The Ruins Of Beverast
Interview mit Meilenwald

Interview

The Ruins Of Beverast

Kurz vor Toreschluss hat Meilenwalds Projekt The Ruins Of Beverast mit „Rain Upon The Impure“ das vielleicht intensivste BM-Album des auslaufenden Jahres vorgelegt. Grund genug, dem guten Mann mit ein paar Fragen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu Leibe zu rücken, die er mit so ausführlichen Antworten bedacht hat, dass ich Euch nicht durch endlose Vorreden vom Lesen derselben abhalten will. Schalten wir also direkt weiter nach Aachen.

Du bist mit The Ruins Of Beverast bisher nicht unbedingt durch allzu umfassende Öffentlichkeitsarbeit aufgefallen. Wieso jetzt die Entscheidung, gleich bei metal.de ein paar Fragen zu beantworten? Und: Wann können wir Dich bei ARTE erleben?

Ach weißte, ich orientiere mich da schon lange nicht mehr an Namen von Magazinen, sondern wohl eher daran, ob das Interview Sinn und Inhalt hat, oder ob ich zum 382. Mal mit einem Fragenkatalog in Vorschuldeutsch nach meiner Meinung zu Nazi-Elite-Black-Metal oder Nargaroth oder dem wahren Vollblut-Satanismus gefragt werde, oder danach, ob ich täglich bereits mein Frühstück dem Odin opfere. Es gibt sicherlich das ein oder andere Magazin, für das ich ein Interview kategorisch ausschließen kann, weil ich der Meinung bin, daß The Ruins Of Beverast dort ganz bestimmt nichts verloren haben. Aber ehrlich gesagt: ich besuche metal.de nicht häufig, deswegen bin ich mir nicht im Klaren darüber, ob ich gerade ein blasphemisches Verbrechen begehe. Über diese ARTE-Klamotte kann ich nicht viel sagen. Ich habe den Termin aus Schludrigkeit verpaßt, sonst hätte mir das sicherlich angeguckt. Daß man sich darüber überall boulevardmäßig das Maul zerfranst, ist ja nix Neues. Das wurde damals mit Ihsahn auch gemacht, und der war „nur“ beim Headbanger’s Ball auf MTV zu sehen und nicht im bürgerlichen Kulturfernsehen. Wenn die Jungs von ARTE mal anfragen, führ ich sie durch unseren Proberaum. Die werden schreien vor Glück.

Da Du wie gesagt bisher nicht an jeder Strassenecke Interviews gegeben hast, kann es nicht schaden, die Anfänge von The Ruins Of Beverast etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Wann reifte in Dir die Idee, es statt in einer Band mal allein zu versuchen? Und warum dieser Entschluss? War Dir ein Bandgefüge generell zu einschränkend oder hattest Du im Laufe der Jahre schlicht Ideen gesammelt, die besser im intimen Rahmen eines Soloprojektes zu verwirklichen waren? Im Rückblick (und in gewisser Weise auch als Ausblick): Welche Art der musikalischen Betätigung sagt Dir persönlich mehr zu, und warum?

Es war mir von vornherein klar, daß die Auflösung Nagelfars nicht das Ende sein konnte. Musik zu machen ist für mich das Wichtigste überhaupt, ich stecke in kein Feld meines Lebens mehr Energie, Akribie und Herzblut (völlig egal ob das nach alberner Phrase klingt). Ich hatte zunächst versucht, meine beachtlichen Defizite an der Gitarre aufzuholen, da ich mit Zingultus als Zwei-Mann-Projekt weitermachen wollte. Zu jenem Zeitpunkt wurde daraus aber leider nichts, und ich habe dann recht schnell die Pläne zu einem Soloprojekt entwickelt. Ich muß ehrlich gestehen, daß ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr an einer vollständigen Band interessiert war. Innerhalb Nagelfars gab es gegen Ende viele Spannungen, die in immer mehr Auseinandersetzungen und Kompromisse mündeten. Davon hatte ich vorerst die Schnauze gestrichen voll. Davon abgesehen wollte ich andere Musik machen, und die ersten Versuche im Alleingang waren ganz vielversprechend.
Es ist zweifellos so, daß TROB mein Hauptaugenmerk haben und sich daran auch nichts mehr ändern kann. Diese Art von Musik ist hinsichtlich ihrer textlichen und musikalischen Ausrichtung gar nicht als Band zu bewältigen, das würde in einem organisatorischen Desaster und ganz ohne Zweifel irgendwann auch wieder im Streit enden. Ich finde es außerdem wichtig, daß ich mich für diese Sache vollkommen selbst verantworten und vollkommen hinter ihr stehen kann, ohne diplomatisches Abwägen und ohne Kompromisse.
Sicher hat das Ganze auch ein paar negative Seiten… ich vermisse manchmal das Feeling einer echten Bandprobe, das kann ich nicht leugnen, ändert aber auch nichts an meiner Einstellung.

Das erste (mir bekannte) Lebenszeichen der Ruins („The Furious Waves Of Damnation“) klang noch ganz anders als „Unlock The Shrine“, mit dem Du das Projekt einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt hast. Viel roher, auch kompositorisch sehr ungeschliffen, kaum vergleichbar mit den detailliert ausgearbeiteten Stücken des ersten Albums. Das Demo könnte im Prinzip auch das Rehearsal einer „richtigen“ Band sein, während das erste Album einen viel persönlicheren Stil pflegt, der wenn nicht auf ein Soloprojekt, doch immerhin darauf verweist, dass eine Person die Zügel fest in der Hand hält. Welche Bedeutung hatte dieser erste Versuch für The Ruins Of Beverast, wie wir sie heute kennen? Und wie kam es dazu, dass Du nach diesem ersten Versuch etwas ganz Anderes gemacht hast?

Zunächst mal überrascht es vielleicht, wenn ich Dir sage, daß ursprünglich weder „The Furious Waves Of Damnation“ noch „Unlock The Shrine“ wirklich veröffentlicht werden sollten. „The Furious…“ waren Testaufnahmen. Ich habe in ungefähr einem Monat eine Handvoll traditioneller BM-Songs geschrieben, um herauszufinden, ob ich das kann. Klingt vielleicht komisch, war mir aber sehr wichtig. Ich mochte die Lieder und habe sie auf eine CD-R gebrannt, um sie ein paar Freunden zu geben. Das war alles. Von einem Demo zu sprechen ist also wohl eher nicht zutreffend, zumal ich eine CD-R sowieso nicht als Demo bezeichnen würde. BM-Demos gehören für mich auf Tapes und nicht auf Rohlinge oder – noch schlimmer – als Audioschnipsel ins Internet. Ich habe mich später doch spontan dagegen entschlossen, daß die Lieder auf so ’nem albernen Rohling verstauben und sie deswegen auf 10″ gebracht. „Unlock The Shrine“ war natürlich eine ganz andere Geschichte, denn dieses Album ist tatsächlich in einer persönlich ziemlich unangenehmen Phase entstanden und spiegelt diese auch in jeder Sekunde wider. Das Arbeiten an den Liedern war wie eine Therapie, und irgendwie klingen sie auch so. Ich habe auch diese Songs zunächst auf eine CD-R gebracht, dazu ein reichlich mieses Artwork zusammengezimmert und ein paar Freunden geschenkt. Mein Kollege Sveinn war es, der mir schließlich in den Arsch getreten hat, um das Ding als offizielles Album zu veröffentlichen. Interessanterweise hat die europäische CD ihr grausames Artwork behalten, da wir nicht so viel Zeit zwischen Aufnahmen und VÖ verlieren wollten.

Angesichts Deiner musikalischen Vergangenheit dürfte es einige Leute überrascht haben, dass bei The Ruins Of Beverast englische Texte Verwendung finden. Was führte zu diesem Schritt?

Erstens: Ich habe mal versucht, Texte für Nagelfar zu schreiben und bin kläglich gescheitert. Ich bin nicht in der Lage, von Metaphern lebende Texte in Deutsch zu verfassen. Meine Ideen lasen sich wie die verzweifelte Suche nach finsteren und aggressiven deutschen Vokabeln, nur habe ich irgendwie keine gefunden. Verglichen mit den Texten von Sveinn und Zingultus war das schlicht Abfall. Ich finde generell, daß deutsche BM-Texte in vielen Fällen pathetisch und unbeholfen klingen. Die Texte von TROB leben davon, unwirkliche und bizarre Schauplätze darzustellen und mit Leben zu füllen, und aus irgendeinem mir verborgenen Grund fällt es mir im Englischen wesentlich leichter, die Metaphern dafür zu finden. Es wäre mir anders lieber, aber ich habe mich daran gewöhnt.
Zweitens: Ich weiß, daß viele jetzt empört aufschreien werden, aber ich finde den Klang der englischen Sprache für diese Art von Texten wirksamer als die deutsche, weil sie dunklere Vokale hat und flüssiger artikuliert werden kann. Davon abgesehen habe ich – wenn ich mich nicht konzentriere – einen widerlichen rheinländischen Akzent, der sich IMMER scheiße anhört, egal ob gesprochen, gesungen, geschrien oder gerülpst, und der jeglichen Anflug von Bösartigkeit im Keim erstickt.

Auf „Unlock The Shrine“ gibt es eine Menge Samples zu hören, die mit den Liedern stark verflochten sind. Da stellt sich die Frage, wie diese Stücke entstanden sind: Hast Du Deine Riffs um die Samples herum arrangiert, oder hast Du passende Samples für im Prinzip fertige Songs gesucht? Und natürlich muss ich an dieser Stelle auch fragen, wieviel Zeit Du mit Filmen verbringst, und was Du dann so guckst.

Die Lieder entstehen selbstverständlich aus Gitarrenideen und nicht aus Zutaten… Das heißt, die Texte stehen im Normalfall als erstes, um dem Lied eine konzeptionelle Struktur zu geben. Aber im Anschluß daran verarbeite ich ausschließlich Gitarrenlinien und setze testweise Konserventrommeln dazu. Anders kann ich die Lieder ja nicht proben. Samples, Keyboards u.Ä. werden erst während der Aufnahmesessions eingeflochten. Es gibt allerdings Ausnahmen auf „Rain Upon The Impure“: Bei „50 Forts Along The Rhine“ stand die Musik vor dem Text, da das Stück bereits recht alt ist, und beim Refrain von „Blood Vaults“ habe ich tatsächlich das Gitarrenriff an den Chorgesang angepaßt; war in diesem Fall nicht anders möglich, ist aber eine absolute Ausnahme. Ich glaube auch, daß diesen Sample-Geschichten vielleicht zu viel Bedeutung beigemessen wird. Sie gehören sicherlich zum Ganzen dazu, sind aber längst nicht das zentrale Element. Und mit einer Vorliebe für Filme hat das auch nichts zu tun. Erstens stammen die Samples nur zum Teil aus Filmen, sind sonst eher aus Hörspielen oder selbstgebastelt. Zweitens verbringe ich nicht viel Zeit mit Filmen. Ich habe eher meine persönlichen Klassiker, die ich mir sicherlich immer wieder ansehe. Aber da ich über amerikanische Komödien nicht lachen kann, 3D-Animationsfilme unglaublich peinlich finde und die meisten modernen Horror- und Actionfilme anscheinend nur noch nach dem gleichen langweiligen Schema konzipiert werden dürfen, habe ich derzeit ziemlich schlechte Karten was Filme angeht.

„Unlock The Shrine“ ist als CD und auf Vinyl erschienen. Obwohl ich selbst das grosse Schwarze sehr schätze (schon allein wegen seiner Dauerhaftigkeit und den Gestaltungsmöglichkeiten, die mit schierer Grösse kommen), so muss ich doch auch sagen, dass ich mir lieber die CD anhöre, wenn ich die Atmosphäre des Albums ungestört geniessen will, für das Wechseln und Umdrehen der Platten fehlt mir da einfach der Nerv. Ist eine DLP eher ein Format zum Angucken, während man die Musik von CD hört? Gesetzt den Fall, dass Du Dir Deine eigene Musik überhaupt anhörst, welches Format bevorzugst Du? Wird es von „Rain Upon The Impure“ wieder eine DLP geben? Mit fünf überlangen Stücken scheinst Du bald an die Grenzen des DLP-Formats zu stossen…

Prinzipiell finde ich Vinyl in absolut ALLEN Belangen besser als jedwedes digitale Format. Andererseits stimmt es natürlich, daß die Realisierung bei The Ruins Of Beverast bisweilen ganz schön umständlich ist. Ich mußte bereits „Unlock The Shrine“ komplett neu mastern, da einige Tracks aus- bzw. eingefadet werden mußten und die LP ja einen zusätzlichen Track hatte. Bei der 10″ mußte ich aus Platzgründen auf die Beherit-Coverversion verzichten. Beim neuen Album wird es noch wesentlich komplizierter. „Rain Upon The Impure“ sollte eigentlich zuerst auf Vinyl und später erst als CD erscheinen, was wir aber aus finanziellen Gründen nicht durchziehen konnten. Davon abgesehen wird es ein Kraftakt, das Ding auf eine 2LP zu kriegen, ohne die Reihenfolge der Stücke zu ändern. Wahrscheinlich muß ich mich da auf sportliche Diskussionen mit dem Preßwerk einstellen. Das zählt aber alles nicht. Die Hauptsache ist, daß ich das Ding irgendwann als riesengroße LP-Version im Schrank stehen habe.
Ich habe das Shrine-Album ganz ehrlich schon lange nicht mehr gehört, aber wenn, werde ich mit Sicherheit die LP auskramen. Sicherlich sind die Pausen etwas störend, aber das tritt für mich in diesem Fall in den Hintergrund. Ich würde mich immer für Vinyl entscheiden.

Das neue Album klingt bei der ersten Berührung viel roher und unzugänglicher als „Unlock The Shrine“. Oft geht die Entwicklung ja eher in Richtung Hi-Fi, warum hast Du Dich für die entgegengesetzte Richtung entschieden? Bzw. gab es etwas, was diese Entwicklung verursacht oder zumindest befördert hat?

Ja. Ich hatte mir Orientierungspunkte für den Sound von „Rain Upon The Impure“ gesetzt. Ich fand den Sound von „Shrine“ insgesamt zu digital und synthetisch und wollte unbedingt, daß das neue Album authentischer, dynamischer und aggressiver klingt, andererseits aber eben trotzdem finsterer und kälter. Ich hatte „Shrine“ (von den Drums abgesehen) fast komplett zu Hause aufgenommen, was man eben – wie ich meine – der Platte auch anhört. Für „Rain…“ habe ich 6 Gitarrenspuren aufgenommen, und zwar ausschließlich im Proberaum über Gitarrenamp und Mikro, und damit durchaus die Gitarrenwand erreicht, die ich haben wollte. Davon abgesehen sind die Klampfen diesmal sehr tief gestimmt, was der Düsternis des Gesamtsounds auch sehr förderlich ist, wie ich finde. Insofern hat „Rain Upon The Impure“ soundtechnisch vielleicht mehr mit uraltem Black/Death-Metal gemein als mit Darkthrone und Burzum, aber das ist schon in Ordnung so und war auch durchaus beabsichtigt.

Auch musikalisch ist „Rain Upon The Impure“ in jeder Hinsicht extremer: schneller, langsamer, schwerer verdaulich, eingängiger. Nun werde ich nicht fragen, warum dem so ist – ich möchte einfach gerne weiterhin glauben, dass Musik nicht in erster Linie das Ergebnis eines Planungsprozesses ist. Mich würde aber interessieren, ob Du „Unlock The Shrine“ aus heutiger Sicht zu poliert und leicht verdaulich findest. Klänge das Debüt anders, wenn Du es morgen nochmal aufnehmen würdest?

Nein, kann ich nicht behaupten. Ich mag die Stücke von der „Shrine“ sehr gern und sie waren mir wie oben erwähnt unglaublich wichtig zu der Zeit, zu der ich sie geschrieben habe. Ich finde nur den (Gitarren-)Sound wie gesagt etwas schwachbrüstig und unecht, aber es ist definitiv nicht so, daß ich die musikalische Ausrichtung von „Rain…“ an eventuellen Unzulänglichkeiten von „Unlock The Shrine“ orientiert hätte. Es ging mir darum, Neues auszutesten und Experimente zu wagen, und das fing bereits bei den Texten an, die ja ohnehin allem voranstehen. Auf „Rain Upon The Impure“ dominieren nicht unbedingt die tief persönlichen, emotionalen Elemente, sondern eher die Formulierung einer zynischen, isolierenden, anklagenden und apokalyptischen Weltanschauung. Natürlich repräsentiert dieses Bild meine persönliche Sichtweise, ist aber weniger von Melancholie und Selbstmitleid als vielmehr in recht distanzierter Weise von Hohn und Spott, Mißtrauen und Gift gezeichnet. In diesem Sinne überträgt sich Text auf Musik: „Rain Upon The Impure“ ist zwar ein kraftvolles, aber äußerst häßliches, von Maden zerfressenes, nach Fäulnis stinkendes Stück Musik, das den meisten sicherlich schwerer im Magen liegen wird als „Unlock The Shrine“. Das liegt für mich aber in der Natur der Sache, weil ich es auf den Tod nicht leiden kann, auf einem etwaigen „Erfolgsrezept“ herumzureiten – sich möglichst fehlerfrei (und rückgratfrei) zu wiederholen, um den Leuten das zu bieten was sie haben wollen, und sich selbst als Urheber dabei in die zweite Reihe zu schicken. Sowas war noch nie mein Ding, und dazu sind The Ruins Of Beverast auch nicht konzipiert.

„Rain Upon The Impure“ ist (auf seine Art) purer Black Metal. Nun hat man (nicht nur) in den letzten Jahren oft beobachten müssen, dass sich (ehemalige?) BMler immer weiter von ihren Ursprüngen entfernen, sei es in Richtung Kommerz, sei es, dass ihnen der relative Erfolg zu Kopf steigt und sie auf einmal meinen, „Kunst“ machen zu müssen. Wann ist mit Deiner „Weiterentwicklung“ zu rechnen? Und wo wir schon in die Zukunft blicken, kannst Du uns auch gleich verraten, in welche Richtung sich The Ruins Of Beverast entwickeln werden – wenn Du Dir denn in diese Richtung schon irgendwelche Gedanken gemacht hast.

Ich bitte Dich, Nagelfar waren zu nahezu jeder Zeit erfolgreicher als The Ruins Of Beverast es jemals werden könnten, insofern habe ich meinen „Karrierehöhepunkt“ (hüstel…) ja schon längst hinter mir. Ich gehörte lange Zeit auch zu den Personen, die sich furchtbar darüber aufregen konnten, wenn sich einstige „Szenegrößen“ mit Dollarscheinen winkend und höhnischem Gelächter in Richtung Nuclear Blast verabschiedeten, um anschließend hochnäsig zu verkünden, die BM-Szene bestehe nur aus permanent besoffenen Vollidioten. Ich finde es zwar immer noch eine ätzende charakterlose Angewohnheit, seine Vergangenheit aus Popularitätsgründen in Bausch und Bogen zu verdammen, aber ich kann und will keine Zeit und Energie mehr dazu aufbringen, mich darüber aufzuregen. Wenn die Leute meinen, daß die jetzt zu Höherem bestimmt seien oder Philosophisches zu sagen hätten oder ihre musikalische Qualität an Hitparadenplatzierungen zwischen Bushido und Jürgen Drews messen wollen, von mir aus. Ich muß sie darin ja nicht unterstützen.
Mir geht es schlicht darum, das in die Tat umzusetzen, was mir im Kopf herumschwirrt. Ob und wie viele verschiedene Menschen ich damit erreiche, spielt in diesen Gedanken keine Rolle. Ich könnte auch gar keine Musik komponieren, die sich an den Vorlieben anderer orientiert. Ich versuche Phänomene, die mir täglich um mich herum oder in meinen Gedanken begegnen, in Worte zu fassen und diese musikalisch umzusetzen. Das ist immer die gleiche Vorgehensweise, und daran kann und wird sich auch niemals was ändern, weil ich gar nicht in der Lage bin, anders vorzugehen. Daß die musikalische Ausrichtung dabei immer dieselbe bleibt, wage ich allerdings zu bezweifeln. „Unlock The Shrine“ enthielt bspw. eine Menge Interludien, auf „Rain…“ war dafür kein Platz, weil die Unterbrechung durch stille und erschöpfte Momente hier keine Bedeutung fand. Selbst „Rapture“ beschreibt eigentlich eine reichlich sadistische und mörderische Szenerie, die aber eben nur durch die bedrückende und bedrohliche Stille samt des Requiems im Hintergrund ihre eigentliche Grausamkeit erfährt. Auf dem nächsten Release könnte es unter Umständen sein, daß die Zwischenspiele wieder ihren Platz finden, und sollte ich auf dem übernächsten der Meinung sein, daß ich mich diesmal durch kernigen Hardrock ausdrücken sollte, muß es halt so sein. Ist zwar unwahrscheinlich, wäre dann aber auch kein Hindernis. Oder ich löse The Ruins Of Beverast morgen auf und mache was Neues. Insofern stellt sich die Frage nach der zukünftigen musikalischen Ausrichtung für mich jetzt gerade neu, während ich Ideen für neue Lieder sammele; und die Frage nach einer eventuellen spirituellen und finanziellen Weiterentwicklung kannste mir dann in fünf Jahren noch mal stellen.

Wie auch der Vorgänger erscheint „Rain Upon The Impure“ bei Ván, einem kleinen Label, an dem Du selbst beteiligt bist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es spätestens nach „Unlock The Shrine“ kein Problem gewesen wäre, die Veröffentlichungsarbeit jemand anderem zu überlassen, andererseits ist es natürlich immer ein Vorteil, volle Kontrolle zu haben. Kannst Du Dir generell vorstellen, Deine Musik einem anderen Label anzuvertrauen, wenn wir die Trivialantworten Cold Dimensions und Kunsthall mal aussen vor lassen?

Nein, das kann ich nicht. Dazu müßten wir die Labelarbeit schon niederlegen. Für mich kann es doch nichts Besseres geben, als zusammen mit meinem besten Freund für die Veröffentlichungsarbeit der Ruins-Sachen verantwortlich zu sein. Sveinn und ich kennen uns seit fast 15 Jahren, und ich denke er hat sich an meine sonderbaren Ideen und Ansichten gewöhnt. Ich könnte keinem fremden Label, selbst wenn es noch so aufgeschlossen und zuverlässig wäre, meine sonderbare Einstellung zu meinem eigenen Schaffen nahebringen. Sveinn selbst wäre ohnehin in der Lage, die Promotionsarbeit für TROB und damit auch deren Bekanntheitsgrad um ein Vielfaches zu steigern, aber ich sträube mich dagegen wie ein kleines Kind. Und es ist weitaus komplizierter und anstrengender, ein Label bei seiner Promotionsarbeit zu bremsen als ihm permanent in den Arsch zu treten. Ich empfände das bei einem anderen Label als echte Belastung, insofern könnte ich die Kontrolle über The Ruins Of Beverast niemals aus der Hand geben.

Lass uns einen Moment bei Ván verweilen… war die Gründung der eigenen Plattenfirma auch ein Kommentar zur Labellandschaft in (BM-)Deutschland (die ja vor zwei, drei Jahren wirklich nicht allzu erquicklich war)? Wo wollt Ihr mittelfristig und von mir aus auch auf lange Sicht mit dem Label hin, was sind Deine persönlichen Wachstumsgrenzen?

Prinzipiell kann man sagen, daß wir das Label gegründet haben, um „Unlock The Shrine“ zu veröffentlichen. Das geschah ja ohnehin auf Sveinns Initiative, also haben wir etwas Geld investiert um die CD produzieren zu lassen und einen Mini-Distro ins Leben gerufen. Album und Label liefen unerwartet gut und Sveinn hatte sich enorm schnell so tief in die Sache reingearbeitet, daß der Ván kontinuierliche wuchs. Wir hatten das niemals erwartet, in diesem Ausmaß schon gar nicht.
Ich persönlich trenne das Label ganz klar von meinen persönlichen musikalischen Ambitionen. Der Ván ist und bleibt ein Undergroundlabel, das aber seinen Bands schon so weit entgegenkommt, wie es sich finanziell und konzeptionell tragen läßt. Sveinn und ich definieren derzeit nicht wirklich so etwas wie einen langfristigen Plan, denn das wäre angesichts unserer doch arg begrenzten Zeit etwas vermessen. Es ist uns wichtig, Bands unter Vertrag zu nehmen, die uns beide erstens natürlich musikalisch absolut überzeugen bzw. eher begeistern können, und denen zweitens ihr eigentliches musikalisches Schaffen weitaus mehr bedeutet als das, was andere daraus machen. Denn es gibt natürlich gewisse Institutionen, mit denen wir aus bekannten Gründen prinzipiell nicht zusammenarbeiten, oder Werbeaktionen, auf die wir prinzipiell verzichten. Andererseits, und darauf wollte ich eben hinaus, erwarten wir nicht von jeder Ván-Band, daß sie ähnlich verbissene öffentliche Enthaltsamkeit zeigen muß wie The Ruins Of Beverast. Das liegt im Ermessen jeder Band, wobei wir als Label natürlich unser Veto einlegen würden sobald sich bei uns Bauchschmerzen melden. Ist allerdings auch bisher noch nicht vorgekommen, da die Bands normalerweise wissen, auf was sie sich einlassen.

Von Ván zum Wod-Ván. Welche von den momentan aktiven ist Deine Lieblings-WV-Band (ausser Deiner eigenen), und warum? Welche WV-Band gefällt Dir andersherum am wenigsten?

Ich bin absolut unfähig diese Frage zu beantworten. Erstens stehen hinter all diesen Projekten Freunde von mir, die ich nicht in „am besten“ und „am wenigsten“ einteilen kann… zweitens kenne ich die meisten VÖs bereits lange vor der Fertigstellung oder arbeite sogar daran mit, was die objektive und auch die subjektive Einschätzung ohnehin extrem erschwert.
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich übrigens, daß ich durch das lustige Internet davon erfahren habe, daß ich der Schlagzeuger von Graupel, Verdunkeln, Kermania und Abusus in einer Person bin oder zumindest war und ganz nebenbei auch noch The Ruins Of Beverast betreibe. Jetzt weiß ich auch endlich, warum ich mit meinem beschissenen Studium nicht weiterkomme.

Die (Internet-)BM-Börse löst in mir (neben allerlei Antipathie) immer wieder eine Frage aus, die Du sozusagen als Fachmann vielleicht bei dieser Gelegenheit beantworten könntest: Ist man ein besserer Mensch, wenn man „Hünengrab im Herbst“ auf goldener CD hat?

Ich bin mir da selbst nicht so ganz sicher. Die Erstauflage umfaßte glaub ich 1000 Stück und goldenen Labeldruck, außerdem einen Tippfehler auf der Rückseite, wo „Apokalpyse“ steht. Die Zweitauflage ist silbern und hat keinen Rechtschreibfehler mehr. Und dann gab es soviel ich weiß noch eine dritte, die versehentlich erneut mit goldenem Labeldruck versehen wurde, aber keinen Fehler mehr hat. Ich weiß aber nicht wie groß diese Auflage war. Die derzeit erhältliche neueste Auflage ist wieder silbern. Am seltensten ist auf jeden Fall die mit dem Tippfehler, denn die gab es nur definitiv nur einmal und in geringer Auflage.
Der bessere Mensch ist allerdings ohnehin der, der sich gar nicht erst auf Internet-BM-Börsen rumtreibt, wennste meine Meinung dazu hören willst…

Da Du zumindest im BM-Massstab ein „alter Sack“ bist, musst Du natürlich auch mindestens eine Frage für alte Säcke beantworten: War „früher“ alles besser?

Oh Mann… ich kann nicht leugnen daß ich mich wohler gefühlt habe, als man sich in Undergroundkreisen noch persönliche Briefe an Adressen mit Straßen- und Städtenamen geschrieben hat und darin schlecht kopierte Flyer von neuen Demos und CDs enthalten waren, als Demos ausschließlich DemoTAPES hießen und demzufolge Kassetten waren, als es in der eigentlich freiwillig und absichtlich ANONYMEN Black-Metal-Szene überhaupt keine Infos zu irgendeiner Band gab, es sei denn man kaufte sich ein PRINTzine oder schrieb der Band einen BRIEF. Das Wort „Tapetrading“ ist heute wohl auch aus dem Sprachgebrauch des Undergroundfreaks verschwunden, und es soll tatsächlich bereits Menschen geben, die Black Metal aus Spaß an der Freud hören und die Geschichte mit dem Satan als zweitrangig einstufen… und Texte, die sind eh unwichtig. Hauptsache die einschlägigen Schlagworte und Slogans sind im Überfluß vertreten und man kann die ganze Sache gut gartenzwergmäßig krächzen. Alle Demo-CD-Rs, die vollkommen unmotiviert mit Ghettoblaster im Proberaum aufgenommen wurden, kriegen einen „Darkthrone-Sound“ bescheinigt obwohl selbst mein Toaster beim Auswerfen bösere Geräusche von sich gibt. Andererseits… man hat ja auch keine Wahl. In den meisten Tonstudios, die sich auf Metal spezialisieren, hängen heutzutage offensichtlich Checklisten für den modernen Metalsound. Die verbieten Gitarrenverstärker mit Box, authentisch klingendes Schlagzeug, Hall, eigene Effektgeräte und führen solche liebgewonnenen Phrasen wie „rauher Charme“ gar nicht mehr erst auf. Was zur Folge hat, daß sämtliche Death-/Thrash-/Speed-/Power- und was-weiß-ich-was-für-Metal-Bands klingen wie geklont, und auch deren Covers irgendwie nur noch aus den immergleichen langweiligen Collagen mit der immergleichen Farbgebung bestehen. Da bleibt einem als Black-Metaller ja nur noch der Ghettoblaster. Das soll natürlich nicht heißen, daß die ganze Kiste heute keine Vorzüge hätte. Mir fällt nur jetzt spontan keiner ein.
Als ich mich im Zuge dieses Interviews mal auf metal.de umgesehen habe, habe ich erfahren, daß man auch im Black Metal jetzt Trailer für neue Alben macht. Das ist ja wunderbar! Sowas kannte ich bisher nur für Filme. Ich werde zur nächsten 7″ einen Trailer zusammenbasteln, der sich gewaschen hat.

Wenn heute alles so schrecklich ist (was zumindest teilweise wohl nicht von der Hand zu weisen ist), drängt sich natürlich die Frage auf, ob Du noch Zeit/Lust/Energie hast, Dich mit der Metalwelt jenseits von Ván und Wod-Ván zu beschäftigen. Hörst Du Dir zum Beispiel das Zeug an, dass Ihr im Mailorder anbietet, zumindest etwas davon? Welche junge Band hat Dich etwa im letzten Jahr oder in den letzten zwei Jahren wirklich beeindruckt?

Natürlich habe ich Zeit/Lust/Energie dazu und natürlich höre ich mir unzählige verschiedene Bands an, es ist mein Lebensinhalt; aber selbstredend geht mit der erhöhten Aufmerksamkeit auch eine kritischere Betrachtensweise einher. Ich könnte mich ja auch über die kontinuierlich sinkende musikalische Qualität der kommerziellen Popmusik oder die mangelnde Ästhetik von Männerhandtaschen beschweren, aber da ich mit beidem rein gar nichts am Hut habe, verschwende ich daran keinen Gedanken.
Abgesehen davon hält diese schöne Welt so viele Überraschungen für uns parat… wirklich umgehauen haben mich Wolves In The Throne Room und Wraith Of The Ropes. Letztere sind zwar nicht mehr gerade jung, haben aber dennoch erst 2005 ihr Debut veröffentlicht. Drastus konnte ich auch was abgewinnen. Bei den Sachen die Paradigms Recordings veröffentlichen ist auch fast immer ein Volltreffer dabei… The Angelic Process und Hjarnidaudi sind ganz große Drone/Noise-Nummern, für denjenigen, der drauf steht.

Du merkst schon, die Fragen werden nicht besser, also machen wir für dieses Mal wohl am besten Schluss. Das nächste Interview hast Du ja auch schon in fünf Jahren versprochen, da müssen wir jetzt nicht jede Kleinigkeit durchkauen. Vielen Dank für Deine Zeit, die letzten Worte gehören traditionell Dir. Du könntest etwa die kommende (Split?)Ep bewerben, oder die geplante Ván-Compilation-Vinylbox. Oder wie wäre es mit ein paar Tips in Sachen Weihnachtsbaumschmuck?

Soweit kommt’s noch, daß ich mich selbst bewerbe. Sicherlich hat Sveinn hinter meinem Rücken ohnehin bereits böswillige Merchandise-Pläne geschmiedet, von denen ich noch nichts weiß. Ansonsten werden wir aber zunächst mal die 2LP-Version von „Rain Upon The Impure“ angehen, die dann hoffentlich zeitnah veröffentlicht werden kann. Bei den weiteren Zukunftsideen ist Vorsicht geboten, da noch nicht alle Punkte abgearbeitet sind und wir uns da ungern weit aus dem Fenster lehnen. Die Split-Single mit Celticmoon ist leider vorerst auf Eis gelegt, kann aber hoffentlich trotzdem mittelfristig realisiert werden. Wir werden sehen.
Jede Menge Weihnachtsbaumschmuck gibt’s beim Metzger, und der geneigte Bastler kann versuchen, aus Darm und Darminhalt eine hübsche Krippe zu bauen, vielleicht mit ein bisken Stroh. Ich hab dieses Jahr drauf verzichtet, da mir gerade noch rechtzeitig eingefallen ist, daß ich gar nicht an Gott glaube.

Galerie mit 13 Bildern: The Ruins Of Beverast - De Mortem Et Diabolum 2022 in Berlin
27.12.2006

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The Ruins Of Beverast auf Tour

03.03. - 04.03.23Hell Over Hammaburg 2023 (Festival)The Ruins Of Beverast, High Spirits, Desaster, Sanhedrin, Stygian Crown, Stallion, Drowned, Rumours, Wheel (DE), Karloff, Hexenbrett, Morne, YXXAN, Eurynomos, Brutus (BE) und Imha TarikatMarkthalle, Hamburg
10.08. - 12.08.23metal.de präsentiertParty.San Metal Open Air 2023 (Festival)Angelus Apatrida, Atomwinter, Be'Lakor, Borknagar, Chaos & Confusion, Concrete Winds, Decapitated, Destroyer 666, Ellende, Endseeker, Endstille, Frozen Soul, Gatecreeper, Graveyard, Hypocrisy, Illdisposed, Jade, Kanonenfieber, Kataklysm, Mantar, Midnight, Nile, Obituary, Postmortem, Sijjin, Skinless, Skitsystem, Spearhead, The Ruins Of Beverast, Tribulation, Unto Others, Urgehal, Yoth Iria und Vital RemainsParty.San Open Air, Obermehler

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