Imperial Triumphant - Alphaville

Review

Soundcheck Juli 2020# 18 Galerie mit 11 Bildern: Imperial Triumphant - Dark Easter Metal Meeting 2019

Nachdem die meisten vorherigen Veröffentlichungen vom New Yorker Avantgarde-Jazz-Black-Metal-Trio IMPERIAL TRIUMPHANT (in Ermangelung besserer Beschreibung)  hier nicht wahnsinnig gut, aber durchaus ok wegkamen (EP „Inceste“, Compilation von Demo und erstem Album „Shrine To The Trident Throne“ und auch Zweitwerk „Abyssal Gods“), muss ich hier die Kollegen, auf welche ich sonst nichts kommen lasse, mal ein wenig kritisieren hinsichtlich Soundästhetik (nicht der subjektiven Meinung über die Musik). Mir dünkt, die Herren haben sich wohl zu sehr dem zu Tode produzierten Metal in klassischem Vier-Viertel-Takt gewidmet beziehungsweise ausgesetzt, anders sind mir Aussagen wie „verwaschene“ Produktion und „nicht immer tight gespielt“ nicht erklärbar.

Zugegeben, bei einer sehr natürlichen und trockenen Produktion wie bei IMPERIAL TRIUMPHANT hört man etwa schnelle Doublebass schlechter heraus. Vielleicht ist auch nicht jeder Snareschlag gleich laut oder aufs Metronom genau gespielt,  anders also als bei den sonstigen getriggerten und quantisierten Songs, die einfach Standard bei 90 % aller heutigen Veröffentlichungen im Metal sind (und das aus gutem Grund, das soll keine Kritik an der „normalen“ Metalproduktion sein, die hat durchaus so seine Gründe). So kann man bei ungenauem Hinhören Details oder „Druck“ vermissen.

Guckt man sich etwa Youtube-Videos von Drummer Kenny Grohowski (oder Alex Cohen, der sich für teilweise ein paar Songs, aber auch Produktion einiger früherer Veröffentlichungen von IMPERIAL TRIUMPHANT auszeichnet) an, sieht der geneigte Kritiker, dass jene Drummer alles andere als „nicht tight“ sind.  Kommt im normalem Metalkosmos mal etwas „dünn“ oder anders klingendes ins Feld, wird schnell gemeckert, die Produktion oder die Musiker seien schlecht. Dem würde ich entschieden widersprechen. Schon mal etwas von Modulation und Dynamik gehört? Denn auch „Alphaville“ ist wieder einmal sehr natürlich produziert, mit Hilfe von MR. BUNGLE-Gitarrist Trey Spruance und auch Colin Marston, der sonst bei GORGUTS und KRALLICE sein Unwesen treibt.

Somit würde ich hier gerne für „natürlichere“ Produktionen, die vielleicht ein wenig Wumms und Klarheit vermissen lassen können und einen höhere Dynamic Range als sechs haben und so vielleicht auch stellenweise „leise“ sind, eine Lanze brechen wollen. Einfach mal eine moderne Produktion wie etwa brickwalled-to-death  „The Flesh Prevails“ von FALLUJAH, das sonst ein fantastisches Album ist, mit altem Metal wie „Master of Puppets“ von METALLICA vergleichen, wie da die Unterschiede zwischen einem DR (Dynamic Range) Level drei und einem DR zehn oder elf sind. Takt-, Rhythmus-, Harmonie- und Melodie-technisch „all over the place“ ist die Musik von IMPERIAL TRIUMPHANT natürlich trotzdem. Kurz: nicht ganz einfach zu verdauen.

IMPERIAL TRIUMPHANT sind alles andere als leicht verdaulich

Aber jeden, der sich etwa schon mal mit Free-Jazz beschäftigt hat, dürfte das wenig kümmern. Das Verstehen und Durchdringen dieser Musik ist Arbeit, aber die gehört irgendwo dazu. „Verstehen“ werden es wenige. Leute, die Eingängigkeit und Hooks brauchen wie die Luft zum Atmen, können hier schon aufhören zu lesen. Der Versuch einer Beschreibung der Musik bringt Bands wie GORGUTS, BLUT AUS NORD, DEATHSPELL OMEGA und PORTAL in Bezug auf die wirklich fiesen Disharmonien ins Gespräch, aber das würde zu kurz greifen. Denn da sind noch die Jazz-Einflüsse, neben allen anderen möglichen Spielereien, welche auf „Alphaville“ inkorporiert wurden.

Auszug gefällig? Ein singendes Barbershop-Quartett, Zweite-Welle-Black-Metal-Einflüsse, Tomas Haake von den Schweden MESHUGGAH an japanischen Taiko-Drums, um nur einige zu nennen. Dies allerdings immer nur in kleinen Songabschnitten, neben der hauptsächlichen Kakophonie aus entgegen laufenden, disharmonischen Melodien von Bass, Gitarre und Schlagzeug. Ein wenig also, als wenn THE DILLINGER ESCAPE PLAN zu viel DODHEIMSGARD oder DEATHSPELL OMEGA gehört hätten und nun im Free-Jazz-Club jammen und GORGUTS-Cover aufnehmen würden. Das ist anstrengend, atonal, mal durchaus angenehm klingend und ganz oft sitzt man einfach sich am Kopf kratzend mit offenem Mund vor der Stereoanlage.

„Alphaville“ ist die unglaubliche Reise – ohne Flugzeug – durch (das musikalische) New York

Wer hier noch nicht nicht die Hände über den Kopf zusammenschlagend herausgestürmt, sondern sitzen geblieben ist, darf sich erneut auf die Reise um den Big Apple machen. Nach der letzten  Liebeserklärung an New York, „Vile Luxury“ (auf metal.de unbesprochen), steht auf „Alphaville“ erneut eine Tour durch die (Musik-)Geschichte der Stadt an. Lyrisch, aber auch vor allem musikalisch. New York war der Geburtsort für neue Impulse in den unterschiedlichsten musikalischen Genres, ob nun im Hardcore, Rock, Metal, Jazz oder Hip-Hop. IMPERIAL TRIUMPHANT dürfen mit „Alphaville“ locker auch mit dazu gezählt werden, egal was man persönlich von der Musik halten mag. Was in Europa und Australien Bands wie PORTAL oder DEATHSPELL OMEGA an Pionierarbeit geleistet haben, tun IMPERIAL TRIUMPHANT quasi für die nordamerikanische Landkarte.

Neu ist die Verquickung zwischen Metal und Jazz zwar nicht, die Herangehensweise von IMPERIAL TRIUMPHANT ist aber frisch, von ihrer Umgebung beeinflusst und hat trotz Überschneidungen und Gemeinsamkeiten mit genannten Bands definitiv eine eigene Duftmarke. Ähnlich wie die Stärke von RAMMSTEIN etwa das Verquicken vorhandener Einflüsse, in deren Fall deutsche Gedichtkunst mit Disco-Eingängigkeit und harten Gitarren, ist, spielt auch für IMPERIAL TRIUMPHANT eher die Kontextualisierung eine Rolle, um aus den Referenzen in der Musik etwas eigenes zu schaffen. Und zwar ein Gesamtpaket, wo Cover, Texte und Musik eine Einheit ergeben.

Erkennbar wird das schon im Albumnamen, der trotz meiner voreiligen Vermutung nichts mit der kultigen deutschen 80er-Pop-Gruppe, sondern mit Jean-Luc Godard’s gleichnamigen Sci-Fi-Film von 1965 zu tun hat (nach dem sich besagte ALPHAVILLE natürlich auch benannt haben, woran ich natürlich keinen Gedanken verschwendet habe). Ebenfalls beim an die „Goldenen 20er“ und den deutschen Stummfilm (Fritz Lang’s METROPOLIS) angelehnten, großartigen Coverartwork von Zbigniew Bielak. Die musikalischen Referenzen des kulturellen Meltingpots New York, aber auch einfach den Stadtvibe hört man sehr schön eingebunden als kurze Samples und Sound-Snippets im kakophonischen Death/Black Metal. Ob das nun das schon angesprochene Barbershop-Quartett ist, Jazz-Einflüsse, auch in Form von Bläsern, oder ganz einfach Aufnahmen und Samples aus dem Straßengeschehen und der Subway, die schön mit eingebettet wurden.

Gefühlt sind die ganzen Einflüsse hier auch songdienlicher eingesetzt als noch auf den Vorgängern, da in den meisten Fällen nicht alles durcheinander läuft, sondern sich Metalparts mit Jazzinterludien und Ein- beziehungsweise Ausleitungen abwechseln. So gibt es schon mal verrauchte Loungeatmosphäre, getragen durch Piano und Posaune, ehe man Tremolos und Blastbeats auspackt („Transmission to Mercury“).

„Atomic Age“ als ein sehr erzählender Song sticht da hinaus: Er startet mit besagtem Barberquartett. Der Tag ist normal, Leute gehen ihrer Arbeit nach, einige singen vielleicht sogar. Die ersten disharmonischen Gitarren setzen ein, es brodelt etwas ungemütliches unter der Oberfläche. Eine sehr komische Mischung aus Industrial und World-Music im Mittelteil (es hört sich tatsächlich nach dem Rumhauen auf Topfdeckeln mit Ethnogesang an) brodelt, es folgt der Ausbruch – die Bombe wurde gezündet, ehe es in beinahe ruhige Gefilde übergeht, die Schönheit der Detonation in den tollsten und grellsten Farben, ehe man wieder auf den Boden der Tatsachen aufschlägt und in den harten Nachwehen der Katastrophe angekommen ist. Ein kaputter Empfänger und marschähnliche Trommeln zeichnen das Überleben und lassen vermuten, dass militärisch noch nicht alles gesagt wurde. Die Stille zuvor, die Explosion, die Stille danach, erzählendes Musizieren.

IMPERIAL TRIUMPHANT – die avantgardistischen Black-Metal-Hipster?

Hipster ist ein Begriff, der auch in der Musik, gerade auch heute im Black Metal, immer wieder auftaucht. Gehen wir historisch mal an eine Begriffsbestimmung heran: Die ursprüngliche Bezeichnung Hipster meinte schwarze Jazz-Musiker und später auch weiße Schriftsteller, die ein wenig die „amerikanische Bohème“ bildeten. Außenseiter, die bestimmte Orte frequentierten, bestimmte Kleidung trugen, eine bestimmte Sprache und Soziolekt pflegten, sozial teilweise aus konformen, teilweise sehr heterogenen Verhältnissen stammten und musikalisch eine vollkommen neue Spielart aus der Taufe mit dem Bebop Mitte des 20. Jahrhundertes hoben.

Eigenes Erscheinungsbild, unkonformistisch, eigene Orte und Sprache: Klingt in Teilen ein wenig wie die Metalszene, zumindest in ihren Anfängen, oder? Die heutige Bedeutung des Wortes ist eher negativ konnotiert, wird dadurch doch oft eine Subkultur, die mittlerweile Mainstream geworden ist und sich durch Oberflächlichkeiten abgrenzen will, bezeichnet, welche sich lediglich durch Referenzbezüge zu gewissen Produkten, Mode oder Kunst vom „Mainstream“ abgrenzt und somit nichts authentisch „Eigenes“ hat.

Lustigerweise könnte man den Begriff in beiderlei Bedeutung nun gleichermaßen auf IMPERIAL TRIUMPHANT anwenden, je nachdem, wie man zu ihnen steht. Denn unkonform sind sie definitiv, edgy um ihrer selbst willen kann man Ihnen aber auch ein wenig vorwerfen. Mit „Experiment“ (mit Phlegeton-Vocals von WORMED) und „Happy Home“  gibt es noch  zwei Cover von den kanadischen Prog-Thrashern VOIVOD und den amerikanischen Art-Rock Pionieren THE RESIDENTS, die nicht unterschiedlicher ausfallen könnten, natürlich durch den IMPERIAL TRIUMPHANT-Fleischwolf gedreht. Wie das Ergebnis zu bewerten ist, bleibt wohl Fans der Bands überlassen, da die Cover doch schon sehr anders ausfallen als die Originale durch die unkonventionelle Herangehensweise, aber doch noch erkennbar bleiben.

Auch „Alphaville“ wird wohl viel diskutiert werden, sowohl in den Metalpostillen als auch unter Fans. Einzigartigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein lässt sich der Musik nicht absprechen. Die ein oder andere Noise-Eskapade darf in Zukunft aber doch ruhig eingängiger und schmeichelhafter einbezogen werden. Bei aller beeindruckenden Leistung möchte man den musikalischen Wahnsinn doch irgendwo greifen können, selbst wenn es nur ein Zipfel ist. Aber die Finger finden nirgendwo Halt, rutschen ab. Somit beeindruckt der Stilmischmasch, die Referenzen an New Yorker Musik  zu den unterschiedlichsten Zeiten und die instrumentalen Fähigkeiten. Allein emotional bleibt es ein wenig blass. Wir haben die unangepasste Seite von IMPERIAL TRIUMPHANT bereits in der vorigen Diskografie erlebt, vielleicht wäre die unkonformistische Haltung es gerade jetzt, ein wenig konformer und eingängiger zu werden? Dann wäre beim nächsten Album auch eine höhere Note drin.

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16.07.2020

- What is Gods favorite chord? - Gsus

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10 Kommentare zu Imperial Triumphant - Alphaville

  1. BlindeGardine sagt:

    Fürchterlich überhypete Gurkentruppe. Kann man sich eigentlich fast nur mit „das ist Kunst, du verstehst das halt nicht“ schön reden.

  2. Stormy sagt:

    Das trifft es wohl ganz gut.

  3. nili68 sagt:

    Nach dem Anhören gehe ich mal davon aus, dass die es nicht darauf anlegen, jedem zu gefallen, wie die letzten beiden Sätze des Reviews ja auch andeuten. Nicht genau musikalisch (aber ein wenig) erinnert mich das an die experimentellere Seite von Blut Aus Nord. Sehr stimmungsabhängig..
    Klar kann das als Ausrede gelten, aber manchmal versteht man auch tatsächlich etwas nicht. Ist ja nicht völlig unmöglich.. 😉

  4. BlindeGardine sagt:

    Das nicht alles jedem gefällt ist klar, nichts gefällt jedem. Aber bei denen hier hab ich halt das Gefühl man stolpert aktuell dauernd über die oder um mal meinen inneren Watutinki rauszulassen: die werden irgedwie extrem von Century Media gepusht. Und ich versteh beim besten Willen nicht warum.

  5. Watutinki sagt:

    Hm… so unharmonisch finde ich das gar nicht. Klar, es ist progressiv verspielt, experimentell, aber wie ich finde nicht chaotisch und deshalb in gewisser Weise auch harmonisch. Da gibt’s doch wesentlich schlimmeres, wobei mir Ad hoc jetzt kein passendes Beispiel einfällt. Kann mir durchaus eine 8-9 vorstellen und finde, dass es auch recht Death lastig daherkommt. Zumindest erinnert es mich an die letzte Morbid Angel, gerade wenn man auf die Drumms achtet.

  6. nili68 sagt:

    Wenn du dich wirklich fordern willst, dann höre dir mal die MoRT von Blut Aus Nord an. Dann sehen wir mal, wie Prog oder Avant-Garde du bist. 😀

  7. nili68 sagt:

    ..oder (ich glaub‘ du warst noch nicht hier, als ich die wärmstens mit Sternchen empfohlen habe) EBONYLAKE!!

  8. Watutinki sagt:

    Mit BAN bin ich nie so warm geworden, aber EBONYLAKE hat was! Klingt auch wunderbar dystopisch, gibt’s viel zu wenig davon im BM.

    Ohne das jetzt toppen zu können/wollen, finde ich auch sehr geil, auch recht technisch:
    https://www.youtube.com/watch?v=LFlkwqvOaOo

  9. nili68 sagt:

    Gefällt mir tatsächlich ganz gut und verbreitet auch ’ne ähnliche Stimmung wie die bereits genannten Bands, ohne derselbe Stil zu sein. So vergleiche ich Bands auch eher, nach der erzeugten Stimmung, als streng nach Stilistik..

  10. motley_gue sagt:

    Hab mich mit der Truppe jetzt mal ein wenig „warm gehört“. Wirklich interessant und für mich auch neu / innovativ. Oben genannte Referenzen kenne ich auch nicht. Mag ich!