Vader
Interview mit Bandkopf Piotr "Peter" Wiwczarek auf dem Rockharz Open Air

Interview

Vader

Nein, bei VADER steht aktuell kein neues Album an (jedenfalls noch nicht…), aber wie lange ist es her, dass wir die polnischen Death-Metal-Veteranen für ein Interview vor das Mikro bekommen haben? Obwohl wir es häufig versucht haben, war es uns erst vor ein paar Wochen auf dem Rockharz Festival vergönnt, mit Bandleader Piotr Pawe? Wiwczarek (den alle der Einfachheit halber Peter nennen) ein Interview zu führen. Und der nimmt sich nach dem Auftritt und der Autogrammstunde am metal.de-Stand einfach mal richtig Zeit, um bei einem Bierchen mit uns nett zu plaudern. Nicht notwendigerweise nur über das letzte Album, sondern auch über Fans und sein Faible für Deutschland und den Zweiten Weltkrieg.

Peter über…

…Autogrammstunden:

Fans zu treffen ist wichtig, weil wir selbst Fans sind. Und diese Art von Musik gibt es nicht ohne Fans.

…seinen Respekt für Fans:

Ich bin ebenfalls Fan, und ich habe Respekt für alle Fans auf der Welt. Deshalb versuche ich wenigstens in der Landessprache „Danke“ zu sagen. Als in den Achtzigern IRON MAIDEN nach Polen kamen, waren die Leute so stolz darauf, dass die Band sie mit nur diesem einen Wort respektierten. Das ist mir im Gedächtnis geblieben, und deshalb versuche ich das genauso den Fans zurückzugeben – selbst wenn wir nicht so groß sind wie IRON MAIDEN.

…das Verhältnis zu KREATOR:

Wir sind mehr als Fans, wir sind Freunde! Als KREATOR 1988 in Polen gespielt haben, war ich Die-Hard-Fan der Band und bin zu ihnen ins Hotel gegangen. Ich habe eine Stunde oder länger auf sie gewartet, nur um ihnen die Hand zu schütteln und ein Autogramm von ihnen zu bekommen. Wie großartig war das für uns, als sie aus ihren Zimmern rausgekommen sind! Jahre danach hatten wir dann die Chance, KREATOR in Holland zu supporten, und daraus ist dann unsere Freundschaft entstanden.

…die Vergangenheit von VADER:

Es war in den ersten Jahren für uns nicht einfach. Wir mussten lange auf den Durchbruch warten. Darauf, dass die Leute uns als Band wahrgenommen haben und nicht bloß als etwas Exotisches von der Rückseite des Eisernen Vorhangs. Als wir 1993 mit BOLT THROWER und GRAVE getourt sind, waren wir schon zehn Jahre als Band unterwegs. Aber wir kamen aus Polen, und niemand kannte uns. Der Underground existierte, aber er war eben auch unsichtbar. Wir hatten im Extremmetalbereich Fans, aber niemand wollte uns in Polen unterstützen, was damals normal war. Auch heute noch gibt es von den Medien so gut wie keine Unterstützung. Wir haben also von Anfang an gelernt, uns nur auf uns selbst zu verlassen. Die gute Seite daran ist: Niemand kannte uns aus den Medien, sondern nur durch unsere Musik. Die schlechte Seite ist: Niemand kann ohne den Support der Medien existieren. Daher versuchen wir in der Hinsicht einen gewissen Mittelweg für VADER zu finden.

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…seine Deutschkenntnisse:

Zuerst habe ich mir in der Grundschule selbst ein paar Brocken Deutsch beigebracht, aber in der Oberschule hatte ich für vier Jahre Deutschunterricht. Wenn das Niveau nicht so hoch gewesen wäre, hätte ich vielleicht während des Studiums weiter Deutsch gelernt, aber ich habe mit Englisch weitergemacht und Deutsch mehr oder weniger aufgegeben. Wenn ich jetzt in Deutschland bin, versuche ich Deutsch zu sprechen. Für Ansagen auf Deutsch fühle ich mich aber nicht sicher genug, ich möchte keine Fehler machen. Aber ich liebe die deutsche Sprache, den Klang, die vielen verschiedenen Dialekte.

…den Unterschied zwischen Konzerten und Studioalben:

Touren ist das Lebenselixier von VADER. Unsere Platten sind wichtig, aber Shows und Tourneen sind der wichtigste Teil meines Lebens. Das ist echt.

…die Zeit auf Tour mit seinen Musikerkollegen:

Auf Tour verbringen wir die meiste Zeit miteinander. Wenn wir aber von einer Tour wieder nach Hause kommen, halten wir uns voneinander fern. Wir möchten nicht riskieren, dass wir uns auf die Nerven gehen oder hassen. Wir verbringen Zeit miteinander, wir sind Freunde, aber wir verbringen nicht mehr Zeit, als wir sollten.

…die Anforderungen an Musiker, um Teil von VADER zu sein:

Was für mich zählt, ist Talent, Fähigkeiten und Bereitschaft. Die Bereitschaft, bei VADER dabei zu sein und gewisse Opfer zu bringen. Bei VADER zu sein, heißt, sich selbst VADER zu opfern. Das heißt, dass du keine Zeit für Freunde und Familie hast.

…Bandmitglieder, die bei VADER ausgestiegen sind:

Manchmal konnte ich sie nicht mehr aushalten, manchmal konnten sie die Situation nicht mehr aushalten. Wir sind alle nur Menschen, mit allen guten und schlechten Seiten. Ich habe nie jemanden gezwungen, Mitglied bei VADER zu sein. Solange jemand es machen möchte und dafür bereit ist, kein Problem. Es macht aber keinen Sinn, dass jemand nur wegen des Geldes dabei bleibt oder weil er nichts Besseres zu tun hat. Als Bandleader muss ich mich um die Mitglieder kümmern. Ich möchte eine glückliche und zufriedene Band haben. Das ist die einzige Möglichkeit, auf der Bühne gut zu sein und mehrere Monate auf Tour zu gehen und nicht durchzudrehen.

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…die Unterschiede zwischen ihm und Gitarrist Spider beim Songwriting:

Spider arbeitet für sich. Er muss seine Arbeit schmecken, er muss Sachen nochmal überdenken, umschreiben, verbessern. Ich wiederum liebe es, die Songs erst im Studio fertigzustellen. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne diese Spontanität zu arbeiten. Wir beide schreiben die ganze Zeit an Riffs, aber wie wir diese ausarbeiten, ist doch sehr unterschiedlich.

…Gitarrensoli:

Gitarrensoli kommen meistens erst dazu, wenn der Hauptteil des Songs fertig aufgenommen ist. Meine Soli sind halb chaotisch, halb vorbereitet. Spiders Soli sind zu einhundert Prozent fertig ausgearbeitet. Er ist halt eher Musiker und ich eher Metalhead. Ich liebe das Chaos. Vielleicht bin ich einfach zu faul, um mir jede Note zu merken…

…Touren mit Bands, die in anderen Genres zu Hause sind:

Ich kümmere mich nicht um diese Genrebezeichnungen. Für mich entscheidend sind die Persönlichkeiten, nicht die Stile. Wichtig ist doch, ob man die Zeit miteinander verbringen kann und möchte.

…Konzerte in Südamerika:

Südamerika ist nicht nur bekloppt, das ist wahnsinnig – im guten Sinne! Jedes Mal, wenn wir in Südamerika waren, also Brasilien oder Chile, aber auch in Mexiko, war die Situation außer Kontrolle. Das ist fanatisch, das ist wie eine Religion. Teilweise ist es sogar gefährlich zu spielen, aber keine anderen Länder geben dir solch eine Befriedigung.

…den Titel des letzten Albums, „Welcome To The Morbid Reich“:

Bis auf den Namen gibt es keine weitere Verbindung zu unserem zweiten Demo. „Morbid Reich“ war eine Art Fantasie. Als ich jünger war, war Metal ein Zufluchtsort von der langweiligen Welt in Polen, die mir komplett grau und traurig erschien. Ich war ein Teenager und voller Energie. Und ich war eher ein Typ, der nebenher lief und nicht im Fokus stand. Metal hat mir geholfen, mehr auf mich selbst zu vertrauen. Das war meine Waffe gegen die Realitäten und Dinge, die ich damals als „alt“ bezeichnet habe.

Ich habe diese Welt „Morbid Reich“ genannt, was in Polen natürlich besonders anstößig war, da „Reich“ immer mit Nazis gleichgesetzt wurde. Danach habe ich die Geschichte der Nazis entdeckt, was damals fast verboten war, weil es als Propaganda galt. Wir durften in Polen nur eine Seite der Deutschen kennen, und das war die schlechte Seite. Niemand interessierte sich für die Menschen dahinter, und das hat mich interessiert. Alles was verboten war, wurde zu meinem Steckenpferd. Daher kommt mein Interesse am Dritten Reich, das heute vielleicht eher in militärischen Aspekten liegt. Ich habe versucht, die Geschichte tiefer zu ergründen und die Welt nicht nur schwarz-weiß zu sehen. Aber für viele Polen ist das nach wie vor schwierig zu verstehen.

…das Bild des Deutschen in Polen:

Im Frühjahr lief im Fernsehen dieser Dreiteiler, „Unsere Mütter, unsere Väter“. Ein guter Film, der versucht zu erklären, warum die Dinge damals geschehen sind. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie groß der Aufruhr in Polen war. Viele Politiker, vor allem aus dem rechten, nationalistischen Lager, haben diesen Film als Anlass genommen, wieder in alten Wunden zu bohren.

…sein Engagement in einer Reenactment-Gruppe:

Ich spiele in einer Reenactment-Gruppe Soldat während des Zweiten Weltkriegs. Es gibt auf nationaler Ebene Treffen, und wir spielen in Filmen mit. Wir zeigen das Leben während des Krieges. Das mag in Deutschland unmöglich sein, aber es richtet sich natürlich gegen Krieg. Ich finde es toll, dass man sich in der westlichen Welt selbst nach solch schlimmen Kriegen die Hand zur Versöhnung reichen kann. Warum muss es noch heute solch einen Hass geben?

(Livepics: Andrea Friedrich @ Rockharz Open Air 2013)

Galerie mit 15 Bildern: Vader - Rockharz 2019
06.09.2013

- Dreaming in Red -

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