Sabaton - Heroes On Tour

Review

Galerie mit 24 Bildern: Sabaton - Wacken Open Air 2019

Manche Dinge fesseln unsere Aufmerksamkeit, ob wir wollen oder nicht. Der Blick lässt sich einfach nicht abwenden, etwa bei übergewichtigen Stripperinnen oder beim Dschungelcamp. Frei nach dem Motto „Bier hilft“ (oder im vorliegenden Fall eher: „Noch ein Bier“), genießen wir die verstörende Aussicht in vollen Zügen. Und weil das so ist, spendieren SABATON uns erneut eine Live-DVD, in die man mehr Klischee nicht hätte packen können, sodass wir uns die Camouflagehosenhelden des Volksmusik-Metal immer wieder und gegebenenfalls heimlich zu Gemüte führen können. SABATON sind zu fünft quasi die HELENE FISCHER des Metal und so wie Helene verklärt-naiv über Liebe trällert, tun SABATON das eben über Krieg und Heeresführer. Aber während Helene nicht mehr auf die Bühne bringt als ein aufgesetztes Colgate-Lächeln (und manchmal den „Grafen“), haben SABATON immerhin ein bis zwei Panzer und jeeeede Menge Pyrokram dabei!

Besonders viel Mühe haben sich die Schweden diesbezüglich für die 2015er Auflage von Wacken gegeben und das Ganze nun nebst einer Doppel-Live-Aufnahme des Konzerts vom SABATON-Festival 2015 in Falun und einigen Bonusmaterials in einem Doppel-DVD-Paket für die Nachwelt verewigt. SABATON gehen hier mit allem an den Start, worauf das Herz gehofft hat. DVD 1 von „Heroes On Tour“ bietet neben dem Wacken-Konzertmitschnitt noch Bonusmaterial zum „Noch ein Bier“-Biertasting-Festivalevent in Gelsenkirchen sowie zur Kollaboration mit dem BOHEMIA SYMPHONY ORCHESTRA PRAGUE.

Fangen wir beim Bonus an, denn das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Eine schwedische Band veranstaltet ein Minifestival an der altgedienten „Rock Hard Festival“-Location, an der sie deutsche Fans ein Signature-Bier auswählen lässt, weil diese hartnäckig darauf bestehen, den ohnehin deutschsprachigen Titel des Songs „Gott Mit Uns“ in „Noch Ein Bier“ umzudichten. Fast hätte Petrus Gnade mit Gelsenkirchen gezeigt und die ganze Sache an einem Unwetter scheitern lassen. Soweit kam es dann aber nicht, weshalb wir nun bestaunen dürfen, wie Unterarme mit Frei.Wild-Tattoos im Blindversuch braune Flaschen über Bierzeltgarnituren schieben und bekuttete Menschen mit der Band in breitem Akzent darüber philosophieren, dass Biergeschmäcker verschieden sind. Eindrücke vom daran anschließenden Konzert kommen – mutmaßlich wetterbedingt – auf der DVD leider etwas zu kurz. Ein Fleißsternchen in der Gesamtbewertung erntet das Projekt hingegen für die – grob überschlagen – 30 Grammatikfehler in der sechs Sätze starken englischen Kurzbeschreibung des Events: SABATON sind hier dem Stil ihrer Texte und CD-Booklets treu geblieben. Auch bei den ca. viereinhalb Minuten Material zur Zusammenarbeit mit dem BOHEMIA SYMPHONY ORCHESTRA PRAGUE hätten sich Fans sicher über ein paar Konzertminuten mehr und einen etwas weniger holprigen Zusammenschnitt gefreut. Aber auch so lässt sich gut erkennen, dass Kitsch immer noch ein bisschen kitschiger sein kann.

Hauptteil der DVD 1 von „Heroes On Tour“ ist schließlich das Wacken-Konzert aus dem Jahr 2015. Vorab spricht die Band in sympathischer Weise darüber, wie viel ihnen der Auftritt bedeutet. Wir erfahren, was die beiden Bühnenpanzer wiegen, dass SABATON cooler sind als Game of Thrones und dass SABATONs Set-Designer eine leichte Profilneurose hat. Bevor es richtig los geht, demonstriert die Band anhand eines kleinen Vorspanns, dass sie sich selbst Gott sei dank nicht ganz so ernst nimmt (ich will nicht zu viel verraten, aber unter anderem wird eine Banane gegrillt und wir sehen Joakim Brodén auf dem Klo). Bevor der „Final Countdown“ das in grottenschlechtem Englisch auf Grundschulniveau pseudophilosophisch diskutierte Krieg-und-Kampf-Thema der Band einleitet, stellt sich die Frage: „Kann man überhaupt ausreichend betrunken sein, um sowas zu ertragen?“. Die Antwort lautet ja, denn man mag von SABATON halten, was man will, aber das, was sie tun, tun sie verdammt gut. So ähnlich wie HELENE FISCHER halt. Schon lange vor Sonnenuntergang kocht Wacken, die „Noch ein Bier“-Rufe ebben auch nach „Gott Mit Uns“ nicht ab, auf der Bühne wird geblödelt und jede Menge Feuerwerk abgebrannt: Es ist schwer, nicht hinzusehen und mitzusummen, oder gar die Band unsympathisch zu finden. Das Ganze bietet uns die DVD in guter Qualität, sodass textimmune Schlagerfans hier voll auf ihre Kosten kommen.

DVD 2 hält dann ein ganz besonderes Fan-Schmankerl parat, welches in recht spezieller Weise durch einen technischen Unfall aufgewertet wird. Inhalt der DVD ist ein Konzertmitschnitt von SABATONs Auftritt beim bandeigenen Festival in der Heimatstadt Falun. Auch hier sehen wir vor dem eigentlichen Konzert wieder einige Minuten Doku- und Interviewmaterial, unter anderem zur Entstehung des Festivals und mit Kommentaren anderer beteiligter Musiker wie Liv Kristine und Alex Krull (u.a. LEAVES‘ EYES) oder Ex-SABATON-Drummer Daniel Mullback von CIVIL WAR (als Band quasi der FLORIAN SILBEREISEN zur SABATON-Helene). Auch hier ist die Aufmachung wieder sehr fanfreundlich mit zahlreichen Bildern und Kurzinterviews aus der Besucherschar ausgestattet. Gemeinsam mit Peter Tägtgren (u.a. HYPOCRISY) erklärt uns die Band, warum wir im Menü zwischen dem „Live Angle“ und dem „Studio Angle“ auswählen können: Durch einen Fehler bei der Liveaufnahme war es später nicht möglich, das aufgezeichnete Tonmaterial für die Veröffentlichung zu verarbeiten. Eine neue Tonaufnahme musste her und so entschied sich die Band, den Gig im Studio „nachaufzuzeichnen“. Wer möchte, kann sich das Konzert also in voller Länge in der Studioversion ansehen und dabei bestaunen, wie SABATON im Studio stehend sich selbst auf der Leinwand beim Spielen zusehen und unbeholfen versuchen, Spielpausen bei Ansagen und Fangesängen mit Blödeleien zu überbrücken, oder einfach nur auf ihren Smartphones herumtippen, während auf der Filmaufnahme die Menge tobt (Besonders sehenswert ist zum Beispiel der Schnorcheltanz bei „Wolfpack“).

Interessanter ist vermutlich aber der „Live Angle“, der wieder alles zu bieten hat, was man sich von einer keyboarderlosen Keyboardkitschmetalband nur wünschen kann – jede Menge Feuerwerk, Ausdruckstanz (Joakim Brodén singt bekanntlich gerne im Spagat, während die Gitarrenschar bevorzugt synchron hüpft oder die Oberschenkelchen hochzieht) und in diesem Fall: viel Schwedisch. Sowohl die Englisch untertitelten Ansagen, als auch ein Teil des Liedmaterials (z.B. „Carolus Rex“, „En Livstid I Krig“) werden in der Muttersprache der Band dargeboten. Auch auf diesem Teil von „Heroes On Tour“ beweisen SABATON, dass sie eine charismatische Liveband sind, die man mögen kann oder nicht – aber nicht mögen muss, um bei ihren Konzerten Spaß zu haben.

Punktabzug gibt es schlussendlich für die Menüführung: Auch im DVD-Menü werden sämtliche Klischeeknöpfe gedrückt. Wir sehen auf der Hintergrundgrafik alles, was man zu unqualifizierter Kriegsverklärung sehen muss (brennendes Haus, Typ in WW2-Aufmachung mit Lorbeerkranz überm Helm und irgendeinen Greifvogel) und dazu dudelt unablässig „To Hell And Back“. Die Trackliste ist in zwei Kontextmenüs unterteilt, zwischen denen man vor- und zurückblättern kann, wodurch der Hintergrundtrack jedes Mal von vorne startet – saunervig. Die Doku-Interview-Einspielungen sind auf beiden DVDs den Konzerten direkt vorgeschaltet, anstatt sie ins Bonusmaterial zu setzen. Das ist sicherlich Geschmackssache, aber wer einfach nur die Konzerte sehen will, hätte es sich vermutlich anders gewünscht. Das Problem ist natürlich durch Vorspulen schnell gelöst. Ein klares Minus sind jedoch die Untertiteloptionen – es gibt nämlich keine. Stattdessen wird alles Nicht-Englische auf Englisch untertitelt. Wer also der schwedischen Sprache ein bisschen mächtig ist und gerne auf Schwedisch mitlesen würde, was Band und Gäste da so von sich geben, wird ebenso enttäuscht, wie jene, deren Englisch noch schlechter ist, als das der Band und die entsprechend gerne eine andere Sprache zur Auswahl gehabt, bzw. die englischen Parts untertitelt hätten – oder gar solche, die lieber gar keine Untertitel lesen würden. Aber das ist freilich alles Jammern auf hohem Niveau.

Womit wir beim Stichwort sind: Hohes Niveau wird die geneigte Leserschaft bei SABATON musikalisch weder suchen, noch finden. Fans der Band erhalten mit „Heroes On Tour“ jedoch ein sehr gelungenes Live-DVD-Set, auf dem SABATON mit Fannähe und einer guten Prise Selbstironie punkten. Ob man es nun mag, oder nicht – die Schweden schaffen es, auf der Bühne zu begeistern, quälen ihre Feinde mit unwiderstehlichem Ohrwurmpotenzial und erdudeln sich hier von der Autorin (die unverkennbar NICHT zur Fangemeinde zählt) eine Kaufempfehlung. Für Fans. Für alle anderen gibt es eine Trinkempfehlung. Ach was, für die Fans auch. Noch ein Bier!

22.02.2016

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