Slipknot
Prepare For Hell Tour 2015

Konzertbericht

Billing: King 810 und Slipknot
Konzert vom 01.01.1970 | Max-Schmeling-Halle, Berlin

Des Moines, Iowa – ein Pflaster, das Persönlichkeiten formt, wie Bandkopf Corey Taylor in einem Interview berichtete. Wo man von Kirchen eingekesselt auf den Friedhof ausweicht, um sich mit Freunden zu treffen. „I wanna slit your throat and fuck the wound“ – natürlich können dann solche Textzeilen entstehen. Auch wenn sich der Wunsch wohl eher in Richtung der Mauern richtet, die solch eine Stadt vor Individuen wie Corey und Co. hochzieht. Und was tut man, um sie einzureißen? Eben genau das: Man gründet eine Band, die nur so vor Aggression strotzt. SLIPKNOT. Der Henkersknoten zieht sich zu, und gleichzeitig eröffnen sich der Truppe nach und nach ungeahnte Möglichkeiten. SLIPKNOT entwickeln sich zu einer der bekanntesten Extrem-Metal-Bands, die neben dem musikalischen Output auf einen ausgeprägten visuellen Faktor setzt. Overalls. Masken. Bühnenshow. Die Fans, von der Band liebevoll „Maggots“ (Maden) genannt, feiern das alles, als würde am Folgetag die Apokalypse starten.

Slipknot

Es ist der siebte Februar und Berlin friert ein – gefühlt. Zwei riesige Schlangen liegen vor der Max-Schmeling-Halle im Prenzlauer Berg. Sie wirken hungrig. Als sich die Höllen-, pardon Hallenpforten öffnen, setzen sich die Schlangen in Bewegung. Und tatsächlich geht es recht fix am Eingang, das zeugt von guter Organisation. Innen warten frisch gezapfte Biere, heißes Frittierfett und reichlich Garderoben. Um kurz vor sieben Uhr ist der Innenraum dann zu einem Drittel gefüllt, drumherum flanieren aufgeregte Freunde harscherer Klänge, einige von ihnen in bandtypischer Kluft, also hinter einer Maske oder in einem Overall. Aufgeregt? Nun, SLIPKNOT kehren nach einer sechsjährigen Abstinenz zurück nach Deutschland. Da darf man schon mal gespannt sein.

Es geht pünktlich los. Sind KING 810 die neuen SLIPKNOT? Ich bitte euch! Natürlich nicht, als Support geht das aber klar. Aufgrund krimineller Aktivitäten in der Vergangenheit, heißt es, waren die Amerikaner nicht bei der Kanada-Tour am Start. In Deutschland dürfen sie ran und leiten ihren Auftritt mal eben mit einem dicken, sorry, so schnell kann sich das Vokabular anpassen, Beat ein, der sehr viel lieber im Hip Hop verortet wäre. KING 810 haben sich grundlegend eher modern ausgerichtet. Die Drums dominieren den Rhythmus, die Gitarren riffen meist stampfend und Fronter David Gunn ist mächtig viel unterwegs, geht immer wieder in oder auf die Knie. Andrew Beal agiert deutlich weniger enthusiastisch und versteckt sich fast die gesamte Spielzeit über hinter seinen Haaren. Dafür setzt der Gitarrist die musikalisch interessantesten Akzente, wenn das stumpfe Stampfen durch ein feines Lick ersetzt wird, das kurzzeitig den Song dominiert. Im Verlauf des Sets nutzen sich die simpel gestrickten Nummern jedoch ziemlich ab, auch die Vocals ähneln sich stilistisch zu sehr. Dementsprechend zurückhaltend präsentiert sich das Publikum, aber als Support eines übermächtigen Headliners hast du es halt schwer. Der Auftritt von KING 810 ist keine Enttäuschung, man merkt nur einfach, worauf die Leute warten – erst recht, als die für eine Vorband typische Ankündigung des Hauptacts erfolgt. Ein kleiner Pit und nickende Köpfe gibt es aber, und dann spielt die Truppe aus Michigan sogar einen Song, der vom Aufbau und der Stimmung her auffällig nah an SLIPKNOTs „Gently“ ist. Nach 45 Minuten ist Schluss. Gar keine so schlechte Idee.

Galerie mit 22 Bildern: King 810 - Prepare For Hell Tour 2015

Da es keine separierten Raucherbereiche gibt, kann man sich an bestimmten Ausgängen eine sogenannte Konterkarte holen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Optimisten sich daraufhin „den Tod geholt haben“, weil sie nur mit Shirt in den gefühlt zufrierenden Außenbereich gestakst sind. Grundsätzlich aber eine vortreffliche Idee, da man die Halle auf diese Weise kurz verlassen konnte.

Ein Vorhang verdeckt das Treiben auf der Bühne – nur diejenigen, die seitlich vorne sitzen, können die fleißige Crew recht ungestört beobachten. So viel Privatsphäre muss wohl sein, wenn eine der erfolgreichsten Alternative-Metal-Formationen in der Hauptstadt spielt. Gegen neun Uhr fällt das übergroße Laken … und präsentiert eine üppig dekorierte Bühne mit riesigem Backdrop, verschiedenen Ebenen inklusive Aufgang und Treppe sowie einen stolzen, monströs anmutenden Kopf mit Hörnern, der über etwas prangt, das aussieht wie eine Tür. Die entpuppt sich im Verlauf jedoch als eine Art Videoleinwand, auf der dezent verstörende, leicht psychedelische Lichtmuster tanzen. Schön. Da hat man sich doch Mühe gegeben!

Galerie mit 26 Bildern: Slipknot - Prepare For Hell Tour 2015

Licht aus, Euphorie an. Das Intro wird lauthals mitgesungen, dann wütet der Innenraum kurzzeitig chaotisch, als Massen beim ersten richtigen Ton wie wild nach vorne drängen. Ein nachträglicher Gruß an die erste Reihe: Bauchmuskeln anspannen und gegendrücken! Auf zwei beweglichen Podesten befinden sich die obligatorischen Trommler, der neue Drummer thront gewohnt mittig und der Rest ist in Bewegung. Allen voran Frontmann Corey Taylor, der immens abgeklärt wirkt – da sitzt das Stage-Acting ebenso gut wie die neuen Masken. Schon beim zweiten Song feuern sich Pyros gegenseitig an, denn zu früher Stunde gibt es bereits ein erstes Highlight: „The Heretic Anthem“ vom 2001er-Album „Iowa“. Und die Bühne „brennt“! Währenddessen pest der DJ übers Parkett, springt herum, tanzt und interagiert mit der Bühnendeko – witzig. Später gesellt er sich nah an die erste Reihe, wird dabei aber von der Security von hinten am Overall festgehalten, um nicht in die Menge gezogen zu werden – auch ganz amüsant. Mein lieber Herr Gebrüllsverein, wie die Maden abgehen! Jede Ansage von Corey Taylor wird gefeiert, als gäbe es Freibier. Ansage? Jedes verdammte Wort. Und so lässt es sich der Sympath nicht nehmen, auch immer wieder Ansprachen voller Dank und Wertschätzung in den gierigen Schlund der Meute zu feuern. Wie zu erwarten wird auch der verstorbene Bassist Paul Grey geehrt.
„Wollt ihr mit SLIPKNOT ins Jahr 1999 zurückkehren?“, fragt er schließlich. Die Antwort aus dem Publikum ist so klar wie der Song, der hier angeteasert wird: „Wait And Bleed“. Ob alt oder neu, balladesk oder mitten in die Fresse, ob im Innenbereich oder auf den Rängen – die Max-Schmeling-Halle beherbergt eine riesige Party!
Die cleanen Passagen sitzen so gut wie die brutalen Vocals. Ein großer Circlepit explodiert. Stagediver segeln selig gen Bühne. Und schließlich kommt, was einige vielleicht gehofft, aber sicher nicht vermutet haben. Wer die DVD „Disasterpieces“ (2002) kennt, weiß genau, warum ein Bandmitglied von der Security begleitet plötzlich quer durch den Innenraum bis ganz nach hinten und dann sogar ein Stück nach oben läuft. Viele setzen sich bereits. Das Bild von außen ist der Wahnsinn, als „Spit It Out“ anklingt und hunderte Fans aufspringen und hüpfen. Ja doch, man kann vom neuen Album halten, was man will, aber live sind SLIPKNOT mächtig!

Slipknot

Dann der Schock: Um 22 Uhr 25 ist Schluss. Nicht wenige schauen dreimal auf die Uhr und rechnen nach. Die Action auf der Bühne in Ehren, aber knapp 90 Minuten sind für eine Band dieses Formats einfach zu wenig. Man hätte den Abend auch durch eine weitere Vorband strecken können, angesichts der Ticketpreise kratzt die Tatsache, schon um halb elf wieder abdampfen zu müssen, ziemlich am Gesamterlebnis.

Und die Songs? Es ist auffällig, aber wenig verwunderlich, dass mit „Psychosocial“ nur eine Nummer von „All Hope Is Gone“ gezockt wurde. Das aktuelle Werk „.5: The Gray Chapter“ kam da mit vier Tracks selbstredend besser weg. Der Rest war ein hübscher Mix aus den ersten drei Studioalben, den man allerdings gern noch etwas hätte ausbauen können, um wenigstens auf zwei Stunden Spielzeit zu kommen. Summa summarum also ein richtig gelungener Konzertabend, natürlich zu 99,9 % durch SLIPKNOT, mit einem nicht unmerklichen Wermutstropfen.

Setlist:

Sarcastrophe
The Heretic Anthem
My Plague
The Devil In I
Psychosocial
The Negative One
Three Nil
Eyeless
Vermilion
Before I Forget
Duality
Wait And Bleed
Spit It Out
Custer

(Sic)
People = Shit
Surfacing

13.02.2015

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1 Kommentar zu Slipknot - Prepare For Hell Tour 2015

  1. rEdRAt2k6 sagt:

    ein sehr fetter abend, schade das korn in deutschland nicht dabei waren wie es ja in den usa unter der tour der fall war. damit hätte man wahrscheinlich auch dann den abend gestreckt wie oben erwähnt.