Negura Bunget
Interview mit Schlagzeuger Negru zu "Om"

Interview

Nach einem derart großartigen und tiefsinnigen Kunstwerk, wie „Om“ es ist, war ein Interview mit der Band natürlich Pflicht. Drummer Negru, der gerade erst von NEGURA BUNGETs anlässlich zum Album-Release veranstalteten Rumänientour zurückgekehrt war, sprach mit mir über den spirituellen Hintergrund der Musik, seine Heimat und hinderliche Visaprobleme.

Negura Bunget

Euer neues Album „Om“ ist vor kurzer Zeit erscheinen. Meiner Meinung nach ist es bis jetzt eindeutig Euer stärkstes Werk! Aber was denkt Ihr denn über das Album, seid ihr mit dem Endergebnis zufrieden?

Wir sind erst einmal glücklich, es endlich fertiggestellt und veröffentlicht zu haben. Wir lebten drei Jahre lang mit diesem Album in unseren Köpfen und hatten manchmal schon das Gefühl, es würde nie fertig werden. Aber alles in allem denke ich, die Anstrengungen haben sich gelohnt und wir sind zufrieden mit dem Album. Natürlich hat es seine Schwächen, aber manchmal ist doch gerade das charmant…

Der Veröffentlichungstermin war zu Beginn für Mai 2005 angesetzt, wie kam es denn zu dieser immensen Verzögerung?

Stimmt, das Album hätte ursprünglich im Frühling 2005 erscheinen sollen. Wir mussten es so oft verschieben, weil es einfach ein so komplexes Projekt war. Auf keinen Fall wollten wir irgendwelche Kompromisslösungen eingehen, nur um es früher veröffentlichen zu können.
Vor allem die DVD nahm viel Zeit in Anspruch – vom Filmen über das Schneiden und Nachbearbeiten bis hin zum 5.1 Mix, in dem alle Stücke vorliegen. Wir haben das alles komplett selber gemacht, nur ein paar Freunde haben uns dabei geholfen. Manche Dinge waren sehr viel zeitintensiver, als wir zuerst angenommen hatten. Eigentlich war die Musik im Mai 2005 auch schon so ziemlich fertig geschrieben und aufgenommen, aber mit dem Rest sind wir nunmal nicht früher fertig geworden.
Deshalb ist es schon eine ziemliche Erleichterung, dass es nun endlich draußen ist…

Om ist ein sehr starkes Symbol mit vielen verschiedenen möglichen Bedeutungen. Könntest Du bitte erklären, wieso Ihr das Symbol (bzw. die Silbe) als Titel des Albums gewählt habt und etwas über das Konzept des Albums erzählen?

„Om“ beginnt mit der Natur, dem eigenen Haus, den Bergen und Flüssen die es umgeben, dem Ort, also den grundlegenden Dingen, die jeder hat und genießt, und strebt eine innere Reflexion über die Evolution des menschlichen Geistes an, seine Erhebung durch Meditation, in einer Geschichte der traditionellen Esoterik – wobei das uranfängliche Om-Symbol dem individuellen Geist hilft, den Schleier zu überwinden und einen transzendentalen Status zu erlangen, hinter dem Traum, in der Stille des Bewusstseins.

Mir ist aufgefallen, dass das Booklet der CD keinerlei Texte enthält. Natürlich sind viele Eurer Hörer nicht der rumänischen Sprache mächtig, aber ich glaube nicht, dass Ihr sie deshalb nicht abgedruckt habt. Seid Ihr vielleicht der Meinung, die von der Musik erzeugte Atmosphäre sei wichtiger als die eigentlichen Texte, sind sie zu persönlich oder hat es einen ganz anderen Grund?

Die Texte wird es sehr bald auf unserer Website geben, sowohl die rumänischen Originalfassungen als auch englische Übersetzungen dazu. Wir hatten das Gefühl, die ganze Atmosphäre des Digipak-Layouts würde ohne die (übrigens ziemlich umfangreichen) Texte besser zur Geltung kommen.
Wir waren schon immer der Meinung, dass es bessere und direktere Wege gibt, eine spirituelle Nachricht zu vermitteln, als die eigentlichen Texte. Die sehen wir lediglich als einen Teil des Ganzen. Wenn Du etwas Bedeutungsvolles zu sagen hast, dann werden die Leute das auch so verstehen, wenn Du es schaffst, es in der Musik entsprechend umzusetzen.

Ihr habt „Om“ in Eurem eigenen Studio aufgenommen. War das ein notwendiger Schritt, um die volle Kontrolle über den Aufnahmeprozess zu erlangen? Wie kamt ihr mit dieser Arbeitsweise zurecht?

Wir sahen uns mehr oder weniger gezwungen, das zu tun. Es gibt nur sehr wenige Studios in Rumänien, die für Metal-Aufnahmen geeignet sind, und vermutlich hat keines davon auch nur eine entfernte Verbindung zum Black Metal. Wir hatten in der Vergangenheit schon immer Probleme bei den Aufnahmen, weshalb uns unser eigenes Studio wirklich sehr weiterhilft. Seit einer Weile wissen wir ziemlich genau, was für einen Sound wir für unsere Alben haben wollen, weshalb wir auch schon früher vieles selber gemacht haben. Von daher ist das mit dem eigenen Studio jetzt auch nicht so großartig anders. Manchmal ist es anstrengender; vor allem ist es viel zeitaufwändiger, aber auch wesentlich zufriedenstellender. Es bringt weitere Verantwortungen mit sich, aber vor Verantwortungen haben wir uns noch nie gedrückt, da die zusätzliche Arbeit eben auch mehr Zufriedenheit bringen kann.
Das Studio ist aber nicht nur bei den Aufnahmen vorteilhaft, denn wir haben nun auch viel mehr Zeit zum Experimentieren und können es jederzeit aufsuchen, wenn wir neue Ideen haben. Der gesamte Schaffensprozess eines Albums ist dadurch viel komplexer geworden.

„Om“ ist in einem großartig gestalteten Digipak erschienen und bereits Euer vorheriges Album „N Crugu Bradului“ wurde als besonderes A5 Digibook veröffentlicht. Bei NEGURA BUNGET geht es wohl um mehr als „nur“ Musik, wollt Ihr vielleicht so etwas wie allumfassende Kunst erschaffen?

Stimmt, wir haben bei NEGURA BUNGET schon immer Wert auf das Drumherum gelegt. Wir stecken gerne Arbeit in Dinge, die andere vielleicht als irrelevant erachten, denn am Ende zählt schließlich jedes Detail. Außerdem haben wir einige gute Freunde, die sich mit visueller Gestaltung auskennen und uns auch unübliche Wünsche erfüllen können, also warum nicht?

Neben der Audio-CD ist da auch noch eine DVD mit Live-Clips, beeindruckenden Videos und einem Interview mit Euch. Ihr habt sogar einen Video-Trailer gemacht, um das Album zu promoten. Viele Metal-Bands sind sehr skeptisch wenn es um solche „modernen“ Dinge geht, aber Ihr seid scheinbar für alles offen, oder?

Ich denke, am Ende ist nicht die Form wichtig, sondern der Inhalt… Wenn Du etwas hast, das es wert ist, verbreitet zu werden und Du dafür verschiedene Wege nutzt, dann sehe ich da kein Problem.
Eine andere Möglichkeit ist, gar nichts zu tun und alles so sehr im Underground zu halten wie nur irgendwie möglich, dagegen habe ich auch nichts.
Wir tun immer das, was für uns okay ist und bisher gibt es nur sehr wenige Dinge, die wir bereuen. Man muss aber wissen, wo man in Sachen Promotion Grenzen ziehen muss, das behalten wir immer in Hinterkopf.

„Inarborat“ ist im Grunde genommen der gleiche Song wie „Wordless Knowledge“ von der „Inarborat Kosmos“-MCD. Wieso habt Ihr das Stück neu aufgenommen und warum habt Ihr nicht den englischen Originaltext verwendet?

Eigentlich war von Anfang an klar, dass der Song zusammen mit dem rumänischen Text ein Teil des Albums sein würde. „Inarborat Kosmos“ war eher so etwas wie ein Experiment, zu dem sowohl das Stück als auch der englische Text gut passen.
Die Struktur des Songs haben wir auch noch leicht verändert, da ihn das noch etwas atmosphärischer macht und es besser zu dem rumänischen Text passt. Ich könnte übrigens sogar noch weiter gehen und sagen, dass „Wordless Knowledge“ einfach nur die englische Übersetzung des Titels „Cunoasterea Tacuta“ ist, obwohl zwischen der Musik der beiden Stücke keinerlei Verbindung besteht. Aber die lyrischen Konzepte haben Ähnlichkeiten, das war auch eine der Ideen, die wir mit diesem Album erforschen wollten.

Wo wir schon über Eure Texte sprechen – nur wenige davon sind in Englisch verfasst. Rumänisch ist natürlich Eure Muttersprache, aber ist es auch die einzige Sprache, die die Ideen und Gefühle hinter NEGURA BUNGET adäquat ausdrücken kann?

Die Texte von Inarborat Kosmos sind ja auf Englisch. Da war das leichter, da die ganze Sache mehr auf einer traditionellen Black-Metal-Herangehensweise beruht. Aber spirituellere und abstraktere Konzepte auf Englisch zu verwirklichen… das ist nicht immer möglich.
Die rumänische Sprache hat viele Feinheiten, die wir unmöglich in irgendeiner anderen Sprache ausdrücken können. Außerdem stehen die Konzepte, die wir erforschen, oft in engem Zusammenhang mit rumänischen Dingen, für die es manchmal nicht einmal direkte englische Übersetzungen gibt.

Zumindest Eure ersten Alben waren sehr stark Black-Metal-beeinflusst. Heutzutage benutzt Ihr immer noch einige typische Black-Metal-Elemente, aber in Eurer Musik stecken eindeutig auch viele andere Einflüsse. Seht Ihr NEGURA BUNGET noch als einen Teil der Black-Metal-Szene (oder als Teil irgendeiner anderen Szene)?

Ich denke, es hängt davon ab, wie Du Black Metal definierst. So wie wir das sehen, sind wir immer noch eine Black-Metal-Band und wir glauben auch nicht, dass die verschiedenen Elemente in unserer Musik dem widersprechen. Aber für uns definiert sich Black Metal eher durch Ideologie und Spiritualität. Die musikalische Seite ist nicht mehr als eine Konsequenz der Ideologie, die hinter ihr steht.

Transsilvanien ist wohl eine der mysteriösesten Gegenden der Welt, eine Menge Mythen und Legenden drehen sich darum. Glaubst Du, dass NEGURA BUNGET auch ohne Transsilvanien existieren könnte, oder ist es ein notwendiger Bestandteil Eurer Musik?

Transsilvanien ist nicht nur ein notwendiger Bestandteil unserer Musik, sondern auch ein notwendiger Bestandteil von uns als Individuen. Es gibt wirklich keinen anderen Ort, an dem NEGURA BUNGET existieren könnte. Gleich zu Beginn begriffen wir, dass wir aus einem ganz bestimmten Grund in NEGURA BUNGET sind, der uns als Individuen übersteigt und mehr mit der spirituellen Essenz unseres Heimatlandes zu tun hat.

Wie seid Ihr eigentlich zum (Black) Metal gekommen? Ich könnte mich da irren, aber ich glaube es gibt nicht gerade viele Metal-Bands in Rumänien.

Das war für uns eine ganz natürliche Sache. Es war die Art von Musik, die wir hörten und die Musik, die wir spielen wollten. Wir fingen eigentlich in einer anderen Band namens „MAKROTHUMIA“ an, das war eher so Progressive/Death. NEGURA BUNGET gründeten wir zunächst als ein Nebenprojekt, doch uns wurde schnell klar, dass wir zu dieser Musik eine engere Bindung haben. In der Tat gab es als wir anfingen nicht viele Metal-Bands und noch weniger Black-Metal-Bands in unsere Gegend, aber uns hat nie interessiert, was die anderen taten. Wir versuchten einfach nur, unseren eigenen Weg zu gehen. Heute ist die Situation in Rumänien eigentlich genau so wie früher und es gibt nur wenige, eher unbekannte Black-Metal-Bands.

Eure Live-Auftritte sind immer sehr intensive und faszinierende Erfahrungen, Ihr scheint da wirklich mit Leib und Seele dabei zu sein. Wie wichtig ist es für Euch, live zu spielen und welche Gefühle weckt es in Euch?

Wir sind von Anfang an eine Live-Band gewesen und haben immer zukünftige Live-Auftritte im Kopf, wenn wir gerade an einem neuen Album schreiben.
Auf der Bühne kann man den spirituellen Inhalt der Musik mit größtmöglicher Intensität erzeugen und vermitteln. Für uns ist das immer ein sehr anstrengender Prozess, aber wenn alles so klappt, wie es soll, dann hebt es den Geist wirklich in höhere Sphären.

Ihr musstet die UK-Termine Eurer Om-Tour absagen, da Ihr die entsprechenden Visa nicht bekommen habt. Laut Euer Webseite hattet Ihr außerdem Probleme bei der Einreise in Bosnien und Herzegowina. Ich bin vielleicht etwas neugierig, aber was war denn da los?

Naja, ob Du’s glaubst oder nicht, das waren wieder die selben Visaprobleme. Serbien und Bosnien sind die einzigen Länder in der Nähe von Rumänien, für die wir Visa brauchen. Wir haben ihnen eine Visumpflicht auferlegt (eine EU-Forderung) und sie taten im Gegenzug das selbe. Wir wussten über Serbien Bescheid, aber bezüglich Bosnien hatten wir keine Ahnung. Bosnien hat nicht einmal eine Botschaft in Rumänien. Wir haben unseren Tourorganisator gefragt und er meinte, wir würden keine Papiere brauchen.
Glücklicherweise sieht es ganz so aus, als würde Rumänien schon sehr bald der EU beitreten (am 1. Januar 2007), dann werden wir keine Visa mehr für die Einreise in Großbritannien brauchen.

Habt Ihr schon Pläne für eine (Europa)Tour?

Wir planen gerade eine größere Tour für Anfang 2007, bei der wir hoffentlich alle Auftritte nachholen können, die wir absagen mussten. In den nächsten paar Wochen sollte alles geklärt sein.

Man könnte NEGURA BUNGET ja als so etwas wie das Flaggschiff von code666 [NEGURA BUNGETs Label – Anmerk. d. Red.] bezeichnen. Habt Ihr schon Angebote von anderen (größeren) Labels bekommen und würdet Ihr einen Wechsel in Erwägung ziehen?

Wir haben mit ein paar anderen Labels gesprochen, aber nie ein wirklich gutes Angebot bekommen und deshalb auch nicht über einen Labelwechsel nachgedacht. Ich denke momentan ist code666 genau das richtige Label für uns! Sie haben uns sehr mit „OM“ geholfen und waren sehr verständnisvoll was die ganzen Verzögerungen angeht. Ich schätze es lag auch in ihrem Interesse, dass dieses Album so gut wie möglich wird.

So, nun sind wir leider auch schon am Ende des Interviews angelangt. Vielen Dank für Deine Antworten und die Zeit, die Du geopfert hast, ich weiß das sehr zu schätzen! Wie üblich gehören die letzten Worte Dir, falls Du noch etwas zu sagen hast.

Danke für die Unterstützung! Es war ein sehr interessantes und anspruchsvolles Gespräch. Stay Black!

22.11.2006

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