Mötley Crüe - Mötley Crüe

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Nach einer Dekade voller Exzesse und stetig wachsenden Erfolges brach das Glam-Metal-Flaggschiff MÖTLEY CRÜE auseinander. Sänger Vince Neil erschien immer seltener zu den Proben. Während der Rest der Band weitermachen wollte, brauchte er eine Pause. Doch anstatt aufeinander zuzugehen, befeuerten die Mitglieder ihre internen Konflikte durch Unverständnis.

Einer muss gehen

Schlussendlich schmeißen MÖTLEY CRÜE ihren Frontmann raus, wobei dieser bis heute behauptet, er sei von selbst gegangen. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich alles andere als einfach. Doch plötzlich meldet sich das Gesangstalent John Corabi beim Management der Band. In einem Interview hatte er gelesen, dass Nikki Sixx ein großer Fan seiner Band THE SCREAM sei.

Kurz darauf klingeln Sixx und Tommy Lee bei Corabi durch. Die beiden machen keine halben Sachen und laden den Sänger kurzerhand zum Vorsingen ein. Schon nach wenigen Sessions wissen sie: Corabi ist ihr Mann.

MÖTLEY CRÜE ändern sich

Um an ihr Hitalbum „Dr. Feelgood“ anzuschließen, geht die Band abermals mit Produzent Bob Rock ins Studio. Dort folgt sie einer vollkommen neuen Arbeitsweise. Statt die Lyrics wie sonst alleine zu schreiben, tut sich Sixx mit Corabi zusammen. Gitarrist Mick Mars wiederum freut sich über mehr Freiheit bei den Gitarrenarrangements, da jetzt ein zweiter Saitenhexer der Truppe angehört.

Viele Tracks für die kommende Platte entstehen in langen Jamsessions. Noch nie zuvor agierten MÖTLEY CRÜE so sehr als Einheit, wenn es darum ging, Songs zu schreiben. Dazu verzichtet die Band während der Arbeit am Album auf Drogen und Alkohol jeglicher Coleur.

Neue Lyrics braucht die Band

Musikalisch wie textlich begibt sich das Quartett auf bislang ungeahnte Pfade. Sex, Drogen und Rock’nRoll kommen dank „Poison Apples“ immer noch zum Zuge. Doch ein Großteil der Songs handelt plötzlich von Gesellschaftskritik oder blickt in das Seeleninnere der Bandmitglieder.

In „Uncle Jack“ verarbeitet Corabi die Beziehung zu seinem Onkel, der wegen Kindesmissbrauch verurteilt wurde. Das nachdenkliche „Misunderstood“ wiederum gibt den Abhängten der Gesellschaft eine Stimme.

Der richtige Groove

Doch nicht nur auf lyrischer Ebene wagen MÖTLEY CRÜE etwas Neues. Musikalisch schmeißt die Band all ihre Trademarks über Bord, um dem neuen Jahrzehnt zu geben, was es verlangt. Unter Fans ist die Ausrichtung des Materials oft als Anbiederung an den damaligen Grunde-Trend verschrien. Doch damit wird man den Songs keineswegs gerecht.

Natürlich sind die Einflüsse, die PEARL JAM und SOUNDGARDEN hier hinterlassen haben, nicht zu überhören. Doch ziehen MÖTLEY CRÜE genauso Einflüsse aus dem Country wie „Loveshine“ zeigt. Und schlussendlich liefern sie klassischen, druckvollen Hard Rock ab. Tommy Lee zeigt sich als Schlagzeuger ein weiteres Mal gereift. Dank der deutlich groovigeren Songs kann er so richtig vom Leder ziehen.

MÖTLEY CRÜE gehen ein Risiko ein

Die erste Single „Hooligan’s Holiday“ steht mit ihren Dicke-Hose-Riffs exemplarisch für den neuen Sound der Band. Corabi könnte stimmlich kaum weiter von Vince Neil entfernt sein. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Albums. Mit neuem Mann am Mikrofon versuchen MÖTLEY CRÜE gar nicht erst, ihre alten Großtaten zu kopieren. Sie wissen, dass ein anderer Soundanstrich her muss.

Der Albumtitel unterstreicht die Attitüde der Band. Der Langspieler heißt bei Erscheinen schlicht „Mötley Crüe“. Er markiert vielmehr einen Neustart als eine tatsächliche Fortsetzung des Bisherigen. Der Mut der Musiker macht sich allerdings nicht bezahlt. Zwar erreicht die Platte in den US-Charts einen formidablen siebten Platz inklusive Goldener Schallplatte. Doch nach dem Megaerfolg von „Dr. Feelgood“ kommt das einem Desaster gleich.

Zurück in die Vergangenheit?

Die folgende Tour zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Stadien und Arenen leer bleiben. Immer häufiger verlegen MÖTLEY CRÜE ihre Shows in kleinere Locations. Trotzdem kommen schlicht zu wenig Zuschauer, was zu einem vorzeitigen Abbruch der Konzertreise führt.

Bandintern geht es harmonischer denn je zu Gange. Doch die Fans nehmen Corabi genauso wenig an wie den Stilwechsel. Nach der abgebrochen Tour entschließt Nikki Sixx sich dazu, das Gespräch mit Vince Neil zu suchen, dessen Solokarriere ebenfalls weit entfernt von früheren Erfolgen stattfindet. Nach nur einer Platte muss Corabi gehen.

Nicht alle in der Band sind mit dieser Entscheidung einverstanden. Insbesondere Tommy Lee sträubt sich dagegen. Der Rauswurf Corabis führt zu zahlreichen neuen Streitereien, die die Geschichte der Band bis zur großen Comebacktour im Jahr 2004 bestimmen werden.

20.05.2020

"Irgendeiner wartet immer."

Interessante Alben finden

Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 32267 Reviews und lass Dich inspirieren!

Nach Wertung filtern ▼︎
Punkten
Nach Genres filtern ►︎
  • Black Metal
  • Death Metal
  • Doom Metal
  • Gothic / Darkwave
  • Gothic Metal / Mittelalter
  • Hardcore / Grindcore
  • Heavy Metal
  • Industrial / Electronic
  • Modern Metal
  • Pagan / Viking Metal
  • Post-Rock/Metal
  • Progressive Rock/Metal
  • Punk
  • Rock
  • Sonstige
  • Thrash Metal

2 Kommentare zu Mötley Crüe - Mötley Crüe

  1. Norskvarg sagt:

    für mich das beste crüe album. ich liebe john corabi, ganz egal ob bei the scream oder später bei the dead daisies. für mich einer des besten hard rock sängern, die wir auf diesem planeten haben. mit vince neil konnte ich dagegen nicht so sehr viel anfangen, obwohl ich die alten crüe sachen natürlich auch mag. obwohl die kritiken zum album & zum stilwechsel damals meistens positiv waren, wurde dieses album leider nicht so angenommen. tolle album, welches ich auch heute noch sehr gerne höre.

    9/10
  2. Emmetbrown05 sagt:

    Ein gute Album. Für den Sänger natürlich ein Karriere-Knick. Schlimmer geht es kaum noch. Leider hat es irgendwie in der Konstellation nicht gepasst. Ich denke, die Band war nach wie vor vom Zustand der einzelnen Personen abhängig und nach wie vor unsicher in der musikalischen Ausrichtung (mir ist das für mich unsägliche Generation Swine Album noch im Gedächtnis). Mit Saints of LA waren sie für mich aber wieder in der Spur. Mehr wird dann wohl auch nicht mehr kommen und wenn doch, nicht mehr relevant sein.

    8/10