Scar Symmetry
Henrik Ohlsson im Interview zu "Holographic Universe"

Interview

Mit „Symmetric In Design“ veröffentlichten SCAR SYMMETRY vor drei Jahren ein wegweisendes Progressive-Melodic-Death-Metal-Meisterwerk, wie man es in seiner atemberaubenden Schönheit nur ganz selten erlebt, um kurz darauf mit „Pitch Black Progress“ noch einen weiteren Schritt nach vorn zu machen und den eigenen Status zu festigen. Jetzt steht mit „Holographic Universe“ bereits der dritte Longplayer in den Startlöchern, mit dem sich die Schweden diesmal haarscharf an der Grenze zur Perfektion bewegen und ein homogenes Album abgeliefert haben, das mindestens genauso euphorisch abgefeiert werden wird wie seine Vorgänger. Kurz nachdem das neue Album im Kasten war, stand Schlagzeuger und Songwriter Henrik Ohlsson am Telefon Rede und Antwort und gab nicht nur wissenswerte Details über die bandeigenen Themenbereiche preis, sondern erklärte auch, warum ihn das Ende der Welt nicht wirklich beunruhigt…

Scar Symmetry

Als ich euer neues Album „Holographic Universe“ zum ersten Mal gehört habe, sind mir sofort einige Unterschiede zu euren vorherigen Werken aufgefallen. Auf dem neuen Longplayer klingt alles viel melodischer und auch der Rhythmus der Drums kommt deutlicher zur Geltung, was mich schon etwas überrascht hat…

Ich weiß nicht ob das Album wirklich melodischer ist, wir waren schon immer sehr melodisch…

Ja, aber „Symmetric In Design“ und „Pitch Black Progress“ sind gefühlsmäßig sehr viel aggressiver…

Wir schreiben unsere Songs ohne bestimmte Absicht, immer so, wie wir uns im Augenblick fühlen und immer so, wie wir zu diesem Zeitpunkt inspiriert sind. Es steckt also keine bestimmte Philosophie dahinter, heute so und im nächsten Moment wieder anders zu klingen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess.

Stichwort „Entwicklung“. Eure beiden ersten Alben drehen sich thematisch um die Entstehung, um die Schöpfungsgeschichte und auch um die Auslöschung des Planeten bzw. dem Aussterben der menschlichen Rasse, was sehr eingehend auf „Pitch Black Progress“ zu verfolgen ist. Ist „Holographic Universe“ die thematische Konsequenz aus euren beiden ersten Alben? Kann oder soll man die drei Werke sogar als eine Art Trilogie betrachten?

Nicht unbedingt…nein. „Pitch Black Progress“ spiegelt eine düstere Sicht der Welt wider, während sich „Holographic Universe“ mit dem anderen Element der Welt beschäftigt: Licht. Deshalb ist dieses Album auch sehr viel positiver, Utopia also. (lacht) Während „Pitch Black Progress“ noch als eine Art Dystopia zu sehen ist und thematisch mit Endzeitvisionen spielt, bewegt sich „Holographic Universe“ auf gewisse Weise eher im Rahmen eines fröhlicheren Konzepts. Damit meine ich natürlich nicht sowas wie glückliche Menschen, Blumen und allgemeine Zufriedenheit (lacht), sondern es dreht sich diesmal mehr darum zur inneren, eigenen Stärke zu finden und alles dafür zu tun, dieses Ziel auch zu erreichen.

Tatsächlich hatte ich beim Hören des Albums bereits dieses Gefühl, positiver leben zu wollen und sich über dunklere Zeiten zu stellen. Besonders gelungen ist, dass es auf „Holographic Universe“ wahnsinnig viel zu entdecken gibt. Dabei ist mir ganz besonders „Ghost Prototype“ I und II im Gedächtnis geblieben. Wovon handeln die beiden Teilen und was hat euch dazu inspiriert, diesen Song zu schreiben und in genau diese zwei Teile zu teilen?

„Ghost Prototype“ greift die Themen der vorherigen Alben noch einmal auf und führt sie weiter. Auf „Pitch Black Progress“ handeln viele Songs davon, wie die Welt versklavt und die Menschheit von einer einzigen Weltregierung kontrolliert wird. „Ghost Prototype“ beschreibt, wie die Menschen versuchen sich aus ihrer Versklavung zu befreien und sich von der Weltregierung zu lösen. Im ersten Teil beginnen die Menschen zu begreifen, dass man sich nicht allen Lügen der Regierung beugen muss und im zweiten Teil befreien sich die Menschen endgültig aus der Versklavung der Massenmedien und derjenigen, die ihnen täglich eintrichtern an was sie glauben müssen, was richtig und falsch ist und was sie zu tun haben…genau das geschieht bei uns tagtäglich (lacht), wenn du mal darüber nachdenkst. Aber es gibt auch alternative Sichtweisen der Welt. Jedenfalls…in „Ghost Prototype“ beginnen die Menschen endlich für sich selbst zu denken.

Das ist auch meine Meinung…wir alle sind in der Tat sehr von den Medien beeinflußt. Habt ihr eigentlich auch diesmal wieder gemeinsam am Songwriting gearbeitet?

Jeder in der Band spielt eine ganz bestimmte Rolle: Jonas und Per, unser Gitarrist, schreiben immer die Musik. Christian hat sich diesmal zu 99 Prozent um die Vocal-Lines gekümmert und ich bin immer für die Lyrics verantwortlich. So arbeiten wir bereits seit unserem ersten Album.

Soll denn auch diesmal wieder ein Video gedreht werden?

Ja, darüber diskutieren wir bereits, aber ich weiß noch nicht so genau, wann wir mit den Dreharbeiten beginnen werden…

Welche Songs waren bereits im Gespräch?

Nuclear Blast will uns noch eine Idee präsentieren, aber Genaueres weiß ich jetzt im Moment noch nicht. Vielleicht ist die Idee gut, aber vielleicht entscheiden wir uns auch für einen anderen Song…wir müssen mal schauen. Letztendlich müssen wir alle mit der Idee glücklich und einverstanden sein, und erst dann geht’s los.

OK. Laß uns jetzt mal die administrative Seite etwas genauer betrachten. Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass „Pitch Black Progress“ für euch als Band ein finanzielles Desaster war, weil ihr damals zum Beispiel auch die Produktion komplett auf eure Kappe genommen habt. Konntet ihr diese Situation in den Griff bekommen? Was lief diesmal anders?

Diesmal haben wir einfach versucht die Songs schneller aufzunehmen. An den Aufnahmen für „Pitch Black Progress“ haben wir gute drei Monate gearbeitet und diesmal hatten wir alles innerhalb von zwei Monaten im Kasten (lacht). Wir mussten uns einfach beeilen, denn vor allem Jonas, dem das Studio gehört, in dem wir aufgemommen haben, kann es sich nicht leisten, das Studio für eine längere Zeit zu blockieren und somit auch ’ne Menge Kohle zu verlieren.

In letzter Zeit höre ich immer wieder Leute, die nicht gerade überrascht klingen, wenn ihnen etwas als schwedischer Melodic Death Metal schmackhaft gemacht werden soll. Es gibt sogar viele kritische Stimmen, ganz besonders gegen IN FLAMES, SOILWORK und neuerdings auch ASSAILANT – obwohl gerade diese Band viele neue Elemente aus dem Thrash- und Power-Metal mit in ihren Stil einbringt – weil angeblich alles irgendwie gleich klingt. Also…was hat SCAR SYMMETRY deiner Meinung nach zu bieten, was die anderen nicht haben? Was ist das „besondere Etwas“ an SCAR SYMMETRY?

Um ehrlich zu sein denke ich nicht, dass wir besonders gut in die Melodic-Death-Metal-Ecke passen. Wir haben unseren Stil auch nie als Melodic Death Metal gesehen, aber unser Label und viele Reviewer haben uns in diese Ecke gestellt. Wir spielen Metal, und das genau so, wie wir ihn mögen. Ich kann verstehen, wenn man uns aufgrund der Kombination von Death-Metal- und Clean-Vocals als Melodic Death Metal kategorisiert, aber wir sind diesbezüglich nicht so festgefahren wie andere Bands, die tatsächlich diesem Genre zugeordnet werden können. Unsere Einflüsse stammen aus den Achtzigern, vom Heavy Metal und auch progressive Elemente wirst du bei uns finden, etwas, das du zum Beispiel bei IN FLAMES kaum hören wirst. Deshalb freut es mich auch, wenn die Leute unseren eigenständigen Sound einfach als SCAR-SYMMETRY-Musik begreifen und uns nicht so stark kategorisieren und mit anderen Bands vergleichen.

Wie würdest du denn spontan – die typischen Themen, über die ihr singt, im Hinterkopf behaltend – eure Musik bezeichnen?

Eine Bezeichnung wie „Progressive Space Metal“ oder sowas ähnliches wäre sicherlich irreführend, wenn man die Musik vorher niemals gehört hat. Außerdem sagt eine solche Bezeichnung nichts über die Musik aus. „Metal“ – das ist der einfachste Weg SCAR SYMMETRY zu beschreiben (lacht). Wir verarbeiten so viele Einflüsse aus den unterschiedlichsten Genren, so dass „Metal“ als Oberbegriff schlichtweg am passendsten ist.

War jemand von euch eigentlich ganz besonders an wissenschaftlichen Themen interessiert, zum Beispiel in der Schule? Denn wenn man Titel wie „Calculate The Apocalypse“ oder „Trapezoid“ liest, könnte man durchaus auf diesen Gedanken kommen…

Da ich alle Lyrics schreibe, komme ich auch mit diesen ganzen schrägen Konzepten und Titeln um die Ecke (lacht). Aber ich war nicht sonderlich an den wissenschaftlichen Fächern in der Schule interessiert, sondern immer schon sehr viel mehr an alternativen Wissenschaften und Sichtweisen der Dinge um uns herum. Es fasziniert mich, neue Sichtweisen und Erkenntnisse in unseren Songs zu verarbeiten und damit vielleicht sogar einige Leute zum Nachdenken anzuregen. Das bringt Originalität und Frische mit in unsere Musik. Ich versuche immer über etwas zu schreiben, das neu ist, Augen öffnet oder einfach nur extrem interessant klingt.

Hast du diesbezüglich ein Idol oder eine bestimmte Inspirationsquelle, die dir das Vertrauen in gerade diese Themen gab und auch weiterhin gibt?

Nein. Als wir SCAR SYMMETRY gründeten, haben wir Nichts erwartet. Wir haben einfach versucht ein paar coole Songs mit interessanten Lyrics zu schreiben. Es war also nicht so wie (verstellt seine Stimme): „Oh, ich denke dieses Thema ist sehr populär, das müssen wir unbedingt bringen!“. Es war eher so wie: „Lasst uns etwas Cooles machen, das wir alle mögen“. Und wir hatten echt Glück, denn als das erste Album erschien, hatten die Leute anscheinend auf genau solche Themen gewartet und reagierten auf das Ergebnis teilweise sehr euphorisch.

Wir bleiben beim Thema. In den Medien – vor allem im Internet – tauchen immer wieder Berichte über die bevorstehende Umkehrung der magnetischen Pole auf, die um 2012 geschehen soll, und viele ähnliche Sachen. Einige dieser Berichte erzählen vom Ende der Welt. Glaubst du an solche Sachen oder verspürst du diesbezüglich sogar Angst? Denn auf „Symmetric In Design“ gibt es einen Songtitel, der sich mit dem Jahr 2012 beschäftigt…

Ich bin nicht wirklich über das Ende der Welt beunruhigt – irgendwann wird es sicherlich soweit sein – aber das Jahr 2012 muss nicht das Ende bedeuten. Es gibt viele Theorien darüber, was nach einer Umkehrung der magnetischen Pole geschehen könnte…vielleicht ändert sich nur das Bewusstsein der Menschheit. Es interessieren mich alle Ansichten diesbezüglich.

OK, dann laß uns jetzt nochmal etwas über konkretere Themen sprechen. Im letzten Jahr seid ihr mit KATATONIA, SWALLOW THE SUN und INSOMNIUM durch die USA getourt. Ist es ein schlichtweg nur ein Vorurteil, dass der Metal in den USA tot ist und sich dort diesbezüglich wenig tut, weil alle nur mit Hip Hop und ähnlicher Musik beschallt werden, oder hattet ihr ein ganz anderes Bild von den Vereinigten Staaten?

Wir waren im letzten Jahr sogar auf zwei US-Touren und meiner Meinung nach waren das die besten Touren, die wir bisher gespielt haben. Wir haben viel gelernt und haben uns als Live-Act weiterentwickeln können. Die Leute waren genauso cool wie in Europa, deshalb würde ich nicht sagen, dass die USA ein Land ohne Metal-Fans sind. Wir haben jedenfalls eine Menge an Metalheads getroffen. Du musst auch bedenken, dass das Land insgesamt viel, viel größer ist und es viel mehr Leute gibt als in Europa. Natürlich ist da schon ein Unterschied, denn die Metal-Fans sind schon eher eine Minderheit, aber es gibt da auch Unterschiede zu jedem Staat innerhalb des Landes. Das ist schon irgendwie wie hier in Europa von einem Land zum nächsten zu fahren. Aber eine Sache gibt es dann doch, die für uns sehr interessant zu sehen war: in einigen Staaten hatten die Fans anscheinend Angst zu moshen. Das liegt aber daran, dass dort viele Leute einfach keine Krankenversicherung haben und bei einer Verletzung viel Geld für den Aufenthalt in einem Krankenhaus oder für die Untersuchung zahlen müssen. Das ist schon irgendwie eine kranke Sache in den USA, dass die Leute echt Angst davor haben, sich irgendwo oder irgendwie zu verletzten und dann alle Behandlungskosten selbst tragen müssen. Aber die Fans und Zuschauer in den USA und in Europa sind einfach großartig und unterstützen die Bands, die sie mögen, wirklich.

Hast du noch etwas, was du den Lesern von metal.de mit auf den Weg geben möchtest?

Nun…ich hoffe, dass ihr unser drittes Album mögen werded und genauso glücklich und zufrieden damit seid, wie wir es sind. Ich hoffe natürlich auch, euch zahlreich auf den kommenden Festivals und der folgenden Tour zu sehen. Denn es ist einfach immer eine Freude in Europas Metal-Land Nummer Eins zu spielen: Deutschland! (lacht)

Ich danke dir für das Interview und wünsche euch viel Erfolg mit „Holographic Universe“!

Vielen Dank! Bye!

Galerie mit 7 Bildern: Scar Symmetry - Summer Breeze 2011
15.06.2008

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