Disillusion
Interview mit Frontmann Andy zu "Gloria"

Interview

„Gloria“ – das suggeriert Pracht und Glanz, monumentale Schönheit und Erhabenheit. Für DISILLUSION bedeutet „Gloria“ einen Befreiungsschlag und ein Sich-jeglichen-Konventionen-verweigern. Erwartungshaltungen sind nichts weiter als nebensächliche Randerscheinungen, die auf die Vision dieser Band keinen Einfluss haben. Sänger und Frontmann Andy (ehemals Vurtox) hat „Gloria“ für uns seziert und dabei mehr zu Tage getragen, als wir erwartet hatten. Teilweise selbstreflexiv eröffnet er Sichtweisen, die er zwar selber sofort zu relativieren versucht, die aber doch einen nicht zu übersehenden Stellenwert auf „Gloria“ einnehmen. Die Charakterisierung „Gloria“s als „ostdeutsches Album“ erscheint vielleicht zunächst absurd, ergibt aber – sicher auch durch eine gehörige Portion Zeitgeist – schnell einigen Sinn. In vielerlei Hinsicht stellt „Gloria“ das blanke Gegenteil zu seinem Vorgänger „Back To Times Of Splendor“ dar und ist damit nicht nur das vielleicht mutigste Album der letzten Jahre – denn wer hätte angesichts des Erfolgs nicht auf Nummer sicher gesetzt? – sondern auch eines der innovativsten. „Gloria“ ist grenzenlos.

Disillusion

„Gloria“ ist sehr überraschend ausgefallen. Ich denke, kaum jemand hat mit so einem Album gerechnet. Wie kam es zu diesem krassen Stilwechsel: war es eine bewusste Veränderung, kam er zufällig, oder wolltet ihr gar den Leuten vor den Kopf stoßen?

Um hinten anzufangen: es geht bestimmt nicht darum, irgendjemandem an den Karren zu fahren. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. In den Vorgänger „Back To Times Of Splendor“ haben wir so viel Herzblut, so viel Leben und ganze Fleischstücke gesteckt. Dieses sehnsüchtige Streben nach einer absoluten, verklärten Perfektion haben wir bis zum Ende getrieben. Als wir die Platte abgeschlossen hatten, und auch selbst mit ihr abgeschlossen hatten, war klar, dass wir dem nichts mehr hinzufügen werden. Die Ansage, dass sich etwas ändern wird, war demnach nicht falsch. Dass es sich allerdings so ändern würde, wie es sich nun auf „Gloria“ zeigt, war allerdings nicht klar. Es ist weniger eine Band-Outfit-Änderung oder eine Stilistik-Änderung, sondern vielmehr eine konzeptionelle Gestaltung für die Platte. Das war bei „Back To Times Of Splendor“ nicht anders, allerdings hat sich das Album um einen ganz anderen Aspekt in unserem Leben gedreht. „Gloria“ verfolgt einen wesentlich urbaneren Aspekt und thematisiert unsere Herkunft. Gut, Leipzig ist jetzt keine Riesenweltstadt, wo es ständig brummt, aber dennoch eine Großstadt, die genug Ansätze liefert. Wir haben uns selbst verarbeitet, wie wir uns in unserem großstädtischen Umfeld sehen. Und das vor dem Hintergrund, dass wir eben aus dem Osten kommen, auch nicht mehr die Jüngsten sind, und die Wende noch bewusst mitbekommen haben. Das ist vielleicht alles mit eingeflossen. Wenn überhaupt, dann ist „Gloria“ eine lokale und in diesem Zusammenhang sehr persönliche Platte geworden.

Du hast eben erwähnt, dass ihr nicht absichtlich so viel verändert habt. Aber im Endeffekt habt ihr ja wirklich alles verändert: angefangen beim Bandlogo, du hast dein Pseudonym abgelegt, die Musik hat sich verändert, ihr seid viel visueller geworden – wenn man bspw. an die ganzen Trailer zum Album denkt… mehr kann man an einer Band wohl nicht verändern!

Das ist eine Sache, die uns jetzt langsam bewusst wird. Jetzt kommt „Gloria“ raus, und bildet den Abschluss einer Entwicklung, die über Monate gelaufen ist. Es ist mir völlig bewusst, dass es wirkt, als käme alles auf einen Schlag. Eine neue Corporate Identity und jetzt wollen wir’s wissen, oder so… So ist es aber nicht. Es ist eine Sache, die sich mit der Zeit so ergeben hat. Wenn die Kritiker und die Leute, die sich an den Karren gefahren fühlen, vielleicht irgendwann entdecken, was „Gloria“ sein kann, würde ich mich sehr freuen, wenn DISILLUSION als Band wahrgenommen würde, die sich darauf konzentriert, was sie jeweils macht. Weniger, dass wir ständig an der Perfektion einer einzigen Sache arbeiten, sondern eher, dass wir in einer Dauerentwicklung stehen und uns auf einzelne Werke konzentrieren, in dieser Sache dann aber wirklich alles geben. „Alles“ beihaltet in dem Fall aber, dass sich eben auch eine Darstellung ändern muss. Ein Logo ist nichts in Stein gemeißeltes. Für gewisse Sichtweisen ist das natürlich kontraproduktiv – das stimmige Gesamtbild ist uns da aber deutlich wichtiger als eine Kombination von Dingen, die nicht wirklich zu kombinieren sind. Wir finden, dass es gnadenlos passt.

Norman: Als ich das Album zum ersten mal gehört habe, war es sehr schwierig für mich, da ich eine Fortsetzung von „Back To Times Of Splendor“ erwartet hatte. Ich dachte mir dann, dass ich das Album entweder nicht verstehe oder es einfach das innovativste Album der nächsten Jahre ist.

Das zu kommentieren wäre jetzt ziemlich arrogant, oder? (schmunzelt) Ich glaube schon, dass „Gloria“ wahnsinnig innovativ ist. Es ist ein riesengroßer Fingerzeig. Nicht im Sinne von an-den-Karren-fahren, diese Trennung ist mir wichtig! Es ist ein Fingerzeig. Und zwar mit dem Stinkefinger. An Konventionen, an Genres. Es ist ein Statement für Moderne, die im Metal einfach viel zu wenig Einzug gehalten hat. Es passiert nichts, und ich wage zu behaupten, dass es im Metal wenig gibt, was der Innovation von „Gloria“ gleichkommt. „Gloria“ ist unsere Ansage.

Die Reaktionen auf „Back To Times Of Splendor“ waren ja himmelhochjauchzend. Das toppen zu sollen, muss ein ganz schöner Druck gewesen sein. Von daher wirkt „Gloria“ auch wie eine Flucht nach vorn. Man macht etwas komplett anderes, um sich Vergleichen so weit wie möglich zu entziehen.

Wie ich eingangs schon sagte: ich sehe es so, dass „Back To Times Of Splendor“ nicht erweiterbar oder verlängerbar ist. Es wird nicht in eine zweite Runde gehen, weil es trotz seiner Offenheit genau da vorbei war, wo es vorbei war. Die Platte war nach 53 Minuten einfach nicht fertig – das weiß man, wenn man sie anhört – aber das war Absicht und Teil des Programms. Da wieder anzusetzen hatte etwas von Zerstören. Natürlich hätten wir es hinbekommen, wieder Melodien und Riffs zu bauen und diese Schiene auch gesanglich oder visuell weiterzufahren. Letztendlich, und das will ich betonen, war es aber nicht der Druck, das toppen zu müssen. Es war für uns die Endlichkeit der Geschichte. Die Endlichkeit der drei Jahre, die es gedauert hat, war für uns letztendlich der Grund zu sagen, wir hören danach einfach auf und bauen nicht an etwas herum, das wir eigentlich auch gar nicht wollen. Warum sollten wir das tun? Wer zwingt uns denn? Vor „Back To Times Of Splendor“ hat uns auch niemand gezwungen. Und auf diesen Zug will ich erst gar nicht aufspringen, jetzt bereits nach der ersten Platte schon herumpokern zu müssen. Zu „Gloria“ haben wir uns vier Monate lang eingeschlossen und gesagt ’scheiß drauf, wir machen jetzt erst einmal alles, was geht‘. Da ist ein Haufen Kram entstanden, von dem vieles natürlich nicht der Rede wert war. Aber der Spirit war uns wichtig: das Herauslassenkönnen und nicht darüber nachdenken zu müssen. Es ist wahnsinnig viel entstanden, was im Endeffekt „Gloria“ geworden ist.

Es gibt eigentlich nichts, was „Gloria“ nicht beinhaltet. Es steckt Metal drin, es stecken Elektronika drin, es steckt Doom drin, es steckt Prog drin… ich frage mich, wie danach noch eine Differenzierung möglich sein soll.

Ich weiß nicht, was passieren wird. Die Platte ist jetzt seit sechs Wochen fertig und wir haben noch keinen Abstand gefunden. Jetzt kommt erst einmal der obligatorische Rückzugsprozess. Man wird sehen, was passiert.

Hat „Gloria“ auch einen textlichen roten Faden, wie ihn „Back To Times Of Splendor“ hatte?

Nicht direkt, nein. Durch dieses viermonatige Abnabeln sind so viele verquere Ideen und Textfragmente entstanden, die zum einen spontan, zum anderen aber auch gnadenlos direkt waren. Wenn man sie auf dem Album akustisch versteht, dann sind sie bitter, böse, finster und extrem zynisch. Das Gefühl, das diese Textfragmente vermitteln, durch ein Aufbauschen wieder aufzuweichen, wollte ich tunlichst umgehen, und habe mich nur auf die Fragmente an sich konzentriert. Dabei ist nicht unbedingt ein roter Faden entstanden, aber dafür sehr kernige Aussagen. Eine Verwobenheit der Texte besteht natürlich, aber weniger eine inhaltliche als eher eine assoziative. Letztendlich sind sie alle sehr zynisch, sehr distanziert und geradezu angewidert.

Was hat die neue visuelle Komponente der Band mit ihrem Sozialismus-Charme damit zu tun?

Rein gar nichts.

Das wirst du mir nicht erzählen wollen!

Es wäre zuviel, zu behaupten, dass „Gloria“ ein Statement zu unserer frühesten Jugend im Osten geworden ist. Bei diesem Punkt würde ich mich sehr zurückhalten wollen. Das ist – wenn überhaupt – nur als Art Fotografie eingeflossen, und war kein grundlegender Plan. Es geht auch beim Logo in seiner Eckigkeit, seiner Beton- und Klotzartigkeit eher um das Visuelle und Assoziative. Ich will der Antwort aber nicht aus dem Weg gehen. Es ist ja nichts Verwerfliches, dass „Gloria“ eine Platte ist, die aus dem Bauch kommt. Ob man nun will oder nicht – sie kam vollkommen aus dem Bauch: alle Texte und alles, was passiert ist. Und das zu ändern, wäre meiner Meinung nach tödlich gewesen. Ich nehme es so hin, wie es geworden ist, höre mir das Album an und muss denken ‚holla, ist das an dieser Stelle zynisch geworden‘ und ‚hui, ist es extrem „charmant“ an der anderen‘. Es wäre zuviel zu sagen, es sei eine Aufarbeitung der Jugend und in diesem Zuge ein ostdeutsches Album. Das wäre zuviel, aber es ist in der Tat eingeflossen. Am Ende ist es optisch direkter als musikalisch.

Was ist der deutsche Aspekt an der Platte?

Ich glaube die Platte geht nicht ohne Leipzig. Ob man es glaubt oder nicht: Leipzig ist auf der einen Seite eine Stadt, die wie jede ostdeutsche Stadt quasi zerfällt, auf der anderen Seite brummt es ohne Ende. Es herrscht Leben und vor allem unorthodoxe Sichtweisen und Handlungen machen sich breit. Im Sinne von ‚OK, wenn ich etwas nicht konventionell lösen kann, mach ich es eben anders‘. Und das nicht irgendwie hintenrum, sondern einfach anders. Da kommen Ideen, es brummt und es lebt geradezu! Und das in einer überhaupt nicht klinischen Landschaft, denn selbst die verändert sich ständig. Alles reagiert miteinander. Das ist ein sehr spezielles Lebensgefühl. Vor allem hat Leipzig auch eine lange Geschichte. Ich muss ja nur an ’89 erinnern, obwohl das – wie gesagt – auch wieder zuviel wäre… Aber das schwebt auch in der Stadt, in der wir seit über zehn Jahren leben.

Wenn die Platte insgesamt so zynisch und düster ist – wie passt dann der Titel dazu? Denn „Gloria“ ist allein von der Bedeutung her nicht so weit weg von den „Times Of Splendor“.

Ich kann ja versuchen, dir eine pseudo-philosophische Antwort dazu zu geben. (schmunzelt) „Des einen Leid ist des anderen Freud“ könnte vielleicht am ehesten als zusammenfassender Grund dienen, warum „Gloria“ ein guter Titel ist. Völlig abgesehen davon, dass es ein Frauenname ist. Denn das ist ein Aspekt, der bei DISILLUSION auch schon immer wichtig war: Frauen und Sexualität. Das Sprichwort passt insofern, als dass die reine Assoziation mit Pracht, Sieg, Heroentum und Glanz immer zu Lasten von irgendjemandem geht. Selbst das übersteigerte Ego des einen schadet einem anderen. „Gloria“ ist ein Wort, das in unserem Kulturraum einfach enorm wichtig ist, weil es in so vielen Bereichen passt und so viele Bedeutungen annehmen kann. Zur Musik passt der Titel vielleicht auch weniger inhaltlich, sondern eher durch seine Vielzahl an Bedeutungen. Diese Offenheit hat uns gereizt. Der Titel passt zu jedem Song auf eine andere Weise.

Seid ihr selber Zyniker?

In Gedanken ja. Es kommt zum Glück nicht immer alles so konkret heraus, aber in Gedanken schon. Es war wichtig für das Album, jemanden ans Mikro zu stellen – und das ganz unabhängig von mir –, der noch über der Mucke steht. Jemand mit Rückgrat. Das hat sich aber auch automatisch ergeben, wie mit den Textfragmenten, was ich vorhin erwähnt habe. So ist „Gloria“ auch zu einer Abrechnung geworden. Mit uns selber und mit anderen. Es lief viel Scheiße. Wir waren insgesamt 18 Monate im Studio, haben uns dort viel angepisst, und so sind viele Teile auch eine Aufarbeitung von mentalen Geschichten. Aber das ist nicht schlimm, denn es ist wieder nur ein Statement oder eine Momentaufnahme. Ich wollte „Gloria“ keinesfalls inhaltlich überlasten. Denn „Back To Times Of Splendor“ war das schon. Es war angereichert mit Milliarden Bildern, bei denen ich gar nicht mehr wusste, wo ich sie noch hinpacken sollte. Ich wollte mir auch selber eine Art Kontrastprogramm auferlegen, und es einfach mal wieder grooven lassen.

Das mag textlich vielleicht stimmen. Aber musikalisch finde ich „Gloria“ um einiges komplexer.

Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die Welt das so aufnimmt. Aber das hören wir derzeit so oft, dass es wohl so sein wird. (lacht) Vordergründig geht „Gloria“ schon durch: es gibt kaum Taktwechsel, die einen rausbringen oder so etwas. Rhythmisch ist es nicht progressiv in dem Sinn, dass jetzt wahnsinnig viel passiert. Aber sich nach vier Minuten wieder auf eine ganz andere Welt einstellen zu müssen, ist teilweise schon hart. Manche Übergänge sind schon recht heftig.

Eine wichtige Frage natürlich: wie funktioniert das neue Material live? Verwendet ihr viele Samples?

Viele der Loops wurden bei den Aufnahmen tatsächlich auch gespielt und werden größtenteils auch live gespielt. Zumindest die, bei denen es geht. Bei anderen gibt es ja Layer, die übereinander laufen, was dann natürlich vom Band kommt. Da wir immer noch keinen Basser haben, kommt der leider auch immer noch vom Band.

Die DARK SUNS stehen jetzt ja auch ohne Bassisten da. Ist es in Leipzig denn so schwer, jemand passendes zu finden?

Wir finden halt niemanden. Ob das jetzt an Leipzig liegt, weiß ich nicht. Es wird mit der Zeit natürlich immer schlimmer.

Letztes Jahr hattet ihr ja für eine kurze Zeit jemanden…

Ja, für ein paar Monate. Das wäre auch gut gegangen, hätte die persönliche Seite gestimmt. Was soll man da machen? Als Basser ist Ralph Willets ein grandioser Mann. Wir haben mit ihm „Back To Times Of Splendor“ live neu betrachtet und eine total andere Welt entdeckt! Das hat geknallt! Diese Situation nervt mich einfach… Wir spielen jetzt bis Dezember jedes Wochenende, hoffen dann, dass eine Tour kommt, und da kannst du keinen Session-Basser einsetzen. Du kannst nicht Session-Basser sein und dann doch jedes Wochenende da sein und unter der Woche auch noch proben. Das funktioniert nicht, das macht keiner mit. Die einzige Möglichkeit ist ein festes Mitglied, und da muss einfach mehr stimmen. Also: Aufruf! Wer Bock hat, der melde sich!

Galerie mit 18 Bildern: Disillusion - Leafmeal Festival 2015
14.10.2006

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