Ayreon - 30th Anniversary - An Amazing Flight Through Time

Review

Dass AYREON-Mastermind Arjen Lucassen so überhaupt keinen Bock auf Liveaktivitäten hat und sich daher umso tiefer in die Studioarbeit stürzt, als deren Resultat wir uns in schöner Regelmäßigkeit über episch-opulente Meisterwerke mit stetig wechselnden All-Star-Sänger*innen-Ensembles freuen dürfen, ist ein alter Hut, der sich längst überlebt hat. Stattdessen haben – dem umtriebigen Keyboarder und Produzenten Joost van den Broek sei Dank! – die von Fans aus aller Welt sehnlichst herbeigesehnten Konzerte der Prog-Metal-Institution längst ein beeindruckendes Eigenleben entwickelt.

Das volle Ausmaß der 2025er Eventwoche im niederländischen Tilburg mit insgesamt fünf vollwertigen Liveshows als Höhepunkt am 12., 13. und 14. September lässt sich anhand des online noch immer verfügbaren Zeitplans erahnen. Ungleich tiefere Einblicke in das festivaleske AYREON-Livephänomen liefert hingegen die dreieinhalbstündige, mit zahlreichen Interviews der Beteiligten gespickte Behind-The-Scenes-Dokumentation, die exklusiv der nicht ganz billigen, dafür aber umso schöner gestalteten Earbook-Variante von „30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time“ beiliegt. Irgendwie gelingt es Arjen Lucassen eben immer wieder, seinen treuen „Ayreonauten“ den ein oder anderen zusätzlichen Euro aus den Rippen zu leiern, ohne dass bei diesen das Gefühl zurückbleibt, auf eine billige Abzocke hereingefallen zu sein.

AYREON nehmen den eigenen Kanon nicht ernster als nötig

Der Konzertmitschnitt, der nun in verschiedenen Formaten auf CD, DVD, BluRay oder rein digital erscheint, konserviert die finale AYREON-Show am Abend des 14.09.2025 für die Ewigkeit – sympathische kleine Patzer wie Arjens Lachanfall nach seinem erfolgreichen Süßstoff-Anschlag (dringender Teerorismus-Verdacht…) auf Robert Soeterboek beim quasi-titelgebenden „Amazing Flight In Space“ (Hey Dude, you’re so uncool!) inklusive. Anders als bei „Live Beneath The Waves“ und „Electric Castle Live“ sowie den 2015 noch ohne den offiziellen AYREON-Stempel aufgeführten „The Theater Equation“-Shows steht bei „30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time“ keine Komplettaufführung eines ikonischen Konzeptalbums im Mittelpunkt. Stattdessen haben sich Arjen Lucassen und Joost van den Broek – ähnlich wie bei den „Ayreon Universe“-Shows im Jahr 2017 – für eine Auswahl an Highlights aus der mittlerweile gut dreißigjährigen Geschichte des Projekts entschieden.

Während die zweite Hälfte der Show einen klassischen Best-Of-Charakter hat, lag der Fokus für den ersten Akt auf Stücken, die AYREON bisher noch nie live gespielt haben – was wohl auch stimmt, wenn man die „The Theater Equation“-Shows wie oben erwähnt nicht als Teil des offiziellen Kanons betrachtet. Um diesen scheren sich die Verantwortlichen aber ohnehin nicht allzu sehr. So wird mit „Green And Cream“ (vom bislang einzigen GUILT MACHINE-Album „On This Perfect Day“) und den beiden STAR ONE-Stücken „The Year Of ’41“ (von „Revel In Time“) und „Set Your Controls“ (von „Space Metal“) auch weiteren Arjen-Lucassen-Projekten gehuldigt, während „Days Of The Knights“ sogar Lucassens 1993 noch unter dem Namen ANTHONY erschienenen und erst vor kurzem in einer neuen Deluxe-Edition wiederveröffentlichten prä-AYREON-Soloalbum „Pools Of Sorrow ~ Waves Of Joy“ entstammt.

Die illustre Protagonistenriege spielt befreit auf

Für besondere Raritäten-Schmankerl ist also gesorgt und ein illustrer Reigen an namhaften Sängern gehört bei AYREON sowieso zum festen Markenkern. Im Falle von „30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time“ sind dies Wudstik, Maggy Luyten, Tommy Karevik, Anneke van Giersbergen, Heather Findlay, Damian Wilson, Dino Jelusick, Mike Mills und Robert Soeterboek, sowie natürlich Arjen Lucassen selbst und die beiden überwiegend als Background-Sängerinnen agierenden Marcela Bovio und Irene Jansen. An den Instrumenten finden erfahrene „Ayreonauten“ mit Ed Warby (Drums), Timo Somers (Gitarre), Ferry Duijsens (Gitarre), Johan van Stratum (Bass), Ben Mathot (Geige), Jurriaan Westerveld (Cello), Jeroen Goossens (Flöte, Didgeridoo) und natürlich Joost van den Broek (Keyboards) ebenfalls lauter bekannte Gesichter wieder.

Alle Beteiligten verbindet, dass sie nicht nur bekannte Namen, sondern auch unheimlich viel Spaß auf der Bühne zur Schau tragen. Der Show merkt man an, dass es sich um den großen Abschluss einer intensiven Konzertreihe handelt und die Protagonisten bestens aufeinander eingespielt sind, zugleich aber auch vom Erwartungsdruck der ersten Shows befreit aufspielen können. Angesteckt von den euphorischen Fanreaktionen genießen sie ihre Zeit auf der Bühne und motivieren einander zu absoluten Höchstleistungen. Da verzeiht man einem sichtlich bewegten Arjen Lucassen auch gerne, dass er seine Dankesrede an die Fans auf epische 16 Minuten ausdehnt (Tobias Sammet kann darüber freilich nur müde lächeln…) und etwas zu oft betont, dass er vor kurzem zum Ritter des Ordens vom Niederländischen Löwen geschlagen wurde.

AYREON lassen ihren jüngsten Streich außen vor

Musikalisch und technisch überzeugt „30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time“ also auf ganzer Linie. An Songauswahl und Spannungsbogen dürften sich hingegen die Geister scheiden. Gerahmt von drei „Dream Sequencer“-Hologramm-Einspielern, beginnt das Konzert nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern dem atmosphärischen Gänsehaut-Garanten „My House On Mars“. Überhaupt finden sich unter den Raritäten im ersten Act viele eher ruhige Stücke und Balladen. Dies erzeugt eine intime Atmosphäre, wo die zweite Showhälfte mit Bombast-Hits von „The Theory Of Everything“ über „Dawn Of A Million Souls“ und „The Castle Hall“ bis hin zu „Everybody Dies“ nicht geizt. Lässt man sich auf diesen Fahrplan ein, funktioniert die gründlich durchdachte Setliste ziemlich gut, wem der Sinn hingegen eher nach einem energiegeladenen Vollgas-Hit-Programm steht, der könnte mit der 2018er „Ayreon Universe“-Veröffentlichung besser beraten sein.

Auffällig ist, dass das allgemein unterschätzte „Transitus“ – immerhin das jüngste AYREON-Album aus dem Jahr 2020 – komplett außen vor bleibt. Ob Arjen Lucassen mit dem Werk selbst fremdelt? Oder passte die Gothic-Horror-Geschichte thematisch nicht zu den sonst so ikonischen Science-Fiction-Welten? Wie dem auch sei, als wirklich störend dürften die meisten „Ayreonauten“ diese Auslassung nicht empfinden. Stattdessen bleibt die Freude über ein weiteres phänomenales Live-Dokument und die bange Frage, wann und wie (das „ob“ scheint mit der Dankesrede von Arjen und Joost ohnehin längst entschieden) es mit den AYREON-Festspielen in Tillburg weitergehen wird. Vielleicht mit einer STAR ONE-Show anlässlich des 25-jährigen „Space Metal“-Jubiläums im Jahr 2027? Wir bleiben gespannt und sind sicher, dass es der niederländische Prog-Metal-Übervater und sein Produzenten-Sidekick (Lul!) einmal mehr schaffen werden, uns zu überraschen und zu begeistern.

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04.06.2026

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