



Nur wenigen Bands gelingt es, nach zwölf Alben einen eigenen, eng gesteckten Kosmos zu bewohnen und mit Nummer 13 weder zu ermüden noch zu langweilen. AMON AMARTH schaffen das auf „The Allfather Awakens“ mit lässiger Selbstsicherheit. Die Schweden spielen ihre Stärken voll aus und zaubern zugleich ein, zwei Überraschungen aus dem Hut. Ein wichtiger Aspekt geht dennoch ab.
AMON AMARTH bündeln auf „The Allfather Awakens“ ihre Stärken
Vier Jahre nach „The Great Heathen Army“ kehren Johan Hegg und seine Mitstreiter mit einem Album zurück, das die gewohnte Mischung aus hymnischem Melodic Death Metal und nordischer Mythologie auf den Punkt bringt. Zum Auftakt erfüllt das vorab als Video ausgekoppelte „Gjallarhorn“ alle Erwartungen: Aus einem „Ohoho“-Mitsing-Part entwickelt sich eine bandtypische harte Hymne. Beim Autofahren, ob bei frühherbstlichem Sonnenschein auf der Landstraße oder nachts beim Kilometerschrubben auf der Autobahn, scheint die Musik bei angemessener Lautstärke den Wagen von allein anzuschieben.
„Eight Legs Of Thunder“ greift mit Odins achtbeinigem Ross ein Motiv auf, das bereits „The Sound Of Eight Hooves“ auf „Versus The World“ (2002) beschäftigte. Musikalisch rückt die Nummer weit in Richtung klassischen Heavy Metal: Nähme man Heggs Growls aus der Gleichung, bliebe über weite Strecken eher konventioneller Metal übrig. Die erste Überraschung liefert das dazugehörige Video, das die Band als „Cowboys from Hel“ mit Chevy Pick-up und Feuerwaffen zeigt.
„Kvasir’s Blood“ steigt dagegen ungewöhnlich tief und düster ein, löst die Spannung im Refrain aber wieder in einer jener großen Melodien auf, die AMON AMARTH mühelos aus dem Ärmel schütteln. Eine kurze Industrial-artige Passage in der Mitte setzt einen unerwarteten Akzent. „We Rule The Waves“ hält anschließend das Niveau mit reichlich Eingängigkeit hoch.
AMON AMARTH erfinden den „Campfire Metal“
Die große Überraschung des Albums hört auf den Namen „Upphaf“. Die erste reine Akustiknummer der Bandgeschichte basiert auf Strophen der Völuspá und erzählt von der Schöpfung Midgards. AMON AMARTH gehen damit als Pioniere des „Campfire Metal“ durch und beweisen, dass sie auch jenseits berstender Schildwälle Atmosphäre erzeugen können.
Im Anschluss wird wieder die Axt ausgepackt. „Die With A War Cry“ fällt düster und beinahe unheilvoll aus, während „Raven God“ mit seinem Refrain und einem starken Gitarrensolo punktet. Der Titeltrack und „Oden’s Hunt“ greifen deutlich nach großen Gesten und Pathos, was live bestens funktionieren dürfte. Mit „Ascending Like An Eagle“ setzt ein fast siebenminütiger, episch angelegter Song den Schlusspunkt.
„The Allfather Awakens“ ist die helle Seite der skandinavischen Medaille
Die Songs sind hörbar für große Bühnen und tausende erhobene Fäuste gebaut, funktionieren aber genauso gut allein unter dem Kopfhörer. Angenehm fällt auf, dass AMON AMARTH sich eine offensichtliche Trinkhymne wie „Raise Your Horns“ gespart haben. Die Refrains bleiben massenkompatibel, ohne dass dafür der ganz große Bierkrug kreisen muss. Was dem Album abgeht, ist jedoch die Dynamik. Die Schweden haben es sich recht bequem im Wohlfühl-Midtempo eingerichtet, echte Tempowechsel hätten die Wertung weiter nach oben getragen.
Die kompakte Spielzeit wiederum steht auf der Habenseite: Die zehn Stücke laufen ohne Füllmaterial nach 46 Minuten aus. So wirkt „The Allfather Awakens“ wie ein Best-of aus neuen Songs. Produzent Jacob Hansen sorgt für einen druckvollen, transparenten Sound, bei dem Heggs finsteres Organ angenehm im Vordergrund steht.
Damit zeigen AMON AMARTH die arenataugliche Vorderseite einer skandinavischen Medaille, deren düstere Rückseite AVULSED mit „Nordic Embryogenesis“ freilegen. Beide Bands entstanden Anfang der Neunzigerjahre, verfolgen aktuell aber völlig unterschiedliche Ansätze: Während die Spanier tief in der Death-Metal-Ursuppe wühlen und nahezu vergessenes Material der frühen Szene rekonstruieren, demonstrieren die Schweden, wie man aus genau diesen Wurzeln ein nahezu globales Universum baut. Der Kontrast könnte kaum größer sein. AMON AMARTH beweisen mit „The Allfather Awakens“, wie majestätisch, mitreißend und lebendig sich diese Musik für die größten Bühnen inszenieren lässt.

Torsten Meierhöfer






























Grundsätzlich schöne Rezension, der ich auf Basis des bisher Gehörten gern zustimme. Eine Frage fackelt mir aber schon lange unter dem Nagelbett und möchte hier exemplarisch gestellt werden: Warum, bei Odins Stundenglas, ist es für zahlreiche Rezensenten bei verschiedensten Werken in den letzten Jahren ein Qualitätsmerkmal, dass ein Album kurz in der Spieldauer ist?? Ich persönlich bevorzuge zwei Nummern mehr, die auch krachen – und wenn das Album dann 60 Minuten dauert und durchknallt – wunderbar. Eine Flasche Edelmet für 59 Euronen wird auch nicht besser, weil ich dafür nur einen halben Liter statt einem ganzen bekomme – und niemand zwingt mich den ganzen Liter auf einmal zu saufen ;). Und ich kann auch bei 38 Minuten mit 8 Nummern 6 Füller drauf haben.. Nur mal so, als Seiteneinwurf. Ansonst bin ich gespannt aufs Gesamte – und seh 46 Minuten eh noch gut in der Solldauer ;).
Du beantwortest es dir ja selbst… „zwei Nummern, die krachen“… und mit zunehmender Spielzeit steigt das Risiko, dass mehr Füllmaterial dabei ist (genre-abhängig). Wenn ne Platte mit 40min über die Ziellinie geht und sich zu kurz oder genau richtig anfühlt, ist es ein Gütesiegel, wenn sie sich zu lang anfühlt, ist es ein Makel. Und so versteh ich die Verweise auch. Im Zweifel lieber ein zu kurzes, gutes Album zweimal hören als ein zu langes nur einmal 😀
Ich kann hier destrukt nur zustimmen und zum Argument “ ich kann auch bei 38 Minuten mit 8 Nummern 6 Füller drauf haben“ nur so viel, dass es sich dann um ein grundlegendes Problem beim Songwriting handelt, das Album eh sche*** ist und zum Glück nur 38 Minuten hat.
Was sich über die Jahre leider merklich entwickelt hat, die Alben wurden von Ausnahmen abgesehen immer länger und leider in der Gesamtqualität schlechter, da einfach viel zu oft Songs mit draufgenommen wurden, nur um über 60 oder gar 70 Minuten zu kommen, weil man meint, den Fans Quantität bieten zu müssen.
Mir geht es da wie destrukt. Ich höre kurze Alben lieber mehrfach, wenn sie gut sind, als lange Alben nur einmal, weil sie zu viele Füller haben.