Pain
Interview mit Peter Tägtgren zu "Dancing With The Dead"

Interview

Wenn eine Major Company einlädt, folgt man als Schreiberling gerne. So begab es sich nämlich, daß Kollege Thomas und ich in den seltenen Genuß kamen, einmal eine Suite im Stuttgarter Maritim, die extra nur für die Interviews angemietet worden war, von innen zu sehen. PAIN-Mastermind Peter Tägtgren fand diese Aktion zwar nicht so überragend (O-Ton: „Die sollen sich so etwas hier sparen und lieber mehr Anzeigen in den Zeitungen plazieren!“), aber dennoch präsentierte er sich als angenehmer Gesprächspartner, der nur vom vorherigen, von diversen Wodka-Red-Bull aus Weizengläsern und einem Treffen mit Comedy-Ikone Helge Schneider an der Hotelbar versüßten Abend noch etwas gezeichnet war. Der Erfolg des neuen Albums regt aber auch zum Feiern an, wie Peter, der trotz dieses Umfelds absolut keine Starallüren an den Tag legte und sich als sehr bodenständiger und sympathischer Gesprächspartner zeigte, gleich berichten konnte.

Pain

In Schweden ist das Album direkt auf Platz 3 in die Charts eingestiegen. In Finnland ging es ebenso erfolgreich zur Sache. Die Single schoß auf Platz 5. Die Aussichten sind also sehr rosig.

metalgreg: Und dabei wäre es fast nicht dazu gekommen. Die Platte heißt „Dancing With The Dead“. Ich nehme an, daß dieser Titel auf Deinen Zusammenbruch bezogen ist?

Ja, so ist es! Zuerst wollte ich sie „Life Is Overrated“ betiteln, aber das hat der Plattenfirma nicht gefallen, hehe! Viele Songs sind auf diesen Zwischenfall bezogen. Für mich selbst war das Schreiben darüber eine gute Art und Weise, das alles zu verarbeiten. Es hat mir geholfen, in drei oder vier Songs verschiedene Sichtweisen auf meinen Zusammenbruch zu beschreiben.

Thomas: Hat dich dein Zusammenbruch nachdenklich gemacht?

Ja, schon. Ich bin Vater, ich habe Kinder. Wenn sie nicht da wären, wäre mir diese ganze Sache scheißegal gewesen. Als Vater, der eine Verantwortung trägt mußt du jedoch ein wenig weiter denken.

 

metalgreg: Woran lag es, daß es dich gerissen hat? Harte Arbeit? Exzessive Partys? Oder beides?

Gute Frage! Als sie mich ins Krankenhaus eingeliefert haben, konnten sie nichts in meinem Körper finden, was irgendeine Fehlfunktion aufgewiesen hat. Ich denke, daß es mit dem Streß zu tun hatte, der in dieser Zeit angefallen ist.

metalgreg: Hier hat wohl jemand eine Ersatzleber im Körper. Anyway, wo siehst du Hauptunterschiede zum Vorgängerwerk „Nothing Remains The Same“?

Diesmal ist die Musik wesentlich gitarrenorientierter ausgefallen und hangelt sich mehr an richtigen Heavy Metal-Einflüssen entlang. Die Produktion hingegen ist sehr modern und richtet sich nach Techno- und Industrial-Maßstäben. Der Hauptunterschied ist jedoch, daß die Songs einfach besser sind und die Platte eine bessere musikalische Performance widerspiegelt.

metalgreg: Eigentlich ist es verwunderlich, daß du wieder ein wenig an Härte drauf gepackt hast. Ich denke, daß die meisten Leute wohl eher das Gegenteil erwartet haben, nämlich, daß du vermehrt in die poppige Chartrichtung schielst.

Ja, das denke ich auch. Im Prinzip sind auch mehr Melodien und catchy Parts auf der Platte enthalten, aber ihr Rahmen ist wesentlich heftiger ausgefallen. Und es steckt mehr Energie im neuen Material. Als ich die Songs geschrieben habe, war die Gitarre mein Hauptkompositionsinstrument. Bei der letzten Platte war es noch das Keyboard. Das kann man hören. „Dancing With The Dead“ ist ein Metalalbum mit moderner Produktion.

metalgreg: Würdest du zustimmen, daß gitarrenorientierte Musik gerade im Trend liegt?

Das hängt davon ab, wie du gitarrenorientiert definierst. AC/DC spielen in meinen Augen gitarrenorientierte Musik. Aber es stimmt, daß heutzutage mehr harte Bands in den Charts sind als noch vor ein paar Jahren. Die Zeiten ändern sich. Die Leute sind satt und haben keine Lust mehr auf diese von den Plattenfirmen zusammengecasteten Backstreet Boys-Klone. Sie wollen wieder echten Rock.

metalgreg: Genau aus diesem Grunde frage ich, denn du hast auf der neuen Platte ein Lied über eben diese ganze Castingscheiße geschrieben. Und die Gewinner der letzten Casting Show in Deutschland machen einen auf Düsterrock mit Goth-Touch.

Ja, das habe ich gehört. Es ist verrückt. In meinem Song über diese Casting habe ich selbige jedoch nicht beschimpft oder in den Dreck gezogen. Ich habe das ganze eher auf eine humorvolle Weise gesehen. Die Musikindustrie hat schon oft verrückte Dinge hervorgebracht. So auch diese Castings. There is no business like show business. Damit will ich aber nichts zu tun haben. Ich lebe nicht in der Großdstadt und ich gebe einen scheiß darauf, ob ich jetzt in irgendeiner Zeitung groß gefeaturet werde. Ich brauche keine 15 minutes of fame. Alles, was ich tue oder schreibe, mache ich, weil ich daran glaube. Wenn die Leute es mögen, ist es cool. Wenn nicht… nun, ich kann es nicht jedem recht machen. Die Hauptsache ist, daß ich damit glücklich bin. Natürlich ist es ein Schub für dein Selbstbewußtsein, wenn deine Platte irgendwo auf Platz 3 in irgendwelche Charts einsteigt, aber die Musik kommt trotzdem nur vom Herzen. Ich habe vorher nicht Studien betrieben, was sich gerade verkauft und was nicht.

Thomas: Würdest du dich in deiner Heimat als Popstar bezeichnen?

Nein, nicht direkt als Popstar. Klar kennen mich viele Leute. Aber ich lebe mitten im Wald und renne nicht in den Straßen rum und mache einen auf coolen Rockstar. Das war noch nie mein Ding. Ich bin jetzt seit 15 Jahren im Musikbusiness unterwegs und habe schon viel gesehen. Du mußt zwischendurch immer die Zeit finden, du selbst zu bleiben und nicht nur darauf zu schielen, Alben zu verkaufen.

Thomas: Benutzen sie deine Songs trotzdem für Chartcompilations?

Ja, das tun sie. Aber hey, das ist mir scheißegal. Ich sehe das eher als Chance, mehr Leute an die harte Musik heranzuführen.

Thomas: Glaubst Du, daß du durch Pain neue Fans für Hypocrisy dazugewinnst und andersherum?

Nein, das glaube ich nicht. In Schweden verkauften Hypocrisy immer eine feste Anzahl an Alben, egal welches es nun war. Mit Pain verhält es sich genauso. Mir ist noch nicht aufgefallen, daß Hypocrisy nach der Veröffentlichung eines Pain-Albums auf einmal mehr verkauft haben. Es kommen immer Leute zu mir, die sagen, daß sie Hypo lieben, ihnen Pain aber zu soft ist. Andersrum gibt es auch wieder welche, die Pain geil finden, aber sich daran stören, daß sie nicht verstehen, was ich bei Hypo singe. Ich würde es gar nicht wollen, daß jeder meine beiden Bands mag.

metalgreg: Was passiert, wenn Pain auf einmal so groß werden, daß du keine Zeit mehr für Hypocrisy hast?

Es wird immer Zeit für Hypocrisy geben. Keine Sorge! Solange ich an allem noch Spaß habe, werde ich es auch machen. Selbst wenn irgendwann keiner mehr meine Platten kaufen sollte, würde ich die Musik immer noch für mich selbst schreiben, da diese Fähigkeit für mich das Beste auf der Welt ist. Egal ob Metal, Blues oder Pop. Solange man die Möglichkeit hat, etwas zu kreieren, ist alles in Ordnung.

Thomas: Hat Pain für dich immer noch diesen Projektcharakter nach dem Motto „Peter macht alles und sucht sich nur Musiker, mit denen er auf Tour geht“?

Ja, denn darauf lag von Anfang an mein Hauptaugenmerk. Ich habe keine Lust, ständig Leute fragen zu müssen, ob dies und das in Ordnung geht. Genauso ist es bei der Plattenfirma. Ich gebe ihr mein Album ab und was sie danach damit macht, ist mir im Prinzip egal. Ich bin so oder so stolz auf das, was ich in diesem Moment abgeliefert habe. Da können die Labelbosse auch nichts mehr dran ändern. Ich lasse mir von niemandem in den Schreibeprozess der Songs reinreden. Pain ist mein eigener Egotrip.

Thomas: Also würdest du keine anderen Leute in den Songwritingprozess integrieren wollen?

Ich habe es einmal mit Max Martin (hat u.a. mit Britney Spears gearbeitet, Anm. d. Verf.) gemacht. Ich suchte einen Produzenten und Songwriter und es sollte direkt der damals größte der Welt sein. Es hat schon Spaß gemacht, einfach ins Studio zu gehen und diesmal nur singen zu müssen. Bei Pain und Hypo hatte ich vorher immer viel tiefer drin gesteckt, weswegen diese total verschiedenartige Erfahrung sehr cool war.

metalgreg: Produzierst du eigentlich auch noch andere Bands wie in der Vergangenheit?

Da habe leider keine Zeit mehr für.

metalgreg: Können wir trotzdem in der nahen Zukunft auch wieder auf Schlagzeilen vom Produzenten Peter Tägtgren hoffen?

Vielleicht! Kleinigkeiten erledige ich ja immer noch. In Kürze gehe ich z.B. für ein paar Tage mit Destruction hier in Deutschland ins Studio und helfe ihnen dabei, ihren Sound so abzustimmen, daß sie alleine aufnehmen können. Danach kommen sie nach Schweden und wir mixen das Ganze. Auf diese Weise würde ich auch gerne in Zukunft arbeiten, denn nur so kann man jemandem wirklich helfen. In der Vergangenheit habe ich einfach zu viele Bands produziert, weswegen es fast schon einen Fast-Food-Drive-In-McDonalds-Charakter hatte.

metalgreg: Wenn du die Situation, in der Pain bei ein Major Label unter Vertrag steckt, mit der, in der Hypo beim Indie-Riesen Nuclear Blast steckt, vergleichst, wo siehst du die Hauptunterschiede?

Wenn Majors etwas pushen wollen, dann pushen sie es auf der ganzen Welt in jedem Land. Aber dabei machen sie immer, was sie wollen. Reinreden kann ihnen da niemand. Wenn du bei denen unter Vertrag bist, sie aber deine Platte nicht groß rausbringen wollen, kannst du nichts tun. Daß es den Majors im Moment nicht so gut geht, dürfte jeder wissen. Entlassungen sind überall gang und gebe. Sie befinden sich in einer großen Rekonstruktion.

metalgreg: Also würdest du sagen, es ist besser bei Blast mit Hypo eine große Nummer zu sein, als bei einem Major ungehört zu versauern?

Ja, auf jeden Fall! Aber Nuclear Blast wachsen und wachsen im Moment auf eine unglaubliche Größe. Ich weiß gar nicht, welche Priorität sie der nächsten Hypocrisy-Scheibe beimessen werden. Man kann nur eines sagen: Wenn irgendeine Scheiße passiert, ist es immer gut, ein starkes Label hinter sich zu haben. Nur muß Universal kaum etwas tun, damit sie ihr Level halten. Schau dir doch an, was Eminem verkauft. Den brauchen sie gar nicht mehr groß zu promoten. Aber die Dinge verändern sich. Within Temptation und Nightwish verkaufen viel, Metal ist wieder in. Vielleicht sind sie deswegen im Moment so nett zu härteren Bands wie Pain.

metalgreg: Wie ist die Tour mit Tiamat gelaufen?

Tiamat sind die perfekte Band, für die man eröffnen kann. Sie sind so nette Jungs. Wir hatten eine sehr gute Zeit.

metalgreg: Was ist es für ein Gefühl, in Schweden der große Headliner zu sein, dann in Deutschland aber für Tiamat eröffnen zu müssen?

Bei dieser Tour ging es mit eigentlich nur darum, die Leute aufzuwecken und ihnen zu zeigen, daß es Pain immer noch gibt. Wie es nach der Veröffentlichung des Albums weiter geht, kann ich noch nicht so genau sagen. Hoffentlich schaffe ich es auf möglichst vielen Festivals zu spielen, denn das ist der größte Spaß.

Thomas: Als ich dich auf dieser Tour gesehen habe, bist du auf die Bühne gekommen im weißen Hemd, mit Krawatte und umgeben von zwei Girls an den Saiteninstrumenten. Das hat mich sehr stark an das Robert Palmer-Video von „Addicted To Love“ erinnert.

Oh, scheiße! (Großes Gelächter erfüllt den Raum) Was habe ich getan, haha? Aber ich fand es cool, denn das haben die Leute von mir bestimmt nicht erwartet. Man muß ab und an mal etwas tun, was aus der Reihe fällt.

Thomas: Wo sind die alten Pain-Mitglieder? Was macht Drummer Horgh jetzt?

Er ist jetzt Mitglied von Hypocrisy. Deswegen ist er nicht mehr bei Pain, weil ich es dumm finde, bei zwei verschiedenen Bands die gleichen Mitglieder zu haben. Dave ist beschäftigt mit Marduk, weswegen ich mich für eine komplett neue Besetzung entschieden habe. Anders hätte es aus zeitlichen Gründen auch nicht geklappt. Ich brauche Leute, die ich nur anrufen muß, damit sie kurze Zeit später für einen Gig auf der Matte stehen.

metalgreg: Wieso hast du dich für zwei weibliche Saitenzupferinnen entschieden?

In erster Linie wieder, um etwas anderes zu machen, was vielleicht keiner erwartet hätte. Warum sollte man mit dem Strom schwimmen, wenn man auch dagegen schwimmen kann?

metalgreg: Also hatte das nichts damit zu tun, daß sich zwei leichter bekleidete Mädels auf der Bühne besser verkaufen als zwei langhaarige, unrasierte Typen?

Nein, auf keinen Fall. Als ich damals z.B. Mötley Crue mit ihrem weiblichen Drummer gesehen habe, hat mich das richtiggehend umgeblasen.

Thomas: Wie geht es Lars, dem alten Hypocrisy-Drummer?

Gut, glaube ich! Wir haben länger keinen Kontakt gehabt. Ich weiß auch gar nicht wirklich, was er jetzt macht. Auf jeden Fall hat er sich die Haare abgeschnitten und feiert wahrscheinlich Party irgendwo.

metalgreg: Stimmt eigentlich das Gerücht, daß du letztes Jahr auf dem Summer Breeze während des U.D.O.-Gigs nackt über die Bühne rennen wolltest?

Ja, mann! Ich war schon fast soweit und ausgezogen, aber die Stage Security hat mich zurückgehalten. Das war wieder eine dieser Nächte…

metalgreg: Was sind deine Ziele mit Pain?

So viele freie Drinks wie möglich, haha! Nein, ernsthaft: Ich möchte eine gute Zeit haben. Wie ich schon gesagt habe, schreibe ich die Musik in erster Linie für mich. Je mehr Leute sie dann mögen, desto cooler.

metalgreg: Also muß ich gar nicht fragen, ob sich deine Ziele mit Hypocrisy von denen von Pain unterscheiden.

Nein, mußt du nicht. Es muß sich einfach alles gut anfühlen.

Thomas: Da erinnere ich mich gerade an etwas. Hattest du nicht vor längerer Zeit mal angekündigt, daß du auf Tour weniger trinken würdest, um deine Bands endlich richtig nach vorne zu bringen und professioneller zu sein? Siehst du das heute noch genauso?

Du wirst es nicht glauben, aber das klappt tatsächlich immer noch. Ich bin nicht mehr so wild wie vorher. Jedesmal, wenn ich früher abends besoffen war, war die Show am Tag danach echt mies. Jetzt trinke ich nur noch ein paar wenige Bierchen und chille danach. Ehrlich! Einzig auf den Festivals versumpfe ich regelmäßig im Chaos, haha! Auf Festivals geht es mehr um einen guten Vibe und eine gute Stimmung, als um die perfekte Show. Da kann man dann schon mal einen im Tee haben. In Wacken bin ich zum Beispiel irgendwann morgens oder mittags im Cannibal Corpse-Bus aufgewacht und kam eine halbe Stunde zu spät zu meiner eigenen Autogrammstunde. Ohne Sonnebrille hätte ich mich nach dieser Brutalo-Trink-Party mit Corpse-George gar nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. CC sind auch eine Band, mit der ich sehr gerne toure. Da geht es um Spaß und nicht um die Kohle. Ohne Scheiß, je mehr Geld ich habe, desto schlechter geht es mir. Ich wollte schon in der Schule nur Spaß haben. Ich hasse Wörter wie Geld oder Druck, den ich angeblich verspüren sollte. Ich bin ein Musiker, verdammt. Ich möchte Musik machen, eine gute Zeit haben und glücklich sein.

Galerie mit 17 Bildern: Pain - Coming Home Again Tour 2017 Stuttgart
20.03.2005

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