The Dirt
Filmkritik zum Mötley-Crüe-Biopic

Special

2019 ist ein gutes Filmjahr für Metalheads. Nach der finnischen Komödie „Heavy Trip“ und dem umstrittenen Black-Metal-Streifen „Lords Of Chaos“ erscheint mit „The Dirt“ nun schon der dritte schwermetallische Streifen des Jahres. Eine Dekade lang war die Verfilmung der gleichnamigen Biografie von MÖTLEY CRÜE im Gespräch gewesen. Manch einer hat wohl nicht mehr an eine Umsetzung geglaubt. Doch jetzt ist sie da und erscheint exklusiv bei Netflix, dem wohl populärsten aller Streamingdienste.

MÖTLEY CRÜE gehen keine Kompromisse ein

Der Grund dafür liegt auf der Hand: „The Dirt“ stellt die Geschichte der Band mit all ihren Exzessen, Drogenproblemen und persönlichen Rückschlägen schonungslos dar. Verschiedene Studios, die an dem Stoff interessiert waren, hatten der Band erst mal vorgehalten, welche Passagen fürs Kino ungeeignet wären. Netflix wiederum ließ MÖTLEY CRÜE bei der Verfilmung freie Hand.

Alles andere wäre Verrat sowohl am Buch als auch der Band selbst gewesen. Der völlige Wahnsinn von Nikki Sixx, Vince Neil, Tommy Lee und Mick Mars macht schließlich einen Großteil der Faszination aus, durch die MÖTLEY CRÜE bis heute populär sind. Als Regisseur wurde Jeff Tremaine mit dem Projekt betraut. Der machte sich in der Vergangenheit vor allem eine Namen durch die „Jackass“-Filme. Da die ebenso durchgeknallt sind wie die Geschichte der CRÜE, passt diese Kombination wie die Faust aufs Auge.

„The Dirt“ entwickelt einen zwingenden Sog

Bereits die erste Szene des Films, in der die Band eine Party in der WG ihrer Anfangstage schmeißt, macht dann auch klar, wohin die Reise geht. Kokain, Alkohol, Toilettensex, ejakulierende Frauen – Die ersten Minuten von „The Dirt“ verdienen sich schon die 18er-Freigabe. Im Folgenden hält sich der Film ebenso nichts zurück. Insbesondere Nikki Sixx‘ Heroinabhängigkeit stellt Tremaine in schonungslosen, bedrückenden Bildern da – und doch kommt man um ein Lachen nicht herum, wenn er in bester „Pulp Fiction“-Manier via Adrenalinspritze ins Leben zurückgeholt wird.

Dieser Spagat zwischen irrsinnigem Witz und den düsteren Abstürzen der Bandmitglieder hat „The Dirt“ bereits in Buchform ausgezeichnet. Der Film atmet dieselbe Atmosphäre. Zudem bedient sich Tremaine der gleichen Erzählweise wie die Vorlage. Diese filmisch umzusetzen, ist gar nicht so einfach. Schließlich bekommen im Buch alle Bandmitglieder sowie einige Wegbegleiter eigene Kapitel, in denen sie ihre Sicht der Dinge darlegen. Das führt oft zu unterschiedlicher Bewertung einiger Vorkommnisse, manchmal sogar zu waschechten Widersprüchen.

Wer braucht schon Fakten?

Um das einzufangen lässt Tremaine seine Hauptcharakter das Geschehen nicht nur aus dem Off kommentieren. Häufig durchbrechen sie die vierte Wand und sprechen durch die Kamera direkt zum Zuschauer. Das führt zu kuriosen Situationen, in denen etwa Mick Mars dem Zuschauer sagt, dass MÖTLEY CRÜE ihren Manager Doc McGhee gar nicht auf der Party angetroffen haben, auf der er im Film zu sehen ist. Dass McGhees Partner Doug Thaler gleich ganz fehlt, kommentiert Mars Filmversion ebenso lakonisch: „Es ist irgendwie scheiße, dass er aus Zeitgründen aus dem Film gestrichen wurde.“

Neben einer Menge cooler Gags erfüllen diese Meta-Momente einen weiteren wichtigen Zweck: Durch sie macht Tremaine deutlich, dass „The Dirt“ eben keine Faktenwiedergabe ist. Vor allem gegen Ende entschuldigt das einige Passagen, in denen der Regisseur mit enorm hohen Tempo durch die Geschichte brettert. Die Phase mit Sänger John Corabi wird in einer Minute abgehandelt. Corabi selbst kommt nicht ein Mal zu Wort.

Verschenkte Möglichkeiten

Das ist schade, denn diese schwierige Phase der Bandgeschichte hätte filmisch einiges hergegeben. Da der Zuschauer allerdings wenige Minuten zuvor erst Vince Neil dabei zugesehen hat, wie er mit dem Krebstod seiner Tochter kämpft, während Nikki Sixx sich aus der Drogenhölle zu befreien versucht, wären weitere Tiefschläge dieser Art dramaturgisch wohl schwierig geworden. Kurz bevor man als Zuschauer jegliche Hoffnung auf Besserung verliert, präsentiert der Film stattdessen die erste Reunion der Originalmitglieder 1997 als Happy End – obwohl sie in der Realität alles andere als glücklich verlaufen ist. Hier schmeißt der Film diese erste Reunion mit der von 2005 zusammen, um die Laufzeit nicht völlig zu sprengen.

Die Zeit dazwischen hätte sonst locker als Stoff für einen weiteren Film herhalten können. Sei es die vollkommen irrsinnige Ehe von Tommy Lee mit Pamela Anderson, die kreative Bruchlandung mit dem „Generation Swine“-Album oder Lees anschließender Ausstieg – in dieser Phase der MÖTLEY CRÜE-Geschichte hätte es noch einiges zu erzählen gegeben. Trotz ein paar solcher Holprigkeiten gegen Ende bleibt „The Dirt“ seiner Vorlage weitestgehend treu. Bei einer Laufzeit von knapp zwei Stunden muss man eben Abstriche machen. Viel entscheidender ist ohnehin die Darstellung der Bandmitglieder.

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23.03.2019

"Irgendeiner wartet immer."

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