White Ward - Love Exchange Failure

Review

2017 war ein bedeutendes Jahr für WHITE WARD. Die Ukrainer brachten nicht nur, nach bereits fünf Jahren Bandbestehen, ihr Debütalbum heraus, sondern vollführten einen Stilwechsel, der auch mit massiven Wechseln im Line-up einher ging. Anfangs eher im depressiven Black Metal verortet, wendete man sich mit dem Release von „Futility Report“ dem experimentellen Post-Black Metal zu. Diese Richtung wird auch, so viel sei bereits verraten, auf dem neuen Longplayer „Love Exchange Failure“ beibehalten. Schafft es die Band aber auch, das komplexe Konzept der sozialen Vereinsamung in unserer urbanen Gesellschaft, das sie hier anpacken möchte, stimmig und nachvollziehbar umzusetzen?

WHITE WARD – Bar-Jazz vs. Post-Black Metal

Die Idee hinter „Love Exchange Failure“ ist sicher spannend. Den Mangel an Liebe als Stütze für unsere soziale Interaktion, die Kälte der modernen Großstadt-Gesellschaft in Musik umzusetzen, ist allerdings auch eine Mammutaufgabe, der sich WHITE WARD durchaus mit Hingabe widmen, wie ihr Statement in unserer Album-Premiere bereits nahelegt.

Der Titel-Track versetzt den Hörer mit seinen Polizeisirenen und anderen Großstadtgeräuschen direkt in selbige, der ambient-lastige Bar-Jazz klingt zwar auf der einen Seite cool-lässig, andererseits eben auch unterkühlt. Diese Musik könnte durchaus die Hintergrundbeschallung einer chiquen urbanen Party sein oder auch – um es direkt zu sagen – Fahrstuhlmusik. Das ist mit Sicherheit so gewollt und im Kontext des Albums auch schlüssig. Der Übergang zum krachigen Post-Black Metal kommt schließlich abrupt, bleibt aber trotzdem nachvollziehbar, da die Kälte im Sound erhalten bleibt. Auch das Klavier, das teilweise das recht core-lastige Gekeife und die High-Speed-Double-Bass-Attacken untermalt, wirkt unglaublich stimmungsvoll. Das moderne Shouting selbst ist durchaus gewöhnungsbedürftig, daran könnten sich die Geister scheiden. Würde man den Titel-Song isoliert betrachten, könnte man bei „Love Exchange Failure“ von einer Genre-Großtat sprechen, da trotz der knapp 12 Minuten Spielzeit keine Langeweile aufkommt. Hier stimmt fast alles.

Bereits der Nachfolger „Poisonous Flowers Of Violence“ versucht diese Zutaten erneut aufzukochen, bleibt allerdings zunächst etwas stärker im klassischeren Post-Black Metal. Trotz einiger schicker Riffs schleichen sich sehr schnell Längen, um nicht zu sagen pure Langeweile ein – nicht zuletzt auch aufgrund des extrem monotonen Shoutings, Stilmittel hin oder her. Der erneute Schwenk zum Ambient nach etwa fünf Minuten wirkt hier auch noch abrupter und irgendwie deplatziert. „Dead Heart Confession“ verliert sich danach ebenfalls in kruden Stil- und Tempowechseln, die wenig bis gar keine Struktur aufweisen. Das mag Absicht sein, ist aber im Ergebnis doch arg zusammenhanglos. Inwiefern das Zwischenspiel „Shelter“ mit seinem elektronisch extrem verzerrten Gebrüll eines bearbeiteten Zitats aus dem alten Testament, begleitet von exzentrisch-zerfahrenem Jazz-Piano, nun unbedingt nötig war und das Album voran bringen soll, ist auch kaum ersichtlich.

In „No Cure For Pain“ zeigen WHITE WARD aber, dass sie ihr Pulver noch nicht verschossen haben. Der Songaufbau erinnert zwar wieder stark an den Opener, tolle Saxophon- und Gitarrenmelodien sowie melancholische Clean-Vocals werten die Nummer aber deutlich auf. Mit „Surfaces And Depths“ folgt eine Quasi-Ballade, deren dramatische Gast-Vocals von Renata Kazhan dem Song eine ungeheure Klasse verleihen und eine apokalyptische, filmartige Atmosphäre erzeugen. Erfreulicherweise belässt man es mit sechs Minuten auch bei der idealen Spielzeit und verzichtet auf einen unnötigen Wechsel zu hartem High-Speed-Noise. Sehr stark!

Auch im abschließenden „Uncanny Delusions“ beweist die Band erneut ein gutes Händchen für passende Gastsänger. Die glasklare Stimme von Ivan Kozakevych (SECTORIAL) sorgt für eine neue Sound-Facette, die sich in Richtung anspruchsvollem Düster-Pop bewegt. Auch der Übergang zu gekreischten Passagen wirkt wieder geschickter. Auf das offenbar obligatorische Saxophon hätte man allerdings hier auch verzichten können.

Vielschichtiges Album, das Entschlackung braucht – „Love Exchange Failure“

„Love Exchange Failure“ ist ein vielschichtiges Album geworden, das wirklich große Momente hat, aber an vielen Stellen auch dringend Entschlackung gebrauchen könnte. So hätte man zugunsten nachvollziehbarer Songs auf eigene Trademarks, vor allem die ständigen Bar-Jazz-Einlagen, hier und da auch mal verzichten können.

Für einen wirklich großen Wurf ist das alles letztlich zu zerfahren und auch zu gewollt auf künstlerisch wertvoll getrimmt. Außerdem stellt sich, nach anfänglichem Wow-Effekt, ein gewisser Abnutzungseffekt bereits relativ schnell ein. Liebhaber von modernem Post-Black Metal im Allgemeinen und experimentellem Kram wie IHSAHN oder BOHREN UND DER CLUB OF GORE im Speziellen sollten die Ukrainer aber unbedingt anchecken.

Wer eine moderne und oftmals abgefahrene Begleitung eines tristen Herbsttages sucht, trifft mit dem Zweitwerk von WHITE WARD keine schlechte Wahl. Wer jedoch ein nachvollziehbares, stimmiges und permanent spannendes Gesamtwerk erwartet, wird auf eine harte Probe gestellt.

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13.10.2019

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11 Kommentare zu White Ward - Love Exchange Failure

  1. mr.cb sagt:

    Für mich ein klasse Album, das seit Erscheinen rauf und runter läuft…
    Ich stufe es jetzt bereits als „zeitlos“ ein…

    9/10
  2. ClutchNixon sagt:

    Für mich DIE Platte ’19. Besser kann man diesen Kram kaum spielen.

    9/10
  3. der holgi sagt:

    Schwierig, aber wirklich gut.

    Im Post Black Metal ist für mich an sich längst alles gesagt, ich höre dort fast nur noch Zitate, die hier vorhandenen Jazz und Ambient Passagen wirken auf mich zu bemüht gesetzt, hmm, müsste ich mir schönhören, und dazu ist die Musik def. zu schade.

    6/10
  4. nili68 sagt:

    Zu viel lahmes Gedudel dabei. Da kommt kein Flow auf und ein noch einfallsloseres Klischee-Cover für Post-Gedöns ging wohl auch nicht..

  5. doktor von pain sagt:

    Ich find’s auf Anhieb gar nicht schlecht, aber möglich, dass mir das auf Dauer zu viel „Jazz-gedudel“ wäre. Müsste ich mal im Langzeittest überprüfen.

  6. L@THERIVERFLOW sagt:

    Ich hör das Album schon eine Weile und finds insgesamt, um es vorweg zu nehmen, richtig gut.
    Kla, irgendwie kennt man das aufgegriffene Thema inkl. Stadtcover bereits durch andere Bands ganz gut, aber macht es das deswegen automatisch schlecht?
    Ich finde White Ward ist es durchaus gelungen das was in einer Großstadt vorgeht Musikalisch zu verpacken und dem ein Gesicht zu geben bzw. ein Ohr 🤔
    Wie auch immer… der wechsel zwischen schnelle brachialparts und jazzige passagen, stehen für die vielen facetten des Stadtlebens. Es geht mal rauer zu, es wird gefeiert und es kracht gewaltig und dann gibt es eben noch diese Anonymität und das Gefühl in wirklichkeit unbedeutend klein in einer riesigen Welt zu sein (um das Wort Einsamkeit zu vermeiden).
    Das hat man mit Love Exchange Failure mMn gut getroffen und darum geht es. Ob das einem jetzt zuviel Jazz ist oder ein zu großes auf und ab kann jeder selbst entscheiden. Ich finds in sich stimmig, es ist atmosphärisch und musikalisch, auch wenn ich kein Jazzexperte bin, reißt es mich mit. Was will man also mehr…

    8/10
    1. ClutchNixon sagt:

      Mach dir keine Gedanken, richtiger Jazz ist nicht Teil des Albums 😉

  7. nili68 sagt:

    Gut.. altruistischer Anfall: Wem das richtig gut gefällt, für den könnten auch ältere Lantlôs etwas sein.

    https://www.youtube.com/watch?v=jh5iinG-CtE

  8. Schraluk sagt:

    ‚White Ward‘ treten zumindest momentan als Mit-Favorit um den Sonnenplatz des besten Albums 2019 an, wobei sie mit ‚Cult Of Luna‘, ‚Schammasch‘, ‚Blut aus Nord‘, ‚Panzerfaust‘ und ‚Hate‘ natürlich auch große Platten vor sich haben. ‚Love Exchange Failure‘ ist ein wirklich sehr spannendes Ding. Ich fand den Vorgänger schon ziemlich stark, allerdings verlor der sich insbesondere aufgrund der Instrumentalisierung dann doch das ein- oder andere Mal im Irgendwo. Dies passiert bei der neuen Scheibe nicht, auch wenn ‚Love Exchange Failure‘ sicherlich kein straightes und leichtes Ding ist. Die Mischung aus Ambient, Jazz, Irgendwas-Metal, Soundtrack etc. klingt an keiner Stelle gewollt oder elitär, sondern nimmt einen auf eine Reise mit, die zumindest bei mir mit dem Wunsch endet, sie haargenau noch einmal machen zu wollen. Ganz stark!

    10/10
    1. hypnos sagt:

      jedem dem dieses Album so gut gefällt wie mir empfehle ich wärmstens sich das großartige ‚Palindrome‘ von Katharos XIII anzuhören.

      mich persönlich stört bei White Ward das Gebrüll…weniger davon, dafür mehr guten Klargesang, weniger Geknüppel und ja, noch viel mehr dark-jazzige Teile. Das wäre großartig!

      8/10