Avatarium
Der Versuch, sich mit den alten Meistern zu messen, ist natürlich immer schwierig, aber wenn man nicht zielt, trifft man auch nichts!

Interview

Im Januar 2020 hatten AVATARIUM ihr komplettes Konzert im altehrwürdigen Nalen in Stockholm mitfilmen lassen, um die Aufnahmen für einen geplanten Live-Film zu verwenden. Mit dieser Show wollte die Band eigentlich auf Tour gehen. Doch die Coronavirus-Pandemie machte wie bei nahezu allen Bands einen Strich durch die Rechnung. Die Veranstaltungsbranche kämpft verzweifelt ums Überleben, Live-Konzerte geschweige denn Touren sind fast nicht realisierbar. In dieser Situation haben sich AVATARIUM entschieden, „An Evening With AVATARIUM – Live In Stockholm January 2020“ als kostenpflichtigen Download für 10,00 Euro, inklusive DVD-Cover, den Fans zur Verfügung zu stellen. Wir sprachen über diese Veröffentlichung und die derzeitige Situation im Interview mit Gitarrist Marcus Jidell.

Cover Artwork von AVATARIUM - "An Evening With AVATARIUM – Live In Stockholm January 2020"

Cover Artwork von AVATARIUM – „An Evening With AVATARIUM – Live In Stockholm January 2020“

Seit Anfang 2020 wirft die Coronakrise ihren Schatten über uns alle. Wie waren die letzten Monate für dich und AVATARIUM? Was sind die Auswirkungen auf dich und deine Band und wie ist die aktuelle Situation in deiner Region?

Dieses Jahr war in der Tat ein sehr seltsames Jahr, wie jeder weiß. Für uns persönlich war es ziemlich frustrierend, da wir wirklich mit unserem neuen Album touren wollten, sowohl in Clubs als auch auf Festivals. Wir sollten unter anderem auf dem Wacken und Summer Breeze und anderen großen Festivals spielen. Wir hatten uns sehr darauf gefreut zu spielen und alte Fans zu treffen und neue Fans von AVATARIUM kennenzulernen. Live zu spielen ist eine wunderbare Sache und ich denke, jeder kann sehen, wenn er die Live-Streams sieht, dass eine Live-Show ohne Publikum überhaupt nicht dasselbe ist. Eine Live-Show ist etwas sehr Einzigartiges, da die Band und das Publikum gemeinsam eine emotionale Reise unternehmen

Was denkst du, wie diese Pandemie unser Leben im Allgemeinen, die Gesellschaft und insbesondere das Musikgeschäft verändern wird?

Das ist eine gute Frage. Ich hoffe wirklich, dass daraus etwas Gutes für die Gesellschaft wird, ich bin mir aber nicht sicher, ob es so sein wird. Wir Menschen neigen leider dazu, Dinge ziemlich schnell zu vergessen. Menschen haben jetzt möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass sie bei der Arbeit von zu Hause aus effektiver sein können. Ich bin kein Fan davon, bei der Arbeit zu sitzen und Stunden zu zählen, da ich denke, dass das, was letzten Endes abgeliefert wird, wichtig ist. Was mich als Musiker anbelangt, verbringe ich manchmal sehr kurze Zeit damit, Musik aufzunehmen, die sich als großartig herausstellt, und manchmal ist es aber genau das Gegenteil. Ich denke, das würde für die meisten Dinge gelten. Zeit ist etwas Kostbares, da wir nicht für immer leben. Man sollte sie also besser für Dinge investieren, die Sinn haben. Natürlich müssen wir manchmal etwas kurze Zeit opfern, um in Zukunft größere Dinge zu erreichen, aber das ist auf lange Sicht auch gut.

Es besteht die Gefahr, dass wir auch isoliert werden. Es ist wichtig, dass wir soziale Kontakte haben und nicht nur Zeit vor unseren Bildschirmen verbringen. Die sozialen Medien sind in gewisser Hinsicht großartig, aber es scheint mir, dass sie leider auch eine Menge Desinformationen und schlechte Stimmung verbreiten. Wenn Menschen sich von Angesicht zu Angesicht treffen, werden sie zivilisierter, und meine Erfahrungen aus Reisen um die Welt zeigen, dass die meisten Leute anständige Menschen sind. Wenn man manchmal über die sozialen Medien in ein Gespräch gerät, scheint es genau das Gegenteil zu sein, und ich denke nicht, dass das eine gute Sache ist.

Ich denke, es das Beste ist, nicht zu sitzen und darauf zu warten, dass sich alles wieder normalisiert, da dies wahrscheinlich sowieso nicht passieren wird. Wenn man das macht, wird man einfach weit hinter denen zurückbleiben, die versuchen, weiterzumachen und sich an das anzupassen, was passiert.

Ihr habt gerade den Konzertfilm „Ein Abend mit AVATARIUM – Live In Stockholm Januar 2020“ veröffentlicht. Aber ich glaube, dass ihr dieses Jahr andere Pläne hattet? Bitte erzähle uns von der Show, die ihr im Januar in Nalen in Stockholm, Schweden, gedreht hattet, und was eure eigentlichen Pläne für 2020 waren! Was fällt dir ein, wenn du an diese Show zurückdenkst?

Der Plan war, die Festivals zu spielen und dann diesen Herbst auf Tour zu gehen. Wir hatten gerade angefangen, mit einer neuen Booking-Agentur zusammenzuarbeiten, und alle waren begeistert, auf Tour zu gehen und das neue Material live zu spielen. Wir sind sehr stolz auf das neue Album, das ihr kennt!

Glücklicherweise wurde die erste Show, die wir im Januar dieses Jahres gemacht haben, mit 5 Kameras und Multi-Tracking-Audio aufgenommen. Das bedeutete, dass wir danach eine richtige Mischung aus Ton und Film machen konnten. Da wir sehr darauf aus sind, AVATARIUM live zu zeigen, hatten wir uns wirklich sehr bemüht, dies für die Zuschauer zum bestmöglichen Erlebnis zu machen, und es scheint, als würden die Leute es sehr mögen!

Der Veranstaltungsort Nalen ist ein wirklich altes Gebäude im Zentrum von Stockholm, das zwischen den 40ern und den späten 60ern ein legendärer Jazzclub und später ein Rockclub war. Es ist in der Tat ein wunderschöner Ort mit viel Geschichte und Mojo.

Da dies unsere erste Show der Tour war, es stellte sich anschließend heraus, dass es auch die vorletzte war, waren wir alle ein bisschen eingerostet, aber zum Glück hatten wir es trotzdem geschafft, eine großartige Leistung zu erbringen, und ich war tatsächlich ziemlich überrascht, als ich den ersten Mix von Viktor Stenquist hörte, wie gut es klingt. Die Band hat wirklich Feuer und Jennie-Ann ist momentan eine der größten Sängerinnen. Ich denke, niemand wird das in Frage stellen, nachdem er sich den Konzertfilm angesehen hat.

Ihr habt eine Coverversion von „In My Time Of Dying“ von Blind Willie Johnson gemacht – wie seid ihr auf ihn gekommen, warum hattet ihr diesen Künstler und dieses Lied gewählt?

Wir hatten uns tatsächlich die Bob Dylan-Version des Songs angehört und mochten die Stimmung dort. Jennie-Ann und ich haben versucht, ein Cover zu machen, aber es sozusagen zu unserem eigenen Song zu machen. Das Riff und ein Teil der Musik wurden tatsächlich von uns geschrieben und arrangiert und ich bin wirklich froh, wie das Resultat ist. Es wird auf einer 12-Saitigen Gitarre gespielt, nur ich und Jennie-Ann, und es ist ein Moment in der Show, in dem wir etwas Anderes machen können und auch unsere Liebe zu den alten Blues- und Gospel-Legenden zeigen. Wir haben angefangen, diese Nummer auf der Hurricanes And Halos-Tour zu machen, und jedes Mal, wenn wir diesen Song spielen, klingt es anders.

Wie schwer ist es für dich, nicht live spielen zu können? Was vermisst du am meisten?

Wir vermissen es sehr! Die Kommunikation mit dem Publikum vermissen wir natürlich am meisten.

Wie bleibt ihr mit euren Fans in Kontakt?

Wir haben begonnen, aktiver mit unseren sozialen Medien umzugehen, was wir vorher nicht gut gemacht hatten. Zum Beispiel arbeiten wir mit unserem YouTube-Konto. Jede Woche gibt es dort neue Videos. Wir haben einige alte Videos gefunden und machen auch neue. Bitte schaut vorbei und abonniert uns. Wir fangen gerade erst dort mit allem an, es wird also noch eine Menge besonderer Dinge kommen! Auch unsere Accounts bei Instagram und Facebook werden ständig aktualisiert. Das ist eine coole Sache, da wir jetzt viele Fragen und Vorschläge von Fans bekommen und das inspiriert uns wirklich viel!

Wie ist die bisherige Resonanz der Fans auf „An Evening With AVATARIUM – Live In Stockholm January 2020“?

Extrem gut! Ich bekomme ständig Mails von Leuten, die es immer und immer wieder sehen und es immer noch lieben, so dass es sich wirklich toll anfühlt! Es gibt auch eine coole Sache, die man herunterladen und für immer behalten kann, wenn man möchte. Wenn ihr uns eine E-Mail sendet, senden wir euch auch ein PDF-Cover, das ihr ausdrucken könnt, damit ihr zu Hause eure eigene offizielle Bootleg-DVD erstellen könnt.

Die Einnahmen aus dem Film werden für die Aufnahmen des nächsten AVATARIUM-Albums verwendet. Also – was kannst du uns über das neue Album erzählen?

Ja, das ist auch eine großartige Sache, die jeden einzelnen Cent, den AVATARIUM bekommt, direkt zu den Aufnahmen des nächsten Albums bringt. Wir sind gerade dabei, Songs zu schreiben und wir sind zuversichtlich, dass es etwas Besonderes sein wird. Vielleicht etwas dunkler und mehr Metal als bisher, aber das könnte sich natürlich im Laufe des Prozesses ändern. Unser Hauptziel ist es, die besten Songs zu schreiben, die wir je gemacht haben. Das ist natürlich eine große Herausforderung, inspiriert uns aber auch sehr!

Wie wir alle wissen, begann AVATARIUM als Idee von Leif Edling, der auch die ersten Songs schrieb. Nach einigen Jahren ist Leif nun kein Bandmitglied mehr, außerdem hat er weniger zum Songwriting beigetragen. Für das letzte Album „The Fire I Long for“ schrieb er nur drei Songs. Also – wie viele Songs hat er für das nächste Album geschrieben und wie viel von Leif ist heutzutage in AVATARIUM? Wie siehst du die musikalische Entwicklung von AVATARIUM in den letzten Jahren und wo siehst du die größten Veränderungen und Unterschiede zwischen euren Alben?

Leif ist ein brillanter Songwriter und einer meiner engsten Freunde. Ich habe das Privileg, auch mit ihm als Produzent für CANDLEMASS zusammenzuarbeiten, daher habe ich viel gelernt, indem ich ihm beim Komponieren und seiner Herangehensweise an das Songwriting zugesehen habe. Wir wissen nicht, wie sehr er am nächsten Album beteiligt sein wird, aber er ist eingeladen, ein Teil davon zu sein, wenn er Zeit und Energie hat. Ich denke, jedes Album, das wir gemacht haben, ist auf seine Weise gut, aber meine Favoriten sind das erste und das letzte. Für uns war es wichtig zu experimentieren und Grenzen zu überschreiten, und vielleicht hat das neue Album deshalb die Möglichkeit, das bisher Beste zu sein. Wenn man nur Dinge nach dem Buch macht, lernen man nie etwas Neues und es ist auch schwieriger, in etwas Großartiges zu stolpern.

Bitte erzähle uns von deinem eigenen musikalischen Hintergrund. Wie bist du mit Musik und natürlich Heavy Metal in Kontakt gekommen? Welche Alben, Songs und Konzerte hatten den größten Einfluss auf dich und was hat dich dazu gebracht, Musiker zu werden?

Eigentlich war ich als kleines Kind klassisch ausgebildet und Musik war immer etwas, was ich einfach gemacht habe, ohne darüber nachzudenken. Aber was mich irgendwann wirklich interessiert hat, war Metal. Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, dass das etwas ist, was ich tun muss, und danach gab es kein Zrückschauen mehr. Ich lernte schon früh Bands wie SAXON, IRON MAIDEN und BLACK SABBATH kennen. Ich habe mich auch als sehr junges Kind in Yngwie Malmsteens erstes Soloalbum verliebt.

Ich begann mit 12 Jahren Gitarre zu spielen und übte ziemlich bald danach wie ein Verrückter. Ich war Autodidakt und stur. Sobald es einen Gitarristen im Fernsehen gab, schaute ich mir einfach alles an und versuchte davon zu lernen. Mein Vater nahm mich auch mit zu Konzerten von einigen der größten schwedischen Namen des Jazz und ich sah und lernte so viel wie möglich. Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, fing ich an, mich wirklich mit den Blues-Jungs zu beschäftigen, angefangen mit Jimi Hendrix und dann immer weiter zurück. Muddy Waters war unter vielen anderen einer der Favoriten.

Ich denke wirklich, dass DIO auch für mich sehr wichtig war. Ich erinnere mich, als ich seine Stimme zum ersten Mal auf dem „Holy Diver“-Album hörte und wie überwältigt ich von seiner großartigen Stimme war. Ich bin es eigentlich immer noch. Als Teenager war ich auch ein großer METALLICA-Fan. Ich habe besonders das Album „Master Of Puppets“ geliebt. Ich habe mich immer sehr für viele verschiedene Genres interessiert und bin es immer noch. Als kleines Kind konnte ich Simon & Garfunkel, dann QUEENSRYCHE und danach ABBA hören und es dann mit etwas BLACK SABBATH oder Bach aufpeppen.

Was ist deiner Meinung nach wichtiger in der Musik – perfekte Technik und musikalische Fähigkeiten oder Ausdruck dessen, was du bist und fühlst? Glaubst du, dass die modernen Fortschritte in der Computertechnologie bei den heutigen Aufnahmen einen Teil von Herz und Seele des menschlichen Elements weggenommen haben, wodurch es schwieriger wurde, sich von den Klassikern abzuheben?

Ich denke, das erste Ziel muss immer sein, Gefühle auszudrücken und zu versuchen, diese zu kommunizieren und sich zu verbinden. Ich glaube, es besteht eine große Gefahr darin, wie Musiker heutzutage zu gefesselt auf den Computer schauen. Die Sache ist, dass du das Raster sehen und dann entscheiden kannst, ob es ein guter Versuch war. Aber wenn man aufhört, die eigenen Ohren und Seele zu benutzen, wird die Musik dadurch schwächer und weniger interessant. Der Versuch, sich mit den alten Meistern zu messen, ist natürlich immer schwierig, aber wenn man nicht zielt, trifft man auch nichts.

Was habt ihr für die nächste Zukunft geplant?

Wir werden unseren Webstore sehr bald öffnen. Bitte abonniert unsere sozialen Medien, um weitere Informationen dazu zu erhalten. Der Kauf von Merchandise ist eine großartige Möglichkeit, die Band, die ihr mögt, zu unterstützen und sicherzustellen, dass sie weiterhin die Musik schreiben und aufführen kann, die ihr liebt.

Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören dir!

Versucht, positiv zu bleiben, und wir werden bald einen helleren neuen Tag sehen. Bitte checkt  unseren Konzertfilm und abonniert auch unsere sozialen Medien, damit wir kommunizieren können! Wir lesen alles und es ist sehr inspirierend und wichtig, diese Beziehung in diesen harten und seltsamen Zeiten zu haben. Passt auf euch auf und vergesst nicht, uns eure Gedanken zum Konzertfilm mitzuteilen! Viel Liebe von AVATARIUM!

Link zum Konzert

Galerie mit 21 Bildern: Avatarium - Rockharz 2018
16.10.2020

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

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