Alcest - Shelter

Review

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Ziemlich genau zwei Jahre sind seit dem Release von „Les Voyages De L’âme“ ins Land gegangen – jenem erhabenen und mitreißenden Album, mit dem ich Stéphane „Neige“ Paut auf dem Höhepunkt seines Schaffens wähnte. Besagte Scheibe hat übrigens meiner Meinung nach bis zum heutigen Tag nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Entsprechend dürfte die Arbeit am neuen Werk „Shelter“ für den Kreativkopf von ALCEST eine ziemliche Herausforderung gewesen sein – die mittlerweile merklich gewachsene Anhängerschaft erwartet vom französischen Tausendsassa nicht weniger als das nächste Meisterwerk.

Und man kann ohne große Umschweife sagen: „Shelter“ ist ein bemerkenswertes, ein unglaublich tiefgründiges – ein schlichtweg herausragendes Album. Bevor die Netzgemeinde nun wieder mit dem erhobenen Zeigefinger fuchtelt, möchte ich im Folgenden die Gründe für diese Einschätzung darlegen. Der wesentlichste und letztlich simpelste ist, dass mich dieses Album emotional berührt wie nur wenige andere. Das an sich ist natürlich eine höchst subjektive Argumentation – und wer üblicherweise bei zünftigen Hardcore- oder Death-Kapellen Gefühlsregungen bekommt, für den mag „Shelter“ am Ende vielleicht nicht mehr als ein langweiliges Rock-Album sein. Insofern ist klar: Wer es dreckig und erbarmungslos mag, ist bei ALCEST zweifelsfrei an der falschen Adresse.

Allen aufgeschlossenen Hörern und Genre-Liebhabern entpuppt sich „Shelter“ – und da lehne ich mich jetzt mal etwas aus dem Fenster – aber als musikalischer Schatz, den man mit jedem Durchlauf intensiver entdecken kann. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Musik an sich erstaunlich schlicht daherkommt. Oft basieren die Songs auf wenigen Riffs, selbst der epische Schlusstrack „Délivrance“, der es auf über zehn Minuten Spielzeit bringt, stellt sich seinen monumentalen Ausmaßen zum Trotz als ein sehr schlüssiges und greifbares Stück heraus. Der Schlusspart gehört dabei zum stimmungsvollsten und eindringlichsten, was ich in diesem Segment bislang hören durfte.

Die Platte beginnt verhältnismäßig dynamisch – die ersten beiden Tracks, das bereits vorab veröffentlichte „Opale“ und das anschließende „La Nuit Marche Avec Moi“ sind zwar ähnlich raumgreifend, aber merklich fordernder inszeniert als das restliche Material. Die simplen Melodiefolgen und Neiges durchweg cleaner, phasenweise fast schon kindlich naiver Gesang auf dem luftigem Drum-Fundament vermitteln dabei Sehnsucht und Hoffnung zugleich – insbesondere zweitgenannter Song ist so unglaublich vereinnahmend, dass man sich an ihm nicht satthören kann. Nebenbei ist der Track der Beweis dafür, dass man nach wie vor auch mit fünf, sechs Tönen ein prägnantes und wirkungsvolles Hauptthema schreiben kann. Großartig.

Im weiteren Verlauf wird das Tempo etwas zurückgenommen: Das träumerische „Voix Sereines“ (Gänsehaut pur!) und das wohl Post-Rock-lastigste Stück der Platte, „L’Eveil Des Muses“, markieren so etwas wie den emotionalen Tiefpunkt von „Shelter“ – hier findet sich nahezu über die volle Distanz eine spürbar melancholische Note im Sound – erst mit dem durigen Titeltrack kehrt die positivere Stimmung der ersten Nummern zurück. Insgesamt wohnt dem Album ohnehin ein eher optimistischer Charme inne, wohl auch, weil sich die Kompositionen inhaltlich mit Neiges persönlichem Zufluchtsort beschäftigen – dem Meer.

Mit „Away“ erfüllt sich der Frnazose dann noch einen lang gehegten Traum: Für den Song konnte er mit Neil Halstead den Sänger der britischen Showgaze-Pioniere SLOWDIVE für einen Gastaftritt gewinnen, der dem Album mit seinem dunklen und samtigen Organ einen interessanten Farbtupfer verleiht. Der Song ist der einzige mit englischen Lyrics, die dem Briten selbstredend vom Bandkopf auf den Leib geschneidert wurden. Der sehr warme, offene Sound von „Shelter“ setzt dem ganzen schließlich die Krone auf: Wenig verwunderlich, saß hier mit Birgir Jón Birgisson (u.a. SIGUR RÓS) ein Mann hinter den Reglern, der weiß, wie ein solches Album klingen muss.

Bleibt nur noch zu bilanzieren, dass ALCEST auch mit ihrem vierten Langspieler begeistern. Stilistisch bietet „Shelter“ sicherlich das bislang bekömmlichste Material der Bandgeschichte – was allerdings nicht bedeutet, dass die Platte auch nur ansatzweise als „glatt“ oder „Mainstream-tauglich“ bezeichnet werden könnte. Es ist nach wie sehr introvertierte und eigenwillige Kost, die uns Neige hier vorsetzt. Nur, dass diese in einem äußerst nachvollziehbaren Gewand daherkommt. Und so lebt der Hörer die Eindrücke und Stimmungen des Protagonisten Paut quasi mit jedem Durchlauf von „Shelter“ ein weiteres Mal mit. Eine solche Unmittelbarkeit besitzen nur ganz wenige Alben. Einzig und allein die Vorab-Single „Opale“, die unbestritten ein sehr guter Song ist, erreicht auch nach vielen Durchläufen nicht ganz die Homogenität der restlichen Tracks. Dennoch, das hier ist wahrlich grandiose Musik. Unbedingt antesten!

12.01.2014

"Am Ende isses immer Arbeit."

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3 Kommentare zu Alcest - Shelter

  1. Master sagt:

    Puh, ich weiß nicht. Ich mochte bisher irgendwie alle Alcest Alben auf ihre Art.
    Aber dieses hier langweilt mich zu Tode… Alles plätschert nur so ohne Höhepunkte dahin.
    Vielleicht muss man sich dafür ja erst in einen gewissen meditativen Status bringen, den ich zur Zeit nicht erreichen kann.
    Ich bin jedenfalls sehr enttäuscht. Metal ist da gar nicht mehr zu finden.
    Beim ersten Song dachte ich noch „ok, ganz nett. Einmal ein etwas relaxterer Song zum Einstieg“ aber dass dann alles anschließend nur NOCH relaxter wird und sich quasi gar nichts bewegt und nichts mitreisst.
    Nun ja, ist alles Geschmackssache und ich höre durchaus gerne auch ruhigere Alben oder auch Dinge, die mit Metal nichts zu tun haben. Aber es muss mich halt auf irgendeine Art packen und dieses ist halt zu schwach. Es wirkt so zaghaft und ängstlich und zurückgefahren und im Grunde nichts sagend.
    Schade… ich bedauere das wirklich sehr.

    4/10
  2. Andreas sagt:

    Kann mich dem Vorredner nur anschließen. Fand den Vorgänger toll.

  3. Mr.Nyarly sagt:

    Grad eben angekommen. 🙂 ich muss sagen, ich bin begeistert von dem Album. Als ich hörte dass es weniger metallastiger sein soll als sein Vorgänger war ich zuerst skeptisch.
    Trotzdem bereits im November bestellt und es war die richtige Entscheidung.
    Das Album enttäuscht zu keinem Zeitpunkt. Es ist noch emotionaler, privater und verträumter als die Vorgänger.
    Für mich ein Meisterwerk auf seine ganz eigene Art wenn man sich darauf einlässt. 🙂