Mortiis
"Wenn du dein Ego töten kannst, passieren erstaunliche Dinge."

Interview

Wie fühlt es sich an, wenn andere Menschen deine Musik interpretieren – vielleicht sogar auf eine Weise, die dir nicht gefällt?

Ich weiß gar nicht, ob jemals jemand etwas so interpretiert hat, dass es mir nicht gefallen hätte, ich finde das eigentlich interessant. Und ehrlich gesagt ist es auch ein Kompliment, wenn sich Leute so intensiv mit deiner Musik beschäftigen, dass sie anfangen, sie zu interpretieren. Das bedeutet, dass sie wirklich zuhören. Allein das ist schon ein Kompliment, und darüber freue ich mich. Vielleicht habe ich selbst gar nicht aus dieser Perspektive heraus gedacht. Dann sagt jemand: „Ich sehe das so und so.“ Und ich denke: „Okay, interessant. So habe ich das noch nie betrachtet.“

Aber das ist eben deren Sichtweise. Und damit bin ich völlig fein.

Du hast dich im Laufe der Jahre stark verändert. Fans hängen dagegen oft an einer bestimmten Ära und wünschen sich immer wieder dasselbe.

Manche schon, andere wiederum scheinen einfach gespannt darauf zu sein, was als Nächstes kommt. Das sind die Fans, die ich mag. (lacht) Nein, ich mag sie alle. Ich verstehe natürlich, dass jemand, der auf die Sachen aus den Neunzigern steht, nicht automatisch auch alles mögen muss, was danach kam. Der Sound hat sich schließlich massiv verändert. Das kann ich komplett nachvollziehen, aber viele Leute scheinen tatsächlich alles zu mögen und das ist natürlich cool. Am Ende ist es einfach Geschmackssache.

Wie hörst du selbst Musik? Bist du eher nostalgisch unterwegs oder suchst du ständig nach neuen Dingen?

Im Moment weiß ich das gar nicht so genau. Vor allem im letzten Jahr habe ich extrem intensiv an diesem Album gearbeitet, einfach damit es endlich fertig wird. Ich habe fast jeden Tag viele Stunden an Musik gesessen. Wenn du dann am Abend die Lautsprecher ausschaltest, bist du einfach durch. Dann willst du nicht noch zwei Stunden lang ein anderes Album hören. Die Ohren sind komplett erledigt. Das Gehirn ist nur noch Suppe. Dann möchte ich eigentlich nur noch irgendeine alte Folge von „Seinfeld“ anschauen und ins Bett gehen. Verdammt, ich habe schon lange nicht mehr wirklich Musik gehört.

Das wird wiederkommen, natürlich. Ich bin mein ganzes Leben lang Musikfan gewesen und höre alle möglichen Genres. Auf meinen Fahrten zwischen Norwegen und Schweden läuft allerdings ständig Musik. Meine Familie und ich sind vor ein paar Jahren nach Schweden gezogen, aber mein regulärer Job und mein Studio sind immer noch in Norwegen. Wenn ich dort arbeite, wohne ich praktisch im Studio, das sind ungefähr fünf Stunden Fahrt pro Strecke. Entsprechend höre ich viele Rockradiosender. Da läuft dann alles Mögliche – von Bruce Springsteen bis hin zu SABATON und ich mag vieles davon.

Mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Ich liebe „Money for Nothing“ von DIRE STRAITS. Das ist mein Lieblingsriff, das beste Gitarrenriff aller Zeiten. Mach das an! Fantastisch, dieses Eröffnungsriff ist einfach unglaublich. Aber so bin ich eben, ich bin inzwischen ein alter Mann, ich schätze gute Musiker. Und wie gesagt: Ich kann mir die unterschiedlichsten Sachen anhören. Nur keinem verdammten Jazz oder so etwas. (lacht)

Gab es einen Song, der besonders schwer zu schreiben war?

„Tundra, Heart Of Hell“ war mit Abstand der schwierigste. Der Song begann ursprünglich als etwas völlig anderes, viel stärker auf Synthesizer fokussiert. Wenn du die frühen Versionen hören würdest, würdest du ihn wahrscheinlich kaum wiedererkennen. Einer der Gründe, warum er letztlich so klingt, wie er klingt, war pure Frustration. Wir hatten diese Synth-Basslinie, die gewissermaßen das Rückgrat des Songs bildete. Ich mochte sie nicht und wollte sie umschreiben, aber mir fiel einfach nichts Besseres ein.

Das ist ziemlich typisch für mich: Ich sitze stundenlang unter kontrollierten Bedingungen da und versuche zwanghaft, Musik zu schreiben – und nichts Gutes passiert. Dann werde ich langsam genervt. Und genau dann passiert plötzlich etwas. Genau in so einem Moment entstand die Basslinie, die man jetzt im Song hört. Sie hat diesen leicht Synth-Pop-artigen Charakter und wurde direkt aus Frustration geboren und genau dadurch schlug der Song plötzlich eine völlig andere Richtung ein.

Danach kamen allerdings die nächsten Probleme. Kreativ hatte ich ständig das Gefühl, dass der Song noch nicht angekommen war. An einem Tag mochte ich ihn, am nächsten hasste ich ihn. Ich hatte all diese widersprüchlichen Gefühle dem Stück gegenüber, was die Arbeit daran unglaublich schwierig machte. Ich weiß gar nicht mehr genau, was letztlich die Wende gebracht hat. Ich glaube, als wir angefangen haben, deutlich mehr heavy Gitarren hinzuzufügen. Das kam nämlich ebenfalls sehr spät im Prozess. Diese Gitarrenstöße zwischen den Gesangspassagen.

Das hat mich schließlich inspiriert. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: „Okay, jetzt entwickelt sich das langsam zu einem Song, den ich wirklich mag.“ Und plötzlich mochte ich ihn nicht nur gestern, sondern auch heute noch. Gott sei Dank. Ich war mehrfach kurz davor, den Song komplett zu löschen. Dann kam noch diese Synthesizer-Melodie dazu, die vor dem Gesang einsetzt. Die habe ich mitten in der Nacht geschrieben.

Ich saß in Schweden an einem kleinen Tisch mit einem winzigen Keyboard, nur mit meinem Laptop und Kopfhörern. Meine Frau schaute auf der anderen Seite des Raumes Fernsehen, und ich saß da und klimperte vor mich hin. Plötzlich hatte ich diese Melodie und ich dachte: „Oh, cool. Das bringt den ganzen Song zusammen.“ Und natürlich – weil dieser Song so eine lange Geschichte hat – kam danach direkt das nächste Problem. Ich fing an, den Refrain zu hassen.

Also habe ich alles gelöscht und den kompletten Refrain noch einmal eingesungen, diesmal mit einer völlig anderen Gesangstechnik, das war viel besser. Der Song hatte wirklich eine verdammt lange Geburt. Eine extrem lange Geburt. Schmerzhaft. Mit Schreien und Fluchen und allem Drum und Dran, weißt du? Aber am Ende wurde daraus ein guter Song.

Und du magst ihn heute immer noch?

Ja, wir haben ihn auf der Tour gespielt. Wir eröffneten mit „Ghost Of Europa“, spielten anschließend eine Menge Material von „The Smell of Rain“ und gingen dann direkt in „Tundra, Heart Of Hell“ über. Das funktioniert erstaunlich gut mit den Songs von „The Smell of Rain“, der Übergang wirkt ganz natürlich. Der Song hat einfach die richtigen Zutaten, dabei wäre er beinahe nie entstanden.

Gibt es auf dem Album etwas, das du zum ersten Mal ausprobiert hast?

Matthew Setzer, der Live-Gitarrist von SKINNY PUPPY, beherrscht auch Kehlkopfgesang. Auf „Tribes Of Dystopia“ gibt es einen kompletten Abschnitt, in dem genau das zum Einsatz kommt. Ich wusste, dass er solche Sachen macht, also habe ich ihm einfach gesagt: „Hey Mann, probier irgendwas aus. Improvisier einfach.“ Dann hat er mir eine Menge Material geschickt, und ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, ob das überhaupt funktionieren würde, aber es war großartig. Natürlich habe ich mir die Passagen herausgeschnitten, die mir besonders gefallen haben, aber ich finde, er hat das wirklich perfekt umgesetzt.

Danach habe ich – wie immer – alles neu arrangiert und umgebaut. Am Ende entstand ein kompletter Abschnitt des Songs rund um diesen Kehlkopfgesang. Und ich dachte nur: „Verdammt, das ist großartig.“ Ich habe das Ganze dann noch breit im Stereobild verteilt, sodass es richtig groß wirkt. So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht. Ebenso wenig hatte ich zuvor mehrere Sängerinnen zusammengemischt, wie wir es auf „Transcending Morpheus“, „Return To The Old Fields“ und einigen anderen Stücken getan haben, auch das war für mich Neuland. Davor hatte ich so richtig eigentlich nur vor langer Zeit mit Sarah Jezebel Deva zusammengearbeitet.

Mit mehreren Sängerinnen gleichzeitig zu arbeiten und ihre Stimmen miteinander zu kombinieren, war also ebenfalls eine neue Erfahrung. Und man muss dabei natürlich hoffen, dass man keine Egos verletzt. Denn oft liefern die Sängerinnen fantastische Performances ab, aber irgendwann musst du die brutale Editor-Mütze aufsetzen. Dann sitzt du da und sagst: „Okay, die Hälfte davon fliegt raus, das verwenden wir nicht.“ Einfach weil es im Kontext des Songs nicht funktioniert. Aber das ist die Realität im Studio. Die Beteiligten sind professionell genug, um das zu verstehen. Sie wissen, dass manche Dinge hervorragend funktionieren werden und andere eben nicht.

Mit mir selbst mache ich genau das Gleiche. Wenn ich Gesang aufnehme, singe ich unzählige Takes ein. Neunzig Prozent davon sind verdammt schrecklich und dann muss ich mir eben eingestehen: „Das war nichts. Das benutzen wir nicht.“ So läuft das nun einmal. Man behält nur das, was man für das Beste hält. Aber man kann ohnehin nicht jeden glücklich machen. Die Geschmäcker sind verschieden. Auf diesem Album gab es definitiv einige Dinge, die ich zum ersten Mal ausprobiert habe. Andererseits hatte ich vieles davon in irgendeiner Form schon früher gemacht. Ich habe das Gefühl, dass ich diese Ideen diesmal einfach weiterentwickelt und verbessert habe.

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Quelle: Mortiis
26.06.2026

"Es ist gut, aber es gefällt mir nicht." - Johann Wolfgang von Goethe

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