Korn
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Interview

"Untouchables" – unberührbar oder unantastbar? Wir (Metalgreg und Counterforce) konnten nicht die Finger vom neuen Korn-Album lassen und können bereits anfangs schon eine These revidieren: Korn sind nicht unangreifbar! Den Anfang macht Metalgreg:

Korn

Aber waren Korn jemals unangreifbar? Es gab ja schon einige, denen die Entwicklung weg von den psychotischen Wutausbrüchen auf „Life Is Peachy“ hin zu eher groovendem Material wie auf „Follow The Leader“ nicht schmeckte. Diese schrieen dann noch lauter, als auf „Issues“ auf einmal vereinzelt melodiöse, ruhigere Töne angeschlagen wurden, weswegen „Untouchables“, das im Großen und Ganzen sehr melodiös und melodiemässig am 80er-Pop orientiert ausgefallen ist, für diese Spezies ein Buch mit sieben Siegeln bleiben dürfte. Mir persönlich sagte „Issues“ noch uneingeschränkt zu, wohingegen die neue Langrille eher unter die Kategorie schwer verdaulich fällt. Wie sieht’s bei Dir aus, Kollege Counterforce?

Die Frage ist, was hat man eigentlich von Korn zu erwarten? Bisher glich kein Album dem anderen und eine Weiterentwicklung fand immer statt. So auch diesmal. „Untouchables“ knüpft meines Erachtens da an, wo „Issues“ aufgehört hat. Mittlerweile verzichtet Johnathan Davis auf jegliches Klapsmühlen-Geschrei und Psycho-Gestöhne. Auch die Quietschsounds der Gitarren sind weg, der klackernde Slapbass ist zumindest weniger vordergründig. Aber war das nicht schon auf dem Vorgängeralbum so? Schon „damals“ haben sie die ganzen Hip-Hop-Einflüsse entfernt und sich verstärkt dem konventionellen Songwriting gewidmet. Was sich gegenüber „Issues“ lediglich geändert hat, ist der gesteigerte ‚Pop-Appeal‘.

Genau das ist es aber, was mir bei Korns neuer Platte übel aufstösst. War auf dem „Issues“-Vorgänger der Pop-Appeal noch in einem gesunden Maße vorhanden, hat er auf „Untouchables“ leider Überhand genommen. Nimm mal „Make Believe“ oder „Hating“. Das ist in meinen Augen nicht Korn. Das ist zu brav, zu gemässigt. Da fehlt die Aggression. Gut, Tracks wie „Blame“ oder „Wake Up Hate“ knallen schon ordentlich aus den Boxen. Aber eben seltener als früher.

„Make Believe“ klingt tatsächlich ziemlich strange. Garnicht mal zu poppig, sondern eher unzugänglich. Ich denke aber, dass auch einige Beispiele für geglückte Versuche in Richtung Pop zu nennen sind. Zum Beispiel die gelungene Ballade „Alone I Break“, der atmosphärische Übersong „Hollow Life“ oder das fast schon epische „No One’s There“. Allesamt Sachen, die zwar nicht nach „typisch Korn“ klingen, aber auch ihre Klasse besitzen – zumindest in melodischer Hinsicht. Hingegen sind die Songs, die sich an der Disziplin Härte orientieren („Embrace“ oder „Wake Up Hate“), Schwachpunkte. „Wake Up Hate“ klingt zudem nach Industrial irgendwo zwischen NIN und Static-X, der Tiefpunkt der ganzen Scheibe.

Ganz im Gegenteil. Ich finde gerade dieses Stück eine gelungene Abwechslung und Weiterentwicklung. Du hattest noch Jonathans Gesang angesprochen. Hier ist natürlich eine klare Weiterentwicklung hin zu melodiöseren Gesangslinien, die sich auf „Issues“ schon angedeutet hatte, zu erkennen. Gewöhnungsbedürftig sind die „neuen“ Vocals allemal, doch auch sie wollen mir nicht recht munden, da sie z. B. Songs wie der ersten Single „Here To Stay“ oder dem sonst musikalisch eigentlich guten „Bottled Up Inside“ die letzte Durchschlagskraft nehmen, die bei „Falling Away From Me“ oder „Beg For Me“ vom Vorgänger noch vorhanden war.

Da muß ich dir recht geben. Jonathan Davis überspannt die melodische Schlagseite, indem er zu Sachen „singt“, zu denen man eigentlich nicht singen kann. Ganz selten kommen noch die tiefen Grunts und die Psycho-Schreie durch, welche ich aber über weite Strecken vermisse. Ich habe häufig den Eindruck, daß er sich mit seinen Vocals erst im Refrain „wiederfindet“. Aber diese Ohrwurm-Gesangslinien der Refrains haben doch auch ihren Reiz, z. B. bei „Thoughtless“.

OK, „Thoughtless“ ist eine Ausnahme. Dieser Track gefällt sogar mir, was aber wohl eher am ungewöhnlichen Riffing während der Strophen liegt. Ansonsten plätschern die von Dir genannten Ohrwurm-Refrains eher an mir vorbei. Sie lassen einen kurzzeitig aufhören, verlieren dann aber relativ schnell diesen Reiz, weil sie für Korn-Verhältnisse eben doch ein Spur zu eingängig sind. Nimm z. B. mal „Hating“. Die Melodie kannst Du nach dem ersten Hören mitsummen. Bisher waren Korn-Alben immer schwere Brocken, die man sich erarbeiten musste. Das fällt bei „Untouchables“ größtenteils weg, weil man an poppige Melodiestrukturen durch tägliche Radiodauerberieselung eben gewöhnt ist, findest Du nicht?

So weit würde ich nicht gehen und Korn mit gängigem Radiogeplätscher zu vergleichen. Auch wenn du das anders siehst, ganz so schnell erschliesst sich dieses Album auch nicht. Das Album wächst mit jedem Hören (zumindest in meinem Fall). Je nachdem, wie man zu „Ohrwürmern“ steht, entscheidet sich, ob man dieses Album annimmt oder nicht. Ich selber habe dabei keine Schwierigkeiten mit dem neuen Kurs von Korn. Unbestreitbar ist, daß sie durchschaubarer geworden sind. Ihr Aggressionspotential ist fast verflogen oder wird berechenbar vorgetragen. Aber diesen schrillen Charme des Extremen haben Korn (wie oben schon angedeutet) bereits mit „Issues“ verloren; wenn nicht schon zum Teil auf der „Follow The Leader“. Es sind halt die „neuen“ Korn, die nicht an alte Stärken herankommen, dafür aber neue besitzen. „Korn II“, sozusagen. Was meinste?

Ich vergleiche sie auch nicht mit ordinärem Radiogedudel wie Britney Spears oder diversen Boygroups. Aber man ist an die Struktur der Melodien gewöhnt, die im Falle Korn nur instrumentell anders vorgetragen werden. Gegen Ohrwürmer habe ich generell auch nichts, nur passt es in meinen Augen nicht zu Davis und Co. Deswegen besitzen „Korn II“ meiner Meinung nach weniger Stärken als die alten. Es ist ja auch bei Filmen meist so, dass die Fortsetzung schwächer ist, als der erste Teil.


Wenn ich das Debut „Korn“ oder das Hip-Hop-lastige „Follow The Leader“ zum Vergleich heranziehe, dann zieht „Untouchables“ ohne jeden Zweifel den Kürzeren. Die Neue ist kein Klassiker geworden und schon gar nicht die Beste aus dem Hause Korn. Aber dieses Album ist immer noch gut genug um zu überzeugen, auch wenn die Erwartungen vieler Fans nicht erfüllt wurden. Was bleibt denn Korn auch anderes übrig? In Zeiten, in denen jede dritte Band auf den New-Metal-Zug aufspringt, um mit einem Sound zu musizieren, den Korn schon vor Jahren entwickelten, ist es vielleicht das einzig Richtige sich weiterzuentwickeln und die alten Pfade zu verlassen.

Das ist richtig. Ich will hier auch niemandem absprechen, sich weiter entwickeln zu dürfen. Aber die Tatsache, dass die Entwicklung auf „Untouchables“ die Erwartungen vieler Fans nicht erfüllt hat, sieht man ja an mir. Dennoch werden sich Korn mit ihrem neuen Output wieder neue Fans erschließen, die mit dem neu eingeschlagenen Kurs besser zurecht kommen, weil sie die alten Scheiben nicht als Messlatte anlegen. Es wird langsam Zeit für das Fazit, Kollege, oder?


Abschliessend würde ich sagen, daß Korn sich aus meiner Sicht immer noch im „grünen Bereich“ befinden. Einzig Davis‘ Gesangsstil kann man als (ich betone) kleine Enttäuschung werten. Die Songs mögen unspektakulär wirken, nach ein paar Durchgängen funktionieren sie bestens. Nun zur Bewertung: Gemessen an ihren früheren Werken mag „Untouchables“ 7 Punkte verdienen. Wenn man aber mal guckt, was man von der neumetallischen Konkurrenz vorgesetzt bekommt, dann werden sie ihrem „Leader-Status“ allemal gerecht. Deshalb würde ich der Scheibe ohne Bedenken 8 Punkte geben.

Wenn die Songs, wie Du beschreibst, irgendwann zünden, sind 8 Punkte mit Sicherheit gerechtfertigt. Da dies aber bei mir nicht der Fall ist und noch dazu die Enttäuschung über Davis‘ entwickelte Vocals nicht gerade gering ausfällt, kann ich nicht mehr als 5 Punkte vergeben. „Untouchables“ ist somit, an den vorherigen Erwartungen gemessen, eine der größten Enttäuschungen für mich 2002. Denn wenn ich mir andere Bands im New Metal-Bereich anschaue, merke ich doch, dass mich z. B. Drowning Pool oder Five Pointe O wesentlich mehr begeistert haben. Das nächste Korn-Album werde ich mir wohl nicht mehr blind kaufen. Noch dazu finde ich Eintrittspreise von ca. 45 Euro für die kommende Tour mehr als unverschämt. Aber das ist eine andere Geschichte.

45 Euro hätte ich für Korn anno 1994 auch nicht bezahlt. Aber das nur am Rande. 😉

Ich werde sie anno 2002 auch nicht bezahlen, weil sie 1994 noch wesentlich besser waren. Aber das auch nur am Rande. 🙂

Galerie mit 22 Bildern: Korn auf dem M'era Luna 2017
19.07.2002

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