Sodom
Interview mit Bernemann und Makka

Interview

Das vor wenigen Monaten erschienene Album „In War And Pieces“ und auch die laufende Tour zeigt die sympathischen Thrash-Veteranen SODOM in blendender Verfassung. Gitarrist Bernd „Bernemann“ Kost und der für Bobby Schottkowski gekommene neue Schlagzeuger Markus „Makka“ Freiwald stellten sich vor dem Konzert in der Hamburger Markthalle Fragen etwa zur Tour, zur zugehörigen Motivation oder zum Älterwerden.

Sodom

Hallo Bernd, hallo Markus! Wie läuft die „In War And Pieces“-Tour bisher?

Bernd: Hallo! Es ist natürlich eine besondere Tour für uns, jetzt wo wir Makka neu am Schlagzeug haben. Normalerweise dauert es eine Weile, bis man sich aufeinander eingestellt hat, es geht aber alles relativ zügig. Wir haben Spaß, die Shows sind bisher recht gut gelaufen, die Resonanz ist super und wir harmonieren jeden Abend auf der Bühne ein bisschen besser miteinander. Wir sind sehr zufrieden, das muss ich wirklich sagen.

Markus: Es war natürlich anstrengend, in der kurzen Zeit die ganzen Songs zu lernen, aber es läuft.

Bernd: Ja, viel Zeit hat er wirklich nicht gehabt, im Januar haben wir erst angefangen zu proben.

Wie zufrieden seid ihr denn jetzt nach einigen Monaten Abstand mit dem neuen Album „In War And Pieces“, das ja durchweg positive Kritik bekam? Habt ihr vielleicht jetzt unter den Live-Bedingungen bei einigen neuen Stücken gemerkt, dass ihr da etwas hättet anders machen können oder sollen?

Bernd: Ja, das merkt man tatsächlich. Wenn wir neue Songs spielen, dann habe ich schon an der ein oder anderen Stelle gedacht, dass man das noch ein bisschen länger hätte machen können oder so, aber das ist minimal. Also grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit dem Album. Das ist nicht immer so, auch wenn Musiker ja immer sagen, dass das letzte Album das beste sei. Bei unserem vorletzten Album sind wir mit den Songs nach wie vor sehr zufrieden, aber leider mit dem Sound überhaupt nicht mehr. Jetzt kann ich sagen, dass wir auch mit der Produktion sehr zufrieden sind. Das aktuelle Album ist das SODOM-Album mit dem besten Sound – meiner Meinung nach. Das ist eine rundum gelungene Sache für uns, keine Ahnung wie die Fans im Einzelnen darüber denken. Aber man wird es nachher vielleicht hören, wenn wir mit „In War And Pieces“ anfangen: Daran, wie der Refrain da mitgesungen wird, merkt man schon, dass das neue Album auch angenommen wird. Wobei, bei SODOM hast Du natürlich auch immer Leute dabei, die fanden „Agent Orange“ schon scheiße und zu modern, wollen nur die ganz alten Sachen hören. Aber unterm Strich sind wir zufrieden mit Songs und Sound und mehr kannst du als Band ja eigentlich nicht machen, den Rest müssen jetzt andere Leute entscheiden.

Du hast eben die alten Sachen schon angesprochen: Ihr spielt auf dieser Tour relativ viel altes Material. Wie motiviert man sich in diesem Fall, wenn man bestimmte Lieder zum vielleicht zwei- oder dreihundertsten Mal spielt? Oder nudelt man es einfach nur noch herunter, weil man sich denkt, dass es sein muss?

Bernd: Also die Motivation hast du ja, wenn Du die Leute siehst. Auch wenn du die Songs schon bis zum Erbrechen gespielt hast, bringst du sie trotzdem gerne, weil du genau weißt, dass die Leute darauf warten. Das siehst du auch an den Reaktionen, da kommst du einfach nicht drumherum. Und ich bin ja auch froh, dass wir so alte Gassenhauer dabei haben. Wenn ich zum MAIDEN-Konzert gehe, dann will ich schließlich auch „Number Of The Beast“ hören. Im Proberaum muss ich die alten Stücke dann nicht haben, da können wir das auch eigentlich vernachlässigen, aber live kommen wir da nicht drum herum.
Mit Makka ist es jetzt ja auch so, dass wir die Songs sowieso spielen müssen, auch im Proberaum, damit er die drauf bekommt. Und das ist ja das Schöne: Viele alte Songs haben jetzt mit ihm einen ganz neuen Drive bekommen. Obwohl man die Dinger so lange kennt, machen sie auch wieder mehr Spaß, weil sie allein vom Drumming her schon ganz anders rüber kommen. Bei „Blasphemer“ etwa fliegt dir nachher das Blech weg.

Thrash Metal begrenzt euch als Musiker ja musikalisch in einem gewissen Maße – habt ihr vielleicht auch Lust, da mal komplett auszubrechen, auch einmal etwas zu machen, mit dem niemand rechnet?

Bernd: Nun, wir sind ja glaube ich eine der Thrash-Metal-Bands, die relativ viel variieren – wenn ich unsere CDs beispielsweise mit DESTRUCTION vergleiche. SODOM hat sich immer die Freiheit heraus genommen, mal eine Punk-Nummer zu machen, es gibt Songs wie „Die stumme Ursel“, dann gibt es Sachen, die schon in Richtung SLAYER gehen – also ich denke, wir versuchen schon, innerhalb unserer Grenzen die ganze Bandbreite auszunutzen. Ich finde, dass das auch auf dem letzten Album zu hören ist: Da sind sehr viele melodische Parts, andere Sachen wiederum sind knallhart. Ich glaube, die Fans würden es uns übel nehmen, wenn wir jetzt wirklich einmal etwas völlig anderes machen würden. Und das wollen wir auch gar nicht.
Wenn wir da dann doch einmal Lust drauf haben sollten, dann machen wir das hinter verschlossenen Türen. Da muss man auch ein bisschen vorsichtig und sensibel sein und wissen, bis zu welchem Punkt man gehen kann, was man den Fans zumuten kann. Aber letztendlich ist das kein Problem für uns, weil SODOM die Musik ist, die wir machen möchten. Wenn wir es nicht wollten, würden wir es nicht tun.

Vor einigen Jahren gab es im WDR-Fernsehen in der Lokalzeit einen Beitrag über SODOM, etwa fünf Minuten lang. Findet ihr, dass ihr dabei in Anbetracht der kurzen Zeit gut weggekommen seid?

Bernd: Das habe ich mich auch gefragt. Was mir schon voll auf den Sack ging, war, wie der Typ den Beitrag anmoderiert hat. Ich weiß nicht, ob du das so auf dem Schirm hast, völlig überheblich nach dem Motto „Vielleicht ist das ja jetzt was für Sie, was da im nächsten Beitrag kommt…“. Also ich frage mich selber, ob ich da gut bei weggekommen bin. Ich weiß es nicht. Für die Leute, die uns eh schon mögen, war es in Ordnung. Was mich sehr gefreut hat, war, dass da wirklich Fans gefragt worden sind, die sehr glücklich waren und die gesagt haben, dass sie voll auf uns abfahren, auch ganz junge Leute. Das war natürlich schön. Andererseits hat man wie gesagt gemerkt, dass wir mit Widerwillen anmoderiert werden. Ich glaube, dass ein paar Leute vielleicht drüber geschmunzelt haben und andere es in Ordnung fanden. Ich selbst fand nicht gut, mit welcher Inakzeptanz so etwas gezeigt wird. Wenn irgendein abgespaceter Künstler irgendetwas Verrücktes macht, dann wird da ganz seriös drüber berichtet, sobald dann aber eine Metal-Band kommt, die auch zum Ruhrpott gehört, wird sie mehr oder weniger schon belächelnd angesagt und so etwas ärgert mich dann natürlich, klar. Wir sind schließlich auch ein Teil der Kulturszene. Aber letztendlich kann ich mit dem Beitrag leben.

Viele extreme Metal-Bands geben SODOM als einen der prägenden Einflüsse an. Macht euch das stolz, wenn ihr es mitbekommt, oder ist euch das relativ egal?

Bernd: Gut, natürlich macht es mich stolz, aber es ist ja auch so, dass es aus einer Zeit her rührt, als Makka und ich noch nicht dabei waren. Ich bin sehr stolz, in einer Band mitspielen zu dürfen, die solche Zeichen gesetzt hat. Ich war selber erstaunt, denn als ich vor vielen Jahren zur Band gekommen bin, war mir das anfangs gar nicht bewusst. Im Laufe der Zeit, wenn du unterwegs bist, dann merkst du das erst. Bands wie CRADLE OF FILTH zum Beispiel, die kommen dann an und schütteln Dir beinahe schon ein bisschen ehrfürchtig die Hand.

Markus: Ja, man spürt die Akzeptanz, selbst bei mir als Neuling in der Band. Die haben mich sofort alle akzeptiert. Ich kenne sie zwar teilweise schon von früher, aber trotzdem.

Bernd: Ich denke auch, dass Tom es genauso sieht, klar. Er ist da mit Sicherheit ein bisschen stolz drauf.

Hört ihr denn selbst solche Bands – Bernd, du hast jetzt CRADLE OF FILTH genannt – die von euch beeinflusst sein könnten? Hört ihr selbst auch weniger bekannte Sachen aus dem Death- und Black-Metal-Bereich?

Bernd: Also unbekanntere Sachen jetzt eher nicht. Ich liebe es, bei Samplern von Magazinen mal so durchzuzappen und mir ein paar Sachen anzuhören. WATAIN zum Beispiel haben ein paar Klamotten, die finde ich gar nicht mal schlecht. Aber generell muss ich schon sagen, dass ich da tatsächlich immer bei den Bands jüngeren Datums bin, die eher so klingen, als seien sie alte. Das hat einen die ganze Zeit geprägt und man hängt immer noch den SLAYER-Alben nach …

Markus: Ich habe ein paar neue Favoriten: MERCENARY zum Beispiel, IGNITE oder MNEMIC finde ich sehr interessant.

Schauen wir mal ein wenig in die Zukunft: Ihr habt 2008 schon auf dem Hellfest in Frankreich gespielt, diesen Sommer wird es wieder soweit sein und dieses Mal spielen dort am gleichen Tag auch die anderen großen deutschen Thrash-Bands. Kann man da vielleicht etwas Besonderes erwarten, euch alle zusammen auf der Bühne sehen? Oder wird es gar demnächst einmal wieder eine gemeinsame Tour geben?

Bernd: KREATOR und DESTRUCTION meinst du?

Ja.

Bernd: Letztes Jahr zum Beispiel haben wir uns auf einem Festival in Bulgarien zufälligerweise getroffen und alle drei hintereinander gespielt, das war echt super. Wir freuen uns immer, wenn wir uns unterwegs über den Weg laufen. Vor allem Schmier wird auch nicht müde, immer zu erwähnen, wie sehr wir Bock drauf haben, gemeinsam etwas zu machen. Es ist aber ganz schwierig, so etwas zu planen, denn jede Band hat ihre Aktivitäten, jede Band ist im Studio oder auf Tour. Es ist also wirklich schwer, drei Bands einfach mal so unter einen Hut zu bekommen, es bedarf einer langen Planung. Von uns aus gerne, ganz bestimmt. Es war eine tolle Erfahrung, als wir 2001/2002 unterwegs waren, das hat total Spaß gemacht, auch gerade hier in der Markthalle. Ich erinnere mich da sehr gerne dran und von den Fans ist das extrem gut aufgenommen worden. Sehr gerne würde ich das noch einmal machen, aber konkrete Pläne existieren derzeit dazu nicht.

Geht es euch denn „nur“ darum, dass die Leute an eurer Musik Spaß haben, oder habt ihr eine Botschaft, die ihr mit SODOM transportieren wollt?

Bernd: Nun, ich denke, dass wir keine Band sind, die mit erhobenem Zeigefinger da steht und politische Botschaften verbreitet. Krieg ist aber natürlich das zentrale SODOM-Thema und es fasziniert Tom sehr, egal ob das der Zweite Weltkrieg oder Vietnam ist. Er hat in dem Bereich viel gelesen und beschäftigt sich auch immer wieder damit. Es ist ein Thema, das einen sehr bewegt. Wir ja sind selber noch aus der Generation, deren Eltern noch den letzten Krieg miterlebt haben.

Da Du gerade auf euer Alter hindeutest: Ihr befindet euch mittlerweile auch weit in den Vierzigern. Glaubst du, dass man harte, aggressive Musik auch im fortgeschrittenen Alter, mit über 50 noch spielen beziehungsweise authentisch rüberbringen kann? Das 30-jährige Bandjubiläum steht 2012 schon an, haltet ihr es für realistisch, dass es auch ein 40-jähriges geben wird?

Bernd: Ich war Anfang 30, als ich vor 15 Jahren bei SODOM angefangen habe und dachte mir damals, dass ich das ja ruhig noch für zwei Jährchen machen könnte. Es sind ein paar mehr geworden. Natürlich merkt man mittlerweile das Alter, wenn man etwa auf Tour nicht mehr ganz so wild feiert – die doch deutlich jüngeren Schweden (DIE HARD, Anm. d. Verfassers) hängen uns da heutzutage ab, trinken deutlich mehr als wir. Aber solange Gesundheit und Spaß an der Sache stimmen und die Fans uns sehen wollen, werden wir auch weitermachen. Natürlich können wir nicht in die Zukunft sehen, aber ich halte es für wahrscheinlich, dass man von SODOM noch einige Jahre echten Thrash Metal erwarten darf.

Ich danke euch für eure Zeit.

Galerie mit 22 Bildern: Sodom - Baden In Blut 2019
02.03.2011

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