Mortiis
"Wenn du dein Ego töten kannst, passieren erstaunliche Dinge."

Interview

Kaum ein Künstler ist so gut darin, sich immer wieder neu zu erfinden, wie MORTIIS. Mit „Ghosts Of Europa“ veröffentlicht der Norweger sein neues Album. Wir sprechen mit ihm über den Entstehungsprozess, die Inspiration dahinter und die Erkenntnisse, die Alter und Erfahrung mit sich bringen.

Deine Musik klingt eigentlich immer anders. Du entwickelst dich ständig weiter. Gleichzeitig beschreibst du „Ghosts Of Europa“ als eine Art kreative Befreiung?

Nun, das sagt zumindest die PR. (lacht) Ich habe die PR abgesegnet, aber geschrieben habe ich das nicht selbst. Aber ja, ich denke, das trifft es schon ganz gut. Bei jeder Platte, die ich mache, versuche ich eigentlich nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was andere davon halten könnten. Bei dieser hier musste ich allerdings ganz besonders darauf achten, dass es mir egal ist, weil ich schon wieder in eine andere Richtung gegangen bin.

Das Ganze hat etwas Soundtrackartiges, wie manche Leute sagen. Sehr chorlastig, viele Stimmen. Und definitiv anders als alles, was ich zuvor gemacht habe. Deshalb muss sehr in sich ruhen und darf sich nicht ständig fragen, was die Leute davon halten werden. Wird sich das verkaufen? Wie reagieren die Medien? Was werden die Fans denken? Man muss diesen ganzen Scheiß einfach loslassen.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem du sagst: „Scheiß drauf, ich mache jetzt einfach das, worauf ich Bock habe.“ Und ja, ich denke, das kann man durchaus als befreiend bezeichnen. Den ganzen Druck und Stress abzulegen und einfach seinem Instinkt zu folgen.

Mortiis _000_album_cover_ Ghosts of Europa

Die Arbeit an diesem Album hat ziemlich lange gedauert.

Ja, schon. Aber es ist nicht so, als hätte ich fünf Jahre lang jeden Tag zehn Stunden daran gearbeitet. Das Ganze war eher ein Projekt, das immer wieder pausiert und später fortgesetzt wurde. Die ersten Schritte entstanden während der COVID-Zeit. Als die Pandemie vorbei war, ging es direkt wieder mit den Dungeon-Synth-Touren los, weil mehrere Touren um fast zwei Jahre verschoben worden waren. Plötzlich war ich wieder fünf oder sechs Wochen am Stück unterwegs. Dann kam ich zurück, arbeitete ein wenig am Album, und schon stand die nächste Tour an.

Es war also ständig dieses: „Okay, jetzt arbeite ich ein bisschen daran. Dann lege ich es wieder weg und kümmere mich um andere Dinge.“ Die tatsächliche Arbeitszeit waren also keine fünf Jahre. Aber insgesamt hat es natürlich sehr lange gedauert. Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Album nicht wieder so lange.

Wie funktioniert Songwriting bei dir? Wer hat die Kontrolle? Veränderst du das Album oder verändert das Album dich?

Ich glaube, es ist tatsächlich beides. Natürlich wird das Album zunächst von dem bestimmt, was in meinem Kopf passiert. Aber sobald du die Ergebnisse hörst und damit zufrieden bist, motiviert dich das wiederum, genau in diese Richtung weiterzugehen. Also ja, ich habe das Album erschaffen. Aber jetzt zieht es mich selbst in diese Richtung. Es beeinflusst mich ebenso, wie ich es beeinflusst habe.

Das ist irgendwie seltsam. Du erschaffst etwas, gibst ihm Leben, und plötzlich wirkt es auf dich zurück. Interessante Frage. Gar nicht so leicht zu beantworten. Es ist ein bisschen wie ein Kind zu bekommen. Du erschaffst etwas und musst dann mit der Realität dessen leben, was daraus geworden ist – wohin auch immer es sich entwickelt.

Du hast dich im Laufe deiner Karriere so oft verändert. Glaubst du, dass du manchmal von früheren Versionen deiner selbst heimgesucht wirst?

Ich bin ziemlich heimgesucht. (lacht) Das klingt jetzt nach einer Klischeeantwort, aber es gibt Millionen Dinge in meiner Vergangenheit, die ich lieber nie getan hätte. Auf dem Album steckt viel Reue. Manchmal verpacke ich das in Metaphern, manchmal spreche ich es ganz direkt aus. Dinge, bei denen ich denke: „Verdammt, das hätte ich besser nicht gemacht.“ Oder: „Was für eine idiotische Entscheidung.“

Es gibt viele Dinge, die ich gerne anders gemacht hätte. Zumindest kann ich darüber singen. Ändern wird das zwar nichts, aber immerhin. Ja, da steckt definitiv etwas von diesem Gefühl des Verfolgtwerdens drin. Ein Spuken im eigenen Kopf. So ist das Leben. Man lebt und lernt. Und als Künstler hat man wenigstens den kleinen Vorteil, dass man Reue und solche Geister in Kunst verwandeln kann. Das ist immerhin etwas.

Das führt direkt zum Albumtitel. Wer oder was sind die „Ghosts Of Europa“?

Diese Frage bekomme ich ständig. Und ich verstehe, warum du die Verbindung zwischen Geistern und diesem Gefühl des Verfolgtwerdens herstellst. Ich selbst habe diese Verbindung allerdings nie bewusst gezogen. Um ehrlich zu sein, war der Titel einfach einer dieser Momente, die Künstler manchmal haben: Plötzlich taucht eine Zeile in deinem Kopf auf und du denkst: „Verdammt, das klingt gut.“ Genau so war es bei „Ghosts of Europa“.

Der Ausdruck war einfach eines Tages da und ich wusste sofort, dass ich ihn nicht mehr loslassen würde. Also habe ich ihn aufgeschrieben und mit dem Musikstück verbunden, aus dem später der Song wurde. Dahinter steckt keine große Philosophie und keine besonders tiefe persönliche Bedeutung.

Unglücklicherweise kam dann später die russische Invasion der Ukraine hinzu. Dadurch lässt sich der Titel natürlich leicht politisch interpretieren – als Kommentar dazu, dass unser Kontinent vor die Hunde geht, dass ständig etwas Schreckliches passiert, Inflation, Krisen und all dieser Mist, aber das war nie die Absicht. Der Song existierte bereits in einer frühen Form, bevor all das passiert ist. Danach habe ich sogar kurz überlegt, den Titel zu ändern, weil mir klar war, dass die Leute fragen würden, ob ich auf die Situation in Europa anspiele.

Das tue ich nicht. Es ist einfach ein Titel, der mir gefällt. Und er lässt unglaublich viele Interpretationen zu. Für mich gehört er inzwischen einfach zu diesem Stück Musik. Es ist wie mein eigener Name. Er bedeutet nichts weiter, als dass er eben mein Name ist. „Ghosts Of Europa“ ist dieser Song. Aber die Menschen können darin sehen, was sie möchten. Du hast gerade selbst die Verbindung zwischen dem geisterhaften Gefühl des Albums und einem unermüdlichen inneren Kampf hergestellt. Das ist deine Erfahrung mit der Platte.

Galerie mit 10 Bildern: Mortiis – Black Metal Revelation III Tour 2024

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Quelle: Mortiis
26.06.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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