1SAVATAGE sind nicht nur besser als Montage (s. Woche resp. Handwerk). Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens betreiben sie auch eine regelrechte Demontage – und zwar praktisch aller Genre-Kolleg:innen. „Madness Reigns From The Gutter (1990)“ beweist es. Die Platte dokumentiert ein komplettes Konzert vom 29. Juni 1990 aus dem „Hollywood Palace“ in Los Angeles. Der Mitschnitt für den Radiosender KNAC kursiert als Bootleg seit einigen Jahren unter dem Titel „Hollywood Babylon“. Allerdings in bedeutend schlechterer Qualität.
SAVATAGE 1990: ein Ereignis
Und man muss es festhalten: SAVATAGE waren Anfang der Neunziger ein Ereignis. Die Mischung aus schierer Energie und geradezu selbstzerstörerischer Hingabe gepaart mit musikalischer Klasse ist bis heute überwältigend. Wenn die Gang aus Tampa, Florida die Bühne stürmte, dürfte es im Publikum kein Mitwippen mehr gegeben haben oder Kopfnicken. Nur noch gutes altes Durchdrehen.
Der „Mountain King“ Jon Oliva singt, kreischt, schwelgt und flüstert sich elektrisierend und unvergleichbar durch die Stücke seiner Band. Und er redet permanent mit dem Publikum. Das zweite feurige Zentrum bildet sein Bruder Criss an der Leadgitarre. Der Autodidakt glänzt sowohl in Riffs als auch Soli mit seinem sofort erkennbaren, treibend-melodischen Ungezähmtes-Wildpferd-Stil und durchbricht immer wieder die von den Platten bekannten Songstrukturen.
Das massive Fundament für seine funkensprühende Feier der E-Gitarre liefern Steve „Dr. Killdrums“ Wacholz am Schlagzeug, Johnny Lee Middleton am Bass und erstmals Chris Caffery an der zweiten Gitarre. „Madness Reigns From The Gutter (1990)“ offenbart: SAVATAGE meinen es ernst mit dem Metal als Vollkontakt-Veranstaltung.

Fotocredit: earMUSIC/CMM-Marketing
Überlebensgroßes ohne Kitsch
Die Setlist wird dominiert von „Hall Of The Mountain King“ und „Gutter Ballet“. Die dritte der großen Drei, „Streets“, zeichnete sich 1990 erst am Horizont ab. Neben wenigen Stücken der härteren Anfangsphase bietet „Madness Reigns From The Gutter (1990)“ also vor allem jene unwiderstehliche Mischung aus viel Powermetal und etwas Queen und sogar Broadway, die in der Form nur SAVATAGE auf die Reihe bekamen. Denn man muss sich da nichts vormachen: Wenn der Sänger einer Metal-Band von seinem Produzenten-Kumpel während der Plattenaufnahme zum „Phantom der Oper“ geschickt wird, dann ist das ästhetisch betrachtet ein verdammt riskanter Ritt. Looking at you, Mr. Paul O’Neill! Aber lange vor dem TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA gelingt dem vom Musical verführten Jon Oliva und seinen Freunden Seltenes: Sie paaren Metal mit Bombast und Pathos und machen ihn dadurch größer und ergreifender – aber eben nicht kitschig wie fast alle anderen.
Madness from the gutter!
Es ist einigermaßen müßig, bestimmte Stücke an dieser Stelle hervorzuheben. Aber das wilde „Hounds“ mit seinem famosen Solo, „Hall Of The Mountain King“ mit seinen 32 „Aaahs“ am Stück und die ergreifenden „Gutter Ballet“ und „When The Crowds Are Gone“ sollten spätestens jetzt in der täglichen Playlist nicht mehr nur stündlich berücksichtigt werden. Stichwort „When The Crowds Are Gone“: Die Version von „Madness Reigns From The Gutter (1990)“ findet sich ebenfalls auf dem gleichsam großartigen „Ghost In The Ruins – A Tribute To Criss Oliva“ von 1995. Letzteres ist einer von zwei (tendenziell erbarmungswürdigen) Gründen, warum gezögert werden könnte, das hier rezensierte Werk vorbehaltlos zu feiern. Denn „Tribute“ dokumentiert die stärksten SAVATAGE eben schon seit Jahren auf Augenhöhe. Allerdings ist es aus verschiedenen Shows der damaligen Touren zusammengesetzt. Und vor allem um ein Drittel kürzer als die jetzt neu aufpolierte komplette Show.
Der zweite Kritikpunkt könnte das lieblos in Szene gesetzte Live-Foto sein, das „Madness Reigns From The Gutter (1990)“ als Cover „veredelt“. Andererseits sind fast alle Cover der Band mit gutem Willen höchstens noch als Geschmackssache durchzuwinken. Und das Foto hat sich wenigstens nicht die KI aus den diabolischen digitalen Fingern gesogen.
Früher: alles besser!
Bei aller Begeisterung für das aktuelle Bühnen-Comeback von SAVATAGE – „Madness Reigns From The Gutter (1990)“ zeigt deutlich: Ganz ohne Oliva ist das Projekt nur noch Weltklasse, aber mehr leider auch nicht. Mit anderen Worten: Wann endlich Wunder-Gesundheits-Comeback vom Mountain King, neues Album und Tour mit zwei Sängern? Man wird ja wohl noch unrealistische Hoffnungen haben dürfen.
P.S.: Da SAVATAGE jetzt nicht ausschließlich von Menschen geschätzt werden dürften, die mit Streaming sozialisiert sind: Die LP-Ausgabe kommt als schwere Dreifach-LP im Gatefold-Cover, wobei die sechste Seite in der vorliegenden Version ein Etching des Covermotivs ziert. Beigelegt ist ein mit vielen Fotos versehener, großformatiger und mehrseitiger Essay von Clay Marshall, welcher die damalige Zeit anschaulich skizziert. Und vor allem: Klappt man das Gatefold auf, offenbart sich eine wundervolle Gitarre, vermutlich von Criss Oliva, welche das Foto von der Frontseite vergessen lässt. (Spoiler: Airbrush, Gargoyle, Himmelblau. Nuff said?)

Marek Protzak



























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