In Flames
Interview mit Björn Gelotte auf dem Summer Breeze

Interview

In Flames

Vor zehn Jahren habt ihr zum ersten Mal auf dem Summer Breeze gespielt. Erinnerst du dich noch an die Show damals?

Ich weiß nur noch, dass die Bühne verdammt groß war, haha. Aber an irgendwelche Einzelheiten, zum Beispiel welche Songs wir gespielt haben oder was für andere Bands am Start waren, kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Das ist echt verdammt lange her, Mann. Aber eines weiß ich: Festivals in Deutschland sind der Hammer! Ich weiß nicht woran es liegt, die Leute, das Bier, keine Ahnung. Aber ihr Deutschen stellt wirklich coole Festivals auf die Beine. Da kann der Rest der Welt noch eine Menge von euch lernen, ernsthaft!

Ihr habt mittlerweile zehn Alben veröffentlicht. Wie schwierig ist es da, eine angemessene Setlist für Shows wie die heutige zusammenzustellen?

Wichtig ist, dass eine gewisse Dynamik im Set ist. Das haben wir in diesem Sommer ganz gut hinbekommen, finde ich. Wir haben natürlich die neuen Songs, aber auch eine Menge altes Zeug. Wir versuchen dann, die richtige Balance zu finden. Und mal schauen, was nachher passiert. Vielleicht ändern wir auf der Bühne noch kurzfristig ein paar Dinge.

Dafür braucht ihr aber einige Songs in der Hinterhand, oder?

Naja, wir sind nicht wie Bruce Springsteen, der jeden seiner 500 Songs draufhat, haha. Aber es gibt natürlich Songs, die wir immer mal wieder proben und einfach gerne spielen, die aber nicht immer in die Setlist passen. Insofern sind wir da zu einem gewissen Maß auch flexibel, klar.

„Cloud Connected“ steht aber hoffentlich auf der Setlist, oder?

Lass mich kurz überlegen…ja, ich denke schon, haha.

Ich erinnere mich noch gut an meine Jugend und euer „Reroute To Remain“-Album. Eben dieser Song war für mich damals besonders faszinierend. Hat der Track auch eine besondere Bedeutung für euch?

Als wir die Demos für „Reroute To Remain“ damals angehört haben, wurde uns schon klar, dass dieser Song irgendwie heraussticht. Deswegen haben wir ja auch entschieden, ein Video für „Cloud Connected“ zu drehen. Andererseits ist es auch nur ein Song auf der Platte. Ohne ihn wäre das Album sicher nicht das selbe, umgekehrt wäre der Song ohne die Platte aber auch nicht der, der er nun einmal ist. Es ist einfach ein catchy Teil, das live richtig Spaß macht. Und das Gute an catchy Songs ist, dass ich mich besser erinnern kann, was ich so spielen muss, haha.


Ihr seid in diesem Jahr einer der Headliner des Summer Breeze. Könnt ihr euch bei eurem Status überhaupt noch vorstellen, um zwei Uhr nachmittags in der gleißenden Sonne zu spielen?

Natürlich, das haben wir auch schon oft gemacht. Auf dem Download vor ein paar Jahren zum Beispiel. Natürlich bin ich happy darüber, dass wir mittlerweile in der Regel am Abend spielen. Und klar, um zwei Uhr nachmittags stehen vielleicht nur halb so viele Menschen vor der Bühne. Und die Atmosphäre ist auch eine andere, vor allem wenn du in Sachen Lightshow etwas bieten willst. Aber als Band musst du diese Chancen trotzdem wahrnehmen, wenn du irgendwann mehr Erfolg haben willst. Mal abgesehen davon, dass es manchmal aus logistischen Gründen Sinn ergibt, eher auf die Bühne zu gehen, zum Beispiel weil dein Heimflug um 20 Uhr abhebt.

Heute geht für euch eine lange und sicherlich anstrengende Festival-Saison zu Ende. Habt ihr von all dem Reisen in solchen Momenten die Nase voll und seid froh dass es zurück in die Heimat geht?

Wir haben uns heute erst darüber unterhalten, als wir uns am Flughafen getroffen haben. Irgendwer meinte „Hey, es ist die letzte Show heute“. Und dann haben wir festgestellt, dass wir einerseits wirklich froh sind, dass wir morgen nicht zum nächsten Festival fahren, sondern nach Schweden. Andererseits war die Stimmung auch ein wenig melancholisch, denn wir lieben es, auf der Bühne zu stehen. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir vorwiegend im Proberaum und im Studio sein, das ist natürlich etwas anderes. Ich meine, es ist auch spannend, sich auf eine neue Platte zu konzentrieren und alles, was da mit dran hängt. Aber letztlich ist es so: Du schreibst Songs und machst eine Platte nur, damit du auf Tour gehen und sie live spielen kannst. Das ist was wir sind, eine Live-Band. Wir wollen raus auf die Bühne und unsere Freunde und Fans sehen. Platten machen ist nur die notwendige Arbeit, die du vorher verrichten musst.

Wie bereits gesagt, ihr seid schon eine ganze Weile im Geschäft. Habt ihr nicht manchmal Kreativitäts- und Motivationsprobleme?

Nicht, wenn wir Spaß haben. Wie du schon sagtest – wir machen das nun schon seit über 20 Jahren. Jeder hat mittlerweile seine individuellen Prioritäten. In meinem Fall ist es so, dass meine Familie an erster Stelle steht, aber gleich danach kommt die Band. Ich liebe es einfach, Musik zu schreiben und mit den Jungs zusammen zu sein. Wenn wir als Band zusammenkommen, dann sind wir noch immer sehr produktiv und haben eine Menge Spaß. Und wenn ich irgendwann keine Freude mehr an der Sache hätte, dann würde ich es nicht mehr machen.

Gemeinsam mit AT THE GATES, DARK TRANQUILLITY, ARCH ENEMY und SOILWORK geltet ihr seit vielen Jahren als die wichtigsten Vertreter der schwedischen Melodic-Death-Szene. Dennoch kommen aus eurer Heimat Jahr für Jahr natürlich viele neue und junge Bands nach. Habt ihr da manchmal nicht väterliche Gefühle?

Nein, haha. Als ich vor etwa zwanzig Jahren zu IN FLAMES kam, war ich ja selber fast noch ein Kind. Und schwedischen Melodic Death gab es damals ja schon. Es ist nicht so, dass wir alleine alles gestartet hätten. Wir waren Teil eine Gruppe von Bands, die sich in diesem Bereich bewegten. Und ich finde es Schwachsinn zu sagen, schwedischer Melodic Death – oder wie auch immer man es nennen will – ist nur dann richtig, wenn er so klingt wie DARK TRANQUILLITY oder IN FLAMES. Das interessante an Musik ist doch, wenn du verschiedene Genres vermischst und dem Ganzen deine eigene Note verleihst, um letztlich etwas Neues zu erschaffen. Ich bin ziemlich oldschool, wenn es um Death Metal oder Metal im Allgemeinen geht – ich meine hey, ich bin ein Typ aus den 70ern, haha. Aber du hast immer wieder Bands, die etwas Besonderes machen. Wenn die Musik von Herzen kommt, dann werden die Menschen das früher oder später merken. Und darauf kommt es an.

Wenn du dir eure Diskografie vor Augen holst – was ist deiner Meinung nach das charakteristische Element, dass alle eurer Platten verbindet?

Es sind die Melodien. Und die Refrains. Ich bin wirklich ein großer Fan davon, ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen, das Gute und Eingängige in einem Song sehr früh herauszustellen. Ich brauche kein elend langes Intro, bevor ich zum Kern der Sache komme. Spätestens nach 30 oder 40 Sekunden brauchst du Melodien, einen catchy Part – das ist meine Philosophie. Und ich denke, das spiegelt sich in allen unserer Platten wider.

Gibt es eine Platte, die du rückblickend als besonders wichtig für euren Werdegang erachtest?

Das kann man so nicht sagen. Jedes Album war für uns ein weiterer Schritt nach vorn. „The Jester Race“ ist für mich natürlich insofern besonders, als dass es das erste Album war, auf dem ich mitgespielt habe. Nach „Whoracle“ erhielten wir die Möglichkeit, größere Touren zu machen. Nach „Colony“ haben wir unsere erste US-Tour gespielt, das hat uns viele neue Chancen eröffnet. „Clayman“ war das erste Album, von dem ein paar Songs bei einigen Radiostationen liefen. Auf „Reroute To Remain“ wiederum haben wir mit einem anderen Produzenten (Daniel Bergstrand) zusammengearbeitet, was unseren Sound spürbar verändert hat. Und so weiter und so weiter. Jedes Album hat seine spezielle Bedeutung, ich könnte stundenlang darüber reden. Aber am Ende sind sie alle wichtig, jedes für sich.

Gab es einen Punkt in eurer Karriere, an dem ihr euch aus heutiger Sicht wünscht, ihr hättet andere Entscheidungen getroffen?

Das würde ja bedeuten, dass ich nicht zufrieden damit wäre, wo wir heute stehen. Aber alle Dinge, die in der Vergangenheit vielleicht nicht so gelaufen sind, wir wir uns es damals vorgestellt haben, sind Teil unserer Geschichte, die uns heute hierher gebracht hat. Ich meine, wir sind heute früh in Deutschland gelandet, spielen auf einem großen Festival zu einer tollen Zeit. Tausende Menschen werden uns sehen. Und es fühlt sich nicht wie Arbeit an oder wie irgendein Job. Es ist ein verdammt großer Spaß. Und ich bin verdammt glücklich darüber, hier zu sein. Bereue ich also irgendwelche Entscheidungen, die ich vor Jahren getroffen habe? Verdammt noch mal, nein!

Aber machst du dir Gedanken über die Zukunft? Über die Zeit nach der Band?

Haha, nein. Da mache ich mir keine Sorgen. Ich glaube es zwar nicht, aber sollten wir die Band wirklich irgendwann einmal zu Grabe tragen, dann werde ich weiter Musik machen. Es ist so ziemlich das einzige, was ich wirklich kann, haha. Insofern wird die Musik immer wesentlicher Bestandteil meines Lebens sein. Ich meine, heute ist die letzte Show. Danach geht es zurück nach Schweden, wo wir Ende des Jahres unser elftes Album aufnehmen. Und danach werden wir hoffentlich wieder auf Tour gehen. Es wird immer weiter gehen, haha.

Alles klar. Viel Erfolg und besten Dank für deine Zeit.

Danke, Mann!

Galerie mit 10 Bildern: In Flames EMP-Verlosung
04.12.2013

"Am Ende isses immer Arbeit."

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