Mogwai - Atomic

Review

2013, irgendwo zwischen Schottland und Deutschland. Im Vorfeld der Aufnahmen zu den nicht unumstrittenen „Rave Tapes“ geht MOGWAI-Keyboarder und Wahl-Berliner Barry Burns auf ausgiebige Analog-Synthesizer-Shoppingtour. Der Soundtrack zur französischen Mystery-Serie „Les Revenants“ („The Returned“) deutet an, was ein Jahr später im bisher gitarrenärmsten Studioalbum MOGWAIs gipfelt.

Zwei Jahre und eine B-Seiten-EP später: Nach über 17 Jahren hat Gitarrist John Cummings die Band verlassen, das übrige Quartett beginnt mit der Vertonung der BBC-Dokumentation „Atomic – Living In Dread And Promise“. Eine thematische Vorlage, wie Barry Burns zum Vertonen seiner nuklearen Synth-Träume wohl keine bessere hätte finden können.

Und so kommt es, dass alleine der Opener „Ether“ darauf schließen lässt, Burns hätte sich einen dritten Arm einpflanzen lassen. Was im Intro zunächst an ENYAs „Only Time“ erinnert, ist ein weiteres Zeugnis MOGWAIs simpler Herangehensweise an die Kreierung einer ganz eigenen Magie. Ein simples, aber prägnantes Synthesizer-Motiv, nach und nach untermauert vom glasklaren Bass-Fundament, kreischenden LoFi-Gitarren und stockenden Drum-Beats. Drumherum: Noch mehr Synthies. Mal luftig, mal wabernd. Im eruptiven Verlauf nimmt Gitarrist Braithwaite das Motiv auf – und schnell ist die Verbindung zu den Frühwerken der Truppe wieder da: Drei Töne, ein Song. Was 1997 mit „Mogwai Fear Satan“ auf „Young Team“ funktioniert hat, funktioniert auch noch auf „Atomic“.

Schließlich haben sich Kreativität und Wohlklang MOGWAIs ohnehin nie nur auf das zweifellos üppige Instrumentarium der Gruppe gestützt. Ein charakteristisches Merkmal, das ihnen freilich zugutegehalten werden darf. So dürften trotz Elektro-Dominanz auch Stücke wie „Pripyat“, einer doomigsten Tracks der Karriere, Fans der härteren Mittelphase („Mr. Beast“, „The Hawk Is Howling“) zufriedenstellen. Andererseits werden kleinere Ausfälle im Songwriting dadurch nicht weniger schnell aufgedeckt: Ein „U-235“ kann sich allenfalls auf den makellosen Wohlklang der Schotten verlassen, doch ähnlich wie vereinzelt gitarrenlastigere „Rave Tapes“-Schwesterstücke („Repelish“) plätschert der Track allenfalls nett vor sich her.

In seiner gloomigen Atmosphäre erinnert „Atomic“ dabei hin und wieder aber auch an ruhigere ZOMBI-Momente, in „Fat Man“ auch gerne an jüngere Piano-Musiker wie ÓLAFUR ARNALDS oder NILS FRAHM. Würde sich Martin Bulloch mal um weniger minimalistische E-Drum-Sounds bemühen, könnte man beispielweise für „SCRAM“ auch gut und gerne die BOARDS OF CANADA-Wildcard ziehen. Andererseits streifen MOGWAI das Elektrogewand hierfür dann aber doch noch zu oft ab, sei es bei Kollaborateur Luke Sutherlands bisher begnadetstem Geigeneinsatz auf „Are You A Dancer?“, oder dem impulsiven „Tzar“, dem eindeutigsten Stück Build-and-Release-Post-Rocks, das den Hörer den Synth-Background auf „Atomic“ beinahe vergessen lässt. Denn wie schon 2014 mit „Hexon Bogon“ sind MOGWAI durchaus gewillt, einmal pro Album ein klassisches Stück Genrekost aus dem Ärmel zu schütteln. Klar, wir können’s noch klassisch. Langweilt uns aber.

Mit zahlreichen jüngeren Post-Rock-Kapellen zu konkurrieren, das versuchen MOGWAI längst gar nicht mehr. Dementsprechend ist „Atomic“ eben auch ein weiterer Wegweiser auf dem Pfad einer sich in Würde vom hippen Genre verabschiedenden Band. Natürlich liefern die Veteranen damit wieder einmal ein beklemmendes Stück Instrumentalkunst – ohne eine dicke Minimalismus-Warnung sollte es aber nicht empfohlen werden.

Mist, hier tut was nicht.Whoops! Hier sollte eigentlich ein Video- oder Audio-embed erscheinen. ...

01.04.2016

Ja, weißt du … das ist vielleicht … deine Meinung, Mann.

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