Impaled Nazarene - Ugra-Karma

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Galerie mit 13 Bildern: Impaled Nazarene - Party.San Metal Open Air 2022

Vergleichsweise schnell standen die finnischen Black-Metal-Anarchos IMPALED NAZARENE mit ihrem Zweitwerk „Ugra-Karma“ wieder auf der Matte: Seit der Veröffentlichung des Debütalbum „Tol Cormpt Norz Norz Norz“ waren gerade einmal fünf Monate vergangen, als die Band im Juli 1993 wieder das Tico-Tico-Studio im nordwestfinnischen Oulu enterte und ein Dutzend neuer Tracks eintütete. Die Scheibe kam schließlich am 1. Dezember 1993 über die Black-Metal-Spezialisten Osmose Productions aus Frankreich in die Läden. Geziert wurde es von einem Cover mit einer Abbildung der Hindu-Gottheit Durga. Das sollte später noch für Ärger sorgen.

Unbeirrt von Konventionen

1993 war die Black-Metal-Landschaft noch einigermaßen überschaubar: In jedem Land gab es eine kleine Szene, die sich gegenseitig hassten, wobei die Ablehnung von allem, was auf die Namen Death und Thrash Metal hörte, aber noch größer war. IMPALED NAZARENE machten das Spiel mit (wobei sich Sänger Mika Luttinen mit einigen markigen Statements hervortat), aber ansonsten konnten sie dadurch unbeirrt ihren Stiefel durchziehen. Von den bizarren Nylon-Strumpfhosen-Auftritten des Frontmanns einmal abgesehen: Gerade in ihren Songs zeigten sich die Finnen von irgendwelchen Konventionen unbeirrt.

Man könnte auch sagen: Straight forward. Und damit sind wir auch schon bei der Musik angelangt und einem Wort dazu, warum die Finnen sich für „Ugra-Karma“ zwar „vergleichsweise“ schnell wieder im Studio einfanden, nicht jedoch „unglaublich“ schnell. Denn ganz nüchtern betrachtet sind die zwölf neuen Songs wie auch schon beim Vorgängeralbum wenig elaboriert. Um nicht zu sagen: Die Kompositionen sind unheimlich simpel. Über zumeist irre schnellem Schlagzeuggeknüppel ist der Saitenanschlag von Gitarrist Jarno Anttila zwar flink, die Griffbrettverschiebungen sind aber eher träge.

Träge Griffbrettverschiebungen

Allerdings lag der Fokus von IMPALED NAZARENE ja eh woanders: Gerade in ihrer Anfangszeit ging es um nichts anderes als totale Zerstörung. Also im musikalischen Sinn. Und da sind einfache Kompositionen kein Makel, sofern einfach das Hysterielevel stimmt. Und das tut es. Denn was Mika Luttinen am Mikro veranstaltet, ist große Kunst: Mal überschlägt sich sein Black-Metal-Kreischen kaskadenhaft, mal krächzt er rhythmisch, um im nächsten Moment einen spitzen (und schön verhallten) Schrei loszulassen. Ohne Rücksicht auf die Stimmbänder. Und wenn es sein muss, setzt er auch schon mal zum todesbleiernen Grunzen an.

Der Gesang ist also top, die Kompositionen eher einfach, ja fast schon vorhersehbar gehalten – und trotzdem kann „Ugra-Karma“ auch heute noch überzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass die Gitarrenriffs teils von Keyboards getoppt werden, was ihnen einen Hauch von Melodiosität verleiht. Vielleicht liegt es daran, dass sich in den Songs doch ab und zu memorable Zwischenstücke verbergen, wie „The Horny And The Horned“ mit seinem schottischen Dudelsack-Interludium. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Songs einen unschlagbaren Flow entwickeln: Irgendwann hat er den Hörer einfach am Schlafittchen gepackt.

„Ugra-Karma“ packt am Schlafittchen

Oder es ist Drummer Kimmo Luttinen, der einen Beat vorgibt, der die ausgebellten Textzeilen regelrecht in das Gehör einhämmert (wenn man sie nicht sowieso schon lauthals mitgrölen möchte): „Sadhu Satana“! Dazu kommt im Mittelteil des Albums „Gott ist tot“, bei dem die Finnen einfach mal einen programmierten Technobeat untergelegt haben. Das ist zusammen mit dem ständig wiederholten Slogan zwar unheimlich stumpf, aber eben auch effektiv. Nicht zu vergessen das in „Hate“ eingeblendete Filmzitat aus „Der Name der Rose“: „Because you were inspired by the Devil?“ – „Yes. That’s it. I was inspired by the Devil! I am… inspired by the DEVVVVILLL! Lucifer! I summon you!”

Womit wir bei der lyrischen Komponente sind: Die Finnen fahren wirklich alles auf, was geht, und liefern wie immer einen bunten Stilmix: Ziegen, Sex, Chaos, Satanismus, Golden Showers, Nihilismus. Kali-Yuga, Goatgod, Cyberchrist, Antichrist, Lucifer, Hare Krishna. Orgy of blood, flesh & decay. Texte ohne Grenzen in einer Welt mit Grenzen: Dass die Finnen mit Textzeilen, wie „Gott ist tot, Judean Gott, ist tot. Heil! Heil! Heil! Heil!“ nicht überall gut ankommen, hätte ihnen dabei natürlich klar sein können.

Texte ohne Grenzen in einer Welt mit Grenzen

Trotzdem: „Ugra-Karma“ entwickelte sich nicht nur in einschlägigen Kreisen zu einer Art Partyalbum: Die Verbindung mit dem Image, den bizarren Texten, den damals noch praktizierten Schminkexzessen, vor allem aber der live dargebotenen kompromisslosen musikalischen Zerstörung machte IMPALED NAZARENE auch über die Grenzen des Black Metals bekannt.

Das galt schließlich auch für das Coverartwork: Das Motiv hatte Mika Luttinen nämlich damals auf einem Buchdeckel entdeckt und schließlich als Cover für „Ugra-Karma“ vorgeschlagen – bis die Urheberin, eine Madame Koslovsky, darauf aufmerksam wurde und Osmose eine Abmahnung schickte. Das Ende vom Lied: Eine empfindliche Geldzahlung und ein neues Cover für alle nach 1999 erschienenen Pressungen.

IMPALED NAZARENE müssen zahlen

Zu diesem Zeitpunkt hatten IMPALED NAZARENE allerdings bereits alle Verweise auf Hinduismus und Hare Krishna aus ihrer Musik getilgt, ein Faible für Nuclear Metal und alten Teutonen-Thrash entwickelt, sich abgeschminkt und stattdessen Gasmasken und Sonnenbrillen aufgesetzt sowie ihr Line-Up dreimal umgekrempelt. Das allerdings sind Geschichten für weitere Folgen in unserer Rubrik „Blast From The Past“.

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26.04.2023

- Dreaming in Red -

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2 Kommentare zu Impaled Nazarene - Ugra-Karma

  1. Lysolium 68 sagt:

    Klassiker und mein Lieblingsalbum dieser Ausnahmeband. Eigentlich 11 Punkte.

    10/10
  2. Gabbagandalf sagt:

    Ich liebe dieses Album! Enthält nur Killer Songs, außer an Soul Rape komm ich nicht ganz so ran, obwohl der nicht auch wirklich schlecht ist. Trotz der Raserei gleichzeitig total eingängig und auch „melodiös“, soll heißen man erkennt jeden Song sofort wieder. Das Ganze klingt auch total individuell, keiner klang so wie IN.
    Neben Tol cormt…und Suomi Finland Perkele meine absolute Lieblingsscheibe, danach kackten sie leider ziemlich ab, aber gerade die ersten beiden Alben sind, zumindest für mich, absoluter Kult und wie Lysolium schon schrieb 11P wert.

    10/10