Alcest
Ich war schon immer voller Ängste, sie sind ein Teil von mir, meine dunkle Seite.

Interview

ALCEST haben im Laufe ihres Wirkens schon einige stilistische Wandlungen und Entwicklungen durchgemacht. So richtig einschätzen mag man nie, wie ein neues Album des ursprünglich mal im (Post) Black Metal beheimateten Duos klingt. Inzwischen wurde das neue Album „Spiritual Instinct“ veröffentlicht, das wieder die dunklere Seite der Band betont. Wie es dazu kam, erklärt uns Neige im Interview.

Alcest Bandfoto 2019

Alcest Bandfoto 2019

Euer neues Album nennt sich „Spiritual Instinct“. Welche Bedeutung steckt hinter diesem Albumtitel und wie ist die Verbindung zu den Texten? Geht es auf diesem Album darum, wie du mit deinen eigenen spirituellen Instinkten umgehst?

Das ist eine sehr persönliche Frage. Wir müssen auf die generelle Geschichte dahinter zurückblicken. Für „Kodoma“ waren wir sehr viel auf Tour, es war ein sehr erfolgreiches Album. Aber wir wussten vorher nicht, was uns erwarten würde und waren davon sehr überrascht. Also tourten wir fast drei Jahre lang, was sehr toll war, aber gleichzeitig ziemlich anstrengend war, da du immer von zu Hause weg bist, von deiner Familie weg bist. Auf Tour kannst du nie tun, was du willst, du bist immer zusammen mit Leuten und findest keine Zeit für dich selbst, um dir über irgendwelche Dinge wirklich Gedanken zu machen und über Sachen nachzudenken. Und ich bin eine Person, die ihren Raum braucht, seine Zeit alleine braucht, um sich selbst zu finden und diese Verbindung zu Dingen zu halten, die Teil von mir selbst sind.

Ich habe mich schon immer für Spiritualität interessiert, weil ich als Kind eine spirituelle Erfahrung gemacht habe, die mein Leben grundlegend veränderte. Spiritualität ist etwas, was ich in meinem Leben jeden Tag brauche und es ist ein wirklich starkes Gefühl. Aber wir waren so lange auf Tour, dass ich irgendwann ein paar Mal die Verbindung zu mir selbst verlor, zu meiner Spiritualität. Touren ist die bodenständigste Sache, die du dir vorstellen kannst, es ist wie Gehen, Essen, Trinken. Es ist mental und physisch sehr anstrengend. Aber ich beschwere mich nicht, es ist wirklich ein tolles Leben, aber es ist nicht für jedermann geeignet. Am Ende fühlte ich mich mental sehr erschöpft und überarbeitet, ich hatte geistig irgendwie die Verbindung zu meiner Spiritualität verloren.

Dieses Album spricht wie ein dunkler Teil von mir, eine Seite, über die ich normalerweise nicht spreche, weil ich versuche, mich mehr auf die hellere Seite zu konzentrieren. Dieses Mal musste ich mehr über meine dunklere Seite sprechen, um Platz für meine Spiritualität, für mein eigenes Leben und das Gleichgewicht zwischen meiner dunkleren und meiner helleren Seite zu schaffen. Die Dualität meines Ichs. Diese dunkle Seite von mir war so stark, dass ich sie nicht ignorieren konnte, ich wurde vielmehr gezwungen, sie in ALCEST einfließen zu lassen. ALCEST ist sehr authentisch, es gibt keinen wirklichen Plan, alles ist sehr natürlich und organisch. Dadurch wurde bei „Spiritual Instinct“ auch alles mehr heavy und härter, es ist meine dunklere Seite, die hier rauskommt.

Spiritualität ist ein Begriff, der für jeden viele verschiedene Bedeutungen haben kann. Bitte versuche zu beschreiben, was Spiritualität für dich persönlich bedeutet!

Spiritualität bedeutet für mich, über die großen Fragen im Leben nachzudenken. Die Frage, was passiert, wenn man stirbt. Oder die Frage wie man es schafft, ein besserer Mensch zu werden. Mit der eigenen Essenz verbunden zu sein und mit dem, was man wirklich ist. Im täglichen Leben wird jeder von uns mit einer Flut aus Nachrichten, Informationen, Unterhaltung konfrontiert, über die verschiedenen Medien und sozialen Netzwerke. Dadurch verlieren viele schnell den Kontakt zu sich selbst, zum eigenen Wesen. Wer aber herausfinden möchte, wer man selbst wirklich ist, muss sich selbst begegnen, sich selbst im Spiegel betrachten, mit viel Zeit, mit viel Ruhe. Vielleicht entdeckst du dabei auch sehr dunkle Dinge in dir und willst diese bekämpfen – zuvor musst du sie aber erst erkennen und akzeptieren. Ich war schon immer voller Ängste, sie sind ein Teil von mir, meine dunkle Seite. Von diesem Teil meiner selbst bringe ich normalerweise nicht viel in ALCEST ein. Ich möchte, dass die Musik magisch und ansprechend klingt, aber das geht nicht immer. Dieses Mal war das Bedürfnis da, mehr meiner Wut in die Musik einzubringen. Spiritualität ist für mich das Streben nach Wahrheit. Ob man am Ende auch die richtigen Antworten erhält ist nicht sicher, aber was wirklich zählt ist die Reise in dein Inneres selbst.

Wie passt die Botschaft des Albums von Läuterung und Katharsis verglichen zu den bisherigen Werken von ALCEST?

„Spiritual Instinct“ ist fast so etwas wie ein Konzeptalbum über meine spirituelle Reise, die ich seit meiner Kindheit hatte. Als Kind hatte ich dieses besondere spirituelle Erlebnis, welches mich sehr geprägt hatte. Daher hatte ich mich als Teenager dazu entschieden, ALCEST zu gründen, um über all das sprechen zu können. Durch meine negativen Erfahrungen während der „Kodoma“-Tour kam mit der Begriff „Instinkt“, da mir bewusst wurde, dass Spiritualität für mich instinktiv wurde. Etwas, das ich im Leben brauche. Es ist ein starkes Bedürfnis in mir wie andere instinktive Bedürfnisse, die unser Körper hat, ohne die wir nicht leben können. Ich glaube, ich habe eine Zeitlang versucht meinen eigenen Dämonen zu entkommen, aber sie wuchsen in dieser Zeit so sehr, dass ich sie nicht mehr leugnen konnte. Als ich diese Songs schrieb realisierte ich, dass viel Ärger und Dunkelheit in mir steckt, was ich akzeptieren muss. Ich muss mich diesen Dämonen stellen, wenn ich in meinem Leben wachsen will.

„Spiritual Instinct“ hat einen deutlich stärkeren Bezug zu deinen Black Metal-Wurzeln, als es „Kodama“ und „Shelter“ hatten. Dieser dunklere Sound hat den genannten Bezug zu den lyrischen Themen. Entdeckst du deine musikalischen Wurzeln wieder? Gab es noch weitere persönliche oder sonstige Erfahrungen, die dich zu dieser klanglichen Rückbesinnung getrieben hatten?

Ich glaube, ich wollte nur meine ängstlicheren, wütenderen und düstereren Gefühle in dieses Projekt umsetzen, weil ich normalerweise versuche, immer einen sehr verträumten, erhebenden und jenseitigen Klang zu erzeugen, aber diesmal hatte ich eine Menge schwerer Dinge zu tragen und rauszubringen. Als ich anfing, den ersten Song „Protection“ zu schreiben, hatte ich das Gefühl, dass ich etwas herausbringen musste, das… manchmal sagen wir Katharsis, und dies war eine wirklich kathartische Platte für mich. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wirklich etwas aus mir herauszuholen.

Wie wurden die Songs geschrieben und wie entwickelten sie sich? Was waren die größten Herausforderungen im Studio?

Es gab viele Herausforderungen und wir hatten viele Probleme durchgemacht, die uns das Leben schwermachten! Wir wurden etwas dazu gedrängt, ins Studio zu gehen, das es eine Frist gab, um die Termine einzuhalten, die wir für die Aufnahmen gebucht hatten. Und wir waren nicht ganz fertig. Wir mussten noch einige Dinge herausfinden. Alles dauerte länger als gewöhnlich, eine dieser verfluchten Situationen. Viele Bands haben einige Aufnahmen verflucht und ich hoffte, dass wir nichts Schlimmeres machen, da wir ein wenig dabei waren, unseren Verstand zu verlieren. Es hat wirklich lange gedauert, da jeder in der Band und viele unserer Fans den Sound von „Kodoma“ mögen. Das hatte einen gewissen Druck auf uns ausgeübt. Druck, etwas zu tun, das sich wirklich gut anhört. Was die Songs selbst anbelangt, waren wir uns sehr sicher, aber wie wir diese in eine gutklingende Aufnahme übertragen, kann man nie genau wissen. Wir hatten sehr hohe Erwartungen und wir hatten mit jemandem zusammengearbeitet, den wir sehr gut kennen, er ist ein Freund von uns.

Wenn du mit Freunden arbeitest, hast du manchmal nicht so ein Zeitlimit, also haben wir uns die ganze Zeit auf der Welt genommen. Und tatsächlich ist es manchmal sogar besser, eine Frist zu haben, weil du dadurch gezwungen bist, schnellere Entscheidungen zu treffen. Der traurige Teil ist, dass diese Songs sehr spontan und kathartisch geschrieben wurden, sehr schnell und instinktiv, um authentisch zu sein. Normalerweise verbringe ich viel Zeit mit Schreiben. Ich arbeite viel an den Details. Dieses Mal war alles sehr rau und sehr spontan, also hoffte ich, dieses Gefühl im Studio wieder herzustellen, aber es war absolut nicht der Fall, weil wir viel nachdachten. Am Ende klingt es wirklich sehr, sehr gut. Einige Leute haben gesagt, dass es einer der größten Sounds ist, die wir je gemacht haben, dass es wirklich groß und kraftvoll ist.

Wie würdest aus deiner Sichtweise die musikalische Entwicklung von ALCEST beschreiben? Und worin siehst du die Entwicklung oder die Unterschiede zwischen „Spiritual Instinct“ und den Alben, die dazu geführt hatten?

Es gibt etwas, das Menschen an uns mögen, und es ist auch etwas, das wir an uns mögen, nämlich die Tatsache, dass wir diese spezielle ALCEST-Note beibehalten – die Merkmale, die uns zu ALCEST machen, obwohl wir jedes Mal etwas anders klingen. Wir haben sechs Alben, aber ich denke, dass alle Platten ganz anders klingen. Ich meine, nicht ganz – es gibt nur ein Album, das sehr unterschiedlich ist, „Shelter“, weil wir alle Metallelemente weggenommen haben. Ich habe dieses eine Konzept, das in diese Band einfließt – ein Stück dieses jenseitigen Ortes in diese Welt zu bringen. Aber jedes Mal mache ich es aus einem anderen Blickwinkel, aus einer anderen Perspektive. Ich entwickle mich als Mensch in diesem Leben und durchlaufe verschiedene Phasen. Wie gesagt, es ist eine echte Reise. Es ist etwas, das mich so viele Jahre begleitet hat.

In letzter Zeit haben wir uns mehr mit der Produktion beschäftigt und es gefällt mir, dass wir uns hier in letzter Zeit entwickelt haben. Bei den ersten Alben war der Klang sehr verzerrt oder sauber, und das war es auch schon. Jetzt versuchen wir auf den neueren Platten wirklich, eine breitere Palette von Klängen zu erzeugen. Aber ich würde sagen, dass jedes Album eine kleine Reise für sich ist. Es ist ganz anders als die anderen, aber es ist immer noch sehr ALCEST, weil es in gewisser Weise nicht mit dieser Welt verbunden ist.

Ist es richtig, dass ihr „Spiritual Instinct“ komplett analog auf Tonband aufgenommen habt? Was waren die Gründe hierfür?

Das stimmt. Bei „Kodoma“ hatten wir das lediglich für das Schlagzeug so gemacht, bei diesem Album dann für alle Instrumente. Auch das ist ein Grund, weshalb wir mehr Zeit im Studio benötigten. Das ist sehr Old School, man kann keine einzelnen Parts wiederholen. Wenn was nicht passt oder man was ändern möchte, muss man den Song wieder von vorne anfangen. Es ist viel mehr Arbeit, so aufzunehmen. Aber der Klang ist dadurch organischer und lebendiger. Digitale Aufnahmen sind sehr präzise, während ein analoger Sound diese spezifischen Verzerrungen aufweist, die sehr schön klingen. Natürlich merken die meisten Leute diesen klanglichen Unterschied am Ende nicht einmal, vielleicht würde ich ihn selbst auch nicht hören. Aber es gibt eben diesen kleinen Unterschied und unser Produzent liebt diese Tonbandaufnahmen. Daher war es Teil der Abmachung – wenn wir das Album gemeinsam aufnehmen, werden wir es analog aufnehmen.

Was ist das für eine Figur auf dem Cover Artwork und welche Verbindung hat diese zur Musik und den Texten bzw. deinen inneren Kämpfen?

Es handelt sich hierbei um eine Sphinx. Es ist ein Symbol des Enigmas, des Mysteriums. Für mich ist die Sphinx eine Metapher für Spiritualität und eine schöne Figur um das zu repräsentieren. Das Artwork bezieht sich auf die Dualität zwischen meinen dunkleren und schöneren Seiten, die Figur der Sphinx spiegelt diese Dualität mit der Kombination des edlen, menschlichen Gesichts, der schönen Flügel und animalischen Merkmalen wie Krallen, Reißzähne und tierischer Körper. Ein starker Kontrast – schön und aggressiv gleichzeitig. Für mich geht es auch darum, die Harmonie zwischen meiner höheren, jenseitigen spirituellen Seite und meiner bodenständigeren, ängstlicheren, wütenderen Seite zu finden. Es ist sehr klischeehaft, aber es ist der Kampf zwischen Licht und Dunkelheit und allem, was dazwischen liegt, all die verschiedenen Schatten. Das sind die Dinge, die du in der Musik hören kannst. Am offensichtlichsten ist der Kontrast zwischen dem klaren und harten Gesang. Da gibt es viel Zerbrechlichkeit, fast etwas Kristallklares in den klaren Gesängen, während die harten Gesänge wirklich extrem sind, intensive Schreie. Das Artwork ist die Visualisierung, die Bildsprache von „Spiritual Instinct“.

Nachdem ihr 12 Jahre bei Prophecy Productions unter Vertrag wart, seid ihr nun zu Nuclear Blast Records gewechselt. Was waren die Gründe hierfür und wie ist es, mit solch einem großen Label zusammenzuarbeiten? Verstehst du, dass einige Fans Angst haben werden, dass ihr euch dadurch verändert?

Es waren wie du sagst 12 Jahre, da will man auch mal etwas anderes ausprobieren. Wir hatten fünf Alben mit Prophecy gemacht, und bei allen hatten sie großartige Promotion geleistet. Wir hatten damals einen sehr langen Vertrag mit Prophecy Productions abgeschlossen. Nach „Kodoma“ hatten wir die Gelegenheit, andere Angebote zu vergleichen und wir freuen uns jetzt, etwas anderes auszuprobieren. Was die Sorge einiger Fans anbelangt denke ich, dass das ein natürliches Gefühl ist. Aber nein, wir sind da nicht offen für Einflüsse. Wir haben immer das getan, was wir als ALCEST gemacht haben, und das wird auch so bleiben. Nuclear Blast Records waren sich bei der Vertragsunterzeichnung sehr klar darüber, wer wir sind oder was wir werden. Das war etwas Besonderes für uns, was den Vertrag anbelangt.

Galerie mit 6 Bildern: Alcest - Prophecy Fest 2019
21.11.2019

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

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