Braincrusher Nuclear Winter Festival 2026
Der große Festivalbericht
Konzertbericht
SIRENS
Normalerweise gehört der Samstagsauftakt beim Braincrusher In Hell, sowohl in der ursprünglichen als auch in der Winter-Ausgabe, einer jungen Band aus der Region. Das trifft auf die im Jahr 1995 gegründeten SIRENS nicht wirklich zu. Auch wenn diese mit ihrem düsteren Stilmix aus Heavy- und klassischem Power Metal ohne Kleister nicht so ganz ins Line-Up passen wollen, so wirkt die Band nicht wie eine Grünschnabel-Zusammenstellung. Insbesondere aus dem aktuellen Album „In Goat We Trust“ haben die Ansbacher ein paar treibende Rhythmen mitgebracht und lassen sich auch nicht davon irritieren, dass die Reihen vor der Bühne noch recht licht sein mögen. (PO)
CHEMICIDE
Eine ungleich weitere Anreise haben CHEMICIDE aus San Jose, seines Zeichens Hauptstadt von Costa Rica, hinter sich. Demnach wird es für die Südamerikaner auch nicht die einfachste Aufgabe gewesen sein, irgendwie für Bass-Ersatz zu sorgen, da sich das eingeplante Personal am Vorabend den Finger gebrochen hatte. Folglich tritt die Band einfach als Trio auf und soll im Laufe der Show den einen oder anderen Wermutstropfen ob des fehlenden Drucks aus der zweiten Reihe aufkommen lassen. Das aber nur, weil CHEMICIDE grundsätzlich eine wilde Show mit südamerikanischem Thrash-Flair eintrümmern, die einfach noch etwas mehr Bizeps verdient hätte. Das „Arise“-Cover zum Abschluss sagt eigentlich alles darüber aus, was man hier hätte verpassen können. (PO)
WARFIELD
Nachdem es gerade rassig zur Sache gegangen war, dürstet es gerade weniger nach Thrash Metal, so ehrlich darf man sein. Drei Kreuze dafür, doch mal auf ein, zwei Songs für WARFIELD vor die Bühne gegangen zu sein, denn ehe man sichs versieht, ist die vielleicht kurzweiligste Dreiviertelstunde des Festivals vergangen. Ein bisschen Salz aus teutonischer Halde, ordentlich Mehl aus dem Boxring der Bay-Area (z.B. EXODUS) und vor allem ein hohes Maß an High Energy lassen hier Niemanden auch nur für eine Zigarettenpause verschwinden. Einfach nur erfrischend, dem emsigen Frontmann Johannes Clemens bei seinen endlosen Runden über die Bühne zuzusehen. Dazu schlagen die Riffs ein wie Granatsplitter. Eine Band, die mit dieser Power jedes Line-Up bereichern wird. (PO)
HEXER
Das hat Kraft gekostet, was das Dortmunder Duo HEXER mit etwas schwindender Anwesenheit vor der Bühne ungerechtfertigt zu spüren bekommt. Mit bestem Sound im Rücken treten die Nordrhein-Westfalen mit ihrer druckvollen Mischung aus Sludge-, Doom- und Black Metal auf die Geschwindigkeits- und Stimmungsbremse. Gerade als alleiniger Musiker an vorderster Front könnte mit Marvin Giehr (u.a. IMHA TARIKAT) kaum eine andere Gestalt raumfüllender und präsenzträchtiger sein. Durch die sich immer wieder langsam hervorkratzenden Sludge-Passagen, bekommen die gewählt platzierten Ausbrüche eine ganz andere Kante und tiefere Wirkung. Die Truppe macht das hier jedenfalls nicht schlechter, als vergleichbare, aber ungleich größere Acts wie BÖLZER tun. (PO)
GRAVEN
Wieder so eine Band, die es seit Jahrzehnten gibt, an der man aber irgendwie immer vorbeischrammt. Das mag an der vielzitierten BM-Ästhetik um Corpsepaint, Umhänge und Blutspritzer in der Umkleide liegen. Aber gerade, weil die Herren Vronth und Zingultus sich parallel in unzähligen Gruppen verdingen, kann man schon mal durcheinander kommen. Der heutige Auftritt fügt sich jedenfalls bestens in die Running Order ein, denn was die zuvor angetretenen WARHAMMER mit ihrem düsteren Habitus begonnen haben, setzen GRAVEN unbeeindruckt fort. Aus zwei Feuerschalen wabern Flammen und spenden weder Licht noch Wärme, während Zingultus erhaben und in einen Umhang gehüllt, über die Bühne schreitet. Der Black-Metal-Pathos erreicht hier und heute seinen Höhepunkt und wir bekommen einen Downer, den wir genau jetzt brauchen. (OD)
REIL OF VIOLENCE
„Wir haben zusammen inne Küche gestanden und gesacht, lass‘ uns mal was machen“, erklärt Jürgen „Ventor“ Reil in seiner ureigenen, eigentlich eher zurückhaltenden Art im Dialekt Pommes-Schranke. Da kann sein Sohn Jerome, trotz seiner jungen Jahre, deutlich krasser aus der Haut fahren. Eigentlich sitzt der Blondschopf hinter diversen Kesseln (u.a. IMHA TARIKAT, EXUMER), bedient bei REIL OF VIOLENCE allerdings den Bass und mimt einen abstrahierten Mille, der nicht andauernd von „Chaos und Kills im Moshpit“ fabulieren muss.
Gemeinsam mit dem jüngsten Sprössling Tim und Kumpel Hendrik Tuschmann (DESTROY THEM) ist REIL OF VIOLENCE also ein Familien- und Herzensprojekt, dem man schon alleine deswegen niemals das Schmücken mit alten Lorbeeren vorwerfen würde. Während also bei großen KREATOR-Touren nach „Pleasure To Kill“ die Konfettikanonen schießen, fliegen hier nur die Fetzen. Genauso wie bei „Extreme Aggressions“, „Riot Of Violenince“, „Ripping Corpse“ oder dem von Marvin Giehr bestialisch gut vorgetragenen „Tormentor“. Dazu trifft Jerome auch gesanglich den durchaus eigenwilligen Timbre des Ursprungswerks sehr gut, ohne sich Plagiatsvorwürfe gefallen lassen zu müssen. Heißer kann man den Kessel nicht hochkochen lassen. (PO)
URGEHAL
Klar – Halloween steht vor der Tür, aber Gitarrist Enzifer darf man deswegen nicht mit Hellraiser verwechseln. Die Spikes und Nadeln, die aus der Gesichtsmaske ragen, sind jedenfalls von bemerkenswerter Länge. Nach dem Totalabriss von REIL OF VIOLENCE haben es die Norweger aber nicht leicht, mit ihrem tiefschwarzen Wir-Machen-Alles-Platt-Black-Metal gegen die Teutonen-Melancholie anzukommen. Die Halle füllt sich indes schnell wieder nach der zwanghaften Zigaretten- und Getränkepause, was wir natürlich wohlwollend beobachten. Unter anderen Umständen würden URGEHAL heute einen blitzsauberen Headliner hinlegen, nachdem GRAVEN den BM-Acker schon gepflügt haben und der Abend mehr auf Thrash-Attacke ausgerichtet ist, verhallen all die satanischen Beschwörungsriten irgendwo in der Hirschaider Nacht, die obendrein mild bleibt und wir die ganz dunkle Kälte nicht spüren. (OD)
DESTRUCTION
Mit einem Oldschool-Special-Set mit dem Fokus auf „Infernal Overkill“ und „Eternal Devastation“ rücken heute noch DESTRUCTION die Patronengurte gerade und es ist einfach herrlich, wie die Band auch ein vergleichsweise kleines Event bereichert. Immerhin können die Badenser neben KREATOR zu den aktuell wohl aktivsten ihrer teutonischen Thrash-Art gezählt werden und es gibt wohl nur noch wenige weiße Flecken auf der Weltkarte, die Schmier und Co. nicht bereist haben. Heute ist es der der beschauliche Markt Hirschaid. Schmier hat aber auch hierzu eine Anekdote, die er gerne mit dem Publikum teilt. Auf der Fahrt hierher hat ihn ein Umweg ins unweit gelegene Hipoltstein geführt – dem Ort, in dem DESTRUCTION einst „Eternal Devastation“ aufgenommen haben.
Nebenbei peppt die Band die Setlist natürlich auch mit vermeintlich aktuelleren Songs wie „Nailed To The Cross“ auf, wobei auch „Mad Butcher“ natürlich nicht fehlen darf. Auch entgeht uns die mittlerweile eingeschworene Energie auf der Bühne nicht und wir stellen fest, dass Martin Furia den Posten von Michael Sifringer mittlerweile vollständig übernommen hat, auch wenn der Mann natürlich nicht im eigentlichen Sinn ersetzt werden kann. Alles in allem werden DESTRUCTION den hohen Erwartungen gerecht und machen das Nuclear Winter Festival final zu etwas ganz besonderem. (OD)
GRAVE DOGGER
Anschließend wird die Bühne noch einmal umdekoriert und während ein zu klein geratener Clone Trooper auf uns herabblickt, haben wir die schlimmsten Befürchtungen. Das liegt weniger an dem Maskottchen, als an dem merkwürdigen Bandnamen. Wir bitten noch alle Gottheiten um Gnade und das uns eine schlechte GRAVE-DIGGER-Tribute-Band erspart bleiben würde, als die Truppe zum mitternächtlichen Dessert lädt. Und siehe da – wir sind positiv überrascht. Weder der Sound, noch die Songs sind in irgendeiner Art peinlich oder unprofessionell und wir haben mehr Mitleid als Schamgefühl. Denn leider ist der Slot extrem undankbar für das Quintett. Immerhin ist die Jahnhalle bis auf ein Drittel leerer geworden und auch wir verspüren Durst nach mehr. Gestillt wird dieser in der Cocktail-Bar, wo heute auch viele Bandmitglieder der aufgetretenen Acts ausgemacht werden und wir gemeinsam in Erinnerungen an einen – wieder mal – grandiosen Weekender schwelgen. (OD)
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