Nocte Obducta - Irrlicht - Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz

Review

Soundcheck Oktober 2020# 7 Galerie mit 16 Bildern: Nocte Obducta - Live in Berlin

Eins vorneweg: Wer die Mainzer NOCTE OBDUCTA so wie Unsereins mit ihrem mittlerweile ikonischen „Nektar“Zweiteiler kennengelernt und klangtechnisch in dessen weiteren Umfeld abgespeichert hat, den wird das neue Album „Irrlicht“, das den Untertitel „Es schägt dem Mond ein kaltes Herz“ trägt, auf den ersten Hör wahrscheinlich überraschen. Die Herren um Marcel Breuer haben sich aufgrund ihres sehr farbenfrohen, unberechenbaren Sounds einen Namen gemacht, der mal mehr, mal weniger abrasiven Black Metal mit zwar düsteren, aber dennoch stets fantasievollen Atmo-Spielereien kombiniert hat.

Ein aggressives „Irrlicht“

Das Ergebnis waren schwarzmetallische Wanderungen durch zum Teil atemberaubend schöne Klanglandschaften. Besagter „Nektar“-Zyklus fesselte durch seine Mischung aus verträumter Lautmalerei und der Aggression, mit der die Black-Metal-Ausbrüche unterfüttert worden sind. Unterdessen gewann der Black Metal auf „Verderbnis – Der Schnitter kratzt an jeder Tür“ mehr an Bedeutung, während „Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen)“ die Waage wiederum etwas mehr in die andere Richtung gekippt hat.  Nun kommt also „Irrlicht“. Und getreu der Tradition der Mainzer, möglichst kein Album wie das Vorherige klingen zu lassen, hat sich der Sound wieder gewandelt.

Dieses Mal jedoch geben sich die Herren wieder deutlich mehr dem rohen Black Metal mit Dark-Metal-Würze hin, woraus der ohne größeres Vorspiel abrasiv lospolternde Opener „Zurück im bizarren Theater“ auch keinen Hehl macht. Es ist quasi die konsequente Fortführung dessen, was „Verderbnis“ darstellte. Zwar ist das Album nicht gerade das, was man in Schwarzwurzelkreisen „puristisch“ nennen würde und wer die Mainzer kennt, dürfte so etwas schon erwartet haben. Doch die Aggressivität und Rauheit, mit der NOCTE OBDUCTA anno 2020 teilweise zu Werke gehen, muss für sich erst einmal verdaut werden.

Mit neu-/wiedergefundener Rohheit überraschen NOCTE OBDUCTA zunächst

Tatsächlich kann einem die Musik, die hier präsentiert wird, zunächst etwas grobgelenkig vorkommen. Besonders hat Unsereins in dieser Hinsicht an „Von Stürzen in Mondmeere“ mit seinem schleppenden Rhythmus knabbern müssen. Als Hörer akklimatisiert man sich damit aber eventuell und fängt an, diese vertrauten Melodien zu entdecken – und wie gut sie eigentlich in den Sound eingebettet sind. Und dann beginnt „Irrlicht“ langsam aber sicher, seine Faszination auszuüben. Sprich: Wenn man sich erst einmal durch die harte Schale durchgekämpft hat, entdeckt man fernab der überlangen Songs im Kern doch viele Elemente, die man von den Mainzern gewohnt ist.

„Der alte Traum“ ist der vielleicht „typischste“ Vertreter des „klassischen“ NOCTE OBDUCTA-Sounds und der Song, dessen Urheber man nach einmaligem Hören wohl noch am ehesten blind erkennt. Hier zeigen sich die Mainzer zugänglich und melodisch, präsentieren ihren Sound farbenfroh und dem Songtitel gemäß auch ein bisschen verträumt. Flächige Synthesizer raunen teilweise ominös im Untergrund herum und suggerieren eine weitläufige Landschaft. Gleichzeitig durchlebt der Song verschiedene Stimmungen und Intensitäten und bleibt so spannend, ist also kein One-Trick-Pony des atmosphärischen Black Metals. Und dank des rauen Klanggewandes fügt sich das Stück nahtlos in die Trackliste ein.

Doch unter der harten Schale verweilt ein vertrauter Kern

Es ist ein bisschen seltsam: Auf den ersten Hör gerät „Irrlicht“ fast ein bisschen ernüchternd. Man muss als Hörer teilweise wirklich kämpfen, um mit dem Sound warm zu werden. Doch der Aufwand und die Geduld lohnen sich, denn am Ende gelingt es NOCTE OBDCUTA doch wieder, ihre Magie zu wirken und ihre Hörer komplett in den Bann zu ziehen. Selbst in „Rot und Grau“ lässt die Spannung nicht nach, in dessen Mittelteil die Herren mal kurz dank mit gerolltem R dargebotenen Zeilen wie EISREGEN klingen, vor allem in folgenden Beispiel:

Manchmal ist ein Klumpen Blut geronnen
Ein jeder Bissen knackt und knirscht wie Knochen junger Vögel.

Zwar sind die Thüringer nicht per se die schlechteste Referenz, mit der eine Band sich kleiden kann, aber ein bisschen cheesy kommt die Passage dann doch rüber. Aber das ist eine Kleinigkeit, die das Gesamtwerk kaum ankratzt. Insgesamt ist „Irrlicht“ also kein Album, das auf Anhieb in die Gehörgänge krabbelt. „Irrlicht“ fordert in gewisser Weise eine nicht unwesentliche Investition an Zeit seitens seiner Hörerschaft ein, belohnt diese aber langfristig umso mehr. So kann man die eröffnenden Zeilen von „Zurück im bizarren Theater“ für bare Münze nehmen:

Nur herein, hereinspaziert
Derweil es draußen schneit und friert
Wird heut’ ein Stück hier aufgeführt
Das zweifelsfrei das Herz berührt


Nachtrag d. Red.:

Leider ist mir entgangen, dass sich das Veröffentlichungsdatum nach hinten verschoben hat. Da die Review aber bereits online ist und kommentiert worden ist, haben wir entschieden, es dabei zu belassen. Das Veröffentlichungsdatum hat sich auf den 27. November verschoben, die entsprechende Meldung von Seiten der Band findet ihr hier:

15.10.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

Der metal.de Serviervorschlag

Oder auch: "Wer 'Irrlicht - Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz' von Nocte Obducta mag, wird auch das hier mögen." Lass andere Leser wissen, welche Platten sie noch anchecken sollten, wenn ihnen "Irrlicht - Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz" gefällt.

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10 Kommentare zu Nocte Obducta - Irrlicht - Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz

  1. nili68 sagt:

    Hmm.. bis auf die „Umbriel“ fand ich die immer ziemlich öde. Der BM-Gehalt ist also nicht mein Gradmesser. Wird hier wohl auch nicht anders sein.

  2. pentatonik sagt:

    Die letzten Alben nach der Bandpause haben mir alle nicht gefallen. Der Song hier lässt mich aber mal aufhorchen, schön verspielt und abstrakt. Mal sehen wie der Rest ausfällt.

  3. BlindeGardine sagt:

    Nocte sind so ein wenig hit or miss, man weiß nie so recht worauf die grade Lust haben, aber irgendwie ist es doch immer sympathisch. Die „Verderbnis“ und die „Totholz“ mochte ich beide sehr gerne, die „Umbriel“ war mir etwas zu verkifft, der Song da oben klingt jetzt tendenziell wieder etwas punkig scheppriger nach dem „Verderbnis“-Zeug. Werde definitv mal ins ganze Album reinlauschen.
    Aber in einer Sache muss ich dem Rezensenten widersprechen: DOCH, Eisregen sind mit Abstand eine der schlechtesten Referenzen, mit der man sich schmücken kann. Und alleine für den Vergleich hat der Verfasser dieser bodenlosen Frechheit zehn Schläge auf die nackte Eichel verdient!

  4. nili68 sagt:

    >punkig<

    Ja, das könnte der Grund sein, warum die mir nicht so zusagen..

  5. BlindeGardine sagt:

    Naja vielleicht gefallen dir dann die beiden „Nektar“-Alben oder die „Sequenzen einer Wanderung“ besser. Oder die Sachen von Dinner Auf Uranos, das is ja im wesentlichen die selbe Band.
    Nocte Obducta haben ja einerseits diese knüppelige Seite und andererseits halt einen Hang zu experimentellen und eher sphärischen Sachen. Selten findet aber beides auf dem selben Album statt, zumindest nicht in der jeweils stärksten Ausprägung. Und die „Umbriel“ ist dann auch noch mal so ein Sonderfall irgendwie, so richtig warm bin ich mit der nie geworden. Aber auf jeden Fall kann man den Jungs nicht vorwerfen, dass sie sich irgendwelchen BM-Klischees hingeben.

  6. Watutinki sagt:

    Der Song aus dem Video ist dufte, bin gespannt was da kommt. Bislang war ich nie so der große NO Fan, konnte sie nie so recht zuordnen, was ja aber per se erst Mal nicht schlecht ist.

  7. Vfl1848 sagt:

    Mir geht es irgendwie auch so, dass ich mit den Alben nach dem zwischenzeitlichen Split nichts anfangen konnte. Meine Highlights sind nach wie vor Taverne und die beiden Nektar-Teile.
    Verderbnis fand ich für sich genommen noch okay aber mit Umbriel werde ich bis heute nicht warm. Das war auch das letzte Album von Nocte, das ich noch blind gekauft habe. Ich habe mir schon mehrfach versucht die neuen Alben schön zu hören aber ich werde einfach nicht warm damit.
    Ich finde in erster Linie das Riffing in Verbindung mit dem knarzigen Gitarrensound merkwürdig. Ich kann auch verstehen, dass man versucht hat irgendwie mehr Variabilität rein zu bringen, indem der Gesang von verschiedenen Bandmitgliedern übernommen wurde, aber mir hat da trotzdem die alte Ausrichtung besser gefallen, wo der Gesang weitestgehend von Torsten übernommen wurde.

  8. BlindeGardine sagt:

    Ich muss gestehen, dass ich Torstens Vocals bei Agrypnie zwar total geil finde, bei Nocte aber teilweise nicht so wirklich viel damit anfangen kann, besonders halt bei den alten Sachen. Nun wusste ich gar nicht, dass auf den neueren Alben mehrere Bandmitglieder den Gesang übernehmen. Kann also sein, dass mir die deshalb ganz gut reingehen.

  9. Vfl1848 sagt:

    Ich habe das mal in nem Interview mit Marcel gelesen, dass man damit auch zu den Wurzeln zurück wollten. Bei den alten Alben (vermute mal bis Galgendämmerung) war es wohl generell so, dass mehrere Mitglieder am Gesang involviert waren. Ab der Stille ist dann aber tatsächlich weitestgehend der Gesang von Torsten kam. Ich finde das hört man auch wenn man darauf achtet.

  10. BlindeGardine sagt:

    Jaja eben, deswegen ist das ne ganz interessante Info für mich. Ich dachte immer der Torsten wär halt der Sänger bei Nocte Obducta und fertig. Daher hatte es mich gewundert, dass sich die Vocals teilweise so unterscheiden, auch zwischen vielen Nocte-Sachen und dem Zeug von Agrypnie. Wobei dazwischen und zwischen den Nektar-Teilen glaube ich noch die größten Gemeinsamkeiten bestehen. Möglich, dass mir die deswegen auch mit am Liebsten sind und ich zwar den Gesang vom Torsten aber nicht den der anderen Mitglieder mag 🙂