Carach Angren - This Is No Fairytale

Review

Galerie mit 20 Bildern: Carach Angren - Full Force 2019

Traditionelles Märchen, derber Horror

Geschichten lassen sich erzählen, visualisieren oder eben vertonen. CARACH ANGREN verbinden Option eins und drei und erschaffen ein wahres Kunstwerk herben Horrors mit reichlich Märchencharme (ja, trotz des Titels) und extremem Metal, der sich an der Vielfalt ergötzt wie die Hexe an der Fettleibigkeit der gefangenen Kinder. „This Is No Fairytale“ ist eigentlich genau das: ein in Metall gegossenes Märchen, nur eben für Erwachsene. Aber es ist schon klar, wie die Niederländer es meinen. Im übertragenen Sinne werden hier Dinge thematisiert, die so auch in der Realität verortet werden können, ach, leider müssen …

Alles beginnt mit einem Intro, das auch dem Taktstock von Danny Elfman entsprungen sein könnte. So startet „This Is No Fairytale“ mit einer gewichtigen Tim-Burton-Stimmung und erinnert im hinteren Teil sogar ganz direkt an den Film „Edward Mit Den Scherenhänden“. Gelungener Einstieg: märchenhaft, morbide, verdächtig. Das Chaos folgt dann auf dem Fuße. CARACH ANGREN skizzieren äußerst drastisch eine alles andere als gesunde Familiensituation, in der zwei Kinder (Junge und Mädchen) hautnah miterleben, wie ihre drogenabhängige Mutter unter der häuslichen Gewalt, ausgehend vom trinkenden Mann, zu leiden hat. Prügel. Vergewaltigung. Die Holländer sparen nicht an Details. Krähen hocken unheilvoll am Fenster – der wahre Horror beginnt erst: „Mother is dead“. Verfolgt vom Bild ihrer toten Mutter, die sich selbst das Leben genommen hat, flüchten die jungen Geschwister in einen Wald. Die Hänsel-und-Gretel-Reminiszenz könnte kaum deutlicher sein. Sie irren durch die Dunkelheit, angetrieben und zugleich entkräftet von Furcht, Hunger und Durst. Als der Morgen anbricht, treffen sie auf einen seltsamen Fremden, der ihnen einen „Zaubertrick“ verspricht. Die Kinder verlieren ihr Bewusstsein … als sie wieder erwachen, gibt es nichts, das ihnen den Rückweg weisen könnte. Keine Spur aus Brotkrumen. Sie erblicken einen weißen Vogel und folgen ihm, in der Hoffnung, dass das kleine Geschöpf sie aus dem Wald herausführt. Und ja, der Vogel führt sie, allerdings zu einem – das bekannte Märchen wird noch ein Stück mehr ins Albumkonzept verwoben – Haus aus Lebkuchen und Konfekt. Ausgehungert beginnen die Kinder zu essen, als ein Flüstern ertönt und fragt, wer da am Häuschen knabbert. „Der Wind“, antworten sie. Kurz darauf stößt der weiße Vogel einen schrillen Schrei aus und verwandelt sich in eine Krähe. Gretel hustet plötzlich Blut, würgt das vermeintlich süße Mahl wieder hoch, während ihr Blut aus den Augen, Ohren, der Nase und dem Mund fließt. Auch der Himmel färbt sich blutrot. Als wäre das Häuschen eine Fata Morgana, wird daraus plötzlich eine Art Altar und die Süßigkeiten werden zu Käfern, Maden, Innereien, Schlangen und verrottendem Fleisch (man beachte das sehr gelungene Albumcover). Hänsel will fliehen und die Hexe verspricht, dass sie sein totes, noch warmes Fleisch essen wird …

Symphonic Black Metal in Perfektion?

Zu dem Zeitpunkt hat man die Hälfte von „This Is No Fairytale“ knapp überschritten, und natürlich geht es munter im ähnlichen Takt weiter. Um etwas Spannung zu erhalten und den inhaltlichen Spoiler-Bogen nicht zu überspannen, soll der Rest des Konzepts im Nebel bleiben, auch wenn der letzte Songtitel den Ausgang der Geschichte schon grob anteasert.

Musikalisch geben sich CARACH ANGREN erneut keine Blöße. Im Gegenteil: Das Neuwerk erscheint noch durchdachter, noch ausgefeilter, noch wuchtiger. Jedes Break und alle Tempowechsel erfüllen eine dramaturgische Funktion. Mit „This Is No Fairytale“ wird dem Hörer keine Aneinanderreihung von Liedern geboten, es wird eine Geschichte erzählt. Explosive Ausbrüche in Form von Blastbeats passen exakt zur und unterstützen die aktuell waltende Atmosphäre ebenso wie die Drosselung von Vocals und Instrumentalisierung. Der Stimmungswechsel am Ende von „When Crows Tick On Windows“ zum Beispiel: „she is dead, she is dead, mother is dead“ – dann die sehr harmonische Leadgitarre, die sich dermaßen episch in die Gehörgänge schlängelt, dass man kaum genug von der Passage bekommen kann. Auf den Punkt gebracht: CARACH ANGREN begeistern mit einer sensationellen Dynamik, die auch auf den Vorgängeralben vorhanden war, aber nie so gekonnt ausgereizt wurde. Der Reichtum an Facetten hinsichtlich der Stimme gesellt sich wie selbstverständlich dazu.

In der Summe tönt „This Is No Fairytale“ einerseits härter, auch in Bezug auf die Texte, als der unmittelbare Vorgänger „Where The Corpses Sink Forever“, doch ebenso melodischer. Gezielt atmosphärisch gehen die Niederländer eh zu Werke: bedrückend, märchenhaft verspielt, mal seichter Grusel, dann wieder brutaler Horror. Manche Parts sind regelrecht beängstigend, vergleichbar mit besonders spannenden, zermürbenden Filmszenen – zum Beispiel in „Killed And Served By The Devil“. Auch die symphonische Komponente ist rein zweckdienlich und soll die Nummern nicht bloß durch Bombast künstlich aufplustern. Geradezu cineastisch wird es am Schluss des finalen Tracks „Tragedy Ever After“ – das könnte auch der Soundtrack eines alten James-Bond-Films sein. Viel Dramatik und Theatralik, aber kein Kitsch, angereichert mit Riffs, die, ob als Stakkato-Massaker oder filigrane Spielerei, so oft ins Schwarze treffen, dass das vierte Studioalbum als das bislang beste in der Diskografie von CARACH ANGREN bezeichnet werden kann … und überraschend deutlich an der Topnote kratzt. Ein klein wenig Luft nach oben ist da aber noch, weil die Band, so fühlt es sich einfach an, durchaus in der Lage wäre, noch mehr Hits und Highlights zu verpacken.

Mist, hier tut was nicht.Whoops! Hier sollte eigentlich ein Video- oder Audio-embed erscheinen. ...

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21.02.2015

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4 Kommentare zu Carach Angren - This Is No Fairytale

  1. Finq sagt:

    Absolut schlecht geschriebene, regelrecht peinliche, Texte und sehr vergessbare Musik.
    Find das Album banal bis langweilig.

  2. Martin sagt:

    Als Fan der Vorgängeralben – vorallem „Where The Corpses Sink Forever“ – überzeugt mich das neue Album vollkommen. Eine verstörende Geschichte gegossen in brutale und quälende Musik, die sich zu keiner Sekunde zu wiederholen scheint. Das ist innovatives Songswriting! Peter Tätgren steuert einen deutlich verbesserten Sound bei, vorallem wuchtige Gitarren haben mir bei den Vorgängern oft gefehlt.
    Die Handlung mal außen vor gelassen, wirken die Texte häufig eher eindimensional, ein bisschen rhetorisches Geschick hätte dem ganzen gut getan. Doch das wird durch Seregors vielseitigen Gesang auf jeden Fall wettgemacht. Screams, Growls, Flüster- und Sprechpassagen, vielschichte, im Höchtstempo runtergekreischte Satzkonstrukte, die es erstmal zu entschlüsseln gilt und das Zelebrieren der Gewalt einzelner Worte. Hier wird dem geneigten Hörer tatsächlich Einiges geboten!
    Als Fan kann ich nur sagen, Hut ab! Mal wieder hat mich Carach Angrens einzigartiger Stil überzeugt.
    Dafür gibts von mir 9/10!

    9/10
  3. MolochAngst sagt:

    Mr. Finq hat leider absolut recht. Von allen CA Alben ist das hier das Unausgegorenste. Immer noch gut, aber im Kontrast zu den 3 Vorgängeralben eher schwach. Da wäre viel mehr drinnen gewesen, die 9er Wertung ist ziemlich ungerechtfertigt.

  4. nili68 sagt:

    Ich finde die CD hat einen gewissen trashigen, augenzwinkernden Charme und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Da interessiert mich NULL, wie anspruchsvoll und subtil die Texte sind und in shakespearschem Englisch oder „Peter and Mary…“ vorgetragen werden. Da finde ich so einige Bands, die das ganze Horror und Satan-Ding todernst meinen, wesentlich peinlicher.
    Manchmal ist mir auch eher nach ’nem B-Slasher als nach ARTE Literaturverfilmungen von E.A. Poe oder so…

    Musikalisch sehe ich keinen Abfall zu den Vorgängferwerken.

    8/10