Pop. 1280 - Way Station

Review

Es ist erstaunlich, wie diverse Bands mit einschneidenden, sich plötzlich ergebenden Lineup-Wechseln unterschiedlich umgehen: Manche versuchen die Lücke mit adäquaten oder zumindest geeignet erscheinendem Ersatz zu füllen, andere zerschellen komplett daran, wiederum andere – darunter fallen die hier zu besprechenden POP. 1280 – machen aus der Not eine Tugend und krempeln ihren Sound um, um sich der Situation kreativ anpassen zu können. „Way Station“ zeigt die US-amerikanischen Düsterheimer aus einer solchen Situation hervorgehend und dadurch in ein neues, elektronischeres Gewand hinein gezwängt, in dem sie sich jedoch ziemlich selbstbewusst präsentieren.

Aus der Not machen POP. 1280 eine Tugend

Das hört man auch direkt, wenn man dieses Album und den Vorgänger „Paradise“ im direkten Vergleich hört. Zwar hat die Band dieses seltsam, teilweise alptraumhaft verdrehte Industrial- bzw. Noise-Gewand nicht abgelegt, klang aber auf „Paradise“ noch etwas rockiger und organischer. Dann nahm im Rahmen der Tour 2016 zunächst Schlagzeuger Andrew Chugg seinen Hut, bevor bei den anschließend bereits im vollen Gange befindlichen Sessions Keyboarderin Allegra Sauvage ausstieg und aus der Heimat der New Yorker wegzog. Für sie kam, als die übrig gebliebenen Mitglieder Ivan Lip und Chris Bug das Material mit reduziertem Lineup ausarbeiteten, schließlich Matthew Hord an den Synthesizern hinzu, der das nun zu hörende Lineup komplettiert.

POP. 1280 – benannt nach dem gleichnamigen Krimi von Jim Thompson – spielen etwas, das sich am einfachsten wohl als Industrial Punk bezeichnen lässt. Dieser ist auf „Way Station“ vermehrt in zwei Modi unterwegs: Es gibt die druckvollen Industrial-Stampfer, bei denen Melodien eine untergeordnete Rolle spielen, und es gibt atmosphärischere und meist balladeske Tracks, die kraft ihrer prominenteren Melodik wie eine Oase vom sonst vorherrschenden, abrasiven Lärm darstellen. Kümmern wir uns jedoch erst einmal um die durch beinahe perkussiv anmutende Industrial-Beats, stark durch Effekte massivst verzerrte Gitarren und übersteuerte Synthesizer bestimmte Seite der Medaille.

Drückende Beats, drückende Stimmung

Dieser Sound paart sich stimmungsvoll mit Chris Buggs mal gequälten, mal aggressiven, mal irgendwie psychopathisch anmutenden Gesang. Und wenn die US-Amerikaner richtig aufdrehen, fördern sie ein paar extrem verstörende Stücke hervor, die sich mit ihren enormen, überlebensgroßen Synthesizern dem Hörer regelrecht aufdrängen und fast gewisse Horror-Vibes innehaben. „Empathetics“ zum Beispiel hat bedrohlich pulsierende Synths und einen langsam aber bestimmt vorwärts marschierenden Rhythmus, als wollten POP. 1280 das entschlossene, unaufhaltsame Marschieren eines Killers simulieren. Auf- und abebbende Effekte und schneidende Schläge gerade zum Ende hin lassen das Herz ordentlich pumpen.

„Monument“ ist da noch kompromissloser: Hier haben die Herren den Sound noch weiter einreduziert, sodass monströs hallende Beats mit beunruhigender Noise-Ästhetik versehen auf den Hörer einhämmern, als wollten sie ihn nach Silent Hill verschleppen. Das eröffnende „Boom Operator“ schnappt sich diese Eigenschaften und kreiert mit ihnen einen beinahe fieberhaften Rave, der die Knochen ordentlich durchschüttelt. In das gleiche Horn stößt auch „Doves“. „Hospice“ schaltet dann einen Gang herunter und bietet beinahe etwas Grunge-artiges mit einigen der verletzlicheren Hooks von Bugg und melodischen, seltsam melancholischen Gitarrenleads, die besagte Hooks veredeln.

„Way Station“ hat zwei gelungene Gesichter

Auf der anderen, ruhigeren und atmosphärischen Seite des songschreiberischen Spektrums begegnen einem dann  Nummern wie „Under Duress“, das durch ungewohnt angenehm perlende Keyboards getragen wird. Lediglich die darunter gelegte Synth-Line, die zum Ende hin noch einmal anschwillt, sorgt für etwas Unbehagen. Und hier glänzt Bugg vor allem mit einer fast ausgezehrt wirkenden Performance, die hervorragend in diese Klangkulisse hinein passt. Der Rausschmeißer „Secret Rendezvous“ gesellt sich ebenfalls in diese Kategorie, zu der auch die Instrumentals „The Convoy“ und „The Deserter“ gehören. Letzteres lässt gar eine fast resignierte Verletzlichkeit mitschwingen.

Auf „Way Station“ hat sich die Band fortbewegt. Durch die Umstände kam diese Änderung sicher nicht ganz freiwillig, aber die US-Amerikaner haben sich nicht unterkriegen lassen – zum Glück – und ihren Sound entsprechend gewinnbringend angepasst. Das Ergebnis ist ein weiteres, verstörendes Highlight in ihrer Diskografie, das Themen wie Verlust, Abschied und den Tod thematisiert anhand von wiederkehrenden Themen wie einem Autounfall, der in „Under Duress“ und schließlich in „Hospice“ thematisiert wird. In letzterem geschieht das zum Beispiel wie folgt:

Life is like a car crash
Sudden and sweet
Sometimes you’re the automobile
And sometimes you’re the street

Sprich: Nix für Frohnaturen, aber für Düsterheimer und solche, die es werden wollen perfekt geeignet. „Way Station“ ist ein spätes Highlight aus dem vergangenen Jahr, das man besonders als Fan von Noise-getränktem Industrial nicht verpassen sollte.

16.02.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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1 Kommentar zu Pop. 1280 - Way Station

  1. Steppenwolf sagt:

    Gefällt mir überraschend gut, wenn nicht sogar sehr gut. Muss ich mich auf jeden Fall intensiver mit befassen…