Accept
Der Song entscheidet alles - Interview mit Wolf Hoffmann

Interview

Accept

ACCEPT erleben gefühlt gerade ihren 47. Frühling. Das Comebackalbum “Blood Of The Nations” war schon stark, “Stalingrad” hingegen eher gewöhnlich und mit “Blind Rage” hat das deutsch-amerikanische Kollektiv nun einen echten Volltreffer gelandet. Qualitativ braucht sich die Scheibe nicht hinter den Klassikern aus den Achtzigern zu verstecken. Keine Frage, dass wir uns mit der Band über das neue Album unterhalten mussten. Bandkopf Wolf Hoffmann zeigte sich einmal mehr als sympathischer Gesprächspartner, der von dem späten Interviewtermin einigermaßen überrascht war.

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Da hast Du aber Glück, ich habe die Mail bezüglich des Interviewtermins gerade erst gelesen.

Ich höre mir Platten aber gerne erst einmal an, bevor ich mich mit dem Künstler über seine Musik unterhalte. Deshalb kam die Anfrage wohl etwas später rein.

Das ist mir ehrlich gesagt auch viel lieber so, denn dann weiß man wenigstens wovon man spricht. Andernfalls ist so eine Geschichte immer sehr nebulös. Hin und wieder spreche ich dann Interviewer, bei denen es offensichtlich ist, dass die das Album noch gar nicht gehört haben.

Mein Fazit jedenfalls ist, ihr habt mit “Blind Rage” ein extrem starkes Album veröffentlicht. Ihr habt wieder bei Andy Sneap aufgenommen?

Ja, genau. Wir sind mit seiner Arbeit total happy. Er kreiert den Sound genau nach unseren Vorstellungen und wir sind sehr zufrieden mit seiner Arbeit. ACCEPT sind sozusagen eine Old-School-Band. Immerhin machen wir seit knapp vierzig Jahren das Gleiche und haben über die Jahre auch nichts am Songwriting verändert. Peter und ich sitzen immer noch mit einer alten Drummaschine und Gitarren da und schreiben die Songs. Wir gehören definitiv nicht zu den Bands, die im Studio mit Pro Tools die Riffs hin und her schieben. Von daher ist Andy Sneap als Pendent so perfekt für uns. Er kommt aus einer anderen Generation und kennt sich mit der modernen Technik besser aus als wir, was der Band aber zugutekommt, denn die Kombination stimmt einfach.

Du hast einmal gesagt, dass Andy Sneap quasi euer sechstes Bandmitglied ist. Hast Du keine Angst, dass ihr in eine ähnliche Situation geraten könntet, wie damals DEF LEPPARD mit Mutt Lange?

Nein, überhaupt nicht. Ich wollte mit meiner damaligen Aussage auch eigentlich auf etwas ganz anderes hinaus. Im Gegensatz zu vielen anderen Produzenten – wie eben Mutt Lange – ist Andy kein Diktator, der der Band unbedingt seinen Stempel aufdrücken will. Gerade das finde ich so gut an ihm, er hört sich unsere Sachen an und ergänzt hier und da. Er arbeitet als Teammensch mit der Band zusammen und hilft uns das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Nach wie vor bin ich aber der Überzeugung, dass das Wichtigste der Song selbst ist. Der Song entscheidet alles. Wenn die Songs nicht stimmen, nützt dir auch der beste Sound nichts.

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Was die Songs auf “Blind Rage” angeht, ist alles sehr stimmig und ich finde, dass man das Album qualitativ direkt hinter “Russian Roulette” in eurer Diskographie einordnen könnte.

Ja, kann man so sehen. Für uns ist das allerdings immer sehr schwierig zu beurteilen. Das soll doch lieber Fans und Journalisten überlassen bleiben. Ich kann Dir aber sagen, was wir versucht haben: nämlich Songs zu schreiben, die wir auch damals so hätten schreiben können, es aber nie getan haben. So war die simple Vorgabe an uns selbst. Lass uns doch einfach Songs schreiben wie man sie erwarten würde, nur eben besser. Nicht anders, aber besser. Das hört sich im ersten Augenblick einfacher an, als es jedoch in der Ausführung hinterher ist.

Da mutet es schon wie ein kleines Kunststück an, dass die Songs trotzdem so locker aus dem Boxen kommen und nicht den Eindruck vermitteln unter Druck entstanden zu sein. Machst Du dir nach all den Jahren überhaupt noch einen Kopf beim Songwriting?

Nee, ich mache mir da megamäßig Stress (lacht). Von außen hält er sich für mich in Grenzen und ich habe auch nicht das Gefühl, dass irgendjemand etwas von mir erwartet. Auf der anderen Seite erwarte ich von mir natürlich die bestmögliche Leistung. Deshalb schwirren mir beim Songwriting auch andauernd Fragen wie “Geht das noch besser? Kann man da mehr raus holen?” durch den Kopf (lacht). Im Prinzip bin ich also meine eigene Qualitätskontrolle. Ich gehe den anderen Bandmitgliedern mit meinem Perfektionismus – doofes Wort, das es aber ganz gut trifft – auf die Nerven.

Was durchaus nachvollziehbar ist, denn Du hast ja eine bestimmte Idee von den Songs.

Letztendlich ist es auch eine Erfahrungssache. Ich höre da immer auf die innere Stimme, die mir sagt, dass manche Songs eben doch noch nicht so ganz bei hundert Prozent sind. Es gibt aber auch Leute die uns sagen, dass das Material gut ist, so wie es ist. Früher habe ich da hin und wieder etwas darauf gegeben, aber oft ist das einfach nur Bequemlichkeit. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt auf meine innere Stimme zu hören. Deswegen bin ich in der Band auch der ständige Nörgler (lacht).

Bist Du eher ein Songwriter, der Sachen auch einmal liegen lassen kann oder musst Du einen Song sofort fertig komponieren, wenn Du mit ihm angefangen hast?

Nein, ich lasse die Stücke eigentlich immer liegen (lacht). Ich bin eher jemand der mehrere Anläufe braucht, bis ein Song steht. Das schwierige dabei ist, sich die Objektivität zu bewahren. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie oft ich schon völlig begeistert von einer Nummer war und dachte das Meisterwerk des Jahrhunderts geschrieben zu haben, nur um schließlich eine Woche später fest zu stellen, dass der Song eigentlich doch Mist ist (lacht). Wenn man so tief in einer Sache drin steckt, geht die Objektivität schlichtweg flöten und man verliert leicht die Übersicht. Das dürfte jeder kennen, der schon einmal versucht hat einen Song zu schreiben. Das meiner Meinung nach einzig wirksame Mittel dagegen ist der zeitliche Abstand. Auf der anderen Seite gibt es auch die Songs, die in einem Rutsch von der Hand gehen. “Balls To The Wall” beispielsweise oder vom neuen Album “Dark Side Of My Heart”. Darüber hinaus kommt noch hinzu, dass man mit dem Resultat auch leben können muss – eine weitere Sache, die ich im Laufe der Jahre lernen musste. Man tut sich keinen Gefallen, wenn man etwas veröffentlicht, womit man später nicht mehr zufrieden ist. Songs an sich sind ja meist ganz schön langlebig (lacht). Ich glaube JOE WALSH hat einmal diesen schönen Spruch gebracht: “Wenn ich gewusst hätte, dass ich so lange mit dem Song leben muss, hätte ich mir mehr Mühe gegeben.”

Das geht Lemmy mit “Ace Of Spades” ja auch so. Die Nummer auch jeden Abend gespielt werden, obwohl er sie nicht mehr mag.

Ja, aber ich selbst habe keinen Song, den ich nicht mehr mag. Sobald man auf der Bühne steht und sieht, wie die Leute mitgehen, macht es wieder eine Riesenfreude die Stücke zu spielen.

Ich finde bei der Musik von ACCEPT generell sehr interessant, dass sich manche Stücke oberflächlich ziemlich simpel anhören, bei genauerer Betrachtung man aber ganz schön viele Details in den Songs finden kann.

Da stimme ich Dir natürlich zu (lacht). Ich höre auch immer wieder Coverversionen von “Balls To The Wall”, die nicht richtig sind. In den seltensten Fällen spielt einer das Riff oder den Groove richtig. Klar klingen die Sachen vordergründig einfach. Aber die Songs wirklich richtig hinzubekommen, schaffen nicht viele.

Das hast Du wohl Recht. Euer Albumtitel passt bei der aktuellen weltpolitischen Lage wie die Faust aufs Auge…

Da stimme ich Dir wieder zu. Es könnte gar nicht besser in die Zeit passen. Man braucht sich nur einmal umgucken: Ukraine, Israel oder der Nahe Osten. Die Welt ist voller Wut. Von daher ist “Blind Rage” total aktuell, wobei ein Titel wie dieser eigentlich immer passt, da man es nicht mit einer neuen politischen Entwicklung zu tun hat. Wir haben den Titel gar nicht auf eine Sache spezifisch bezogen, sondern das Ganze eher global gesehen. Für die Titelgebung ausschlaggebend war außerdem, dass wir zuerst das Artwork hatten und uns dann einen Titel dazu überlegen mussten. Von den Songs hätte am ehesten “Stampede” zu dem Cover gepasst, womit wir uns aber nicht so ganz wohl gefühlt haben. Also haben wir uns schließlich auf “Blind Rage” verständigt.

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Sind sozialkritische Texte in der heutigen Zeit, bei dem medialen Overkill eigentlich noch relevant?

Das denke ich doch. Außerdem hat eine Thematik wie diese schon immer zu ACCEPT gepasst, denn platt waren unsere Texte noch nie. Das würde auch überhaupt nicht zu der Band passen, weswegen wir immer Inspiration aus dem Weltgeschehen, historischen Kontexten oder aktuellen sozialen Themen gezogen haben und auch weiterhin ziehen werden. Früher hat Gaby (aka Deaffy – cb) unsere Texte geschrieben und heute haben wir mit Mark einen amerikanischen Sänger, der die Texte kombiniert mit unseren Ideen ausführt. Das macht mehr Sinn.

Es ist eben angenehm einen Native Speaker in der Band zu haben…

Absolut. Das erspart uns viele Diskussionen. (lacht). Mark ist niemand, der mal eben einen Text improvisieren kann, was ich auch verstehe. Er ist Muttersprachler und kann natürlich nicht irgendeinen Kauderwelsch singen. Peter (Baltes, Bass – cb) hingegen ist ganz anders veranlagt und der perfekte Demosänger. Für uns als Songschreiber ist das ideal, weil Peter sofort loslegt und sich gar keinen Kopf darüber zu machen braucht, was er da eigentlich singt. Der Vorteil liegt darin, dass wir so verschiedene Songvarianten ausprobieren können, bevor wir Mark die Stücke geben.

Da wir gerade von Mark sprechen. Seine Performance auf “Blind Rage” ist sehr vielschichtig geraten. Trotzdem hört er sich hier und da wie euer alter Sänger an. War das beabsichtigt, immerhin habt ihr ja auch musikalisch schon eine Brücke zur Vergangenheit geschlagen?

Findest Du? Meiner Meinung nach klingt Mark nicht nach unserem alten Sänger. Im Gegenteil. Ich finde sogar, dass er eine ganz andere Stimmfärbung hat. Gerade das neue Album birgt viele Stücke bei denen er nicht schreit, sondern auch in tieferen Lagen singt. Bei “The Curse” oder “Fall Of The Empire” sind beispielsweise ganz  andere Nuancen von Marks Stimme zu hören. Dieses Potenzial war es, das uns an Mark so fasziniert hat. Er kann das alte Material absolut überzeugend intonieren, aber hat auch ganz andere Sachen drauf. Genau diese Vielfalt steht auf dem neuen Album mehr im Vordergrund.

Galerie mit 19 Bildern: Accept - Tons Of Rock 2019
13.10.2014

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