65daysofstatic - replicr, 2019

Review

Ob nun politisch oder nicht: Eine große Klappe hatten 65DAYSOFSTATIC schon immer. Die bescheidene Nüchternheit, die sie auf ihrem mittlerweile sechsten Studioalbum zum Ausdruck bringen, überrascht umso mehr. Denn noch in jüngerer Vergangenheit mischten Paul Wolinski, Joe Shrewsbury, Rob Jones und Simon Wright ihrem Math-Rock immer mehr Dance- („We Were Exploding Anyway“) und Post-Rock-Einflüsse („Wild Light“) bei.

Noise statt Harmonie.

Sechs Jahre und einen Gaming-Soundtrack später sucht man etwaige Crescendo-Fragmente vergebens. „replicr, 2019“ spült klangliche Eruptionen schon fort, noch bevor sie sich überhaupt ihren Weg an die Oberfläche bahnen können. Eine halbherzige Vulkanismus-Metapher, die von Songs wie „sister“ auf ganze wunderbare Art und Weise genährt wird. Doch bereits im eröffnenden „stillstellung“ legen 65DAYSOFSTATIC ihren Fokus darauf, herkömmliche Bausteine wie Melodien, Harmonien und überhaupt jede Art von Klangfarbe aufzulösen – zugunsten einer schmutzigen Pampe aus Rhythmus und Noise.

„replicr, 2019“ plumpst hinein in eine Welt von Überfluss und Überschwang, in eine Zeit von „Fuck You Greta“ und „Brexit um jeden Preis“. Ob nun Klimakatastrophe oder Boris Johnson: Die „bad age“ verdient keine Worte. Sie verdient ja nicht einmal mehr Gitarren oder analoge Drums. Denn die Menschen sind übersättigt: politisch, sozial – musikalisch ohnehin. Bewegt wird sich eh nur noch in der eigenen Blase aus vollem Terminkalender und noch volleren News Feeds. Auf ebendieses Vakuum der Gedanken legen 65DAYSOFSTATIC an.

Eine Ode an die technoide Gesellschaft.

Denn „replicr, 2019“ ist eine Hymne an genau jene Momente, in denen der Kopf mal so richtig ausbleibt. Es gilt das vielzitierte Nächtliche-Bahnfahrt-Szenario, bloß brettert das Ding diesmal völlig autonom los, schlurft ruckelnd durch dunkle Tunnel, von denen du weißt, dass sie nie enden werden. Deine Mitreisenden sind gesichtslose Hüllen, Tickets und Stationen existieren nicht mehr und dein Smartphone gibt schon lange keinen Ton mehr von sich. Von Sozialkonstrukten im Endstadium erzählt dieses Album, vom ganz alltäglichen Meltdown einer technoiden Überflussgesellschaft.

Die verträumten Luftschlossbauten des Vorgängers finden auf „replicr, 2019“ keinen Platz mehr. Statt mit ekstatischen Synth-/Gitarren-Verschmelzungen (be)rauschen 65DAYSOFSTATIC im Jahr 2019 mit einem diabolisch minimalistischen Mix aus Ambient, Glitch und Dark Techno. Geboren aus den Ergüssen ihres irrwitzigen Algorithmen-Projekts „A Year Of Wreckage“ huldigen 65DAYSOFSTATIC der Anmut der Maschinen.

Guilty Pleasure für Metaller.

Würde Fritz Lang sich im Jahr 2019 ein neues „Metropolis“ erschaffen, basierend auf den Maßstäben heutiger Technologien, Philosophien und Soziologien: Das pulsierende Flirren eines „trackerplatz“ wäre sein Soundtrack in die Dystopie. Die Erde steht Error, die „popular beats“ sind der Welt entrückt. Stücke wie „z03“ vertonen das letzte Kräftezehren, die letzten Reserven eines Beats, der sich an bisherige Songstrukturen anzugleichen versucht – bis die bandtypischen Atom-Synths einsetzen und alles zerstrahlen.

Oder wie es 65-Drummer Rob Jones ausdrückt: „This was supposed to be the future, but that future got cancelled.

Sollten sich auf dieser Website noch genrefremde Fans der mittleren ULVER („Perdition City“ und insbesondere die „Silence„-EPs) finden: Hier ist euer neues Guilty Pleasure. Für alle, denen „The Downward Spiral“ in den ersten drei Vierteln immer noch zu tanzbar war, für alle BURZUM-Hörer, die sich fragen, wie eigentlich guter Ambient klingt und nicht zuletzt für Anhänger des TRENTEMØLLER-Debüts. Eure neue Nachtmusik – im Ladenregal steht sie gleich im allerersten Fach.

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07.10.2019

Ja, weißt du … das ist vielleicht … deine Meinung, Mann.

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