Ayreon
Interview mit Arjen Lucassen zu "01011001"

Interview

Es war ein kalter Wintertag und zu später Stunde, als Arjen Lucassen, Kopf von AYREON, in Bukarest anrief, um sich Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Das aktuelle Album „01011001“, die Verbindung zu vorherigen Alben des Komponisten und Multi-Instrumentalisten und die Architektur eines AYREON-Albums boten an diesem Abend eine Menge an interessanten Gesprächsstoff. Das, und noch einiges mehr, könnt ihr nun nachfolgend selbst nachlesen. Los geht’s!

Ayreon

Hallo Cristiana, hier ist Arjen aus Holland.

Hallo! Ich wünsche dir noch ein wunderbares 2008 mit allem was für dich dazugehört!

Vielen Dank! Das wünsche ich dir natürlich auch.

Danke! Bist du bereit?

Ja, dann mal los!

OK, da das neue Album von AYREON auf dem Weg in die Läden ist und die Fans schon mächtig gespannt sein werden, erzähl bitte etwas über die Quelle der Inspiration und die ausschlaggebende Idee dahinter, damit sich diejenigen, die noch überhaupt nicht wissen worum es überhaupt geht, ein Bild machen können.

Das ist schwer… Das ist sehr schwer, denn dieses Album ist eine Art Fortsetzung all meiner bisherigen Werke… Aber wer bisher noch gar nichts von AYREON gehört hat, macht sich einfach auf eine grosse Rock-Oper mit vielen tollen Musikern und einer interessanten Science-Fiction-Story über einen Planeten namens Y gefasst. Damit ist dann auch bereits der Titel des Albums geklärt, denn „01011001“ ist der Binärcode für den Buchstaben Y und Y ist der Planet einer ausserirdischen Rasse namens Forever, die im Laufe ihrer Evolution all ihre Emotionen verloren hat und deren Leben mittlerweile vollständig von Maschinen abhängig geworden ist. Um ihre Rasse noch einmal aufleben zu lassen, haben sich die Ältesten dazu entschlossen eine neue Spezies zu züchten und die erschaffen sie auf dem Planeten Erde. Mit Sicherheit muss ich dir jetzt nicht mehr erklären, dass wir diese neuen Lebewesen sind…

Ich verstehe… Nun, welche Gefühle beabsichtigst du mit diesem Album – das nicht immer einfach zu verstehen ist – beim Zuhörer zu erzeugen, vielleicht auch im Vergleich zum vorherigen Werk „The Human Equation“ zum Beispiel?

Die Story von „The Human Equation“ ist sehr eindeutig und klar strukturiert. Das Album handelt von einem Mann, der im Koma liegt und sich mit seinen eigenen Gefühlen im Kampf befindet. Ich habe oft von Leuten gehört, dass die Story zu simpel und zu offensichtlich war. Mit dem neuen Album wollte ich eine Story, die nicht so einfach zu erschließen ist, die wesentlich kryptischer und nicht ganz so offensichtlich ist. Deshalb ist die Musik auch etwas düsterer und oft ein wenig heftiger als auf „The Human Equation“. Der Zuhörer soll sich mit diesem Werk auseinandersetzen und es nicht nur konsumieren.

Ich habe mich auch gefragt, ob einer der Songs vom neuen Album – nämlich „Comatose“ – so eine Art Brücke zum vorherigen Album darstellen soll…

Ja, auf diesem Album gibt es in der Tat viele Verbindungen zu meinen älteren Werken. Eine Überleitung gibt es zum Beispiel sogar zu meinem ersten Album „The Final Experiment“, und die findest du im Song „E=MC2“. Eine ganz grosse Verbindung zum Album „Into the Electric Castle“ besteht in Form der ausserirdischen Forever, denn diese Rasse wurde bereits dort zum ersten Mal erwähnt. Eine weitere Brücke gibt es zu „Universal Migrator“, denn am Ende des Albums wird über den „Universal Migrator“ berichtet und die Verbindung zu „The Human Equation“ hast du bereits genannt, das ist tatsächlich „Comatose“, denn dieser Song handelt davon, das Bewusstsein zu verlieren und ins Koma zu fallen. Und im letzten Song erwähne ich dann sogar noch einmal „The Human Equation“…

Du hast vorhin erwähnt, dass du dieses Album insgesamt kryptischer gestalte hast. Kannst du mir in diesem Zusammenhang ein wenig das Cover-Artwork beschreiben?

Ja, natürlich! Das Cover wurde von einem belgischen Künstler namens Jef Bertels angefertigt, und was ich besonders daran mag ist, dass Jef mit Ölfarben und Pinseln gearbeitet hat. Es ist nicht irgendein vom Computer entworfenes Bild, das mit Photoshop bearbeitet wurde, sondern tatsächlich ein echtes Gemälde! Dafür habe ich mich vorher mit ihm zusammen hingesetzt und ihm das Konzept ganz genau erklärt. Jef sendete mir schließlich ein paar Skizzen und hat mich nach meiner Meinung gefragt. Ich sagte ihm, dass ich auf dem Cover einen dunklen Wasserplaneten haben möchte und Maschinen, die aus dem Wasser steigen. Und gerade schaue ich mir auch das hervorragende Ergebnis an, denn das Gemälde hängt hier an meiner Wand… (lacht)

Cool! OK, lass uns jetzt mal ein wenig darüber sprechen, was alle AYREON-Alben vereint, nämlich die Ansammlung von erstklassigen Musikern, die deine Werke gesanglich oder auch spielerisch veredeln. Bist du eigentlich auch daran interessiert Musikern eine Chance zu geben, die noch gar nicht oder kaum bekannt sind?

Auf meinen Alben gibt es immer viele bekannte Musiker, das ist richtig, aber einige sind auch noch völlig unbekannt. Am aktuellen Album sind sogar vier bisher unbekannte Musiker beteiligt. Marjan Welman auf „E=MC2“ sowie Liselotte Hegt und Phideaux auf „Web Of Lies“. Ich bin neuen Talenten gegenüber immer sehr aufgeschlossen, allerdings erreichen mich auch Unmengen an Material, so dass ich sehr wählerisch geworden bin und nur mit den wirklich Besten arbeite. Ich habe jetzt mit Jorn Lande und Russel Allen gearbeitet, die meiner Meinung nach die zwei besten Metal-Sänger weit und breit sind. Wenn ich also Material von einem unbekannten Sänger erhalte, der zwar den selben Gesangsstil wie Jorn hat, aber insgesamt nicht so gut rüberkommt, bin ich natürlich nicht interessiert. Ja, es ist schwer mich zu beeindrucken, weil ich mittlerweile mit so vielen wirklich guten Sängern gearbeitet habe, aber wenn ich etwas höre, was ich mag, würde ich dem Musiker immer eine Chance geben. Ich gab‘ auch Sharon von WITHIN TEMPTATION eine Chance, als sie und ihre Band noch völlig unbekannt war, weil ich ihre Stimme einfach mochte. Heute kennt man sie auf der ganzen Welt und es ist überwältigend zu wissen, dass man der Erste bzw. einer der Ersten war, die ihr eine Chance gegeben haben.

Du hast soeben Jorn Lande erwähnt. Warum hast du gerade ihn für eine der Stimmen auf deinem Album ausgesucht? Meinst du, dass Jorn speziell für Rock-Opern prädestiniert ist? Und wie würdest du ihn charakterisieren?

Jorn Lande ist ein sehr emotionaler Sänger. Er hat eine extrem kraftvolle, ausdrucksstarke und sehr vielseitige Stimme: er kann sehr tief singen und hat einen wunderbar klaren Gesang in mittlerer Tonlage, aber er kann auch richtig heavy und sehr hoch singen. Und genau das mag und schätze ich an ihm, es ist nicht nur die Technik, sondern auch die emotionale Seite.

Jorn singt auch auf dem aktuellen Album „The Scarecrow“ von AVANTASIA, das ebenfalls am 25.01.2008 veröffentlicht wird. Wusstest du das oder ist das Zufall?

Nein, das ist tatsächlich reiner Zufall, denn ich habe mit Jorn bereits vor vier oder fünf Jahren über eine gemeinsame Arbeit gesprochen.

OK, jetzt etwas allgemeiner: Bist du eigentlich der Meinung, dass die Musiker, die du für AYREON-Alben auserwählst, auch ein wichtiges Verkaufselement darstellen?

Natürlich, auf jeden Fall! Ich könnte kein Album ohne diese Musiker veröffentlichen. Ich schreibe Rock-Opern und meine Musik spiegelt so viele unterschiedliche Emotionen wider, so dass ich auch viele unterschiedliche Stimmen benötige. Einen bekannten Sänger auf dem Album zu haben, hilft selbstverständlich, denn die Leute nehmen es dann gleich viel ernster, so in der Art: (verstellt seine Stimme ein wenig) „Oh, dieser Sänger ist auf dem Album? Das muss ja gut sein!“ Natürlich haben diese Sänger ihre Fans, die dann mit Sicherheit auch mal mein Album anhören werden. Das funktioniert in beide Richtungen, denn mittlerweile verkaufe ich meine Alben weltweit und meine Fans werden so auch auf Sänger aufmerksam, die sie vorher vielleicht noch gar nicht kannten und entdecken so auch ganz neue Musikwelten. Ein gutes Beispiel hierfür ist sicherlich Steve Lee von GOTTHARD. Ich bin mir sicher, dass GOTTHARD ein unterschiedliches Publikum zieht als AYREON, aber ich bin mir auch sicher, dass sich viele AYREON-Fans letztendlich auch für GOTTHARD interessieren werden: (verstellt wieder seine Stimme) „Oh, ich mag diese Musik!“

Wie wichtig – vielleicht in Prozent ausgedrückt – meinst du ist die Mitwirkung der anderen Musiker für den Erfolg deiner Alben? Schätz doch mal…

Oh, das kann ich nicht sagen… Weisst du, ich müsste wohl erstmal ein Album ohne Gastsänger veröffentlichen, um den Erfolg vergleichen zu können. (lacht) Erst dann könnte ich dir diese Frage tatsächlich beantworten. (Lachen jetzt auf beiden Seiten) Ich habe absolut keine Ahnung. Ich denke, dass ich über all die Jahre eine treue Fangemeinde ansammeln konnte, die meine Alben kaufen würden, auch ohne zu wissen wer daran beteiligt ist. Diesbezügich habe ich grosses Vertrauen in meine Fans. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die Leute meine Alben nur deshalb kaufen, weil ihnen ein Sänger ganz besonders gut gefällt, sondern weil ihnen die Musik an sich gefällt. Denn wenn du dir ein Album anhörst und es gar nicht magst, kaufst du es auch nicht.

Haben deine Gastmusiker eigentlich Einfluss auf die Art wie du komponierst bzw. auf die fertigen Songs?

Ja, manchmal sogar sehr viel. Ich sende allen Gastmusikern meine Songs immer erst in einer Art Rohversion bevor wir ins Studio gehen und teile ausdrücklich mit, dass diese Version nur eine Art Wegweiser sein soll. Ich möchte nicht, dass der Song gerlernt wird, sondern er soll im eigenen Stil interpretiert werden. Deshalb empfehle ich auch immer den Song nur ein- oder maximal zweimal zu hören. Wenn ich einen Sänger für einen Song ausgewählt habe, darf und soll der Song im eigenen Stil eingesungen werden. Es ist lustig zu sehen, dass einige Sänger die Songs und ihre Atmosphäre auf eine gewisse Art komplett ändern, wie es zum Beispiel Jorn Lande gemacht hat. Aber Bob Catley jedoch gefiel die Original-Melodie so sehr, dass er sich an ihr orientierte. Also variiert das alles auch von Sänger zu Sänger…

Kommen wir jetzt zu einem Thema, das für AYREON bisher niemals einfach oder gar nicht umsetzbar war, denn eine Tour ist schon allein wegen dem grossen Aufgebot an Gastmusikern, die alle ihre eigenen Projekte haben, einfach nicht möglich. Aber kannst du dir dennoch vorstellen einige Songs so umzuarrangieren, das sie auch live funktionieren?

AYREON ist keine Live-Band. Aber wenn ich live spielen wollte, dann müsste das mit mindestens vier Sängern geschehen. Nur wird es auch dann auch schon wieder schwierig einen Song, der für zehn Charaktere geschrieben wurde, nur mit vier Sängern umzusetzen. Also fällt ein Live-Auftritt diesbezüglich ins Wasser. Ausserdem müsste man für ein solches Programm mehrere Wochen proben…und alle Sänger unter einen Hut zu bekommen ist schlichtweg nicht möglich. Die einzige Möglichkeit wäre wohl so eine Art Theater-Produktion, mit Schauspielern, die ich für ein ganzes Jahr anheuern müsste, dann könnte das vielleicht sogar funktionieren…

An dieser Stelle ist es Zeit für eine ganz spontane Frage. Welche drei Wörter – Gefühle, Ideen…was auch immer – sollen oder könnten den Zuhörern des neuen Albums in den Sinn kommen?

Drei Wörter… Hm… Emotionen, Abenteuer und Weltflucht.

Gut. Interessierst du dich eigentlich für Wissenschaften? Ich meine, für gewöhnlich wird man wohl eher danach gefragt, ob man religiös ist oder sowas, was dann auch genau das Gegenteil zur Wissenschaft ist. Aber diese Frage könnte durchaus beim Hören des neuen Albums aufkommen…

Ich bin sogar sehr an Wissenschaften und vor allem an Astronomie interessiert. Grundsätzlich basieren viele meiner Geschichten bzw. Songs auf aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft. Zum Beispiel könnte unsere DNA tatsächlich von einem anderen Planeten stammen. Kometen könnten gefrorene DNA von anderen Planeten transportieren und im Universum verbreiten. Ausserdem, ich denke gerade an den Planeten Y, gibt es tatsächlich einen Planeten im Andromeda-System, der sich in der Galaxie M31 befindet, der genauso weit von der Sonne entfernt ist, wie die Erde. Es könnte also durchaus möglich sein, das auf diesem Planeten parallel zu uns Leben entstanden ist. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieser Planet der zu uns nächste ist, auf dem es Leben geben könnte. Leider ist er fünf Millionen Lichtjahre von uns entfernt und deshalb werden wir hier wohl niemals über Theorien hinauskommen. Diese Distanz ist einfach zu gross, um hinfliegen und nachschauen zu können… Alles, was mit Astronomie zu tun hat interessiert mich sehr. Was ist das Universum? Wo ended es, wann und wie begann alles? Gab es einen Urknall? Breitet sich das Universum weiterhin mit Lichtgeschwindigkeit aus? Und… Yeah…was existiert darüber hinaus? Auf dem aktuellen Album beschäftigt sich der Song „E=MC2“ ein wenig mit der Einsteintheorie, womit ich nicht gesagt haben möchte, dass ich sie überhaupt verstehe, aber…ja, mich interessiert soetwas einfach.

Das neue Jahr hat gerade begonnen. Möchtest du ein paar Worte an deine Fans richten?

Ich hoffe, dass ihr das neue Album mögt, denn es ist nicht so einfach zu verstehen und benötigt vielleicht ein paar Durchläufe. Leute, die das Album gerade zweimal gehört hatten, sagten mir „Hm, ich mag’s irgendwie…“, aber schon nach dem dritten Mal meinten sie: „Oh, das ist dein bestes Album!“. Ich hoffe also – in einer Zeit mit iPods, wo jeder irgendeinen Scheiss herunterlädt und diesen bald auch schon wieder löscht – dass wenigstens ein paar meiner Songs den schnellen Konsum überleben.

Ich danke dir sehr für deine Antworten und die Zeit, die du dem Interview gewidmet hast.

Gern geschehen! Das waren wirklich sehr interessante Fragen!

Dankeschön. Ich wünsche dir viel Erfolg mit dem neuen Album und auch ganz allgemein! Gute Nacht!

Danke. Bye-bye!

03.02.2008

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