Vildhjarta - måsstaden under vatten

Review

Soundcheck Oktober 2021# 15

Die Schweden VILDHJARTA aus dem altehrwürdigen Örtchen Hudiksvall können wohl mit Fug und Recht als (Mit-)Begründer eines ganzen Genres bezeichnet werden. Und mehr als eine Dekade nach ihrem Debüt „Måsstaden“ kommt nun der Nachfolger daher. Wie stellen sich die Djent-Pioniere musikalisch auf dem neuen Doppelalbum an?

„Måsstaden under vatten“ ist ein Mammutwerk

Immer noch gibt es rhythmisch komplexe Spielereien, der Djent schimmert in jeder Note durch, aber auch Elektronika und atmosphärische Einsprengsel machen den Sound der Schweden aus. Das faszinierende ist seit jeher das Wechselspiel aus wahnsinnig tiefen Stumpfsinnsriffs, aber auch dem Spielen mit Takten, Stimmungen und dem Erzeugen von Atmosphäre und Melancholie neben Frequenzen, die so tief gehen, dass sie wahrscheinlich bei den Australiern irgendwo rauskommen.

Also keine Weiterentwicklung auf dem achtzigminütigen Mammutwerk, in zwei Teile aufgesplittet? Temporär schon. So gibt es mittlerweile sogar vereinzelt cleanen Gesang und auch Natursamples zu vernehmen, eingängige Songstrukturen kommen teilweise dazu, aber VILDHJARTA sind immer noch wahnsinnig komplex und vor allem die zweiten Albenhälfte hat aufgrund fehlender Motive und eingängiger Songstrukturen (zumindest über einen großen Teil der Laufzeit) beinahe schon mehr etwas wie einen Jam-Charakter und dem ist nicht immer ganz leicht zu folgen.

Grundsätzlich gelingt die Mischung aus Djent und Atmosphäre mal mitreißend und mal weniger mitreißend. Vor allem im Zusammenspiel aus forscher Attacke und atmosphärischen, cleanen Gitarren ziehen VILDHJARTA eine besondere Energie, das Saitenvergewaltigen alleine wird auf Dauer doch recht schal und berechenbar. Wo MESHUGGAH ihren Reiz noch aus der rhythmischen Repetition, die durch Wechsel aufgelockert wird und das extreme Zusammenspiel aus Sound und Rhythmik ziehen, sind die kompositionstechnisch die wahre Schlaftablette gegen den auch als „Thall“ bezeichneten Sound ihrer schwedischen Brüder.

Temporäre Atmosphäre ist wie zum Anfang von „toxin“ zwischendurch immer mal wieder gegeben, aber auch in Songs wie „brännmärkt“ oder „den helige anden (under vatten)“ leben vom Kontrast aus den Stakkato-Riffs, Rhythmusspielereien und atmosphärischen Einsprengseln der oftmals einsamen Leadgitarre und funktionieren sehr gut. Immerhin haben die „under vatten“-Songs auch ein einprägsames Synthie-Thema spendiert bekommen, was über die beiden Teile immer mal wieder neu aufgegriffen wird, aber auch in anderen Songs wie etwa „vagabond“.

Technisch so nahe an der Perfektion kratzend, dass die meisten Gitarristen und auch Drummer hiernach wohl Gitarre und Sticks verbrennen werden, sind VILDHJARTA allerdings über die Laufzeit von mehr als 80 Minuten mitunter wahnsinnig anstrengend und verlieren schnell ihren Reiz. Musik von Musiknerds für Musiknerds, nicht unbedingt immer als Kompliment gemeint auf „Måsstaden under vatten“.

VILDHJARTA zwischen dem Dahinschwimmen und Ertrinken

Es kommt zwar immer mal ein wenig Auflockerung durch die angesprochenen Elemente hinein, aber der Hörer gelangt immer an die Grenze zwischen in Melancholie schwimmen und dem Ertrinken angesichts der brutalen Chugging-Attacken. Djent-Fans finden hier wahrlich ein All-you-can-eat-Buffet, allen anderen werden die Songs spätestens nach wenigen Minuten auf den Senkeln gehen. Die Wahrheit findet sich wie wahrscheinlich immer irgendwo in der Mitte.

VILDHJARTA sprechen vom besten Material ihrer bisherigen Karriere, auch die Fanbeurteilungen zu den bisher veröffentlichten Singles fallen meist überschwänglich aus. Und wie schon erwähnt, sind VILDHJARTA wieder einmal technisch beeindruckend. Selbst auf der Emotionsebene sind Songs wie „kaos2“ oder „toxin“ durchaus mitreißend . Nur der Trick wird wahnsinnig schnell alt und ist irgendwann auserzählt. Somit nichts für ein durchgehendes Hörerlebnis im Langformat, sondern eher für das schnelle Djent-Häppchen zwischendurch, wobei hier mit siebzehn Songs durchaus Auswahl gegeben ist.

Selbst eingefleischte Fans werden für „Måsstaden under vatten“ eine Engelsgeduld aufbringen müssen und unter Umständen zweistellige Durchläufe brauchen, um alles zu erfassen und verarbeiten. Dann öffnen sich vielleicht einigen neue Klanghorizonte, alle anderen, die sowieso schon nicht viel mit dieser Richtung anfangen können, finden leider keinen Mehrwert, auch nicht im Langformat. Ob gerade dieses unbedingt nötig war, sei einmal dahingestellt, denn rein künstlerisch bräuchte es die zweite Seite zum Ausleben eigentlich nicht, da hier nichts großartig anders gemacht wird als auf dem ersten Teil. Das Problem im letzten Track, dem „paaradiso“, ist exemplarisch: trotz einer Laufzeit von 10 Minuten klingt er vielmehr wie eine Aneinanderreihung einzelner Tracks.

Auch Songs wie „sunset sunrise“ und „sunset sunrise sunset sunrise“, denen anhand der Titel noch irgendwie Verbindung unterstellt werden könnte, sind eigentlich nur zwei aufeinanderfolgende Ansammlungen von Riffs. „Måsstaden under vatten“ ist musikalisch beeindruckend, ein Mammutwerk, ungeheuer herausfordernd, aber trotzdem irgendwo auch faszinierend. Ob es Hörspaß für die meisten bringt bleibt fragwürdig.

Fans könnten hier eine neue Offenbarung erwarten (und somit ordentlich auf die Punktevergabe drauflegen), aber möglicherweise werden selbst Djent-affine Personen VILDHJARTA zu anstrengend finden und lieber mit den wesentlich einladenderen Kompositionsweisen von PERIPHERY, TEXTURES, TESSERACT und Co. Vorlieb nehmen. Selbst eine MESHUGGAH-Platte stattdessen zu hören, käme Entspannung gleich.

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13.10.2021

"You can't spell Funeral without Fun!"

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