Harakiri For The Sky
Alles andere würde mich zu einem schlechten Poeten machen

Interview

Mit „Mære“ veröffentlichen HARAKIRI FOR THE SKY am 19.02.2021* ihr fünftes Studioalbum. Die fast eineinhalb Stunden Laufzeit stellen für die Österreicher einen neuen Rekord im Bereich Quantität dar. Auch an der Qualität mangelt es HARAKIRI FOR THE SKY aber selbstredend nicht, und das gilt auch für die Auswahl der Gäste auf dem Album. HARAKIRI FOR THE SKY-Fronter J.J. gibt im Interview Einblicke in den Schaffensprozess, die Zusammenarbeit mit Neige von ALCEST und einen Fehler mit Folgen.

Bild Harakiri For The Sky Logo

Die Alben von HARAKIRI FOR THE SKY waren nie wirklich kurz, aber „Mære“ ist nun euer bislang längstes geworden. Die Laufzeiten der Stücke sind dabei recht unterschiedlich. Wie entscheidet sich im Prozess, welches Stück wie viel Raum benötigt?

J.J.: Das ist immer schwer zu sagen. Es ist im Grunde reine Intuition. Manchmal ist ein Song schon bei neun Minuten, und dann kommt trotzdem noch ein Abschluss, ein Mittelteil, ein anderes oder längeres Intro dazu. Im Endeffekt ist das ein Prozess, den man durchläuft und der manchmal schneller geht und manchmal länger dauert. Irgendwann hat man als Künstler dann das Gefühl, dass es reicht und man genug Inhalt oder Melodien reingepackt hat.

Beim Texteschreiben ist das übrigens genauso. Da wiederholen sich manchmal eben auch Teile, weil sich etwas wie ein Refrain anhören soll oder man dem Ganzen mehr Ausdruck verleihen will. Oder auch, weil schon alles gesagt ist und man lieber etwas wiederholt, statt etwas ‚dazuzubasteln‘. Das gilt für die Musik wie für die Texte. Wie lange ein Song sein muss, liegt eben einfach in der Intuition des Künstlers. Beim Hardcore, Punk, Grunge oder anderen Genres, in denen Songs dreieinhalb bis fünf Minuten lang sind, reichen oft fünf oder sechs verschiedene Teile. Bei uns sind es eben zwölf bis dreizehn verschiedene Teile, die dann jeweils vierzig Sekunden dauern.

Bild Harakiri For The Sky Bandfoto 2020

Harakiri For The Sky sind (v. l.): M.S. (Instrumente), J.J. (Gesang). Foto: Anne Catherine Swallow

Gibt es auf „Mære“ Stücke, bei denen der Schaffensprozess besonders war oder bei denen ihr euch vielleicht sogar ein wenig schwergetan habt?

J.J.: Ich bin jetzt nicht mehr sicher, welche Stücke es genau waren – ich bin im Endeffekt ja doch nur Sänger und Texter – aber ich kann mich erinnern, dass Matthias mir ein halbes oder dreiviertel Jahr nachdem „Arson“ rausgekommen ist, die ersten Songfragmente in Guitar Pro, einem Notensatzprogramm für Gitarrentabulaturen, gezeigt hat. Da war es schon so, dass nicht immer gleich der ganze Song fertig war, sondern einige Teile auch mal länger gelegen haben, bevor ihm eingefallen ist, was er damit machen könnte.

Andere Songs schreiben sich dann innerhalb von ein oder zwei Tagen, wenn man sich reinhängt und die Passion und die Muse dafür hat. Ein konkretes Beispiel kann ich dir leider nicht nennen, denn die Tabulaturen hören sich ganz anders an als der eingespielte Song. Wenn ich die Songs das erste Mal komplett zu hören bekomme, ist das meist schon die Preproduction, einige Monate, bevor es ins Studio geht. Das hört sich dann noch mal anders an und ist vielleicht sogar noch mal abgeändert.

Aber es ist ja trotzdem genug Material übrig geblieben, deshalb haben wir jetzt auch dieses lange Album. Aber wie du schon gesagt hast, waren die Alben ja nie kurz. Abgesehen vom Debüt und vielleicht „Aokigahara“. Das waren nur etwas mehr als sechzig Minuten, glaube ich.

„Nur“…

J.J.: Ja, ich darf da ja gar nichts sagen. Bei meiner anderen Band KARG ist auch kein Album kürzer als achtzig Minuten. Das liegt auch einfach an diesem Langatmigen im Postrock. Deshalb brauchen die Songs auch so viel Zeit und Raum. Du hast diese ganzen Clean-Passagen und so weiter. Das zieht sich dann alles. Du fängst mit zwei oder drei Gitarren an. Dann kommt nach sechzehn Takten eine vierte dazu. Dann kommt nach zweiunddreißig Takten noch eine andere kleine Nuance, zum Beispiel ein Klavier, dazu. Dann bist du schon bei vierzig Sekunden Aufbau. Wenn du das dann sechs oder sieben Mal pro Song hast und es zudem noch vom Cleanen ins Verzerrte übergehen lässt, vergeht einiges an Zeit.

Bild Harakiri For The Sky - Mӕre Cover

Harakiri For The Sky – „Mӕre“-Cover

Kommen wir mal zu deinem Part bei HARAKIRI FOR THE SKY, den Texten. Die sind immer sehr introspektiv und persönlich. Gibt es auf „Mære“ Texte, die dir besonders nahegehen oder bei denen es schwierig war, sie so nach außen zu tragen?

J.J.: Ich habe da Gott sei Dank generell wenige Skrupel. Alles andere würde mich auch zu einem schlechten Poeten machen. Mir wird oft von mir nahestehenden Personen oder guten Freunden vorgeworfen, dass ich so einen Seelen-Striptease veranstalte, weil ich eben alles, was in mir steckt und was mich beschäftigt, so intensiv nach außen kehren muss. Ich finde aber, dass so etwas für einen Songwriter oder Musiker nur von Vorteil ist, weil man auf diese Art wirklich ehrlich und authentisch sein kann.

Im Bereich Literatur habe ich immer viel von [Charles] Bukowski, [William] Faulkner und [Ernest] Hemingway gelesen. Das ist auch alles nicht wahnsinnig kompliziert geschrieben, aber dafür geradeheraus. Nicht überphrasiert, aber doch mit einem gewissen, schönen Ausdruck formuliert. Das versuche ich auch in meinen Texten rüberzubringen. Dass da auch viele intime Gedanken darunter sind, das bin halt einfach ich. Alles, was ich als Person im Zwischenmenschlichen nicht bin – also extrovertiert und so weiter – bin ich dann eben, was meine Musik oder meine Texte anbelangt.

Hemingway ist ein gutes Stichwort. Mir ist da in „Three Empty Words“ nämlich ein Zitat aufgefallen, das ihm oft zugeschrieben wird.

J.J.: That is how the light gets in.

Genau. Das hat für HARAKIRI FOR THE SKY einen fast positiven Klang. Da habe ich mich gefragt, ob das nicht eher sarkastisch gemeint ist.

J.J.: Ich finde, das ganze Zitat – auch von Hemingway selbst – ist ja eigentlich ein bisschen zynisch und sarkastisch gemeint. Glaube ich. Auch wenn es eigentlich eher einen positiven als einen negativen Touch hat. Er sagt ja, „wir alle sind zerbrochen, aber das ist wichtig, denn irgendwo muss auch das Licht hineinscheinen können“. Das hat etwas Schwermütiges, denn es bedeutet im Endeffekt, dass wir alle kaputt sind, aber uns das auch besonders macht. Das zeigt ja auch, dass man fühlt und nicht aus Stein ist. Deshalb finde ich, dass es zwar einen positiven Touch hat, aber dabei auch traurig ist.

Auf „Mære“ habt ihr als Gastsänger Neige von ALCEST und die anonyme Stimme von GAEREA dabei. Wie war die Zusammenarbeit und wie kam es dazu?

J.J.: Ich verstehe mich auch gut mit Neige, aber es ist eher Matthias, der mit ihm in Kontakt steht. Die schicken sich auf Facebook immer Youtube-Links hin und her, um sich Bands zu empfehlen. Wenn man im Sommer auf den Festivals spielt, läuft man sich öfter über den Weg und Neige hat schon recht früh durchblicken lassen, dass er HARAKIRI FOR THE SKY ganz gut findet. Das hat uns natürlich gefreut, denn wir sind irrsinnige ALCEST und AMESOEURS-Fans, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Wir waren uns dann nicht sicher, im Sinne von, „sollen wir den fragen?“ „Das interessiert den sicher nicht, HARAKIRI FOR THE SKY ist eine viel zu unbekannte Band“, und so weiter.

Irgendwann haben wir uns dann gedacht, mehr als nein sagen kann er nicht, den schreiben wir jetzt einfach mal an. Er hat dann sofort ja gesagt. Eigentlich war geplant, dass er während der ALCEST-Tour, die kurz vor dem Lockdown noch stattgefunden hat, vor dem Konzert in Wien kurz für eine halbe, dreiviertel Stunde zu uns ins Studio kommt. Das hat aber zeitlich leider nicht geklappt. Er wollte sich dann einfach später in Paris selbst um ein Studio kümmern. So eine Gesangsaufnahme ist nicht kompliziert und Neige könnte das wahrscheinlich sogar selbst, hat aber vermutlich nicht das passende Equipment. Außerdem kann man in Paris wahrscheinlich nicht einfach so in seinem Apartment rumschreien.

Konzertfoto von Harakiri For The Sky - Full Force Festival 2019

J.J. auf der Bühne mit Harakiri For The Sky – Full Force Festival 2019

Doch da kam der Lockdown dazwischen, der dort um einiges drastischer war als bei uns. Er hat jedenfalls kein Studio gefunden, das das mit ihm machen wollte. So war alles erst gegen Ende Mai fertig und wir konnten auch erst später mischen. Deshalb haben wir „Mære“ auch von September auf Januar verschoben. Auch, weil wir gehofft haben, dass man dann wieder normal touren kann. Da waren wir ein bisschen naiv [lacht], aber hätte ja sein können.

Der Gastgesang von Voice of GAEREA kam dadurch zustande, dass Matthias vor ein paar Jahren recht häufig in Portugal war und sich die beiden da kennengelernt haben. Seitdem sind sie relativ gut befreundet. Wir fanden, ein zweiter Gastgesang wäre schon noch cool, und haben dabei direkt an ihn gedacht. Ich komme mit ihm auch gut aus, und er ist so wie ich eher ein Hardcore- als ein Metalkind und hört die gleichen Sachen, zum Beispiel CONVERGE und MODERN LIFE IS WAR. Man kann mit ihm auch super über Tätowierungen quatschen. So weit ich mich erinnern kann, ist er selbst Tätowierer.

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Quelle: J.J., Harakiri For The Sky
22.01.2021

headbanging herbivore with a camera

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