echte Orchester ansprichst: Das hört man klanglich total geil raus! Das ist auch ein riesiger Pluspunkt und bringt AVANTASIA meiner Meinung nach noch einmal einen großen Schritt nach vorne.

Danke! Das war für mich von Anfang an auch ein gewisses Risiko, denn Miro (Michael Rodenberg, AVANTASIA-Keyboarder – Anm. d. Red.) macht das Orchester auch aus der Dose immer so gut, dass man sich überlegt hat: Wenn man nachher halt keinen Unterschied hört, haben wir einfach riesig viel Geld in den Wind geschossen. Aber ich habe mir gesagt, ich weiß dann, dass es ein echtes Orchester ist, also machen wir das. Du baust dann selbst ein anderes Verhältnis zu so einer Platte auf, weil du dir selbst diese Wertschätzung entgegengebracht hast. Es wird dadurch einfach wertvoller, wenn man diese Investition tätigt und das bis ins Detail so ausklügelt. Dann wird man später für sich selbst auf eine wertvollere Platte zurückblicken. Und das war mir wichtig, dass ich quasi für mich selbst wusste, dass das passiert ist.

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Bei „The Watchmaker’s Dream“ hast du mit Arjen Lucassen (AYREON) zusammengearbeitet. War er bei diesem Stück auch am Songwriting beteiligt oder hat er letztlich nur sein Solo beigesteuert?

Nur das Solo stammt von ihm, sogar die Akkorde des Solo-Parts standen vorher schon. Er hat den Song quasi als Playback bekommen, bei dem an der Stelle, wo jetzt das Gitarren-Solo ist, nur die Akkorde und der Rhythmus drunter liefen, und da hat er dann seinen Part dazu eingespielt. Ich habe es zurückbekommen und gesagt: „Arjen, das klingt hundertprozentig nach dir, das klingt total super!“ Und da hat er dann gesagt: „Yes, it was really inspiring to me, good song!“ Und das ist dann so ein Kompliment, wo du dir halt sagst: Cool!
Es war dann auch offensichtlich die richtige Entscheidung, ihn bei diesem Song das Solo spielen zu lassen. Ich finde es auch ganz grandios, aber es klingt halt nach Arjen, es klingt wirklich wie AYREON. Da habe ich aber überhaupt nicht drüber nachgedacht, der Song stand schon, als Arjen gesagt hat: „Übrigens, ich schulde dir ja noch einen Gefallen, jetzt würde ich ein Solo für dich spielen.“ Das wollten wir beim letzten Mal schon machen, aber da hat er noch gesagt: „Äh, ich habe schon so lange nicht mehr Gitarre gespielt und dann auch noch ein Solo, das würde ich im Moment lieber nicht machen.“ Und jetzt hat er zugesagt, da war der Song schon geschrieben.

Ich finde aber auch, dass du da genau den richtigen Song ausgewählt hast, denn der hatte schon vom Songwriting her ein bisschen diesen AYREON-Touch.

Er hat so einen Pomp-Rock-Touch und klingt mit der Hammond so ein bisschen Seventies-mäßig, Arjen hat ja auch immer Hammond-Orgeln drin. Ich weiß, was du meinst, die Akkordfolge in der Strophe ist so typisch Art-Rock, so Prog-Rock-mäßig – Prog-Rock im eigentlichen Sinne, ich meine jetzt nicht diese Fuddel-Könige, sondern so diesen 70er-Jahre-Prog-Rock.

Im ersten Moment bin ich mit der Ballade, „Sleepwalking“, nicht so recht klargekommen, vor allem mit diesem leichten Electro-Beat im Anfangsteil. „Lost In Space“ fand ich damals gerade deshalb großartig, weil es so poppig war, hier übertreibst du es jetzt meiner Meinung nach ein bisschen. Ich nehme an, dir ist klar, dass du damit die Fans wieder einmal etwas vor den Kopf stoßen könntest?

Ja, weiß ich. „Sleepwalking“ ist auch der älteste Song auf der Platte. Das Songwriting stand in den Grundzügen schon vor zwei oder drei Jahren. Den habe ich aber nicht auf die letzten Platten gepackt, weil ich damals gedacht habe, das ist vielleicht doch ein bisschen zu viel, vielleicht würde man mir das übel nehmen. Jetzt war ich einfach so überzeugt davon, weil ich den Song wirklich ganz, ganz, ganz geil finde. Und ich habe mir gesagt, das ist scheißegal, wenn man dran glaubt, muss man es einfach machen.
Er passt auch in dieses Konzept und er bringt eine neue Facette rein. Auch dieser Anfang, das war ursprünglich nur eine Klavier-Ballade und dann haben wir diesen Beat da drunter gelegt – diesen „Beat“, also es ist halt ein Sequencing, was wir auch früher schonmal hatten. Ok, in der Form könnte es halt auch irgendwie ONE REPUBLIC sein, aber das ist auch nur eine Passage von dreißig Sekunden, wo dieser Beat drunter liegt, ob den jetzt das Schlagzeug spielt oder ob der jetzt irgendwie von ’nem Sequencer kommt, das ist eigentlich wurst.
Es war nur mit Piano einfach ein bisschen leer an dieser Stelle, deshalb haben wir den nachträglich reingebaut. Da habe ich damals schon gedacht, dass es dafür Haue geben könnte, aber ehrlich gesagt habe ich dann gedacht, das ist eigentlich völlig egal. Für irgendwas gibt es immer Haue und inzwischen würde ich gar nicht mehr klarkommen, wenn es nicht für irgendwas Haue geben würde. Von daher ist das auch ok, da muss ich natürlich mit rechnen, es ist halt ein Pop-Song.

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Das hat mir an dir aber auch immer schon imponiert, dass es dir – egal, ob bei EDGUY oder bei AVANTASIA – immer scheißegal war, wenn die Leute gemeckert haben, dass das jetzt kein Metal mehr wäre oder dergleichen.

Man muss ja irgendwie ein bisschen darauf achten, dass es einem scheißegal ist. Es ist einem nicht immer alles scheißegal, wenn du so viele Monate viel Energie dafür aufgewendet und natürlich auch viel investiert hast – auch monetär – um eine Platte zu produzieren, weil du absolut dran glaubst. Und NUR, weil du dran glaubst, und nicht, weil du dran glaubst, dass du damit nachher Millionen scheffelst, sondern weil du einfach sagst, das ist die Platte, die du machen möchtest. Ich bin da irgendwie so ein bisschen altmodisch und denke, wenn du das machst, worauf die Bock hast – und NUR das, ohne nach links und rechts zu sehen, ohne auf die Plattenfirma zu hören, ohne auf diesen und jenen zu hören – dann bist du immer richtig. Und wenn du dann damit Erfolg haben sollst, dann kommt der Erfolg damit.
Und wenn man das macht und dann kommen Leute daher und sagen: „Das macht er jetzt aber nur, weil er Geld verdienen will,“ dann ist das halt unfair und das regt einen natürlich schon auch auf. Aber man muss sich dann selbst irgendwie bewusst machen: Nein, ruhig Brauner, du darfst dich da gar nicht von beunruhigen lassen. Das muss ich mir schon manchmal auch einreden, klar, weil manchmal nervt es natürlich schon und Kritik ist manchmal schon verletzend. Aber das muss man sich einfach auch bewusst machen, das geht natürlich nicht immer. Ich meine, die Leute denken immer: „Dieser arrogante Hund, der steht ja über allem!“ Das stimmt aber gar nicht. Ich versuche es, es gelingt mir manchmal, aber manchmal eben auch nicht. Künstler sind halt so – und Menschen ja sowieso. An einem guten Tag geht einem alles am Arsch vorbei und an einem schlechten, da nervt es dann halt.

Das kann ich nachvollziehen. Lass uns aber mal auf das Songwriting zu sprechen kommen! Schreibst du die Songs für EDGUY und AVANTASIA quasi zeitgleich und überlegst dir dann, für welche Band das jeweilige Stück besser passt?

Nee, neenee, nie. Ich versuche immer, mich hundertprozentig auf das zu konzentrieren, was ich gerade mache. Ich könnte es auch mir selbst gegenüber nicht verantworten, irgendwie in den Gewissenskonflikt zu kommen, zu entscheiden, ob irgendwas qualitativ für das eine oder nur für das andere taugen würde. Das würde ich nicht machen. Deswegen war es auch gut, dass ich AVANTASIA ad acta gelegt habe und wir dann mit der neuen EDGUY-Platte angefangen haben, denn da habe ich mich dann hundertprozentig drum gekümmert. Ich finde „Age Of The Joker“ (jüngstes, 2011 erschienenes EDGUY-Album – Anm. d. Red.) ist eine tierische Platte und ich glaube, dass die auch nur so gut werden konnte, weil man sich da hundertprozentig drauf konzentriert hat. Anders würde ich das nicht wollen, sonst verzettelt man sich.

Ich würde das auch keinesfalls qualitativ festmachen wollen, aber rein stilistisch finde ich, dass man inzwischen merkt, dass du diesen bombastischen, epischen Breitbild-Sound bei AVANTASIA richtig rauslässt, während EDGUY wesentlich rockiger zu Werke gehen.

Ja, das stimmt, aber auf der letzten EDGUY-Scheibe hatten wir Sachen wie „Behind The Gates To Midnight World“, „Rock Of Cashel“ oder „The Arcane Guild“. Das waren Songs, die hätten vielleicht auch so auf einer AVANTASIA-Scheibe stehen können – mit anderen Sängern vielleicht ein bisschen noch… Ich sage aber, wenn du wirklich dann alles auf einmal machst, verzettelst du dich, und dann wird wahrscheinlich auch die Qualität leiden.
Aber auch da kamen Vorwürfe – ich weiß das, ich kriege das mit – dass Leute sagen: „Ja, EDGUY ist für ihn ja nur noch so ein Alibi-Ding, die guten Sachen hebt er sich für AVANTASIA auf.“ Es gibt auch Leute, die genau das Gegenteilsagen! Irgendjemand sucht immer das Haar in der Suppe und wittert hinter allem immer gleich eine Verschwörung. Manche Leute wissen auch immer ganz genau, wie es sich wirklich zugetragen hat und wie sich das alles verhält. Die Wahrheit ist einfach, ich habe mir für jede Platte, die ich gemacht habe, immer den Arsch völlig aufgerissen, für EDGUY und für AVANTASIA. Alles andere wäre auch indiskutabel, weil ich muss ja mit dieser Platte dann leben.
Es wäre ja viel einfacher, wenn ich mit einer Platte nicht zufrieden wäre, einfach drei Monate länger zu warten, bis sie dann perfekt wäre. Wenn ich vorher nicht das Gefühl hätte, dass sie perfekt wäre, würde ich sie ja nicht rausbringen, denn dann würde ich lieber warten, bis es so wäre, weil ich dann wüsste, dass dann nachher auch eine Tour und alles von einer besseren Platte natürlich viel stärker profitieren würde. Von daher arbeite ich – egal ob bei EDGUY oder bei AVANTASIA – so lange, bis ich hundertprozentig zufrieden bin, und das ist auch bei beiden gleich viel Engagement natürlich.

Galerie mit 24 Bildern: Avantasia - Summer Breeze Open Air 2019

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08.03.2013

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