
Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.



Wir schreiben das Jahr 1991 und auf dem amerikanischen Markt ist schon so allerhand Widerwärtiges erschienen. Etwa AUTOPSYs „Mental Funeral“ ist stinkender Eimer Leichenteile, CANNIBAL CORPSE entladen ihren Sinn für enthemmte Verstümmelung eher im Cover-Artwork von „Butchered At Birth“ und OBITUARY haben auch schon zwei fiese Florida-Hämmer unters Publikum gemischt. Dennoch ist das, was SUFFOCATION auf ihrem Erstling „Effigy Of The Forgotten“ zu verkaufen versuchten, eine derartige Verdrehung aller bekannter Welten, dass diese eindeutig als All-Time-Klassiker gehandelte Platte anfangs nur Wenige wirklich erfreuen sollte.
Mit etwas mehr Abstand und Kenntnis darüber, wie sich die Szene in den folgenden Jahren entwickeln sollte, lässt Dan Seagrave mit dem detaillierten Covermotiv einer Maschine, die sich auf einer Art Endzeit-Schrottplatz von humanoiden Einzelteilen ernährt, bereits genaue Rückschlüsse zu, was man auf dem ersten Album der New Yorker würde zu hören bekommen. Das war aber damals in dieser Form kaum möglich, denn „Effigy Of The Forgotten“ ist so etwas wie die unbefleckte Empfängnis einer fast schon perversen Brutalität in Kombination mit wahnwitziger Technik.
Trifft 1991 nicht den Zeitgeist
Alleine das höllische Gebelle von Frank Mullen, der zwar heutzutage nicht mehr ganz mit seinem Nachfolger Ricky Myers mithalten kann, aber in den frühen Neunzigern die unangefochtene Nummer Eins entmenschlichter Grunztiraden war, sorgt selbst bei Death-Metal-Kennern für einen Kulturschock. Das gibt schon der Opener „Liege Of Inveracity“ frei, doch SUFFOCATION sollten diesen in High-Speed herausgedonnerten, breaklastigen Höllenlärm über fast 40 Minuten auf unglaublichem Niveau aufrechterhalten.
Die Zeit war für einen auf diese Art und Weise fordernden Brocken offenbar noch nicht reif, und riss selbst renommierte Magazine zu Arschbomben-Wertungen hin. Dabei schrieben die US-Amerikaner zum Beispiel mit „Infecting The Crypts“ oder „Jesus Wept“ mit seiner Thrash-Kante Brachialhits für die Ewigkeit, deren Genialität aber erst später zu voller Entfaltung kommen sollte. Hört man genau hin, so offenbaren sich bei zwei Songs Backing-Vocals eines gewissen „Corpsegrinders“, der seinerzeit mit MONSTROSITY die ersten Demos aufgenommen hatte.
Wird aber zum Alltime-Klassiker
Dass die Geburtsstunde des Brutal Death Metal auch gleichzeitig eine Sternstunde dessen ist, wird gerade im Vergleich mit den vielen gesichtslosen Zweitausenderkapellen deutlich, denen es bei aller erzwungener Brutalität nicht gelingen wollte, einprägsame Hooks zu schreiben. Das machen SUFFOCATION auf „Effigy Of The Forgotten“ und den Folgewerken eben auf Bundesligastandard.

Suffocation - Effigy of the Forgotten
Patrick Olbrich


















Für mich locker in dem Top3 der besten 90er DM Alben aus den USA und damit auch mindestens Top10 im Alltime Ranking. Und mal abgesehen von der Brutalität, waren Suffocation vor allem eins: brutal technisch. Der Kit-Approach, die Kicks, die Chops, die Tempowechsel, dir Breaks, die Slams, die Vocals, all das war seiner Zeit hochinnovativ und neu, und sicherlich auch irgendwo Ausdruck einer musikalisch vielfältigen NY-Szene der 80er/90er. Dazu kommt diese unglaubliche Scott Burns Produktion, die der Musik in Inhalt und Ausdruck einfach perfekt Rechnung trägt.
Trotz den unbestreitbaren Einflüssen auf den Brutal Death, ist die Platte für mich allerdings selbst noch keiner, sondern halt einfach NYDM. Wird zwar gerne synonym verwendet, ist in meinen Augen aber nicht ganz korrekt, weil die stilistischen Eigenheiten des BDMs, wie sie sich Mitte der 2000er etabliert haben, schon nochmal deutlich unterscheiden. Und grundsätzlich der Suffocation Einfluss eher bei den späteren (und vor allem technischeren) BDM präsenter war, während gefühlt in der Anfangstagen der grindige Approach (v.a. hinsichtlich Blasteinsatz und -tempo) von Dying Fetus‘ Erstling bzw. Internal Bleeding für Maximum Slam vermutlich eher Pate stand, und mit „She Lay Gutted“ und „Molesting the Decapitated“ der Tone erstmal gesetzt war.
„Dass die Geburtsstunde des Brutal Death Metal auch gleichzeitig eine Sternstunde dessen ist, wird gerade im Vergleich mit den vielen gesichtslosen Zweitausenderkapellen deutlich[…]“
Ist das nicht grundsätzlich und immer und überall die Grundregel #1 im anachronistischen Metalverse? „Früher war alles besser“?🤣
Grundregel #2 ist übrigens „Nach dem Demo gings bergab“.
Fazit: Death Metal in Perfektion. Hätte es „Catatonia“ auch noch drauf geschafft, wären 12/10.
So sinds halt nur 11/10.
Leider hat uns Suffocation damit den Slam gebracht, absolute Hassliebe.