Kaukolampi - I

Review

Die große Frage angesichts des KAUKOLAMPI-Debüts „I“, die hier zunächst einmal im Raum steht, lautet natürlich: Was hat das mit Metal zu tun? Die Antwort: Erst mal nicht viel. „I“ ist ein experimentelles, minimalistisches Ambient-/Electronic-Album, das seine Inspiration mitunter aus der Berliner Schule zieht und damit gelegentlich auch an die krautigeren Momente der neueren ULVER, zum Beispiel auf „ATGCLVLSSCAP„, denken lässt. Es gibt auf „I“ keine Gitarren und kein organisches Schlagzeug, keinen Gesang und vor allem: keine Songs. Nicht im traditionellen Sinne jedenfalls. Stattdessen stellt sich das Solo-Debüt des Finnen, dessen ohnehin schon ausgesprochen experimentelle Spielweise K-X-P ihm nach eigenen Angaben noch zu wenig Raum zum Experimentieren gelassen hat, eines der kompromisslosesten Alben des Jahres heraus.

Die Kompromisslosigkeit des Herrn KAUKOLAMPI

Was KAUKOLAMPI hier auf die Welt loslässt ist ein Album, das zunächst erstmal sehr flächig und weiträumig, teilweise fast schon formlos anmutet. Wie gesagt: Songs im traditionellen Sinne findet man hier kaum. Selbst die Tracks „Three Legged Giant Centipede“ und „Bottomless Well Of The Forgotten Secrets“, die dank einschlägiger Beats noch am eingängigsten und straffsten klingen, sind weniger ziel- als wirkungsorientert. KAUKOLAMPI hat es sich zum Ziel gesetzt, die Idee des Songs förmlich zu dekonstruieren. Und genau das ist ihm gelungen. Wichtiger noch: Nach besagter Dekonstruktion hat der Finne die Fragmente zu Sätzen zusammengebaut, welche dank durchgehend ominöser Stimmung verstören und den Hörer zunächst erstmal ratlos zurück lassen angesichts der kaum wahrnehmbaren Struktur innerhalb der Songs. Der alte Spruch „Ist das Kunst oder kann das weg“ liegt schon auf den Lippen, aber irgendwie spürt man, dass da noch mehr ist.

Denn trotz besagtem, vermeintlichen Mangel an griffiger Dramaturgie innerhalb der Stücke packt „I“ den Hörer. Der minimalistische Ansatz der Musik macht den Hörer empfänglich und aufmerksam für jede noch so kleine Bewegung innerhalb des Sounds. Und genau von diesen Bewegungen im Zusammenspiel mit der ominösen Stimmung, beides stets im Einklang miteinander, lebt der Sound von KAUKOLAMPI. Die kleinen Variationen innerhalb der Stücke arbeiten stets im Dienste der bedrückenden Stimmung, die durch die verhängnisvoll pulsierenden Drones und Synths teilweise in fast schon unerträgliche Höhen getrieben wird. Vor allem „Bottomless Well Of The Forgotten Secrets“ hinterlässt hier einen bleibenden Eindruck. Dank der pumpenden Beats, den unruhigen Synths und der geschäftigen Perkussion fühlt man sich als Hörer teilweise so, als dringe der Finne in den eigenen Körper ein, um diesen zu vertonen. Die Musik geht richtig in die Magengrube hinein und hinterlässt ein mulmiges Gefühl darin.

Die Kunst der wortlosen Expression

Solche Assoziationen macht man als Hörer durchgehend beim Genuss von „I“. Der organische, in sich stimmige Sound tut sein übriges, um dessen Effektivität zu maximieren.  Und davor kann und muss man einfach den Hut ziehen. Es gibt Bands, die brüsten sich damit (oder werden damit gebrüstet), große, komplexe Konzeptwerke veröffentlicht zu haben, die dann am Ende an der eigenen Ambition scheitern oder massivst über ihre Ziele hinausschießen. Oftmals wird der moralische Zeigefinger erhoben, was selten mehr als eine durch den Zeitgeist erzwungene Geste ist und zu oft zum Klischee verkommt. Man kennt ja auch die Redewendung von Leuten, die viel reden, ohne dabei etwas zu sagen, was im Grunde aufs Gleiche hinausläuft. Und hier kommt einfach mal ein Album daher, dass wesentlich mehr zum Ausdruck bringt, ohne dabei auch nur ein einziges Wort verloren zu haben.

Ein bisschen schade ist allein, dass „I“ das in der Presseinfo gegebene Versprechen eines durchgehenden Songs in fünf Akten nicht ganz einlöst. Dafür hätten die Übergänge fließend sein sollen und dieser Sound schreit förmlich nach einer durchgehenden Komposition. Doch das kratzt „I“ nur minimal an, denn selbst nach mehreren Durchläufen bleibt die Platte frisch. Das ist Kino für den Kopf, wie man es heutzutage einfach viel zu selten serviert bekommt. Hat natürlich nicht allzu viel mit Metal zu tun, aber das haben die neueren ULVER-Alben ja auch nicht. Überhaupt würden die mit KAUKOLAMPI sicher eine großartige Kombination abgeben. Aber das ist wenn überhaupt Zukunftsmusik…

27.11.2017

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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