Amphi Festival
Der große Festivalbericht 2015

Konzertbericht

Billing: Agonoize, And One, Combichrist, Das Ich, Diary of Dreams, Goethes Erben, Oomph!, Samsas Traum, The Birthday Massacre, The Mission, VNV Nation und Welle:Erdball
Konzert vom 25.07.2015 | Amphi Eventpark, Köln

Samstag, 25.07.2015

CHROM

Amphi Festival

Wie nahezu alle Bands des Festivals werden auch CHROM vom Comedian „Der Tod“ angekündigt. Zuvor gibt Moderator Oliver Klein allerdings noch den aktuellen Wasserstand zum witterungsbedingten Ausfall diverser Bands und weiteren Verlauf des Festivals durch – ein „Programmpunkt“, der im Laufe des Tages immer wieder auf der Agenda auftaucht. Daraufhin ertönt dann aber das Intro des sympathischen Duos von CHROM, ehe mit „Slave“ in die Vollen gegangen wird. Anschließend erkundigt sich Sänger Christian Marquis pflichtbewusst beim Publikum nach dem aktuellen Gemütszustand. Sicherlich auch aufgrund der Umstände ist die Halle erstaunlich gut gefüllt (was sich jedoch auch über’s gesamte Wochenende so fortsetzt). Das Publikum darf sich überwiegend an vom Zweitwerk „Synthetic Movement“ stammenden, gefühlvollen Nummern wie „Loneliness“ oder „Losing Myself“ erfreuen. Der Sound drückt, so dass die Synthese aus eingängigem Synth-Pop und leichten EBM-Anleihen direkt ins Bein geht und beim abschließenden „Memories“ gar die Ränge innerhalb der Lanxess-Arena in Wallung geraten.

 

RABIA SORDA

Amphi Festival

Anschließend wird’s in Form von RABIA SORDA etwas rockiger, doch nicht weniger unterhaltsam. Erik Aircrag, seines Zeichens auch Frontmann der Szenegröße HOCICO, ist stets ein gerngesehener Gast in Köln, egal ob mit der Stammformation oder seinem Solo-Projekt. Mit dem früh gespielten „Out Of Control“ geht’s direkt auf Betriebstemperatur. Doch auch wenn das gut knallende „Deaf“ zumindest vom Härtegrad überzeugen kann, offenbaren sich so manche Soundprobleme. Schlimmer noch: Der Keyboardständer will nicht standhalten und sackt immer wieder zusammen, weshalb kurzerhand das Instrument samt Ständer auf der Bühne verschrottet wird. Ob nun drei Meter durch die Luft geschleudert oder auf den Bühnenrand geschmettert, hier beibt keine Taste neben der anderen. Lustigerweise ertönen weiterhin die Klänge, die eigentlich vom Keyboard kommen sollten. Auf die Frage, ob Playback im Spiel gewesen ist, gehen wir hier lieber nicht weiter ein. Schlussendlich bleibt festzuhalten, dass RABIA SORDA trotz diverser Probleme immer noch eine actionreiche Show auf die Bühne gebracht haben und dieser Hauch von Zerstörung wie die Faust auf’s Auge zu Songs wie „Radio Paranoia“, dem bezeichnenden „Indestructable“ oder dem abschließenden „Hotel Suicide“ passen; wie vermutlich auch Geburtstagsgitarrist Marcus Engel findet, der am Ende des Auftritts stilecht mit Sahnetorte im Gesicht verabschiedet wird.

 

THE CRÜXSHADOWS

Amphi Festival

Ebenso ein gern gesehener Gast auf dem Amphi-Festival und generell in den hiesigen Breitengraden sind THE CRÜXSHADOWS aus dem Sunshine State Florida. Gefühlt mehr Zeit auf Tour als zu Hause, hat sich über die Jahre jedoch ein wenig Routine eingespielt, was auch am heutigen Tage deutlich wird. Selbst die relativ neu im Bandgefüge angekommenen Tänzerinnen bedienen sich den alten Choreographien ihrer Vorgängerinnen. Musikalisch wird auch auf Bewährtes gesetzt. Allerdings haben liebgewonnene Stücke wie „Quicksilver“, „Angelus Everlasting“ und auch das vom aktuellen Werk „As The Dark Against My Halo“ stammende „Indivisible“ mit schwächelndem Sound zu kämpfen. Die Truppe um Frontmann Rogue versucht dies mit einer gewohnt überdurchschnittlich präsenten Performance auszugleichen. Mehrmals während des Sets wird der Kontakt zum Publikum gesucht: Während „My Deception“ bittet der Sänger zum obligatorischen Tanz mit einem Besucher im Zuschauerbereich. So beschließt „Marilyn My Bitterness“ den Auftritt einer Band, die zukünftig eventuell etwas weniger auf Routine setzen, sonder vielmehr das Augenmerk auf Spontanität sowie Authentizität, die sie zweifelsohne besitzt, richten sollte.

 

[X]-RX

Da die CRÜXSHADOWS ihren Auftritt leicht überzogen haben, müssen sich [X]-RX mit einer kürzeren Spielzeit, die ohnehin schon recht kanpp bemessen ist, zurecht kommen. Die ursprünglich auf der Green Stage eingeplanten Kölner legen jedoch einen Umbau in Rekordzeit hin und machen das Beste aus den ungünstigen Voraussetzungen. Angetrieben von Live-Drummer Feli, kann das elektronische Trio dem Publikum in den rund 20 Minuten immerhin vier Songs (u.a. „Stage 2“ und „A To A And D To D“) um die Ohren schleudern. Die harten Beats treffen den Nerv der Neon-Fraktion, die einen kurzen, dafür aber sicherlich für diese Zeitdauer zufriedenstellenden Auftritt erlebt. Anschließend heißt es schnell wieder Sachen packen, die nächste Band, die aufgrund des Wetters in der Halle auftreten muss, steht bereits parat.

 

DAF

Amphi Festival

Auch kurzfristig in der Arena untergebracht werden, konnte die Electropunk-Legende DAF, die als „Helden der Jugend“ anmoderiert werden und ursprünglich als Headliner auf der Green Stage vorgesehen waren. Der Großteil des Publikums hat die Verlegung anscheinend rechtzeitig mitbekommen: Die Halle ist mehr als ordentlich gefüllt, als das charismatische Duo mit „Verschwende Deine Jugend“ loslegt. Sänger Gabi Delgado überschüttet sich immer wieder mit Wasser und gönnt auch dem vom Start an gut gestimmten Publikum hin und wieder eine Abkühlung. Dort tobt nämlich ein ums andere Mal der Pogo zu Klassikern wie „Der Mussolini“ oder „Mein Herz Macht Bum“, aber auch relativ neuen Stücken wie „Der Sheriff“, welches in einer neuen Version dargeboten wird. Nicht nur die Songs sind von ihrer Struktur minimalistisch wie eh und je geprägt, auch das Bühnenbild folgt dieser Linie, zeigt dadurch aber auch die Besonderheit dieser im Jahr 1978 gegründeten Formation auf. „Räuber Und Der Prinz“ als Zugabe setzt dieser eigenwilligen Performance schlussendlich die Krone der totalen Individualität auf. Auch wenn’s nicht gefallen sollte, interessant ist’s allemal.

 

THE BIRTHDAY MASSACRE

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Nach relativ langer Abwesenheit schicken sich auch die ursprünglich unter dem Namen IMAGICA gegründeten Kanadier THE BIRTHDAY MASSACRE mal wieder an, das Amphi Festival zu beehren. Mit gutem Grund, denn im vorangegangen Jahr wurde mit „Superstition“ bereits das sechste Studioalbum der Synth-Rocker veröffentlicht, die seit jeher ein Faible für die Farbe Lila, insbesondere in Kombination mit dem Tier, welches zwei große Löffeln als Ohren trägt, hegen. Los geht’s jedoch mit „Red Stars“ vom 2007’er Werk „Walking With Strangers“, ehe mit dem daran anschließenden „Divide“ das erste neue Stück von der aktuellen Veröffentlichung folgt. Die Melange aus zuckersüßen Melodien und teils deftigen Gitarreneruptionen geht auf, Köln zeigt sich gut gelaunt und frisst der immer mit einem leichten Grinsen ausgestatteten und um kein Späßchen mit ihren fünf Mitstreitern verlegene Frontdame Chibi aus der Hand. Im Fokus stehen primär Songs älteren Datums, was sich nach solch langer Abstinenz auf deutschen Bühnen auch als richtige Entscheidung herausstellt – die Fans lechzen nach den alten Schmankerl. Bei „Lovers End“ wird Textsicherheit, beim abschließenden „Sleepwalking“ wiederum Taktgefühl während Klatschinteraktionen bewiesen. Einzig der Sound hätte gerne etwas knackiger und weniger dumpf sein dürfen, dennoch ein tolles Wiedersehen.

 

AGONOIZE

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Bereits im Vorfeld war zu erkennen, auf wen sich ein Großteil der von weither angereisten Besucher am heutigen Tage besonders freut. So war der Innenbereich der Arena schon vor Beginn von AGONOIZE enorm gut gefüllt und auch die Ränge schienen vor Vorfreude auf die kunstbluttriefende Show zu platzen. Auf das Intro „Returns A King“ folgt mit „Glaubenskrieger“ der erste große Hit und auch die erste Blutdusche für’s Publikum: Mit großem Messer bewaffnet, spritzt das Blut meterweit in den Zuschauerbereich. Ein Glück, dass die Bühne während der Umbaupause ausreichend mit Schutzvorrichtungen versehen wurde, denn in der Folge werden die Berliner ihrem Ruf als Band mit exzentrischer Bühnenshow mehr als gerecht. Allerdings stellt sich die Frage, ob der große Name, den sich die Band zweifelslos über die letzten Jahre erarbeitet hat, aufgrund der musikalischen oder doch eher der bühnentechnischen und polarisierenden Qualitäten entstanden ist. Auch das Taktgefühl von Sänger Chris scheint heute nicht vollends vorhanden zu sein, liegen einige Textpassagen doch arg neben der dazugehörigen musikalischen Komponente. So oder so tobt die Halle, sogar auf den Rängen wird ausgiebig getanzt. Außerdem stark: Von jedem Studioalbum der Bandgeschichte ist mindestens ein Song in der Setlist enthalten. Selbstverständlich ist mit „Koprolalie“ auch der Dauerbrenner schlechthin vertreten, der kurz vor Schluss und dem finalen „Bis das Blut gefriert“ die Halle zum Beben bringt.

 

GOETHES ERBEN

Amphi Festival

Kontrastprogramm in Köln. Auf die donnernden Bässe von AGONOIZE folgt mit GOETHES ERBEN eine Legende der besonderen Art. Die 1989 gegründete Szene-Institution findet sich zu Beginn des Sets in einem eindrucksvollen und atmosphärischen, wenn auch simplen Bühnenaufbau wieder. Fünf schlichte Schals bilden den Hintergrund, davor stehen sechs, anfangs noch verhüllte Statuen und jeweils ein Podest für die Streicher, den Schlagzeuger sowie den Keyboarder, der für die langjährige Wegbegleiterin Mindy Kumbalek mit an Bord ist. Selbstverständlich sind alle Augen aber auf Frontmann und Ikone Oswald Henke gerichtet, der beim Betreten der Bühne zu „Was War Bleibt“ die im Rund auf der Bühne platzierten Statuen (bis auf eine) enthüllt. Direkt darauf folgt „Nichts Bleibt Wie Es War“, was allein beim Betrachten der Titelnamen die Extravaganz dieser Formation unterstreicht. Richtig eindringlich wird es spätestens zu „Kopfstimme“, was insbesondere auch an den guten Soundverhältnissen liegt, die ein stimmiges Gesamtbild zwischen den Musikern und dem charakteristischen Sprechgesang von Oswald Henke erzeugen. Als besonderes Highlight werden die Musiker an diesem Abend von zehn Darstellern unterstützt, die zu den neuen Stücken „Verboten“ und „Ironie Im Plattenbau“ vom neuen Musiktheaterstück „Menschenstille“ sowie weiteren Songs aus der Geschichte der Band ansprechende Inszenierungen darbieten. Leider sind nur die ersten Reihen wirklich gut gefüllt, viele verfolgen das Spektakel von den Rängen oder halten sich außerhalb des Innenraums auf. Schade, denn mit „Sitz Der Gnade“ geht ein vor Inbrunst nur so strotzender Auftritt viel zu früh zu Ende.

 

FRONT 242

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Die Belgier FRONT 242 waren bereits im letzten Jahr Gast des Amphi Festivals. Daher verwundert es schon ein wenig, dass das Aushängeschild der EBM-Szene auch bei der diesjährigen Ausgabe vom Festivalplakat grüßt. Allen Bedenken zum Trotz, ist die Halle bestens gefüllt. Zu Beginn des Sets müssen sogar zeitweise die Einlässe zum Innenraum geschlossen werden. Ärgerlich für alle diejenigen, die warten müssen und so den Start mit „Commando Mix“ vom Meilenstein „No Comment“ (1982) verpassen. Von den Achtzigern in die Neunziger geht es anschließend mit „Punish Your Machine“. Die Jungs haben Bock, das ist Ihnen anzumerken, doch bereits zu diesem Zeitpunkt stört der permanente Einsatz der Stroboskope, die aus einem audio-visuellen, ein rein hörbares Erlebnis werden lassen. Daher wieder zurück zur Musik: Auch ohne die Tanzanweisungen in „Im Rhythmus Bleiben“ weiß das Publikum, sich gekonnt zu dem Best-Of-Programm zu bewegen. „Master Hit“ und „W.Y.H.I.W.Y.G“, welches es seit Langem mal wieder in die Setlist der Band um Gründungsmitglied Daniel Bressanutti (welch‘ ein Name) geschafft hat, gehören neben den zahlreichen Evergreens wie „Take One“ und „Welcome To Paradise“ zu den eher seltener gespielten Songs, können aber gerade aus diesem Grund durch das Überraschungsmoment ebenso für Begeisterung sorgen. So darf sich der Veranstalter am Ende des Auftritts in der Entscheidung bestätigt fühlen, FRONT 242 auch in zwei aufeinanderfolgenden Jahren für die Veranstaltung gebucht zu haben.

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10.08.2015

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