Arjen Lucassen
"Wir haben zu allem ja gesagt."

Interview

Arjen Lucassen scheint nie still zu sitzen. Er kündigte jüngst die Zusammenarbeit mit EPICA-Sängerin Simone Simons für ihr kommendes Soloalbum an und veröffentlichte mit AYREON das Livealbum zu den grandiosen „01011001“-Shows des vergangenen Septembers. Da das dem sympathischen Niederländer nicht reicht, saß er mit seinem Freund und Sänger Robert Soeterboek zusammen und werkelte an teils über 30 Jahre alten Stücken aus dem Archiv, die unter dem Projektnamen LUCASSEN & SOETERBOEK’S PLAN NINE auf dem Album „The Long-Lost Songs“ erschienen. Grund genug, bei Lucassen anzurufen und sich nach etwaigen Burn-Out-Erscheinungen zu erkundigen.

Hi Arjen, wie geht es deinem Rücken und deinen Fingern, nachdem du die ganzen AYREON- und PLAN-NINE-Vorbestellungen signiert hast?

Es ist verrückt, ich werde das nicht wieder machen. Es waren 12.000 Stück, das ist zu viel. Am ersten Tag tat mir mein Rücken weh und am zweiten Tag mein Arm. Am dritten Tag bekam ich eine Blase an einem Nervenende meines Fingers und jedes Mal, wenn ich den Stift angefasst habe, hat es geschmerzt.

Wir waren acht Stunden am Tag zu dritt dort. Einer hat die CDs hingelegt, einer hat sie weggeräumt und ich habe signiert. Es war nett, wir haben gute Musik aufgelegt und eine gute Zeit gehabt. Doch das war schon heftig, aber es ist für eine gute Sache. Manchmal ist ein Autogramm ziemlich hässlich geworden und da war ich versucht, noch ein „Sorry!“ drunterzuschreiben (lacht). Einmal habe ich über meinen Bruder geredet und dann seinen Namen statt meinem geschrieben. Ein Fan erhält ein AYREON-Album, das mein Bruder signiert hat.

Gehen wir zu den 01011001-Shows über. Ich war Sonntagabend da und habe mich sehr über „The Day That The World Breaks Down“ im Zugabenblock gefreut. Das war ein echtes Highlight!

Für dich war es ein Highlight, aber für die Band war es ein Albtraum (lacht). Wir sprachen über die Zugaben und meinten, es sind ja nur drei Stücke, aber das eine ist 13 Minuten lang und 10 Songs in einem. Sie haben es aber großartig durchgezogen!

Wie bewertest du die Show im Vergleich zu den Aufführungen von „Universe“ und „Into The Electric Castle“?

Mit „Universe“ wollten wir die Fans beeindrucken, da es die ersten Konzerte waren. Als sie so schnell ausverkauft waren, konnten wir mehr Geld reinstecken und haben es etwas übertrieben. Mit „Electric Castle“ wollten wir es intimer und kleiner machen, denn es waren weniger Leute auf der Bühne. Wir haben zusätzlich noch ein Lied von allen Nebenprojekten gespielt.

Für die „01011001“-Shows machten wir den kompletten Gegenentwurf, da sollte es komplett übertrieben sein. Wir haben zu jeder Idee ja gesagt, seien es Pyros, Laser, LED-Bildschirme, Surround-Sound und die Tatsache, dass wir 20 Sänger und Sängerinnen angeheuert haben.

Viele wünschen sich eine Aufführung von „Universal Migrator“, „The Source“ oder „The Final Experiment“. Kannst du schon einen Blick in die Glaskugel für künftige AYREON-Liveshows werfen?

Alles, was ich sagen kann ist, dass AYREON nächstes Jahr 30 wird und wir wollen 2025 definitiv etwas auf die Beine stellen. Das soll ein Geheimnis sein, aber jeder weiß es mittlerweile (lacht). Wir planen seit ein paar Wochen daran, aber ich erzähle dir noch nichts davon.

Du hast „Universal Migrator“ erwähnt und ich würde die Alben gerne live spielen, aber das Problem ist, dass jeder Song nur einen Sänger hat. Das Coole an den „01011001“-Shows war, wie all die Sänger gekommen und gegangen sind, sich dabei High Fives gegeben haben und interagierten. Das würde bei „Universal Migrator“ ein Problem darstellen.

Dann gibt es Alben wie „The Theory Of Everything“, die richtiges Schauspiel benötigen. Da müsste man eine Theaterproduktion draus machen. Aber ich kann sagen, dass unser Plan sehr cool ist und es wird etwas komplett Neues sein.

Letztes Jahr meintest du, dass dein nächstes Studioalbum wahrscheinlich etwas Sicheres wird, nachdem du mit SUPERSONIC REVOLUTION ein Experiment gewagt hast. Nun sitzen wir mit PLAN NINE hier, was wieder eine neue Band ist. Wirst du die AYREON- oder STAR-ONE-Geschichte bald fortführen?

Ja, das stimmt. Das liegt daran, dass die Dinge passieren, wie sie eben passiert sind. SUPERSONIC REVOLUTION gibt es nur, weil das Eclipsed-Magazin uns nach einem Coversong gefragt hat und PLAN NINE existiert, weil Robert gesagt hat, ob wir nicht etwas mit all den alten Nummern machen wollen. Ich plane immer Dinge und halte mich nie an meine Pläne. Aber AYREON ist mein Lieblingskind, also werde ich da immer hin zurückkehren.

Ich weiß nicht, ob es das nächste wird, denn ich habe an drei Projekten im vergangenen Jahr gearbeitet: Die Liveshows, PLAN NINE und ein noch geheimes Projekt [das Album mit Simone Simons war damals noch nicht angekündigt, Anm. d. Red.], das ich im letzten Jahr auf die Beine gestellt habe. Im Moment bin ich leer, ich habe keine Ideen. Ich würde gerne ein Soloalbum machen, aber das sage ich immer. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee wäre, jetzt mit einem neuen AYREON-Album anzufangen. Für STAR ONE gilt dasselbe. Du hast aber Recht, PLAN NINE ist keine sichere Bank, sondern nur ein Gefallen für einen alten Freund.

Hat Robert die Songs wiederentdeckt oder du?

Wir beide! Wir haben uns durch 40 Kassetten durchgearbeitet um zu sehen, was wir noch haben. Viel davon war kompletter Mist (lacht). Es ist kein Album mit „Wow“-Faktor, doch es ist ein schönes Album zum Anhören. Ich freue mich, dass diese alten Ideen, die sonst einfach verschwunden wären, nun eine Chance bekommen.

Ich habe letztens in der „Ayreonauts Only“-Compilation von 2000 eine Demo gesehen, in der du PLAN NINE als „Planet Nine“ bereits erwähnst.

Ja, das ist „Chaos“, das damals noch „Carpe Diem“ hieß. Wir konnten uns nicht PLAN NINE nennen, weil es schon eine Band mit dem Namen gab. Der Bandname basiert auf dem Film „Plan 9 From Outer Space“.

Wie sehr unterscheiden sich die fertigen Lieder vom Quellmaterial?

Manche sind komplett anders, wir haben die Lyrics und Arrangements verändert und neue Parts geschrieben. Das Album kommt als Doppel-CD heraus, sodass du die fertigen Versionen mit einigen Demos vergleichen kannst. Da ist wirklich beschissenes Zeug bei (lacht). Wenn du dir die erste Single „Before The Morning Comes“ anhörst, ist das jetzt ein Blues-Track. Als Demo hieß er „Life Goes On“ und bestand nur aus einer E-Gitarre und Gesang.

Mit PLAN NINE geht die Band auf Tour in den Niederlanden. Gibt es Pläne für Shows in anderen Ländern wie Deutschland?

Es ist immer riskant, da du nicht weißt, wie viele Leute zu den Auftritten kommen. Das erste Konzert in Zoetermeer macht sich sehr gut und ist ausverkauft. Es ist noch zu früh, nach Deutschland zu gehen, wir müssen erst sehen, wie die geplanten Gigs verlaufen.

Die Band ist großartig, Ed Warby ist am Schlagzeug, Marcel Singer an der Gitarre, der einer meiner Helden ist und alle Soli auf dem Album spielt. Ich bin bei der ersten Show natürlich vor Ort und werde Sachen signieren, aber es ist spannend für mich, die Lieder auf der Bühne zu sehen.

„The Long-Lost Songs“ sagt es schon: es ist eine Ansammlung verlorener Stücke. Es gibt kein großes Konzept dahinter dieses Mal?

Wir haben einen Comic dazu gemacht, der suggeriert, dass es eine Story gibt. Robert ist der Quacksalber, der magische Tränke an schöne Frauen verkauft, aber das ist nebensächlich. Eigentlich haben die Tracks keinen Zusammenhang.

Es kann erfrischend sein, kein Konzept zu haben, oder?

„Erfrischend“ ist bei 30 Jahre alten Liedern das falsche Wort, es ist mehr Staub von ihnen runterpusten (lacht). Eigentlich hilft mir ein Konzept, denn dann habe ich einen Leitfaden.

Quelle: Interview mit Arjen Lucassen
20.05.2024

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

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